{"id":127962,"date":"2025-02-01T15:00:47","date_gmt":"2025-02-01T14:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127962"},"modified":"2025-01-31T14:19:22","modified_gmt":"2025-01-31T13:19:22","slug":"der-russische-freund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127962","title":{"rendered":"Der russische Freund"},"content":{"rendered":"<p>Wir leben in unsicheren, be&auml;ngstigenden Zeiten. Doch wer von &Auml;ngsten geplagt ist, hat oft das Gef&uuml;hl, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu k&ouml;nnen. Es tut gut, ab und zu aus der Angst auszusteigen und wie ein Kanarienvogel im Sommer ins Freie zu fliegen. Eine Kurzgeschichte von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs war vor 60 Jahren. Klaus und Dmitri sa&szlig;en in einer Sandkiste in Berlin-Mitte. Sie waren beide sechs Jahre alt und ganz in ihr Spiel vertieft. Es war ein sch&ouml;ner Sommertag. Pl&ouml;tzlich begann es zu regnen. Dicke Regentropfen klackerten auf die Sandburg, welche die beiden gebaut hatten. Einige der T&uuml;rme aus Sand verwandelten sich in Brei. <\/p><p>Dmitri schaute sich suchend um. Er hatte eine Idee und rannte in eine Ecke des Spielplatzes. Dort lag auf einer Bank eine leere Plastikt&uuml;te. Er nahm die T&uuml;te und rannte zur&uuml;ck zur Sandburg. &bdquo;Wir halten die T&uuml;te &uuml;ber die Burg&ldquo;, sagte Dmitri und hielt Klaus einen Teil der Plastikt&uuml;te hin. <\/p><p>Es war anstrengend, die T&uuml;te &uuml;ber der Burg zu halten. Die Luft hatte sich abgek&uuml;hlt, die Arme der beiden Jungs zitterten. Aber die Ausdauer der beiden wurde belohnt. Der Regen h&ouml;rte auf und die Sandburg war &ndash; bis auf ein paar Besch&auml;digungen &ndash; noch intakt. <\/p><p>60 Jahre sp&auml;ter passierte etwas Merkw&uuml;rdiges. Beim Aufr&auml;umen fiel Dmitri eine alte Plastikt&uuml;te in die Hand. Irgendwas an dieser Plastikt&uuml;te erinnerte ihn an die Sandburg, die er vor vielen Jahren zusammen mit einem Freund mit einer Plastikt&uuml;te gerettet hatte. Vor Dmitris Augen war alles ganz deutlich zu sehen: der Spielplatz, die friedliche Atmosph&auml;re und die Burg. <\/p><p>Eine innere Stimme sagte Dmitri: &bdquo;Ruf ihn mal an. Er freut sich. Die Telefonnummer hast du doch noch.&rdquo; Beim Nachdenken fiel Dmitri ein russisches Sprichwort ein: &bdquo;Ein alter Freund ist besser als zwei neue.&ldquo;<\/p><p>Aber ganz sicher war Dmitri sich nicht. Man sagte, in Deutschland liefen jetzt merkw&uuml;rdige Sachen. Man wollte nichts mehr von Russland wissen und habe sogar Angst vor Russen. Selbst russische Operns&auml;nger, die einmal sehr beliebt waren, wollte man nicht mehr auftreten lassen. Doch die Zweifel schob Dmitri beiseite. Es ging ja nicht um Politik, sondern um die gemeinsam verbrachte Kindheit. <\/p><p>In einer Wohnung in Berlin-Mitte klingelte das Telefon. Es klingelt so merkw&uuml;rdig, dachte sich Klaus. So klingelten die Telefone fr&uuml;her, wenn jemand aus dem Ausland anrief. Er nahm den H&ouml;rer ab und verstand erst nicht, wer da war. Ein Dmitri sagte etwas von gemeinsamer Kindheit und einer Sandburg. <\/p><p>Die Stimme klang sehr freundlich, fast vertraut, hatte aber einen Akzent. Klaus war gleich klar, dass es ein russischer Akzent war. Was hatte das zu bedeuten? Warum gerade jetzt dieser Anruf, fragte sich Klaus. Liest man nicht viel &uuml;ber russische Trolle und Spione? Versuchte da etwa jemand, ihn auszusp&auml;hen, zu kontaktieren und f&uuml;r etwas Verbotenes anzuwerben?<\/p><p>Dmitri erz&auml;hlte, dass er eine Plastikt&uuml;te gefunden habe, die ihn an ein Erlebnis aus der Kindheit erinnert habe. Langsam begann Klaus, sich an die Sandburg zu erinnern. Aber er f&uuml;hlte sich unsicher, irgendwie hatte dieser Anruf etwas Unheimliches. <\/p><p>Klaus begann abzuw&auml;gen, was ein Telefongespr&auml;ch mit einem Russen f&uuml;r Folgen haben k&ouml;nnte. Was werde er seiner Frau Ingrid und seinen Kindern erz&auml;hlen? Dass er mit einem Russen telefoniert habe, den er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat? Oder sollte er den Anruf einfach f&uuml;r sich behalten? M&ouml;glicherweise wird mein Telefon abgeh&ouml;rt, sagte sich Klaus, und man meldet auf meiner Arbeitsstelle, dass ich Anrufe aus Russland bekomme.<\/p><p>Dmitri sp&uuml;rte, wie Klaus angestrengt nachdachte. Er ahnte, was in seinem alten Freund vorging. Und er hatte sogar Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Zur&uuml;ckhaltung seines alten Freundes. Immerhin waren die Zeiten angespannt. Es gab keine kurzen Regenschauer wie damals in der Kinderzeit &ndash; nein, es regnete unaufh&ouml;rlich. <\/p><p>Aber Dmitri lie&szlig; sich nicht von seinem Plan abbringen. Er wollte sich mit Klaus an die Kindheit erinnern. War das nicht eine wundervolle Zeit gewesen? Und ist es nicht sch&ouml;n, das Wundervolle, Unbeschwerte wieder auferstehen zu lassen, wenn auch nur in der Erinnerung?<\/p><p>Das Gespr&auml;ch zwischen Klaus und Dmitri kam nicht richtig in Gang. Pl&ouml;tzlich ging im Zimmer, wo Klaus telefonierte, die T&uuml;r auf. Auf der T&uuml;rschwelle stand seine sechs Jahre alte Enkelin mit einer Plastikt&uuml;te in der Hand. Sie fragte: &bdquo;Opa, darf ich die mitnehmen, auf den Spielplatz? Es regnet und wir wollen die Sandburg retten.&ldquo;<\/p><p>In Klaus stieg eine merkw&uuml;rdige Hitze auf. Seine Augen wurden feucht. Ihm war, als h&auml;tte ihn jemand f&uuml;r ein paar Sekunden aus einem Gef&auml;ngnis befreit. Er nickte. Fr&ouml;hlich lachend lief die Enkelin mit der Plastikt&uuml;te davon. <\/p><p>Klaus hatte es die Stimme verschlagen. Er schn&auml;uzte sich in ein Taschentuch. Dmitri &ndash; er konnte etwas Deutsch &ndash; hatte den Dialog mitbekommen und schwieg. <\/p><p>Klaus sammelte alle seine Kr&auml;fte und sprach mit br&uuml;chiger Stimme in den Telefonh&ouml;rer: &bdquo;Sag mir bitte mal Deine Telefonnummer. Ich rufe Dich sp&auml;ter zur&uuml;ck.&ldquo; <\/p><p>Es vergingen ein paar Tage, als bei Dmitri in Moskau das Telefon klingelte. Klaus hatte sich ein Herz gefasst. Er erz&auml;hlte Dmitri von seiner Familie und davon, dass er sich ganz genau an die Sandburg erinnere. Schon lange habe er dar&uuml;ber nachgedacht, mal mit seiner Frau nach Moskau oder St. Petersburg zu fahren. Die beiden M&auml;nner redeten noch l&auml;nger miteinander. Sp&auml;ter begannen sie, sich per E-Mail Briefe zu schreiben. <\/p><p>Nach ein paar Monaten kam Klaus mit seiner Frau Ingrid nach Moskau. Seine Enkelin hatte er mit auf die Reise genommen. Sie war der Schl&uuml;ssel gewesen zu einer neuen Verst&auml;ndigung mit dem alten russischen Freund. <\/p><p><em>Ulrich Heyden, 28. Januar 2025<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/7feb3dabcb1b4c59b0f3b24a9fb7e244\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in unsicheren, be&auml;ngstigenden Zeiten. Doch wer von &Auml;ngsten geplagt ist, hat oft das Gef&uuml;hl, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu k&ouml;nnen. Es tut gut, ab und zu aus der Angst auszusteigen und wie ein Kanarienvogel im Sommer ins Freie zu fliegen. 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