{"id":12729,"date":"2012-03-30T13:51:36","date_gmt":"2012-03-30T11:51:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12729"},"modified":"2015-02-08T11:29:36","modified_gmt":"2015-02-08T10:29:36","slug":"die-fdp-und-die-schlecker-pleite-polittaliban-auser-kontrolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12729","title":{"rendered":"Die FDP und die Schlecker-Pleite \u2013 Polittaliban au\u00dfer Kontrolle"},"content":{"rendered":"<p>Um sich als H&uuml;ter der reinen marktliberalen Lehre zu profilieren, lie&szlig; die FDP gestern die Verhandlungen &uuml;ber die Einrichtung einer Transfergesellschaft f&uuml;r rund 11.750 Schlecker-Mitarbeiter platzen. Sogar aus ordnungspolitischer Sicht ist dies jedoch fatal, geht es bei der Transfergesellschaft doch nicht nur um die bereits entlassenen Mitarbeiter, sondern vor allem um die rund 13.250 noch vorhandenen Arbeitspl&auml;tze, die nun durch die FDP-Blockade ebenfalls vor dem Aus stehen. Die FDP ist unberechenbar geworden. In ihrem jetzigen Zustand &auml;hnelt sie einem wandelnden Pulverfass. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWelchen Sinn und Zweck erf&uuml;llt eigentlich eine Transfergesellschaft? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zun&auml;chst verdeutlichen, dass die insolvente Unternehmensgruppe Schlecker sich de facto in der Abwicklung befindet und es dem Insolvenzverwalter, den restlichen Mitarbeitern, den Lieferanten und Gl&auml;ubigern vor allem darum geht, &uuml;berlebensf&auml;hige Teile aus dem Unternehmen herauszul&ouml;sen, um sie unter neuer Leitung und unter einem neuen Besitzer selbstragend fortzuf&uuml;hren. Anfang M&auml;rz wurden bereits 2.400 der 5.400 deutschen Filialen der Schlecker-Gruppe geschlossen. Was mit den restlichen 3.000 Filialen geschieht, die immerhin mehr als die H&auml;lfte der Mitarbeiter des Konzerns besch&auml;ftigen, ist hingegen noch vollkommen offen. Im Idealfall findet sich ein Investor, der das Gesch&auml;ft mitsamt der Mitarbeiter l&uuml;ckenlos &uuml;bernimmt. Einer solchen &Uuml;bernahme stehen jedoch die berechtigten Forderungen der entlassenen Mitarbeiter im Weg. Ohne eine befriedigende Rechtssicherheit wird sich wohl auch kein Investor finden.<\/p><p>Eine Transfergesellschaft bietet diese Rechtssicherheit, da die entlassenen Mitarbeiter ihre Forderungen und Anspr&uuml;che auf Abfindungen mit dem Eintritt in die Transfergesellschaft aufgeben. Als Ausgleich daf&uuml;r erhalten sie von der Transfergesellschaft zwischen 80 und 87 Prozent ihres vorherigen Nettoeinkommens und werden sowohl bei der Fortbildung als auch der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz unterst&uuml;tzt. Vor allem f&uuml;r &auml;ltere Mitarbeiterinnen ist dies zumindest eine kleine Hilfe, da sie auf diese Art und Weise auch die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I mindestens um sechs Monate nach hinten verschieben k&ouml;nnen. Ohne Transfergesellschaft reihen sich die ehemaligen Mitarbeiter mit ihren Forderungen und Anspr&uuml;chen in die gro&szlig;e Schar der Gl&auml;ubiger ein und k&ouml;nnen im Falle einer Abwicklung &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur auf Zahlungen aus der Insolvenzmasse des Unternehmens hoffen. <\/p><p><strong>Die FDP bleibt sich treu<\/strong><\/p><p>Die Finanzierung der Transfergesellschaft w&uuml;rde &ndash; anders als es die FDP suggeriert &ndash; nicht vom Staat, sondern vom Insolvenzverwalter gestemmt. Es ist jedoch offensichtlich, dass die Schlecker-Gruppe die notwendigen 70 Millionen Euro momentan aus eigener Kraft nicht aufbringen kann. Daher sollte das insolvente Unternehmen einen Kredit der Staatsbank KfW erhalten, f&uuml;r den die L&auml;nder b&uuml;rgen. Laut Insolvenzverwalter sollte dieser Kredit mit den Erl&ouml;sen aus dem angestrebten Verkauf der Auslandsbeteiligungen der Schlecker-Gruppe getilgt werden. Festzuhalten ist hier vor allem, dass durch die Transfergesellschaft Gelder aus der Insolvenzmasse an die ehemaligen Besch&auml;ftigten geflossen w&auml;ren. Nun muss der Staat diese Gelder direkt &uuml;ber seine Sozialsysteme tragen. Die Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit kann diese Gelder zwar beim Insolvenzverwalter einklagen, muss sich dabei jedoch ebenfalls in die lange Reihe der Gl&auml;ubiger einreihen und wird im Falle eines Konkurses wohl nur einen sehr kleinen Teil der Forderungen zur&uuml;ckerhalten. <\/p><p>Durch die Blockade der FDP ist die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses gestiegen. F&uuml;r die &ouml;ffentlichen Kassen ist dies ein sehr schlechtes Gesch&auml;ft. Wenn man nun das Risiko hinzuaddiert, dass durch die Blockade auch noch der bislang intakte Teil der Schlecker-Gruppe mit seinen 13.250 Mitarbeiter die Pforten schlie&szlig;en muss, ist bereits klar, dass die Starrk&ouml;pfigkeit der FDP die Sozialsysteme sehr teuer zu stehen kommt. Freuen k&ouml;nnen sich dar&uuml;ber vor allem die &uuml;brigen Gl&auml;ubiger, vor allem Banken, deren Anteil an der Insolvenzmasse durch die FDP-Blockade merklich gestiegen ist. Die FDP bleibt also auch hier ihrem Motto treu, die Interessen der Finanzwirtschaft &uuml;ber die Interessen der Bev&ouml;lkerung und auch &uuml;ber die Interessen des Staatshaushaltes zu stellen.<\/p><p>Mit vern&uuml;nftiger Ordnungspolitik hat diese Blockade &uuml;berhaupt nichts zu tun. Ordnungspolitisch sinnvoll w&auml;re es vielmehr, einen harten Konkurs im Sinne aller Beteiligten abzufedern. Ohne Transfergesellschaft wird dies jedoch eine Herkules-Aufgabe. Die Argumente der FDP sind dabei sogar bei wohlwollender Betrachtung grotesk. Glaubt man den FDP-Oberen stellt die Insolvenz f&uuml;r die Besch&auml;ftigten eigentlich gar kein gro&szlig;es Problem dar, schlie&szlig;lich seien sie ja gut qualifiziert und es g&auml;be ja 24.000 offene Stellen f&uuml;r Verk&auml;ufer im Einzelhandel, so dass es eine Leichtigkeit w&auml;re, wieder in Lohn und Brot zu kommen. Was nutzt es aber einer f&uuml;nfzigj&auml;hrigen Schlecker-Verk&auml;uferin in Frankfurt\/Oder oder Gelsenkirchen, wenn in Dingolfing oder Konstanz eine offene Halbtagsstelle gemeldet ist? Schon vor der Schlecker-Insolvenz standen den 24.000 offenen Stellen gleichzeitig fast 300.000 arbeitslose Verk&auml;uferinnen <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/nachrichten\/schlecker-frauen-brauchen-zukunft-politik-gefordert\/\">gegen&uuml;ber<\/a>. Etwa die H&auml;lfte der 24.000 offenen Stellen ist zudem kein Vollzeitarbeitsplatz, jede dritte offene Stelle ist auf ein Jahr befristet. Wenn die FDP hier eine rosige Situation f&uuml;r die entlassenen Schlecker-Verk&auml;uferinnen malt, ist dies nicht nur eine Verh&ouml;hnung dieser Frauen, sondern auch eine Verh&ouml;hnung der &uuml;brigen 300.000 arbeitslosen Verk&auml;uferinnen. <\/p><p><strong>Welche Anschlussverwendung hat Philipp R&ouml;sler?<\/strong><\/p><p>Die Menschenverachtung von R&ouml;sler und Konsorten zeigt sich dabei bereits in der Wortwahl. Wenn R&ouml;sler von einer &bdquo;Anschlussverwendung&ldquo; f&uuml;r die Verk&auml;uferinnen spricht, k&ouml;nnte man eher meinen, er spr&auml;che von den Immobilien oder der Logistik. In diesem menschenverachtenden Kontext hat das Wort &bdquo;Anschlussverwendung&ldquo; durchaus Chancen, das Unwort des Jahres zu werden. Stellt sich die Frage, welche Anschlussverwendung es f&uuml;r Herrn R&ouml;sler gibt, der in seinem mentalen Zustand als Bundeswirtschaftsminister schlichtweg untragbar ist. Ob die FDP es duldet, von einem marktradikalen Polittaliban gef&uuml;hrt zu werden, ist Sache der Parteimitglieder &ndash; ein Bundesministerium sollte man jedoch keiner tickenden Zeitbombe anvertrauen.<\/p><p>Vollkommen grotesk wird es, wenn die FDP nun auch noch den &ndash; zu Recht &ndash; schlechten Ruf des Arbeitgebers Schlecker als Argument gegen eine Transfergesellschaft ins Feld f&uuml;hrt. Dabei hat der Pleitier Anton Schlecker mit seiner arbeitnehmerfeindlichen Unternehmenspolitik doch genau das umgesetzt, was den politischen Zielen der FDP entspricht. Was k&ouml;nnen die Schlecker-Verk&auml;uferinnen aber daf&uuml;r, dass sie einen schlechten Arbeitgeber hatten? Sollen sie nun doppelt bestraft werden? Zwischen den Zeilen liest sich die FDP-Argumentation eher so, als k&ouml;nnten die Verk&auml;uferinnen doch eigentlich froh sein, dass sie nun einen neuen, besseren Job bekommen. Auch hier betreibt die FDP Populismus auf dem R&uuml;cken der Schlecker-Mitarbeiter. Anton Schlecker und die Schlecker-Gruppe sind ohnehin Geschichte. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Pleite haben mit der aktuellen Diskussion um die Transfergesellschaft jedoch nicht das Geringste zu tun. Schlecker ist an der gleichen Menschenverachtung zugrunde gegangen, die auch die FDP ins verdiente politische Niemandsland katapultiert hat. Nun geht es jedoch nicht um Anton Schlecker und seine Unternehmenspolitik, sondern um die Zukunft der Mitarbeiter und die Zukunft der noch ge&ouml;ffneten Filialen, die &ndash; soviel steht fest &ndash; nie wieder von einem Mitglied der Schlecker-Familie betrieben werden, sondern auf einen Investor warten. <\/p><p><strong>Scheinheiligkeiten aus Stuttgart<\/strong><\/p><p>Der politische Zorn, der der FDP momentan zu Recht entgegengebracht wird, ist jedoch ebenfalls scheinheilig. SPD und Gr&uuml;ne, die sich nun in Gestalt der baden-w&uuml;rttembergischen Landesregierung kunstvoll als &bdquo;Schlecker-Versteher&ldquo; inszenieren, betreiben ebenfalls nur ihre Art des Wahlkampfes. Ginge es den Baden-W&uuml;rttembergern wirklich um die Zukunft der Schlecker-Filialen, h&auml;tten sie bereits vor dem Ultimatum des Insolvenzverwalters konstruktiv an einer <a href=\"http:\/\/taz.de\/Kommentar-Schlecker\/!90658\/\">Neuausrichtung des Konzerns<\/a> mitgearbeitet. Ginge es ihnen um die Mitarbeiter, h&auml;tten sie die Transfergesellschaft auch ohne weiteres alleine stemmen k&ouml;nnen. 70 Millionen Euro sind zwar kein Pappenstiel; eine B&uuml;rgschaft in dieser H&ouml;he w&auml;re f&uuml;r das reiche Land Baden-W&uuml;rttemberg, das sich bei Stuttgart 21 oder der &Uuml;bernahme von EnBW keinesfalls so knauserig gezeigt hat, aber ganz sicher kein Ding der Unm&ouml;glichkeit. Nicht nur die FDP versucht sich auf dem R&uuml;cken der Schlecker-Mitarbeiter zu profilieren. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/492e22796b1e4d87b7103ca8b172a5da\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um sich als H&uuml;ter der reinen marktliberalen Lehre zu profilieren, lie&szlig; die FDP gestern die Verhandlungen &uuml;ber die Einrichtung einer Transfergesellschaft f&uuml;r rund 11.750 Schlecker-Mitarbeiter platzen. 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