{"id":12760,"date":"2012-04-03T08:56:04","date_gmt":"2012-04-03T06:56:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12760"},"modified":"2015-02-08T11:34:34","modified_gmt":"2015-02-08T10:34:34","slug":"haufig-gestellte-fragen-was-ist-an-merkels-politik-zur-bewaltigung-der-euro-krise-so-falsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12760","title":{"rendered":"H\u00e4ufig gestellte Fragen: Was ist an Merkels Politik zur Bew\u00e4ltigung der Euro-Krise so falsch?"},"content":{"rendered":"<p>T&auml;glich stellen uns Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten Fragen zur aktuellen Politik. Viele berichten uns, dass sie angesichts der komplexen Probleme der Finanzkrise und den nicht mehr durchschaubaren politischen L&ouml;sungsangeboten, den &Uuml;berblick oder die Orientierung verloren h&auml;tten und sich deshalb mit unserer Kritik im Einzelnen &uuml;berfordert f&uuml;hlten. H&auml;ufig werden wir deshalb um kurze, zusammenfassende Begr&uuml;ndungen gebeten, warum wir den vorherrschenden politischen Kurs f&uuml;r falsch halten. Wir wollen k&uuml;nftig regelm&auml;&szlig;iger versuchen, knappe Antworten auf h&auml;ufig gestellte Fragen zu geben. Oft werden wir z.B. gefragt: Was ist an der deutschen Politik zur L&ouml;sung der Euro-Krise so falsch? Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nVorbemerkung: Um auf solche vermeintlich einfachen Fragen eine umfassende Antwort geben zu k&ouml;nnen, m&uuml;sste man ganze B&uuml;cher schreiben. Und es gibt ja viele B&uuml;cher dar&uuml;ber, nur, wer hat Gelegenheit, sie zu lesen. Will man aber kurz antworten, so muss man notwendigerweise viele Aspekte vernachl&auml;ssigen oder ausklammern, die eigentlich ber&uuml;cksichtigt werden m&uuml;ssten. Es k&ouml;nnen also nur <strong>Antwortversuche<\/strong> sein, die sich aus unserer Sicht ergeben. Viele wichtige Detailfragen m&uuml;ssen notwendigerweise offen bleiben oder k&ouml;nnen nur unzul&auml;nglich behandelt werden.<\/p><p><strong>Was ist an Merkels Politik zur Bew&auml;ltigung der Euro-Krise so falsch?<\/strong><\/p><p>In Deutschland verweigert sich nicht nur die Politik (und das gilt f&uuml;r alle etablierten Parteien, bis auf wenige K&ouml;pfe der Linkspartei) sondern auch die &uuml;berwiegende Mehrheit der deutschen &Ouml;konomen und dazu noch der ver&ouml;ffentlichte Meinungsmainstream einer banalen Logik: Die Export&uuml;bersch&uuml;sse des Einen sind immer die Leistungsbilanzdefizite und damit die Schulden der Anderen. Wir Deutschen r&uuml;hmen uns als Exportvizeweltmeister und wollen nicht sehen, dass wir im Gleichschritt dazu auch Gl&auml;ubigervizeweltmeister sind. Wir &uuml;ben Lohnzur&uuml;ckhaltung und unsere Lohnst&uuml;ckkosten bleiben im Vergleich zu unseren europ&auml;ischen Nachbarn zur&uuml;ck, damit wir wettbewerbsf&auml;higer werden und mehr exportieren k&ouml;nnen und die anderen L&auml;nder unsere nicht nur guten, sondern auch im Vergleich zu anderen relativ preiswerten Produkte kaufen k&ouml;nnen.  <\/p><p>Aber anders als gebetsm&uuml;hlenhaft behauptet wird, hat Deutschland seine Wettbewerbsf&auml;higkeit gegen&uuml;ber den Partnern in der W&auml;hrungsunion nicht etwa vor allem durch hohe Produktivit&auml;t oder nur durch besonders gute Produkte erh&ouml;ht, sondern durch eine politisch gewollte und durch Hartz IV versch&auml;rfte langandauernde Lohndr&uuml;ckerei. (Die Reall&ouml;hne stagnieren seit 20 Jahren weitgehend. <a href=\"http:\/\/www.iaq.uni-due.de\/iaq-report\/2012\/report2012-01.pdf\">Fast jede\/r Vierte arbeitet f&uuml;r Niedriglohn [PDF &ndash; 1 MB<\/a>) Bei nominalen Tarifsteigerungen unterhalb der Inflationsraten und des Produktivit&auml;tszuwachses blieben auch die Inflationsraten in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen europ&auml;ischen Nachbarn zur&uuml;ck. Woher sollte denn die Binnennachfrage kommen? Diesem Zangenangriff aus Deutschland mit relativ niedrigeren Lohnst&uuml;ckkosten und vergleichsweise geringeren Inflationsraten konnten sich in einem einheitlichen W&auml;hrungsraum andere L&auml;nder nicht mehr durch Abwertung ihrer W&auml;hrung oder gar durch Importz&ouml;lle erwehren. Sie verloren vor allem aus diesen beiden Gr&uuml;nden (Lohndumping und relativ niedrige Inflation) an Wettbewerbsf&auml;higkeit gegen&uuml;ber Deutschland. <\/p><p>Kaum einer bei uns dachte dar&uuml;ber nach, wie diejenigen L&auml;nder, die wir nun seit Jahren niederkonkurriert haben, ihre Jahr um Jahr angeh&auml;uften Schulden wieder zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnen sollten. Nun stehen die ersten L&auml;nder in Europa vor allem verursacht durch die Finanz- und darauf folgend die Wirtschaftskrise vor der Zahlungsunf&auml;higkeit. Die Spekulation &uuml;ber die Staatsanleihen erledigte den Rest. Unsere aufgeh&auml;uften Forderungen wurden faul und jetzt spielen wir die Unschuld vom Lande und werfen diesen L&auml;ndern vor, dass sie zu viel bei uns gekauft haben oder &ndash; wie es so b&ouml;sartig hei&szlig;t &ndash; dass diese &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo; haben und deshalb an ihrer Verschuldung selbst schuld sind. <\/p><p>Wer wie Deutschland seine &Uuml;bersch&uuml;sse und damit ein Leben &bdquo;unter seinen Verh&auml;ltnissen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik-deutschland-lebt-unter-seinen-verhaeltnissen-1.942761\">&bdquo;Wirtschaftsweiser&ldquo; Peter Bofinger<\/a>) mit aller Macht weiter verteidigt, der spielt mit den anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern Hase und Igel. Man muss kein &Ouml;konom sein, mit nur einem bisschen logischem Denken m&uuml;sste man erkennen, dass auf Dauer ein Gro&szlig;teil der Forderungen, die sich in den Defizitl&auml;ndern angesammelt haben, verloren sind, wenn wir es den Schuldnern gar nicht erlauben (&bdquo;Ich bin all hier&ldquo;), selbst die notwendigen &Uuml;bersch&uuml;sse und Einnahmen zu erzielen, mit denen sie die Schulden zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnten. Ein einzelner deutscher Betrieb kann sicherlich Exportgewinne erzielen, gesamtwirtschaftlich betrachtet, kann die deutsche Rechnung aber niemals aufgehen. <\/p><p>Und nun verordnen wir unser deutsches &bdquo;Erfolgsmodell&ldquo; der Lohnzur&uuml;ckhaltung und damit der Senkung der Lohnst&uuml;ckkosten, des Sozialabbaus und der Privatisierung dem gesamten Europa. Am deutschen Wesen soll Europa genesen. <\/p><p>Wir schaffen damit einen Trib&uuml;neneffekt: Wenn wir deutschen Zuschauer in der ersten Reihe aufgestanden sind, dann m&uuml;ssen alle anderen auf den dahinter liegenden Reihen auch aufstehen und keiner sieht besser, es ist f&uuml;r alle nur deutlich unbequemer. Mit der von Angela Merkel erzwungenen Agendapolitik auf europ&auml;ischer Ebene m&uuml;ssen auch alle anderen Sozialabbau, Lohnsenkungen, einen sich ausweitenden Niedriglohnsektor, zunehmende Arbeitslosigkeit und soziale Spaltung hinnehmen. Die Frage ist allerdings dann, wer kann in Europa unsere Produkte noch kaufen und konsumieren und wo bleiben dann unsere wunderbaren Exporterfolge? Sollen etwa die Schwellenl&auml;nder (die BRICS-Staaten) die Exporteinbu&szlig;en auf dem europ&auml;ischen Markt &ndash; wo derzeit &uuml;ber 60 Prozent unserer Exporte hingehen &ndash; ausgleichen? Und m&uuml;ssten wir nicht &ndash; um auf dem Weltmarkt zu bestehen &ndash; unseren Agendakurs nur noch strammer fahren, wenn alle anderen europ&auml;ischen L&auml;nder bei der Wettbewerbsf&auml;higkeit aufholten? Das Hase-Igel-Rennen ginge doch nur weiter.<\/p><p>Die Volkswirtschaften, denen jetzt in einer drastischen Rosskur das deutsche (neoliberale) Wirtschaftsmodell aufgen&ouml;tigt wird &ndash; das kann man in Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien deutlich sehen &ndash;, geraten in eine nur schwer bek&auml;mpfbare wirtschaftliche Rezession, die Sozialausgaben steigen und die Steuereinnahmen sinken und an die R&uuml;ckzahlung der Schulden ist gar nicht zu denken. Es ist eine Teufelsspirale nach unten. <\/p><p>Die politischen Verwerfungen, die diese aufgezwungene &ouml;ffentliche und private Sparpolitik verursacht, sind un&uuml;bersehbar (dramatisch zunehmende (Jugend-)Arbeitslosigkeit, wirtschaftlich Rezession, sinkende Steuereinnahmen etc. und zunehmender Widerstand der Bev&ouml;lkerung).  Die von den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; erzwungene Einsetzung der Regierungen von &bdquo;Technokraten&ldquo; in Griechenland oder Italien belegt, wie weit Angela Merkels &bdquo;marktkonforme&ldquo; Demokratie schon um sich gegriffen hat. &bdquo;Demokratiekonforme M&auml;rkte&ldquo; und einigerma&szlig;en ausgeglichene Leistungsbilanzen m&uuml;ssten aber das Ziel sein, um ein demokratisches und soziales Europa zu retten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T&auml;glich stellen uns Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten Fragen zur aktuellen Politik. Viele berichten uns, dass sie angesichts der komplexen Probleme der Finanzkrise und den nicht mehr durchschaubaren politischen L&ouml;sungsangeboten, den &Uuml;berblick oder die Orientierung verloren h&auml;tten und sich deshalb mit unserer Kritik im Einzelnen &uuml;berfordert f&uuml;hlten. H&auml;ufig werden wir deshalb um kurze, zusammenfassende Begr&uuml;ndungen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12760\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139],"tags":[290,499,315,288],"class_list":["post-12760","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","tag-binnennachfrage","tag-handelsbilanz","tag-merkel-angela","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12760"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12764,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12760\/revisions\/12764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}