{"id":12819,"date":"2012-04-11T09:09:20","date_gmt":"2012-04-11T07:09:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12819"},"modified":"2015-02-08T11:44:09","modified_gmt":"2015-02-08T10:44:09","slug":"haufig-gestellte-fragen-was-ist-angesichts-der-hohen-staatsschulden-am-fiskalpakt-so-falsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12819","title":{"rendered":"H\u00e4ufig gestellte Fragen: Was ist angesichts der hohen Staatsschulden am Fiskalpakt so falsch?"},"content":{"rendered":"<p>Der steile Anstieg der Staatsverschuldung in den letzten Jahren macht viele Menschen besorgt. Mit dem Fiskalpakt soll &ndash; nach deutschem Vorbild &ndash; eine &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; auf europ&auml;ischer Ebene festgeschrieben werden. Das ist doch vern&uuml;nftig oder etwa nicht?<br>\nSo werden wir h&auml;ufig gefragt. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorbemerkung:<\/strong> Es soll hier in erster Linie nicht um die Frage gehen, ob eine &bdquo;<em>Schuldenbremse<\/em>&ldquo;, wie sie in Deutschland vor einiger Zeit sogar ins Grundgesetz eingef&uuml;gt worden ist, sinnvoll ist und welche Vor- und Nachteile damit verbunden sind. Es geht hier zun&auml;chst nur um die aktuell anstehende Entscheidung &uuml;ber die Ratifikation des auf der Ebene der Regierungschefs ausgehandelten Fiskalpakts, der eine Schuldenbremse nunmehr f&uuml;r alle Unterzeichnerstaaten vorschreibt, um Europa aus der Krise zu f&uuml;hren.<\/p><p><strong>Was ist angesichts der hohen Staatsschulden am Fiskalpakt so falsch?<\/strong><\/p><p>Vor allem in Deutschland ist es unter dem Einfluss der Bankenlobby und mit Hilfe von sogenannten Finanz-Experten sowie der Meinungsmache der einflussreichsten der Medien gelungen, die Banken- und Finanzkrise politisch in eine &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; umzudeuten. Nur eine &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; k&ouml;nne aus der &bdquo;Staatschuldenkrise&ldquo; wieder herausf&uuml;hren, so lautet das g&auml;ngige Rezept.  Mit der Einf&uuml;hrung des Begriffes der &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; ist es gelungen, die Ursache f&uuml;r die Eurokrise &ndash; von den Finanzm&auml;rkten weg &ndash; einer unsoliden Finanzpolitik der europ&auml;ischen Staaten zuzuschieben.<\/p><p>Alle verf&uuml;gbaren Daten belegen jedoch glasklar, dass welt- und europaweit die Staatsschulden vor allem nach der Finanzkrise dramatisch gestiegen sind. <\/p><p><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/d\/d5\/Staatsschulden-Euroraum.PNG\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/120404_staatsschulden_euroraum.png\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Auch wenn man die j&auml;hrliche Neuverschuldung im Verh&auml;ltnis zur jeweiligen Wirtschaftsleistung betrachtet, so lag diese von 2001 bis 2005 im Euroraum zwischen zwei und drei Prozent, 2006 und 2007 sogar in einer Spanne von unter einem bis unter zwei Prozent. Selbst in den jetzt von der Eurokrise am meisten betroffenen L&auml;ndern lag sie vor der Finanzkrise nur ein wenig h&ouml;her als in den &bdquo;starken&ldquo; L&auml;ndern wie etwa Deutschland oder Frankreich. Das jetzt rettungs(schirm)bed&uuml;rftige Spanien konnte sogar jahrelang Haushalts&uuml;bersch&uuml;sse erzielen und hatte 2007 noch einen Staatsverschuldung von weniger als 40 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt &ndash; also sogar weit unter der Maastricht-Obergrenze von 60 Prozent. Noch heute liegt das zu den besonders gebeutelten  &bdquo;PIGS-Staaten&ldquo; (pig hei&szlig;t englisch Schwein!) gez&auml;hlte Spanien unter der Verschuldungsquote Deutschlands. (Vgl. die Grafiken oben, siehe dazu auch <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/oekonomie\/nachrichten\/stimmt-es-dass-ist-die-staatsschuldenkrise-eine-folge-der-bankenkrise\/6476756.html\">das Handelsblatt<\/a>)<\/p><p>In Folge der Finanzkrise stiegen die Defizite aufgrund der Kosten f&uuml;r die Bankenrettung und teilweise durch die erforderlich gewordenen Konjunkturprogramme zur Stabilisierung der abst&uuml;rzenden Realwirtschaft dramatisch an. Allein in Deutschland in den Jahren 2009 und 2010 auf bis &uuml;ber 83 Prozent.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/120404_verschuldung_deutschland.png\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/120404_verschuldung_deutschland_small.png\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.haushaltssteuerung.de\/verschuldung-gesamt-deutschland-eu.html\">Haushaltssteuerung<\/a><\/p><p>Alle diese Daten belegen, dass die Eurokrise ihre Ursache nicht in der staatlichen Geldverschwendung hat oder darin liegt, dass die Menschen in Europa &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse&ldquo; lebten. Die Ursache lag ganz &uuml;berwiegend in der Finanzkrise und den danach beschlossenen politischen Rettungsma&szlig;nahmen.<\/p><p>Wenn jedoch schon die Diagnose der Ursachen f&uuml;r die &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; falsch ist, dann kann auch die Therapie mit einer &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; nicht richtig sein. (Siehe dazu &bdquo;<a href=\"\/?p=12446\">Fiskalpakt: Selbstmord aus Angst vor dem Tod<\/a>&ldquo; )<\/p><p>Indem die Schuld an der Eurokrise den Staaten (und damit letztlich der Politik) in die Schuhe geschoben werden konnte, wurden &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; wieder heiliggesprochen. Gerade die Finanz-&bdquo;M&auml;rkte&ldquo;, die doch so kl&auml;glich versagt hatten, werden als &uuml;ber der Demokratie (Merkel: &bdquo;marktkonforme Demokratie&ldquo;) und der Politik stehende, h&ouml;here Macht dargestellt. Diese Marktgl&auml;ubigkeit passt vollst&auml;ndig in die Ideologie der konservativen und (neo-) liberalen Parteien. (Und dazu geh&ouml;ren auch die Gr&uuml;nen und die SPD, die sozialdemokratische F&uuml;hrungstroika ist ja ganz stolz darauf, dass die &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; &bdquo;<a href=\"http:\/\/m.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/gastbeitrag-der-spd-troika-warum-wir-die-soziale-marktwirtschaft-brauchen-11704222.html\">von uns aktiv vorangebracht<\/a>&ldquo; wurde.) <\/p><p>Diese Glaubenslehre erkl&auml;rt Steuererh&ouml;hungen zum Tabu und Sparen, wom&ouml;glich sogar gepaart mit Steuersenkungen als die Erl&ouml;sung aus allen &Uuml;beln. &bdquo;Hungert den Staat aus, der Markt kann alles besser&ldquo;, das ist eben die Parole der Neoliberalen seit Margret Thatchers und Ronald Reagans Zeiten. <\/p><p>Obwohl mit der Finanzkrise selbst die verbohrtesten Anh&auml;nger dieser Ideologie eingestehen mussten, dass &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; versagt haben, h&ouml;ren wir nun &ndash; als h&auml;tte es dieses Versagen nie gegeben &ndash; wieder t&auml;glich die Parole, dass man das &bdquo;Vertrauen der M&auml;rkte&ldquo; zur&uuml;ckgewinnen m&uuml;sse. Der Philosoph J&uuml;rgen Habermas nennt, was wir derzeit erleben, zu Recht eine Erpressung der Politik durch die Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>Die hunderte von Milliarden, die derzeit hinter den K&uuml;rzeln EFSV und ESM versteckt werden, sind nichts anderes als eine zweite Bankenrettung, einmal mehr auf das Risiko und die Kosten der Steuerzahler. <\/p><p>Eine Schuldenbremse f&uuml;r ganz Europa &ndash; noch strenger als das deutsche Vorbild &ndash; wird die Verschuldung der Staaten nicht bremsen, sondern sie wird im Gegenteil staatliche Wirtschaftsbelebungen nicht nur verhindern, sondern noch mehr, die lahmende europ&auml;ische Konjunktur sogar noch (prozyklisch) abw&uuml;rgen. Das bedeutet aber letztlich noch  weniger Steuereinnahmen und &ndash; das Gegenteil was eine &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; bewirken soll &ndash; noch mehr Schulden. Und diese zus&auml;tzlichen Schulden m&uuml;ssen dann nach der herrschenden Logik durch noch mehr Einsparungen aufgefangen werden. Die Politik kann aber k&uuml;nftig beim weiteren sozialen Kahlschlag ihre H&auml;nde in Unschuld waschen, denn die &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; zwingt ja dazu. <\/p><p>&bdquo;Das Sozialstaatsmodell hat ausgedient&ldquo;, konstatierte der Pr&auml;sident der Europ&auml;ischen Zentralbank, Mario Draghi, im Wallstreet Journal. Denn wo in dieser wirtschaftlichen Situation gespart wird, das k&ouml;nnen wir europaweit beobachten: bei den Sozialleistungen, bei den L&ouml;hnen, bei den Besch&auml;ftigten. Die ohnehin Benachteiligten in unserer Gesellschaft werden noch mehr zur Kasse gebeten und die Zukunftschancen der k&uuml;nftigen Generationen werden verbaut. <\/p><p>Man konnte es aber doch gerade in den letzten beiden Jahren in Deutschland wieder einmal beobachten: Das wirkungsvollste Sparprogramm ist eine gute Konjunktur. <\/p><p>Mit dem Fiskalpakt, wird ein <a href=\"\/?p=12720\">klammheimlicher Systemwechsel vollzogen<\/a> und &ndash; da praktisch unk&uuml;ndbar &ndash; dauerhaft festgeschrieben. Damit wird aber das historische Kernelement der parlamentarischen Demokratie, n&auml;mlich das Budgetrecht des Parlaments in grundgesetzwidriger Weise eingeschr&auml;nkt. Weil man zu feige ist, &uuml;ber diese unwiderrufliche Souver&auml;nit&auml;ts&uuml;bertragung auf eine b&uuml;rokratische europ&auml;ische Ebene eine Volksabstimmung zu wagen, umgeht die Bundesregierung jetzt nicht nur das Grundgesetz sondern auch noch die Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge und verlagert die Einf&uuml;hrung einer europ&auml;ischen &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; in einen als harmlos dargestellten zwischenstaatlichen Vertrag. <\/p><p>Dass mit dem Fiskalpakt letztlich eine europ&auml;ische F&ouml;deration im Sinne einer Fiskalunion geschaffen wird, k&ouml;nnte man grunds&auml;tzlich politisch wollen. Aber nach dem Urteil unseres h&ouml;chsten Gerichts, l&auml;sst dies unser Grundgesetz nicht zu. Es fordert &uuml;ber einen derartigen tiefgreifenden Souver&auml;nit&auml;tsverzicht eine Volksabstimmung. <\/p><p>Der Bundestag wird also k&uuml;nftig europarechtlich gezwungen sein, &uuml;ber zwanzig Jahre je nach Konjunkturverlauf j&auml;hrlich bis zu 25 Milliarden an Schulden abzubauen. Die Konsequenzen sind kaum auszumalen. Wenn man allerdings die Debattenbeitr&auml;ge der etablierten Parteien anl&auml;sslich des Auftaktes der parlamentarischen Beratungen zum Fiskalpakt geh&ouml;rt hat, so scheinen die Parlamentarier noch &uuml;berhaupt nicht erkannt zu haben, was sie da beschlie&szlig;en. Einzig Gregor Gysi ist auf <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/reden\/esm-fiskalvertrag-merkel-schaeuble-unterschreiben-grundgesetzwidrige-vertraege\/\">den Kern der Sache eingegangen<\/a>, was aber nur zu betretenem Schweigen von Regierung und in den Reihen der &uuml;brigen Opposition gef&uuml;hrt hat. <\/p><p>Wie schon bei der Finanzkrise erleben wir erneut auch ein Versagen der Medien. Und es ist geradezu tragisch, dass die gro&szlig;e Mehrheit der Journalisten f&uuml;r eine so grundlegende Frage des k&uuml;nftigen gesellschaftlichen Zusammenlebens in Deutschland und Europa nicht in Ans&auml;tzen einen vergleichbaren Rechercheaufwand betreibt, wie das z.B. bei der Jagd nach den letzten Details des Fehlverhaltens des zur&uuml;ckgetretenen Bundespr&auml;sidenten der Fall war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der steile Anstieg der Staatsverschuldung in den letzten Jahren macht viele Menschen besorgt. Mit dem Fiskalpakt soll &ndash; nach deutschem Vorbild &ndash; eine &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; auf europ&auml;ischer Ebene festgeschrieben werden. Das ist doch vern&uuml;nftig oder etwa nicht?<br \/> So werden wir h&auml;ufig gefragt. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[180,156],"tags":[423,241,1247,325],"class_list":["post-12819","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaeische-vertraege","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-bankenrettung","tag-fiskalpakt","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12819"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12819\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12824,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12819\/revisions\/12824"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}