{"id":128,"date":"2003-12-15T10:59:21","date_gmt":"2003-12-15T09:59:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=128"},"modified":"2024-10-13T01:41:59","modified_gmt":"2024-10-12T23:41:59","slug":"das-dritte-verlorene-jahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=128","title":{"rendered":"Das dritte verlorene Jahr"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heiner Flassbeck<\/strong>, Das dritte verlorene Jahr, <em>Wirtschaft und Markt<\/em>, 12\/03<br>\n<!--more--><br>\nAller guten Dinge sind drei, sagt der Volksmund. Wenn das auch f&uuml;r schlechte Dinge g&auml;lte, k&ouml;nnte die Wirtschaftspolitik Hoffnung sch&ouml;pfen. Und in der Tat, nach den drei schlechtesten Jahren der Nachkriegsgeschichte spricht jetzt jeder vom Aufschwung. Sogar die professionellen Prognostiker haben sich nach zwei glatten Aufschwung-Fehlprognosen f&uuml;r 2004 erneut entschlossen, ein Aufschwungszenario zu verkaufen, wenn auch ein nicht sehr mutiges. Was leider nach drei Jahren noch immer fehlt, ist eine rigorose Analyse der Frage, woher der Aufschwung denn diesmal kommen soll. Was hat sich heute im Vergleich zu 2001 und 2002 fundamental ge&auml;ndert? <\/p><p>Manche verweisen auf den amerikanischen Aufschwung. Die USA seien 2004 wieder die Lokomotive f&uuml;r die Weltwirtschaft und Deutschland werde davon profitieren. Dieses Argument verkennt, da&szlig; die USA es sich heute weniger denn je leisten k&ouml;nnen, diese Rolle zu &uuml;bernehmen. Ein &uuml;berbordendes Leistungsbilanzdefizit und rasant steigende Haushaltsdefizite werden die Bl&uuml;tentr&auml;ume von einer neuen amerikanischen L&ouml;sung des globalen Problems rasch welken lassen. Das einzige was Deutschland und Europa mit ihrem Warten auf die amerikanische Lokomotive provozieren k&ouml;nnen, ist eine noch rasantere Talfahrt des Dollar-Kurses und damit die endg&uuml;ltige Abkoppelung von der US-Wirtschaft. <\/p><p>Die deutsche Politik setzt darauf, da&szlig; die durchgreifenden Reformen am Arbeitsmarkt wirken und die Besch&auml;ftigung erh&ouml;hen werden. Insbesondere setzt man darauf, da&szlig; viele der 4,5 Millionen Arbeitslosen wieder eine Arbeit annehmen oder gar aktiv suchen, wenn die Bedingungen zum Bezug von Arbeitslosengeld und die Leistungen der Arbeitslosenhilfe drastisch verschlechtert werden. Doch wie soll dadurch das Wachstum erh&ouml;ht werden? <\/p><p>Seit drei Jahren sinkt die Zahl der von der Wirtschaft angebotenen und von der Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit registrierten offenen Stellen unaufhaltsam. Im April 2001 waren noch gut 500 000 offene Stellen gemeldet. Im Oktober 2003, also nach zweieinhalb Jahren Stagnation, z&auml;hlten die Statistiker gerade noch 330 000 Angebote der Unternehmen. Soll man ernsthaft glauben, die unter Druck gesetzten Arbeitslosen k&ouml;nnten auf wundersame Weise die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskr&auml;ften erh&ouml;hen, selbst wenn der ein oder andere seine Dienste zu einem sehr niedrigen Preis anbietet. Wer kann ausschlie&szlig;en, da&szlig; die Unternehmen bei stagnierender oder sinkender Nachfrage dann nicht wieder das alte Spiel spielen, das sie von den Mini-Jobs schon so gut kennen, n&auml;mlich lediglich normal bezahlte sozialversicherungspflichtige Arbeitspl&auml;tze durch Billigvarianten zu ersetzen. <\/p><p>Letzter Hoffnungsschimmer der halbwegs realistischen Beobachter ist die vorgezogene Steuerreform, die zum ersten Januar 2004 in Kraft treten soll. Wird nicht durch die massive Senkung des Spitzensteuersatzes die Leistung in Deutschland endlich wieder belohnt? Wird nicht durch den Verzicht des Staates auf Einnahmen Kaufkraft bei allen B&uuml;rgern frei, die die Konjunktur belebt? Ersteres war schon bei fr&uuml;heren Steuersenkungen gehofft und beschworen worden. Was wurde nicht alles ins Feld gef&uuml;hrt, um den Staat zur n&auml;chsten Jahrhundertreform beim Steuersystem zu bewegen. Nichts davon ist eingetreten und die gerade in Gang kommende Diskussion &uuml;ber die n&auml;chste Jahrhundertreform, bei der der Spitzensteuersatz noch viel weiter sinken soll, wird niemanden davon &uuml;berzeugen, gerade jetzt zu investieren. <\/p><p>Auf noch schw&auml;cheren Beinen steht das zweite Argument. Die Kaufkraft der B&uuml;rger wird im n&auml;chsten Jahr an so vielen Stellen vom Staat eingeschr&auml;nkt, da&szlig; eine Nettoentlastung in den Sternen steht. Selbst die offizielle Entscheidung, ob wenigstens ein Teil der Steuerentlastung &uuml;ber Kreditaufnahme finanziert wird, steht noch aus. Doch auch wenn man sich dazu durchringen sollte: Der gesamte Staatshaushalt ist so sehr auf Sparen gestrickt, da&szlig; Nettoimpulse vom Staat nicht zu erwarten sind. Die Forschungsinstitute unterstellen in ihrem Herbstgutachten trotz Steuerentlastung eine insgesamt restriktive Wirkung der Finanzpolitik. <\/p><p>Schlie&szlig;lich, und das ist das Wichtigste, selbst unter sehr optimistischen Annahmen hinsichtlich der Besch&auml;ftigungsentwicklung, wird das real verf&uuml;gbare Einkommen der privaten Haushalte auch im kommenden Jahr kaum zunehmen. Es ist im Grunde ganz einfach: In einer Gesellschaft, in der die blo&szlig;e Forderung der IG Metall nach einer nominalen Lohnerh&ouml;hung von 4 Prozent einen Sturm der Entr&uuml;stung ausl&ouml;st und wo an allen Ecken und Enden ernsthaft &uuml;ber Lohnsenkung geredet wird, kann es keinen Aufschwung geben. <\/p><p>Kr&auml;ftige Aufschw&uuml;nge gab es fr&uuml;her nach kurzen Einbr&uuml;chen in der Wirtschaftst&auml;tigkeit immer nur deshalb so prompt, weil die privaten Haushalte ein gewisses Grundvertrauen hinsichtlich der Tatsache hatten, da&szlig; ihre realen Einkommen kurz- und langfristig ordentlich steigen werden. Wenn in einer solchen Ausgangssituation der Staat oder das Ausland ein kleine zus&auml;tzliche Anregung gab, gen&uuml;gte das, um einen Aufschwung in Gang zu setzen. Ein solcher Impuls verst&auml;rkte die ohnehin vorhandene Nachfragedynamik beim privaten Verbrauch, dem mit Abstand wichtigsten Nachfrageaggregat. <\/p><p>Mit mehr oder weniger stagnierenden Einkommen und einer von der Politik bei jeder Gelegenheit verk&uuml;ndeten Notwendigkeit, f&uuml;r die alternde Gesellschaft anzusparen, werden die privaten Haushalte auch im n&auml;chsten Jahr, der schieren Not gehorchend, mit ihren Eink&auml;ufen sehr zur&uuml;ckhaltend sein. Unternehmen aber, die nicht mehr umsetzen, stellen auch dann keine Leute ein, wenn man ihnen die Wurst eines total reduzierten Sozialsystems oder eine noch einmal sinkende Steuerlast vor die Nase h&auml;lt.<\/p><p><em>&copy; Wirtschaft und Markt<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Heiner Flassbeck<\/strong>, Das dritte verlorene Jahr, <em>Wirtschaft und Markt<\/em>, 12\/03 <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,30],"tags":[290,312,279,402],"class_list":["post-128","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-reformpolitik","tag-spitzensteuersatz","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=128"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123041,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/128\/revisions\/123041"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}