{"id":12701,"date":"2012-03-28T14:40:30","date_gmt":"2012-03-28T12:40:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12701"},"modified":"2015-02-08T11:22:34","modified_gmt":"2015-02-08T10:22:34","slug":"finanzpolitische-nagelprobe-fur-spd-und-grune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12701","title":{"rendered":"Finanzpolitische Nagelprobe f\u00fcr SPD und Gr\u00fcne"},"content":{"rendered":"<p>Nach der bisherigen Sprachregelung wollen SPD und Gr&uuml;ne dem europ&auml;ischen Fiskalpakt nur dann zustimmen, wenn im Gegenzug sowohl ein europ&auml;isches Investitionsprogramm, als auch die Finanztransaktionssteuer eingef&uuml;hrt wird. Von einem Investitionsprogramm ist momentan noch nicht einmal die Rede, die Pl&auml;ne f&uuml;r eine Finanztransaktionssteuer wurden von Finanzminister Sch&auml;uble am Montag endg&uuml;ltig beerdigt. Derweil dr&uuml;ckt die Berliner Regierung in Sachen Ratifizierung des Fiskalpakts kr&auml;ftig aufs Tempo. Schon bald wird sich zeigen, was von den rot-gr&uuml;nen Lippenbekenntnissen zu halten ist. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Fiskalpakt hat viele Gegner und da er nur dann rechtswirksam ist, wenn er auch von allen Unterzeichnerstaaten ratifiziert wird, ist es noch l&auml;ngst nicht sicher, dass er in seiner jetzigen Form &uuml;berhaupt umgesetzt wird. Die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Fiskalpakt lauert in Paris. Sollte Francois Hollande im Mai die Pr&auml;sidentschaftswahlen gewinnen, w&auml;re dies das Todesurteil f&uuml;r den Fiskalpakt, der dann von Grund auf nachverhandelt werden m&uuml;sste. Hollande und seine PS lehnen den Austerit&auml;tsmechanismus, der im Fiskalpakt verankert ist, von Grund auf ab. Leider haben nicht alle Gegner des Fiskalpakts derart &uuml;berzeugende Gr&uuml;nde f&uuml;r die Ablehnung. Vor allem die deutschen Oppositionsparteien SPD und Gr&uuml;ne bekleckern sich einmal mehr nicht eben mit Ruhm und setzen alles daran, sich im Vergleich zur Regierungskoalition als die h&auml;rteren und kompromissloseren Sparkommissare zu empfehlen.<\/p><p>Siehe dazu: <a href=\"\/?p=12611\">Gabriel und Hollande &ndash; getrennt statt Seit&acute; an Seit&acute;<\/a><\/p><p>Was soll man von einer Oppositionspartei halten, deren Fraktionschefin die Sanktionsm&ouml;glichkeiten des Fiskalpakts mit einem &bdquo;klapprigen Kukident-Gebiss&ldquo; vergleicht und sich einen Vertragsentwurf w&uuml;nscht, der &bdquo;Z&auml;hne hat&ldquo;? SPD und Gr&uuml;ne beweisen einmal mehr, dass sie zumindest in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen nicht dem linken Lager zuzuordnen sind. W&auml;hrend weltweit, je nach Selbstbezeichnung, linke, sozialdemokratische, sozialistische oder progressive Parteien und Politiker den Fiskalpakt aufgrund der verpflichtenden Schuldenbremse und der damit verbundenen aufgezwungenen Austerit&auml;tspolitik ablehnen, geht dieser Teil der rot-gr&uuml;nen Opposition in Deutschland noch nicht weit genug. Es ist schon eine verr&uuml;ckte Welt, in der wir leben.<\/p><p>Da jedoch selbst SPD und Gr&uuml;ne wissen, dass sie bei ihren W&auml;hlern schlecht punkten k&ouml;nnen, wenn sie offen zugeben, dass sie CDU und FDP rechts &uuml;berholen wollen, und ihre Zustimmung zum Fiskalpakt aufgrund der Zwei-Drittel-Regelung zwingend erforderlich ist, haben sie sich eine Hintert&uuml;r eingebaut, die durchaus popul&auml;r erscheint. Sigmar Gabriel fordert beispielsweise ein europ&auml;isches Investitionsprogramm, um den Fokus vom eindimensionalen Sparen hinweg zu bewegen. Diese Forderung ist nicht unvern&uuml;nftig, es ist jedoch fraglich, warum die SPD nicht f&uuml;r ein europ&auml;isches Investitionsprogramm ist und gleichzeitig die Austerit&auml;tspolitik des Fiskalpakts ablehnt &ndash; der Franzose Hollande vertritt genau diese Position.<\/p><p>Zudem muss man konstatieren, dass die Forderung nach einem europ&auml;ischen Investitionsprogramm eine butterweiche Formulierung ist, die geradezu nach einem politischen Kuhhandel schreit. Wer soll wo in was und in welchem Umfang investieren und wer entscheidet &uuml;ber die Mittelvergabe? Liest man zwischen den Zeilen, entdeckt man in diesem Zusammenhang immer wieder Gabriels Forderung nach einem &bdquo;gro&szlig;en europ&auml;ischen Sonnenenergieprojekt&ldquo;. Gabriels Freunde in der Energielobby und die eng mit den Gr&uuml;nen verbandelte Solarlobby w&uuml;rde es sicher freuen, wenn SPD und Gr&uuml;ne Milliarden und Abermilliarden von F&ouml;rdergeldern in ein solches energiepolitisches Infrastrukturprojekt lenken w&uuml;rden. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen eines solchen Projekts ist jedoch mehr als fragw&uuml;rdig, da die Projekte zwar im S&uuml;den Europas umgesetzt, die Gelder jedoch zu einem gro&szlig;en Teil nach Deutschland weiterflie&szlig;en w&uuml;rden. Deutschland ist nicht nur Weltmarktf&uuml;hrer bei der Konzeption und Produktion solcher Anlagen, sondern auch f&uuml;hrender Investor im Bereich alternative Energien. Nat&uuml;rlich w&uuml;rde es den deutschen Strommultis sehr gut gefallen, wenn ihre Investitionen in S&uuml;deuropa durch einen &bdquo;energiepolitischen Marshallplan&ldquo; durch den Steuerzahler abgesichert w&uuml;rden. Die entscheidendere Frage ist jedoch: Was nutzt dies den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern? <\/p><p>Auf die Frage, woher die Gelder f&uuml;r solche Investitionsprogramme kommen sollen, haben SPD und Gr&uuml;ne eine einfache &ndash; und keinesfalls schlechte &ndash; L&ouml;sung. Eine Finanzstransaktionssteuer soll her. Ohne die Einf&uuml;hrung einer solchen Steuer wollen beide Parteien ihr Veto gegen den Fiskalpakt einlegen. Wenn man die beiden Parteien beim Wort nehmen k&ouml;nnte, w&auml;re der Fiskalpakt damit bereits Geschichte, da es keine Finanztransaktionssteuer geben wird. Gro&szlig;britannien, Schweden, Malta, Zypern und Tschechien lehnen sie auf EU-Ebene ab, die Niederlande und Irland w&uuml;rden ihr nur zustimmen, wenn sie auf EU-Ebene eingef&uuml;hrt w&uuml;rde. Bleiben &Ouml;sterreich, Italien, Finnland, Belgien, Spanien, Portugal und Slowenien, die allesamt f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer Finanztransaktionssteuer pl&auml;dieren, nationale Alleing&auml;nge jedoch ablehnen. Frankreich befindet sich im Wahlkampf und Pr&auml;sident Sarkozy hat bereits eine &bdquo;Finanztransaktionssteuer&ldquo; im Alleingang umgesetzt, die jedoch so viele Hintert&uuml;ren und Ausnahmen beinhaltet, dass sie den Namen nicht verdient. Noch perfider ist da nur die deutsche Strategie, die nur dann eine Finanztransaktionssteuer fordert, wenn man sich 100% sicher sein kann, dass es daf&uuml;r in Europa keine Mehrheit gibt. Da es diese Mehrheit nicht gibt und aufgrund der einflussreichen Bankenlobby in London und Berlin auch nie geben wird, hat Finanzminister Sch&auml;uble am Montag bereits ausgesprochen, was jeder wei&szlig;, doch keiner zu sagen bereit ist &ndash; die Finanztransaktionssteuer ist tot.<\/p><p>Stattdessen will Sch&auml;uble nun eine europaweite B&ouml;rsenumsatzsteuer einf&uuml;hren. Von einer solchen Steuer, die es in Deutschland bis 1991 schon gab, werden jedoch nur rund zwei Prozent des Transaktionsvolumens erfasst, das von einer echten Finanztransaktionssteuer betroffen w&auml;re. Vor allem Derivate, der sogenannte &bdquo;Hochgeschwindigkeitshandel&ldquo; und s&auml;mtliche Abarten des Finanzcasinos w&auml;ren davon &uuml;berhaupt nicht betroffen, lediglich der ganz normale Aktien- und Anleihenmarkt w&uuml;rde besteuert. Da SPD und Gr&uuml;ne die Finanztransaktionssteuer jedoch als &bdquo;conditio sine qua non&ldquo; ansehen, m&uuml;ssten sie folgerichtig auch ihr Veto beim Fiskalpakt einlegen. Mit den mageren Einnahmen einer B&ouml;rsenumsatzsteuer lie&szlig;en sich vielleicht die Solarpanels auf den D&auml;chern einiger schw&auml;bischer Oberstudienr&auml;te subventionieren, f&uuml;r ein europ&auml;isches Investitionsprogramm, das diesen Namen verdient, reichen die Einnahmen jedoch bei weitem nicht aus. <\/p><p>W&uuml;rden SPD und Gr&uuml;ne ihr Wort halten, m&uuml;ssten sie nun ihr Veto ank&uuml;ndigen und w&uuml;rden von Regierung und Medien in die N&auml;he von &bdquo;vaterlandslosen Gesellen&ldquo; ger&uuml;ckt, die Europas Schicksal aufs Spiel setzen. Schlimmer noch &ndash; man k&ouml;nnte ihnen den bedingungslosen Glauben an die Ideologie des Sparens in Abrede stellen, geht es beim Fiskalpakt doch genau darum. Solange SPD und Gr&uuml;ne in ihrem langj&auml;hrigen Schlaf der &ouml;konomischen Unvernunft verweilen, ist dies freilich eine unerfreuliche Situation. Aus Sicht des kritischen Beobachters haben wir es hier jedoch mit einer komplett absurden Gaga-Diskussion zu tun. W&uuml;rden SPD und Gr&uuml;ne auch nur einen Hauch &ouml;konomischen Restverstand besitzen und f&uuml;r eine soziale Politik stehen, w&uuml;rden sie es Francois Hollande gleichtun und den Fiskalpakt in der jetzigen Form ohne Wenn und Aber ablehnen. <\/p><p>Stattdessen hadert man bei Rot-Gr&uuml;n jedoch lieber am Zeitplan, den die Regierung in Berlin vorgibt. Es scheint so, als wollen die beiden Parteien ihre gespielte Opposition aus wahlkampfstrategischen Gr&uuml;nden noch m&ouml;glichst lange aufrecht erhalten und erst nach den Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen im Mai dieses Jahres einem politischen Kuhhandel zustimmen. Welcher Journalist oder W&auml;hler kennt schon den Unterschied zwischen Finanztransaktionssteuer und B&ouml;rsenumsatzsteuer? Und der Begriff &bdquo;Investitionsprogramm&ldquo; ist ebenfalls vage. Die eigentliche Tragik der rot-gr&uuml;nen Strategie ist es, dass sie mangels kritischer Berichterstattung in den Medien sogar rein wahlkampfstrategisch aufgehen k&ouml;nnte. F&uuml;r zwei Parteien, denen W&auml;hlerstimmen wichtiger sind, als das Allgemeinwohl oder gar das Schicksal Europas, ist das zweifelsohne ein Erfolg &ndash; wenn auch ein bitterer.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7f233f7904cd4d9188759f18bb62c92a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der bisherigen Sprachregelung wollen SPD und Gr&uuml;ne dem europ&auml;ischen Fiskalpakt nur dann zustimmen, wenn im Gegenzug sowohl ein europ&auml;isches Investitionsprogramm, als auch die Finanztransaktionssteuer eingef&uuml;hrt wird. 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