{"id":127782,"date":"2025-01-26T14:00:10","date_gmt":"2025-01-26T13:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127782"},"modified":"2025-01-24T20:08:32","modified_gmt":"2025-01-24T19:08:32","slug":"argentinien-tragoedie-einer-gesellschaft-ohne-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127782","title":{"rendered":"Argentinien: Trag\u00f6die einer Gesellschaft ohne Staat"},"content":{"rendered":"<p>Das brutale Wirtschaftsexperiment, in das Argentinien hineingezogen wurde, f&uuml;hrt nicht nur zu einer beschleunigten Verarmung des Gro&szlig;teils der Bev&ouml;lkerung, auch wenn die gef&auml;lschten offiziellen Zahlen uns das Gegenteil glauben machen sollen. Sie zwingt auch viele Unternehmen, nicht nur die kleineren, zur Schlie&szlig;ung und l&auml;sst die Aktivit&auml;t in den arbeitsintensivsten Sektoren, wie etwa dem Baugewerbe, stark zur&uuml;ckgehen. Die Regierung Milei will die Bedingungen f&uuml;r die Etablierung eines &ldquo;Sozialdarwinismus des Marktes&rdquo; schaffen. Von <strong>Atilio Boron<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn ihrem ideologischen Wahn sind der halluzinierende Prophet, der uns regiert, und seine irregeleiteten Berater darauf aus, den Staat zu zerst&ouml;ren. Sie rechtfertigen dieses Verhalten, indem sie sich auf die Ausf&uuml;hrungen einiger &Ouml;konomen berufen, die keine Regierung oder Vorstandsvorsitzende der wichtigsten Unternehmen, die vom Staat subventioniert werden, jemals ernsthaft in Betracht gezogen h&auml;tten. Steuerbefreiungen und K&auml;ufe eines starken &ouml;ffentlichen Sektors (z.B. Waffen) sind die Garantie f&uuml;r die Superprofite ihrer Unternehmen und ihre ph&auml;nomenalen Verg&uuml;tungen, die sich auf Dutzende oder sogar Hunderte von Millionen Dollar pro Jahr belaufen.<\/p><p>Die durchschnittliche Verg&uuml;tung der Vorstandsvorsitzenden der 500 gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen liegt laut Standard and Poor&rsquo;s bei fast 18 Millionen Dollar pro Jahr, bei einigen Privilegierten jedoch bei fast 200 Millionen. Deshalb l&auml;cheln sie herablassend, wenn sie Milei sagen h&ouml;ren, dass er den Staat zerst&ouml;ren wird, eben jenen Staat, der ihnen die au&szlig;erordentlichen Gewinne ihrer Unternehmen und die sagenhaften Geh&auml;lter, mit denen ihre Vorst&auml;nde entlohnt werden, garantiert.<\/p><p>Der extreme Ideologismus von Mileis Mannschaft ist selbst in einem zu &Uuml;bertreibungen neigenden Land wie Argentinien ein Novum. &bdquo;Ich bin der Maulwurf, der den Staat von innen heraus zerst&ouml;rt&rdquo; geh&ouml;rt zu den S&auml;tzen des Pr&auml;sidenten, die in die Lehrb&uuml;cher der Wirtschaftsgeschichte auf die Liste der gr&ouml;&szlig;ten Entgleisungen aufgenommen werden, die jemals von einem &Ouml;konomen und zugleich Staatschef ge&auml;u&szlig;ert wurden.<\/p><p>In einem Interview mit der US-amerikanischen Nachrichtenseite <em>The Free Press<\/em> ging Milei noch weiter ins Detail und sagte w&ouml;rtlich: &bdquo;Es ist, als w&auml;re man in die Reihen des Feindes eingeschleust worden. Die Reform des Staates muss von jemandem durchgef&uuml;hrt werden, der den Staat hasst, und ich hasse den Staat so sehr, dass ich bereit bin, alle Arten von L&uuml;gen, Verleumdungen und Beleidigungen &uuml;ber mich und meine Lieben, meine Schwester, meine Hunde und meine Eltern, hinzunehmen, um den Staat zu zerst&ouml;ren.&rdquo;<\/p><p>Ein beunruhigender Satz, denn er offenbart, dass die Wirtschaftspolitik dieses Landes nicht auf einer ruhigen, rationalen Bewertung der Bedingungen beruht, unter denen sich die argentinische Wirtschaft entwickelt, sondern auf einem psychologischen Trauma des gelegentlichen Bewohners der Casa Rosada: seinem unb&auml;ndigen Hass auf den Staat.<\/p><p>Weder Margaret Thatcher noch Ronald Reagan haben jemals etwas gesagt, das dem, was Milei &auml;u&szlig;ert, auch nur oberfl&auml;chlich &auml;hnelt. Beide waren konservative Politiker, die die Rolle des Staates ernst nahmen und wussten, dass der Staat ein unverzichtbares Instrument zur Unterst&uuml;tzung des privaten Unternehmertums, zur F&ouml;rderung des Wirtschaftswachstums und zur Gew&auml;hrleistung der Stabilit&auml;t der gesellschaftlichen Ordnung ist.<\/p><p>Milei hingegen ist ein Erleuchteter, der eine Welt zum Leben erwecken will, die es nie gegeben hat: einen Kapitalismus der freien M&auml;rkte, ohne Staaten, die sich mit ihren Vorschriften und gesetzlichen Bestimmungen einmischen. So etwas existiert nur in seiner Vorstellung und der einiger seiner Gefolgsleute. Die Ignoranz, die er in dieser Angelegenheit an den Tag legt, ist verbl&uuml;ffend.<\/p><p>Jemand aus seinem Umfeld sollte den Pr&auml;sidenten daran erinnern, dass die &ouml;ffentlichen Ausgaben im Verh&auml;ltnis zum BIP in den G7-L&auml;ndern zwischen 42 Prozent (Japan) und 58 Prozent (Frankreich) liegen.<\/p><p>In Gabun, einem der &auml;rmsten L&auml;nder Afrikas, liegt der Anteil bei 23 Prozent, und in Burundi und S&uuml;dsudan ist er noch niedriger. Dorthin f&uuml;hrt uns die Politik von Milei, nicht zu jenen Paradiesen, die wir nach 35 oder 40 Jahren des Durchwatens des tr&uuml;ben &ldquo;Tals des &Uuml;bergangs&rdquo; erreichen w&uuml;rden.<\/p><p>Aber das&nbsp;&ndash; der Maulwurf &ndash; ist nicht die einzige Phrase, die die intellektuelle und politische Barbarei der derzeit herrschenden Kaste zum Ausdruck bringt.<\/p><p>Der Kreuzritter der Deregulierung Federico Sturzenegger pr&auml;gte eine weitere Floskel f&uuml;r die Geschichte des Nonsens, als er sagte, dass es &bdquo;f&uuml;r jedes Bed&uuml;rfnis einen Markt geben wird&rdquo;. Ein Satz, der im Licht der Weltwirtschaftsgeschichte absolut falsch ist und den Milei dennoch als &bdquo;genial&rdquo; bezeichnete.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus offenbart diese Aussage eine unverzeihliche Unmoral, indem sie menschliche Bed&uuml;rfnisse&nbsp;&#8210; Gesundheit, Bildung, Unterkunft, Wohlergehen&nbsp;&#8210; in Waren verwandelt, die auf einem Markt gehandelt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Wenn Sturzenegger recht h&auml;tte, warum wurde dann in diesem grausamen anarcho-kapitalistischen Argentinien kein Markt geschaffen, um die Dutzenden von Krebstoten mit onkologischen Medikamenten zu versorgen?<\/p><p>Und warum, wenn doch die Regierung die kostenlose Verteilung von Medikamenten drastisch reduziert hat, verschw&ouml;ren sich die pharmazeutischen Labore&nbsp;&#8210; die weit davon entfernt sind, auf dem Markt zu konkurrieren &#8210;, um ihre Preise zu erh&ouml;hen, wie Adam Smith in&nbsp;<em>The Wealth of Nations<\/em> warnte?<\/p><p>Es ist offensichtlich, dass diese theoretischen Extravaganzen nicht ohne Hintergedanken sind. Ich glaube nicht, dass Milei oder Sturzenegger so ignorant sind, dass sie nicht wissen, was in den ersten Klassen eines jeden wirtschaftshistorischen Kurses gelehrt wird.<\/p><p>In Wirklichkeit haben diese pseudotheoretischen Absurdit&auml;ten die Aufgabe, die doppelte Auspl&uuml;nderung zu rechtfertigen, die die Kapitalistenklasse an der argentinischen Gesellschaft vornimmt.<\/p><p>Es w&auml;re naiv, anzunehmen, dass wir uns in einer Debatte im Reich der Ideen befinden. Octavio Paz mahnte, es sei notwendig, Ideen &#8210; das hei&szlig;t fein ausgearbeitete intellektuelle Konstruktionen, die sich auf Erfahrungswerte st&uuml;tzen&nbsp;&#8210; von blo&szlig;en Spr&uuml;chen zu unterscheiden, die dem Kopf eines Neubekehrten oder eines Publizisten im Dienste einer undarstellbaren Sache entspringen k&ouml;nnten.<\/p><p>Die Zerst&ouml;rung des Staates und die Magie der M&auml;rkte sind Vorstellungen, die eine Politik rechtfertigen, die das Gro&szlig;kapital beg&uuml;nstigt und die gro&szlig;e Mehrheit der Gesellschaft ins Elend und in die soziale Ausgrenzung st&uuml;rzt.<\/p><p>Der Staat, den Milei gen&uuml;sslich und verantwortungslos gegen die Realit&auml;t des entwickelten Kapitalismus zerst&ouml;rt, ist derjenige, der sich einer gerichtlichen Anordnung an das Ministerium f&uuml;r Humankapital widersetzt, die in seinem Besitz befindlichen Lebensmittel an Suppenk&uuml;chen und Sozialk&uuml;chen zu liefern.<\/p><p>Grausamkeit angesichts der Gei&szlig;eln der Armut und &auml;u&szlig;erste Verantwortungslosigkeit der Regierung, denn dort, wo der Staat sich zur&uuml;ckzieht, zerst&ouml;rt durch den r&auml;chenden Maulwurf, scheint der Drogenhandel das anzubieten, was die Beh&ouml;rden beharrlich zur&uuml;ckhalten.<\/p><p>Dieses Ph&auml;nomen ist bereits an einigen Orten in der Stadt Buenos Aires selbst und im Ballungsraum Buenos Aires sp&uuml;rbar. Das bedeutet, dass sich die soziale Lage dieser Sektoren noch mehr verschlechtert, weil sie nicht nur die Armut bek&auml;mpfen, sondern auch die Drogenh&auml;ndler vertreiben m&uuml;ssen.<\/p><p>&Auml;u&szlig;erungen wie die oben erw&auml;hnten sind Alibis, die den entschieden volksfeindlichen, ja sogar rassistischen Charakter des Projekts des am st&auml;rksten konzentrierten Kapitals in diesem Land und seiner ausl&auml;ndischen Partner verschleiern sollen, dass die Regierung von La Libertad Avanza in Gang gesetzt hat.<\/p><p>Es sind perfide Slogans eines Kulturkampfes, der darauf abzielt, die Bedingungen f&uuml;r die Etablierung eines &ldquo;Sozialdarwinismus des Marktes&rdquo; zu schaffen, der das &Uuml;berleben des St&auml;rkeren und die Knechtung der Armen und Schwachen vorsieht. Medien und soziale Netzwerke, die vom Gro&szlig;kapital und seinen Vertretern in der Regierung verwaltet werden, entsch&auml;rfen sie ideologisch.<\/p><p>Die Gewinner des ungleichen Kampfes, der gef&uuml;hrt wird, wenn der Staat auf seine Schlichterfunktion verzichtet, sind niemals die Besten, die Anst&auml;ndigsten, die Patriotischsten und Vern&uuml;nftigsten. Es sind vielmehr diejenigen, die bereit sind, jedes Verbrechen zu begehen oder sich jeder Straftat schuldig zu machen, um &bdquo;ihre Taschen zu f&uuml;llen&rdquo;. Genau das strebt das System von Milei nach eigenem Bekunden an.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/273444\/argentinien-gesellschaft-ohne-staat\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Mit KI generiertes Symbolbild (mit GROK)<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119722\">Interview zur Lage in Argentinien: &bdquo;Milei hat es geschafft, weite Teile des Parteiensystems zu zerst&ouml;ren&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122525\">Argentinien: Massendemonstrationen gegen Milei und f&uuml;r die &ouml;ffentliche Universit&auml;t<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115981\">Die bisherige Bilanz der Milei-Regierung in Argentinien: Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit massiv gestiegen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114418\">Argentinien: Milei verk&uuml;ndet &bdquo;neue au&szlig;enpolitische Doktrin&rdquo; und Allianz mit der NATO<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/994e609f3cfa4f5c8cf3a4ab53b2bb2f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das brutale Wirtschaftsexperiment, in das Argentinien hineingezogen wurde, f&uuml;hrt nicht nur zu einer beschleunigten Verarmung des Gro&szlig;teils der Bev&ouml;lkerung, auch wenn die gef&auml;lschten offiziellen Zahlen uns das Gegenteil glauben machen sollen. 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