{"id":128263,"date":"2025-02-05T10:12:03","date_gmt":"2025-02-05T09:12:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=128263"},"modified":"2025-02-05T10:31:22","modified_gmt":"2025-02-05T09:31:22","slug":"flassbecks-grundlagen-einer-relevanten-oekonomik-mehr-als-nur-ein-buch-ein-lebenswerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=128263","title":{"rendered":"Flassbecks \u201eGrundlagen einer relevanten \u00d6konomik\u201c \u2013 mehr als nur ein Buch, ein \u201eLebenswerk\u201c!"},"content":{"rendered":"<p>Wer gleich im ersten Satz seines neuen Buches erkl&auml;rt, dass das vorliegende Werk sein &bdquo;Lebenswerk&ldquo; ist, der hat entweder ein gesundes Selbstbewusstsein oder doch Gro&szlig;es im Sinn. Auf den &Ouml;konomen Heiner Flassbeck k&ouml;nnte sogar beides zutreffen. Klar ist auf jeden Fall, dass Flassbeck mit <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/grundlagen-einer-relevanten-oekonomik.html?listtype=search&amp;searchparam=flassbeck\">&bdquo;Grundlagen einer relevanten &Ouml;konomik&ldquo;<\/a> nicht einfach ein weiteres Sachbuch geschrieben hat, denn es geht hier nicht wie in seinen fr&uuml;heren Werken um den Euro, die Umwelt oder gar das bedingungslose Grundeinkommen. Nein, hier geht es um das Gro&szlig;e und Ganze, ja, man kann sogar sagen, &bdquo;Grundlagen einer relevanten &Ouml;konomik&ldquo; ist das Destillat eines inzwischen mehr als 50 Jahre w&auml;hrenden Berufslebens, in dem Flassbeck unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, Staatssekret&auml;r im Bundesfinanzministerium und zuletzt Chefvolkswirt der UN-Handelsorganisation UNCTAD war. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAllein schon die &auml;u&szlig;ere Erscheinung des Buchs sprengt den &uuml;blichen Rahmen. Erschienen ist es n&auml;mlich &ndash; wie sonst nur wenige B&uuml;cher im Westend Verlag &ndash; als gro&szlig;formatiges Hardcover, und das auch noch in einem Umfang von rund 450 Seiten. Diese teilen sich auf in 100 Seiten Wirtschaftsgeschichte &ndash; von der Gro&szlig;en Depression der 1930er-Jahre bis zur Inflationskrise der Gegenwart &ndash;, 100 Seiten Geschichte des &ouml;konomischen Denkens &ndash; von der Neoklassik &uuml;ber den Monetarismus bis hin zum Keynesianismus &ndash; und weitere 250 Seiten, auf denen sich Flassbeck mit den volkswirtschaftlichen Gro&szlig;themen Arbeit und Lohn, Geld und Kapital sowie internationaler Handel und internationale W&auml;hrungsordnung besch&auml;ftigt.<\/p><p><strong>Die Dynamik ist relevant<\/strong><\/p><p>Und auf all diesen 450 Seiten geht es im Kern darum, was Flassbeck in der &Ouml;konomik f&uuml;r relevant h&auml;lt und was nicht. Relevant ist demnach alles, was hilft, die dynamische Entwicklung der Wirtschaft zu erkl&auml;ren, alles andere ist irrelevant. Dies macht Flassbeck immer wieder deutlich. Schon im Vorwort erkl&auml;rt er: &bdquo;Ich will die &Ouml;konomen dazu anregen, die viel zu einseitige Methodik des Marktgleichgewichts &uuml;ber Bord zu werfen und sich endlich der Dynamik zu verschreiben.&ldquo; (S. 10) Und an anderer Stelle schreibt er: &bdquo;Was der &Ouml;konomik als Wissenschaft &hellip; fehlt, ist eine Theorie der Dynamik, die erkl&auml;rt, ob und warum es inh&auml;rente Prozesse in der Wirtschaft gibt, die daf&uuml;r sorgen, dass sich das System bewegt, seine gewohnten Bahnen immer und immer wieder verl&auml;sst, und weshalb es &uuml;berhaupt in der Lage ist zu wachsen und damit die Lebensumst&auml;nde vieler Menschen zu verbessern.&ldquo; (S. 113)<\/p><p>Mit diesem Fokus auf &bdquo;die Dynamik&ldquo; erfindet sich Flassbeck am Ende seines inzwischen gut 50-j&auml;hrigen Berufslebens noch einmal neu. So ist er nun weniger Keynesianer, daf&uuml;r aber mehr Evolutions&ouml;konom, ganz in der Tradition des &ouml;sterreichischen National&ouml;konomen Joseph Alois Schumpeter stehend. &bdquo;Schumpeter ist wichtiger als Keynes&ldquo;, lautet denn auch eine der zentralen Botschaften Flassbecks. (S. 447) Schumpeters Verdienst war es, die Wirtschaft als ein dynamisches System beschrieben zu haben, dessen treibende Kraft der Pionierunternehmer ist, der &ndash; von einer neuen technischen Idee oder einem neuen Produkt inspiriert &ndash; etwas Neues wagt und damit das System am Laufen h&auml;lt. Nach dieser Lesart entwickelt sich eine Volkswirtschaft nicht entlang eines vorgegebenen Gleichgewichtspfads, sondern ist eine &bdquo;Aneinanderreihung permanenter Ungleichgewichte&ldquo;, angetrieben von der Investitionst&auml;tigkeit der Unternehmen.<\/p><p><strong>Keynes in der zweiten Reihe<\/strong><\/p><p>Keynes indes bleibt zwar weiter relevant, tritt aber in die zweite Reihe zur&uuml;ck. Dies hat teils inhaltliche, teils auch praktische Gr&uuml;nde. So etwa wirft Flassbeck den Keynesianern vor, sich allein schon methodisch zu nahe am Gleichgewichtsdenken der Neoklassik zu bewegen. Ein Beispiel daf&uuml;r ist die Arbeitsmarkttheorie, in deren Rahmen Keynesianer jahrzehntelang &bdquo;fruchtlose Diskussionen&ldquo; dar&uuml;ber gef&uuml;hrt h&auml;tten, weshalb und warum die L&ouml;hne doch nicht ganz so flexibel wie andere Preise sind und welche Folgen das f&uuml;r die Wirtschaftspolitik haben k&ouml;nnte. Flassbeck schreibt: &bdquo;Der &lsquo;Keynesianismus&lsquo;, also die Lehren, die sich im weitesten Sinne auf Keynes berufen, haben sich durch ungeeignete Methoden und falsche Zugest&auml;ndnisse ebenfalls ins Abseits begeben und dadurch in etlichen Varianten, die an den Universit&auml;ten gelehrt werden, die Chance verspielt, jemals zu einer wirklichen, politisch verwertbaren Alternative des neoklassischen Paradigmas zu werden.&ldquo; (S. 174)<\/p><p>Flassbecks Hauptgegner jedoch ist und bleibt die Neoklassik, an der er sich auch das komplette Buch hindurch wortreich und wortgewaltig abarbeitet. So bezeichnet er sie mal als &bdquo;Kunstlehre&ldquo;, der man von vorneherein jede Berechtigung absprechen sollte, sich prognostisch oder wirtschaftspolitisch zu &auml;u&szlig;ern. (S. 175). Dann spricht er von einer &bdquo;Pseudowissenschaft&ldquo;, der man das Handwerk legen sollte, weil sie nicht in der Lage ist, der Politik eine ernst zu nehmende Hilfestellung zu bieten. (S. 89) Dann wieder <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2004\/september\/glasperlenspiel-oder-oekonomie\">vergleicht er die Neoklassik<\/a> in Anlehnung an Herrmann Hesses gleichnamigen Roman mit einem &bdquo;Glasperlenspiel&ldquo; (S. 177), bei dem sich die Protagonisten &ndash; sich in einer &bdquo;logischen Scheinwelt&ldquo; bewegend &ndash; einer &bdquo;hoch entwickelten Geheimsprache&ldquo; bedienen, die f&uuml;r Laien nicht ohne Weiteres zu durchschauen ist. <\/p><p><strong>Die Neoklassik im Reich des Irrelevanten<\/strong><\/p><p>Und alles, was mit der so gescholtenen Neoklassik zu tun hat, verbannt Flassbeck sodann ins Reich des Irrelevanten. Wenig &uuml;berraschend z&auml;hlt hierzu auch die neoklassische Arbeitsmarkttheorie, die unterstellt, dass niedrige L&ouml;hne grunds&auml;tzlich gut f&uuml;r die Besch&auml;ftigung sind. Dem widerspricht Flassbeck vehement. &bdquo;Lohnsenkung vernichtet Arbeitspl&auml;tze!&ldquo;, erkl&auml;rt er stattdessen. (S. 230) Als L&ouml;sung schl&auml;gt er dann einen Lohnstandard vor. Dabei sollten sich alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen auf die Einhaltung der Goldenen Lohnregel einigen, wonach die L&ouml;hne nach Ma&szlig;gabe der gesamtwirtschaftlichen Produktivit&auml;t und der Zielinflationsrate steigen sollten. &bdquo;Die regelm&auml;&szlig;ige und systematische Anpassung der L&ouml;hne an eine ambiti&ouml;se Produktivit&auml;tsentwicklung und die Zielinflationsrate ist das entscheidende Instrument der Wirtschaftspolitik, um eine nachhaltige und angemessene Entwicklung der Wirtschaft zu erreichen&ldquo;, schreibt Flassbeck. (S. 261)<\/p><p>Ins Reich des Irrelevanten verbannt Flassbeck freilich auch noch andere neoklassische Glaubenss&auml;tze wie etwa die Effizienzmarkthypothese (EMH), f&uuml;r die der US-&Ouml;konom Eugene Fama 2013 den Nobelpreis erhielt. Die EMH behauptet, dass der Kapitalmarkt alle vorhandenen Informationen nutzt und deshalb effizient ist. Die Realit&auml;t ist laut Flassbeck jedoch eine andere, was allein schon das oft zu beobachtende Herdenverhalten an den Finanzm&auml;rkten oder auch eklatante F&auml;lle &bdquo;destabilisierender W&auml;hrungsspekulation&ldquo; zeigten. (S. 372 f.) Irrelevant ist nicht zuletzt auch die neoklassische Annahme, dass Ersparnisse Voraussetzung f&uuml;r Investitionen sind. &bdquo;Die neoklassische Vermutung, durch das Sparen flie&szlig;e dem Investor &acute;Kapital&acute; zu, er erhalte also Mittel vom Sparer, die er zum Investieren nutzen kann, ist falsch. Sparen der privaten Haushalte verursacht ein Einnahmendefizit bei den Unternehmen, das diese in der Regel zur Verringerung ihrer Ausgaben zwingt&ldquo;, erkl&auml;rt Flassbeck. (S. 200)<\/p><p><strong>Absolute statt komparativer Vorteile<\/strong><\/p><p>Etwas &uuml;berraschend ist aber dann doch, dass Flassbeck mit der Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo auch noch die letzte heilige Kuh der klassisch\/neoklassischen Lehre schlachtet. &bdquo;Das Lehrbuchkonstrukt der Mainstream-&Ouml;konomik von den komparativen Vorteilen im internationalen Handel mit seinen Schlussfolgerungen hinsichtlich Freihandel und Kapitalverkehrsfreiheit muss entlarvt werden &ndash; es ist das wissenschaftliche Feigenblatt f&uuml;r Wirtschaftskolonialismus&ldquo;, schreibt er. (S. 345) Flassbeck zufolge wird der internationale Handel vielmehr von absoluten Vor- und Nachteilen bestimmt. So sei etwa der Aufstieg Chinas nur m&ouml;glich gewesen, weil sich das Land durch die Kombination niedriger L&ouml;hne und den Import hochproduktiver westlicher Technologie absolute Vorteile im internationalen Handel sichern konnte. (S. 191 f.)<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Alles in allem ist &bdquo;Grundlagen einer relevanten &Ouml;konomik&ldquo; ein Muss f&uuml;r all jene, die sich abseits des Mainstreams mit &Ouml;konomie besch&auml;ftigen wollen. So bietet das Buch nicht nur einen alternativen Blick auf nahezu alle wichtigen volkswirtschaftlichen Themengebiete, sondern auch noch eine F&uuml;lle an gut aufbereitetem empirischen Datenmaterial &ndash; vom Stundenlohn gelernter Bauarbeiter in den USA in den 1920er- und 1930er-Jahren bis hin zur absoluten und relativen Steuerbelastung der Jahreseinkommen im heutigen Deutschland. Aber auch wer etwas zu &ouml;konomischen Nischenthemen wie dem Vollgeld sucht oder an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem jedem VWL-Studenten bekannten IS\/LM-Modell interessiert ist, wird hier f&uuml;ndig.<\/p><p>Ja, angesichts des enormen Umfangs und der analytischen Tiefe des Werks kann man letztlich ohne &Uuml;bertreibung sagen, dass das, was f&uuml;r Karl Marx &bdquo;Das Kapital&ldquo; und f&uuml;r John Maynard Keynes &bdquo;Die Allgemeine Theorie&ldquo; f&uuml;r Heiner Flassbeck die &bdquo;Grundlagen einer relevanten &Ouml;konomik&ldquo; sind &ndash; ein Lebenswerk!<\/p><p><small>Titelbild: Buchcover &bdquo;Grundlagen einer relevanten &Ouml;konomik&ldquo; &ndash; Westend<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/b38f3b7e700e4c839647df7817422009\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer gleich im ersten Satz seines neuen Buches erkl&auml;rt, dass das vorliegende Werk sein &bdquo;Lebenswerk&ldquo; ist, der hat entweder ein gesundes Selbstbewusstsein oder doch Gro&szlig;es im Sinn. 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