{"id":12951,"date":"2012-04-23T09:02:05","date_gmt":"2012-04-23T07:02:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12951"},"modified":"2019-03-18T11:50:50","modified_gmt":"2019-03-18T10:50:50","slug":"philipp-rosler-allein-in-seiner-welt-oder-wie-wirklich-ist-roslers-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12951","title":{"rendered":"Philipp R\u00f6sler allein in seiner Welt &#8211; oder wie wirklich ist R\u00f6slers Wirklichkeit?"},"content":{"rendered":"<p>Wer es sich bisher noch nicht erkl&auml;ren konnte, warum die FDP zur Splitterpartei geschrumpft ist, der h&auml;tte sich nur die Rede des FDP-Vorsitzenden auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe anh&ouml;ren m&uuml;ssen: Die FDP hat sich wie eine Sekte in eine Scheinwelt aufgebaut, die nahezu jeden Realit&auml;tsbezug verloren hat. R&ouml;sler sieht sich und seine Partei nur noch von politischen Teufeln umstellt, von leibhaftigen &bdquo;Sozialdemokraten aller Parteien&ldquo;. &Uuml;berall wittert er einen &bdquo;linken Zeitgeist&ldquo;. Wenn R&ouml;sler in seiner l&auml;nglichen Rede auf die Wirklichkeit zu sprechen kam, musste man den Eindruck gewinnen, er spricht &uuml;ber eine andere Welt. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nPhilipp R&ouml;sler konnte einem schon leidtun: Da musste er auf dem riesigen Podium in der kalten Atmosph&auml;re der Karlsruher Messehalle ans Rednerpult, nachdem die beiden Landtagswahlk&auml;mpfer Wolfgang Kubicki aus Schleswig-Holstein &ndash; als R&ouml;slers neuer Duzfreund &ndash; und der wiederauferstandene Christian Lindner aus NRW im Stakkato ihre auf populistische Wirkung getesteten Wahlkampfparolen in den Saal geh&auml;mmert hatten &ndash; mit denen sie sich teilweise ganz offen vom sinkenden Parteischiff absetzten. Schon von der K&ouml;rperhaltung und der Tonlage her, wirkte R&ouml;sler wie ein Hauptdarsteller im Theater, den die Komparsen an die Wand gespielt hatten. Immer wenn er merkte, dass ihm zu einem Thema nicht viel eingefallen war und niemand zu klatschen anfangen wollte, blies er in das Horn der &bdquo;Freiheit&ldquo; &ndash; wie bei einem Hupkonzert unz&auml;hlige Male.<\/p><p>Dabei hatte er sich offenbar vorgenommen, nach seinen bisherigen bl&auml;sslichen Auftritten endlich einmal auf die Pauke zu hauen. Die Linken seien &bdquo;Feinde der Freiheit&ldquo;; die Sozialdemokraten k&ouml;nnten nur Schulden machen und k&ouml;nnten nicht mit Geld umgehen; die Gr&uuml;nen seien &bdquo;neue Jakobiner&ldquo;, selbsternannte Gutmenschen, intolerante &bdquo;Eiferer einer ideologischen Lebensstildiktatur&ldquo;; die Freiheit der Piraten sei die &bdquo;Kostenfreiheit&ldquo; und sie seien eine &bdquo;Linkspartei mit Internetanschluss&ldquo;, ja er vergliche sie sogar mit somalischen Piraten; die Union misstraue der Freiheit und verharre im Besitzstandsdenken. &bdquo;Objektiv&ldquo; habe man es nur noch mit &bdquo;sozialdemokratischen Parteien&ldquo;, mit einem &bdquo;schwarz-rot-gr&uuml;nen Einheitsbrei&ldquo; zu tun. Die Freiheit sei einzig und allein nur noch bei der FDP. Er wollte den Deutschen geradezu aufn&ouml;tigen, dass sie die FDP ben&ouml;tigen. <\/p><p>Da konstatiert R&ouml;sler einen fatalen Trend zu immer mehr &bdquo;Gleichmacherei&ldquo;. Und das in einer Zeit, in der die Ungleichheit weltweit zunimmt und das in einem Land in dem er und seine Partei Regierungsverantwortung tragen und wo die Ungleichheit st&auml;rker zugenommen hat, <a href=\"upload\/pdf\/110104_zusammenfassung.pdf\">als in jedem anderen OECD-Land [PDF &ndash; 230 KB]<\/a>. <\/p><p>In einer Welt, in der die Finanzm&auml;rkte die Politik entm&uuml;ndigen und die schiere Gier das Gesetz des Handelns bestimmt, sieht sich R&ouml;sler als K&auml;mpfer gegen Bevormundung von &bdquo;Tugendw&auml;chtern&ldquo;. In einem Land, indem seit Jahren vor allem auch von R&ouml;slers Partei der Sozialabbau vorangetrieben wurde, sieht er &bdquo;ausufernde Sozialsysteme&ldquo;. Trotz einer Politik, die den Staat durch Steuersenkungen ausgehungert hat und durch grundgesetzlich verankerte &bdquo;Schuldenbremsen&ldquo; die wirtschaftspolitische Handlungsf&auml;higkeit systematisch stranguliert wird, malt R&ouml;sler das Gespenst der &bdquo;Staatswirtschaft&ldquo; an die Wand.<br>\nIn einem Land, wo sich die Steuerausf&auml;lle seit dem Jahr 2000 durch Steuersenkungen auf ann&auml;hernd 400 Milliarden <a href=\"http:\/\/www.xyom.de\/ndsupload\/120422_Troost_Tabelle_Schuldenzuwachs_und_Steuerausfaelle.pdf\">aufaddiert haben [PDF &ndash; 82 KB]<\/a>, behauptet R&ouml;sler &bdquo;noch nie waren die Steuern so hoch&ldquo;. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.xyom.de\/ndsupload\/120423_Entwicklung_und_Perspektiven_der_Kommunalfinanzen_in_Hessen.gif\" alt=\"Steuerreformbedingte Steuerausf&auml;lle\" title=\"Steuerreformbedingte Steuerausf&auml;lle\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/gemeinden.hessen.verdi.de\/finanzen-der-kommunen\/#studie-zur-entwicklung-und-perspektiven-der-kommunalfinanzen-in-hessen\">Kai Eicker&#8208;Wolf\/Achim Truger, Entwicklung und Perspektiven der Kommunalfinanzen in Hessen, Studie im Auftrag von ver.di Hessen, Frankfurt Februar 2010, Abbildung 38<\/a><\/p><p>Und angesichts solcher Zahlen redet R&ouml;sler &ndash; wie allerdings alle, die die katastrophalen Folgen der Finanzkrise umdeuten wollen &ndash; weiter st&auml;ndig von der &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo;. Trotz Schulden will er &bdquo;die Mitte&ldquo; steuerlich entlasten. Dass von dem bisher vor allem von der FDP geforderten Abbau des &bdquo;Mittelstandsbauchs&ldquo; <a href=\"?p=9900\">vor allem die Spitzenverdiener profitieren<\/a> kommt in R&ouml;slers Wirklichkeit nat&uuml;rlich nicht vor. <\/p><p>Der eher z&auml;he und pflichtschuldige Beifall nach seiner 75-min&uuml;tigen Rede machte deutlich, dass selbst die auf Zusammenhalt (vor den Landtagswahlen) eingeschworenen Parteitagsdelegierten, an die Wirklichkeit, die ihnen ihr Parteivorsitzender vorgaukelte nicht mehr glauben m&ouml;gen. <\/p><p>Neben einer individualistischen Freiheit, die keine Voraussetzungen braucht und kennt, soll nun zus&auml;tzlich noch &bdquo;Wachstum&ldquo; zum Alleinstellungsmerkmal der FDP werden. &bdquo;Wachstum&ldquo;, so prangt es auf allen Plakaten, wohl eher in der Hoffnung auf ein Wachstum der eigenen Partei. Nein, es soll nicht um &bdquo;Familienwachstum&ldquo; oder &bdquo;Haarwachstum&ldquo; gehen, wie Duzfreund Wolfgang Kubicki noch wenige Tage vor dem Parteitag spottete. Nein, Wachstum soll den &bdquo;alten Traum vom Tellerw&auml;scher zum Million&auml;r wieder Wirklichkeit&ldquo; werden lassen, Wachstum schaffe Wohlstand, Zukunftschancen f&uuml;r Kinder, erm&ouml;gliche soziale Sicherung, Chancen auf Aufstieg, gesellschaftlichen Fortschritt, Innovation, ja, Wachstum befreie &uuml;berhaupt erst das Denken. Wachstum ist alles.<\/p><p>Einen undifferenzierten Wachstumsbegriff als Fetisch anzubeten, in einer Zeit in der das Wachstums sich auf die Spekulationssummen auf den Finanzm&auml;rkten verlagert hat, in der sich gezeigt hat, dass das Wachstum bei der Masse der Menschen nicht mehr ankommt, in der Wachstum an Ressourcen- und &ouml;kologische Grenzen st&ouml;&szlig;t, das belegt, wie weit die FDP hinter der Zeit und hinter der Wirklichkeit herhinkt. Es ist wie die Hoffnung eines Glatzentr&auml;gers, der immer noch daran glaubt, dass die Haare wieder wachsen werden. <\/p><p>Die FDP ist stolz auf ihre Politik und lobt sich selbst &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee. Doch eitler Stolz macht bekannterma&szlig;en blind. So kann die FDP wohl vor lauter Stolz auch wohl nicht mehr erkennen, dass sie mit ihrer Politik in der W&auml;hlergunst unter den &bdquo;sonstigen&ldquo; Parteien gelandet ist, die &uuml;blicherweise am Wahlabend gar nicht mehr genannt werden.<\/p><p> &bdquo;Weiter so&ldquo; hielten die Delegierten vorgefertigte Schilder nach R&ouml;slers Rede etwas gequ&auml;lt in die H&ouml;he. In ihrer Wirklichkeit haben sie und ihr umjubelter Parteivorsitzender offenbar immer noch nicht bemerkt, dass ihre Partei sich weiter im Sinkflug befindet und kurz vor dem Aufprall in der wirklichen Wirklichkeit ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer es sich bisher noch nicht erkl&auml;ren konnte, warum die FDP zur Splitterpartei geschrumpft ist, der h&auml;tte sich nur die Rede des FDP-Vorsitzenden auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe anh&ouml;ren m&uuml;ssen: Die FDP hat sich wie eine Sekte in eine Scheinwelt aufgebaut, die nahezu jeden Realit&auml;tsbezug verloren hat. R&ouml;sler sieht sich und seine Partei nur noch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12951\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[193,123,137],"tags":[770,240,291],"class_list":["post-12951","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fdp","category-kampagnentarnworteneusprech","category-steuern-und-abgaben","tag-roesler-philipp","tag-sozialdemokratisierung","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12951","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12951"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12951\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50245,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12951\/revisions\/50245"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12951"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12951"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12951"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}