{"id":129450,"date":"2025-02-28T09:00:07","date_gmt":"2025-02-28T08:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129450"},"modified":"2025-02-28T09:25:40","modified_gmt":"2025-02-28T08:25:40","slug":"unterm-omnibus-eine-werte-und-regelbasierte-ordnung-ist-sowas-von-abgemeldet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129450","title":{"rendered":"Unterm Omnibus: Eine werte- und regelbasierte Ordnung ist sowas von abgemeldet"},"content":{"rendered":"<p>Donald Trump rei&szlig;t alle Schranken nieder, die das US-Kapital beim Profitmachen hemmen. Antwort aus Br&uuml;ssel: Dann macht Europa das genauso. Los geht&lsquo;s mit dem Clean Industrial Deal &ndash; garantiert dreckig, aber umso lukrativer. Und die Welt wandelt am Abgrund. Ein Kommentar von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUmweltschutz, Klimaschutz, Artenschutz, Menschenrechte, V&ouml;lkerrecht? War das was? Ja, da war was! L&auml;ngst nicht genug davon, aber immerhin. K&ouml;nnen Sie sich erinnern? Im September 2019 waren an einem Tag bundesweit &uuml;ber eine Million Menschen auf den Stra&szlig;en &ndash; zum gro&szlig;en &bdquo;Klimastreik&ldquo;. Sie alle kamen zusammen, weil die Menschheit drauf und dran ist, sich durch exzessiven Raubbau an den nat&uuml;rlichen Ressourcen in nicht allzu weiter Ferne selbst auszul&ouml;schen. Die Jugendbewegung Fridays for Future, die in aller Munde war, verk&uuml;ndete damals selbstbewusst: <a href=\"https:\/\/fridaysforfuture.de\/ruckblick-allefuersklima1\/\">&bdquo;Das war erst der Anfang.&ldquo;<\/a> Und ahnte nicht, dass es ihr Ende war.<\/p><p>Gerade einmal f&uuml;nfeinhalb Jahre sind seither vergangen, die indes anmuten wie eine halbe Ewigkeit. Danach folgten Corona, Ukraine-Krieg, Energiepreisschock, Rekordinflation, Gaza-Gemetzel, Ampel-Bruch und Donald Trump: &bdquo;Zeitenwenden&ldquo; in Serie, die das kollektive Bewusstsein geradezu umgepolt haben. Die Menschheit steht heute kein bisschen weniger am Abgrund als vor sechs Jahren, aber kaum einen interessiert das noch. Politisch, &ouml;konomisch, kulturell und mental vollzieht sich derzeit ein Rollback von nahezu totalit&auml;rer Wucht und in atemberaubendem Tempo. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Was gestern noch G&uuml;ltigkeit hatte, als wichtig, unerl&auml;sslich und fortschrittlich galt, ist jetzt pl&ouml;tzlich: unn&uuml;tz, out, vergessen &ndash; blo&szlig; weg damit.<\/p><p><strong>Green Deal zum Restm&uuml;ll<\/strong><\/p><p>Wie das geht, hat dieser Tage die EU-Kommission in geradezu brutaler Offenheit demonstriert. Der sogenannte Green Deal, 2019 von Ursula von der Leyen (CDU) mit viel Tamtam installiert, um Europas Wirtschaft in eine nachhaltige Zukunft zu f&uuml;hren, wird faktisch abger&auml;umt. An seine Stelle r&uuml;ckt nun der Clean Industrial Deal. Dieser stellt die Interessen der Industrie unter den zentralen Ma&szlig;gaben Wettbewerbsf&auml;higkeit und B&uuml;rokratieabbau &uuml;ber alles, wogegen Vorgaben zur Achtung von Umwelt- und Klimastandards sowie Menschenrechten zur blo&szlig;en Staffage werden. Das Mittel der Wahl ist das sogenannte Omnibus-Verfahren. Dabei werden quasi in einem Abwasch und im Schnelldurchlauf mehrere Gesetze oder Verordnungen gleichzeitig &uuml;berarbeitet oder erlassen. Den Takt gibt bei all dem die neue US-Regierung mit ihrem America-First-Parforceritt vor. Wenn schon Trump s&auml;mtliche Zur&uuml;ckhaltung aufgibt, Welt- und Wirtschaftspolitik mit der Pistole im Anschlag betreibt und auf alle Regeln, Werte und Umgangsformen pfeift, dann tut es ihm die EU ab sofort einfach gleich. Im Ringen um die besten Verwertungsbedingungen f&uuml;rs Kapital hatten Mensch und Natur schon immer schlechte Karten. Nun werden sie praktisch schachmatt gesetzt.<\/p><p>Was alles kommt unter die R&auml;der? Die Lieferkettenrichtlinie wird um ein Jahr verschoben und, wie etwa der Bund f&uuml;r Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) beklagt, <a href=\"https:\/\/www.bund.net\/service\/presse\/pressemitteilungen\/detail\/news\/angriff-auf-green-deal-eu-kommission-fuegt-sich-lobbydruck\/\">&bdquo;bis zur Bedeutungslosigkeit verw&auml;ssert&ldquo;<\/a>. Die Intention dahinter war einmal, Gro&szlig;unternehmen und Konzerne zum Treffen von Vorkehrungen zu verpflichten, damit entlang ihrer Wertsch&ouml;pfungs- und Lieferketten Menschen nicht ausgebeutet, gequ&auml;lt, versklavt, physisch und psychisch kaputt gemacht, entrechtet und ihrer Lebens- und &Uuml;berlebensgrundlagen beraubt werden und dass Leidtragende die M&ouml;glichkeit haben, sich gegen Verst&ouml;&szlig;e juristisch zu wehren und Schadensersatzanspr&uuml;che durchzusetzen.<\/p><p><strong>Mit der Kettens&auml;ge<\/strong><\/p><p>Eigentlich sollte das Regelwerk 2027 in Kraft treten, wobei es seine vollumf&auml;ngliche Wirkung ohnehin erst 2032 entfalten soll. Nun schl&auml;gt die Kommission den 26. Juni 2028 als Starttermin vor. In die Pflicht will man aber nur noch Unternehmen mit &uuml;ber 1.000 Besch&auml;ftigten nehmen, w&auml;hrend die Grenze bisher bei 250 Mitarbeitern lag. Die Verbliebenen m&uuml;ssten dazu nicht mehr ihre gesamte Lieferkette kontrollieren, sondern lediglich ihre direkten Zulieferer. Au&szlig;erdem sollen sie im Falle von Zuwiderhandlungen nur noch beschr&auml;nkt haftbar gemacht und in nennenswertem Umfang sanktioniert werden k&ouml;nnen.<\/p><p>F&uuml;r Entsetzen sorgen die Pl&auml;ne bei Gewerkschaften, Umwelt- und Entwicklungshilfeverb&auml;nden. Oxfam Deutschland kommentierte, von der Leyen lege <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/presse\/pressemitteilungen\/2025-02-26-neuer-vorschlag-eu-kommission-macht-lieferkettengesetz-leeren\">&bdquo;die Kettens&auml;ge an den Schutz von Umwelt und Menschenrechten&ldquo;<\/a> an. Die Initiative Lieferkettengesetz.de k&uuml;ndigte <a href=\"https:\/\/lieferkettengesetz.de\/pressemitteilung\/breiter-widerstand-gegen-verwaesserung-der-eu-lieferkettenrichtlinie\/\">&bdquo;breiten Widerstand&ldquo;<\/a> an und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) monierte, die Kommissionschefin wolle <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/dgb-kritisiert-plaene-der-eu-kommission-abbau-von-beschaeftigten-schutzrechten-und-intransparenz\/\">&bdquo;offenbar den Deckmantel der Entb&uuml;rokratisierung f&uuml;r eine weitreichende, gezielte Deregulierung zu Lasten von Besch&auml;ftigten und Umwelt nutzen&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Im Windschatten der Rechten<\/strong><\/p><p>Keine Frage: Gerade f&uuml;r mittelst&auml;ndische Firmen gingen die bisherigen Vorgaben zu &Uuml;berwachung und Dokumentierung ihrer Lieferketten zu weit. Aber darum soll es hier nicht gehen. Es geht um die Brachialgewalt, mit welcher zivilgesellschaftlich erstrittene Errungenschaften einfach plattgewalzt werden. Das Lieferkettengesetz ist nur ein Beispiel unter vielen, die zeigen, wie leichtfertig und mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit die Politik zivilisatorischen Fortschritt kassiert, ohne damit nennenswerten Protest in der Bev&ouml;lkerung zu provozieren. Die M&auml;chtigen ziehen es durch und das Volk, nach jahrelanger Endloskrise apathisch, angsterstarrt und desillusioniert, schluckt es &ndash; oder spendet sogar Beifall, weil B&uuml;rokratie ja sowieso das Letzte ist und der menschgemachte Klimawandel &bdquo;Quatsch&ldquo;.<\/p><p>B&uuml;rger, die so ticken, gibt es heute in Massen, was auch der allgemeinen Rechtsverschiebung geschuldet ist, die die etablierten Parteien ma&szlig;geblich mitverschuldet haben. Vor der Kamera bereitet das den politischen und wirtschaftlichen F&uuml;hrern Kummer. Aber abseits davon bringt es ihnen Entlastung, weil sich so leichter durchregieren l&auml;sst, indem man zum Beispiel AfD-Programmatik in Sachen Migration selbst exerziert und so gleich noch die Botschaft mittransportiert: Menschenrechte haben auch ihre Grenzen. In solch einem Stimmungsumfeld hat eine EU-Kommissionschefin nat&uuml;rlich leichtes Spiel, Europas Kapitalisten von allen Z&uuml;geln zu befreien.<\/p><p><strong>Krieg bald nachhaltig<\/strong><\/p><p>Unter den <a href=\"https:\/\/germany.representation.ec.europa.eu\/news\/weniger-verwaltungsaufwand-kommission-will-regeln-fur-nachhaltigkeit-und-eu-investitionen-2025-02-26_de?prefLang=en\">&bdquo;Omnibus&ldquo;<\/a> sollen nicht nur zentrale Punkte der Lieferkettenrichtline kommen, sondern auch solche zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen sowie der Taxonomieverordnung. Immer geht es um den massiven R&uuml;ckbau von Berichtspflichten, die Senkung von Verwaltungskosten und die Entfesselung unternehmerischer Energien. Nur ein Beispiel: &Uuml;ber die Einhaltung ihrer Klimaziele m&uuml;ssten nach den Pl&auml;nen nur noch rund 20 Prozent der einst ins Visier genommen Unternehmen Rechenschaft ablegen. Damit fielen die Vorgaben auf einen Schlag f&uuml;r rund 80.000 Firmen weg.<\/p><p>Das von den <em>NachDenkSeiten<\/em> <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122927\">hier<\/a> thematisierte Vorhaben, auch Investitionen in Waffen im Rahmen der EU-Taxonomie als nachhaltige Geldanlagen zu deklarieren, werden in dem Ma&szlig;nahmenkatalog nicht aufgegriffen. Beim aktuellen Wettstreit um den h&ouml;chsten Milit&auml;retat d&uuml;rfte die Umsetzung allerdings nicht schwerfallen. Erst zu Wochenanfang hat von der Leyen die baldige Vorlage eines <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/ukraine-krieg-ursula-von-der-leyen-kuendigt-umfassenden-eu-ruestungsplan-an-a-14940550-692d-4328-841d-5765e37f72f2\">&bdquo;umfassenden EU-R&uuml;stungsplans&ldquo;<\/a> angek&uuml;ndigt, der in Art und Umfang gewiss neue Ma&szlig;st&auml;be setzen wird.<\/p><p><strong>Kollaps mit Ansage<\/strong><\/p><p>Ma&szlig;st&auml;be der Vernunft und des gesunden Menschenverstands, die auf Frieden, V&ouml;lkerverst&auml;ndigung und eine lebenswerte und dauerhaft bewohnbare Erde orientieren, sind heute nicht mehr gefragt. Am 24. April j&auml;hrt sich der Tag der Katastrophe in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei der mehr als 1.100 Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Leben lie&szlig;en. Sie wurden versch&uuml;ttet, als sie f&uuml;r europ&auml;ische Modefirmen wie Primark, Benetton, Mango, KiK und C&amp;A Klamotten zusammenn&auml;hten. Folgt irgendwann der n&auml;chste Kollaps? Vielleicht ja einer von planetarer Gr&ouml;&szlig;enordnung? Aus Br&uuml;ssel hei&szlig;t es: Der Green Deal werde nicht angetastet, nur an die neue Lage angepasst. &Uuml;bersetzt: Auch in der Barbarei braucht es Socken.<\/p><p><small>Titelbild: Scarc\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/78e72235d3e447dfb8c0f1e5ad25c296\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donald Trump rei&szlig;t alle Schranken nieder, die das US-Kapital beim Profitmachen hemmen. Antwort aus Br&uuml;ssel: Dann macht Europa das genauso. Los geht&lsquo;s mit dem Clean Industrial Deal &ndash; garantiert dreckig, aber umso lukrativer. Und die Welt wandelt am Abgrund. 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