{"id":12961,"date":"2012-04-24T09:39:20","date_gmt":"2012-04-24T07:39:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12961"},"modified":"2019-01-30T10:59:51","modified_gmt":"2019-01-30T09:59:51","slug":"amok-in-erfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12961","title":{"rendered":"Amok in Erfurt"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. April 2002 t&ouml;tete der 19-j&auml;hrige Robert S. am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst. Kurz darauf gr&uuml;ndete sich die Sch&uuml;lerinitiative &bdquo;Schrei nach Ver&auml;nderung&ldquo;, die dazu aufrief, sich &bdquo;verst&auml;rkt mit den gesellschaftlichen Ursachen dieser Tat auseinander zu setzen&ldquo;, weil nur deren Kenntnis es erm&ouml;gliche, weiteren Taten vorzubeugen. Aus dem Abstand von zehn Jahren blickt G&ouml;tz Eisenberg auf die damaligen Ereignisse zur&uuml;ck und fragt, was aus dem Massaker von Erfurt wirklich gelernt wurde. Wir pr&auml;sentieren seinen Text von heute an bis zum 26. April in drei Teilen. Beschlie&szlig;en wird ihn eine kommentierte Chronik der Schulamokl&auml;ufe.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Amok in Erfurt <\/strong><br>\nVor zehn Jahren ereignete sich das Massaker am Gutenberg-Gymnasium<\/p><p><strong>Teil 1<\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Ja, dann ist Schluss!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Als Robert S. sich am Morgen des 26. April 2002 anschickt, das Haus zu verlassen, dr&uuml;ckt ihn der Vater an der T&uuml;r an die Brust und sagt: &bdquo;Jetzt geht&rsquo;s um die Wurst!&ldquo; Die Mutter wundert sich, dass Robert eine uralte Hose mit gro&szlig;en Seitentaschen tr&auml;gt. Kann man in einer sch&auml;bigen Cargo-Hose zur letzten schriftlichen Abiturpr&uuml;fung erscheinen? &bdquo;Lass den Jungen in Ruhe&ldquo;, denkt sie und sagt zu ihm: &bdquo;Heute ist endlich Schluss.&ldquo; Im Gehen erwidert er: &bdquo;Ja, dann ist Schluss.&ldquo; <\/p><p>Kurz vor 11 Uhr betritt Robert S. mit Rucksack und Sporttasche die Schule und sucht eine Toilette auf. Ganz in Schwarz gekleidet und maskiert kommt er wenig sp&auml;ter heraus. Es ist, als h&auml;tte er sich durch diese Metamorphose in eine Figur aus einem seiner Ego-Shooter verwandelt. Dieser liefert ihm nun auch die Choreographie f&uuml;r sein weiteres Vorgehen: Mit Pistole und Pumpgun bewaffnet, durchk&auml;mmt er systematisch das ganze Geb&auml;ude, geht von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, von Stockwerk zu Stockwerk. Sobald eine Lehrerin oder ein Lehrer in sein Blickfeld ger&auml;t, feuert er gezielt auf deren Kopf. Zwei Mitsch&uuml;ler t&ouml;tet er eher zuf&auml;llig beim Durchschie&szlig;en einer geschlossenen T&uuml;r. Gegen 11:15 trifft er im ersten Stock auf seinen ehemaligen Geschichtslehrer Rainer Heise. Inzwischen hat Robert S. angesichts chaotischer Zust&auml;nde im Schulgeb&auml;ude, fliehender und schreiender Sch&uuml;ler, leerer R&auml;ume und nahender Polizeisirenen die Kontrolle &uuml;ber die Situation verloren. Er ist nicht mehr Herr der Lage und am Ende mit seinem m&ouml;rderischen Latein. Der Amoklauf implodiert, die Metamorphose ist beendet, er verwandelt sich aus einer Ninja-Figur in Robert S. zur&uuml;ck. Das ist Rainer Heises Rettung. Robert S. zieht die Maske vom schwitzenden Gesicht und steht ihm, mit der Waffe in der Hand, direkt gegen&uuml;ber. &bdquo;Du, Robert!&ldquo;, sagt Lehrer Heise, &bdquo;na dann erschie&szlig; mich auch!&ldquo; Robert erwidert: &bdquo;F&uuml;r heute reicht&rsquo;s!&ldquo; Der Lehrer st&ouml;&szlig;t ihn in ein Zimmer und schlie&szlig;t von au&szlig;en ab. Innen schie&szlig;t Robert S. sich eine Kugel in den Kopf.  <\/p><p>Seinem Amoklauf fielen zw&ouml;lf Lehrerinnen und Lehrer, ein Mitsch&uuml;ler und eine Mitsch&uuml;lerin, eine Sekret&auml;rin und ein Polizist zum Opfer. Ihre Namen sind:<br>\nPeter Wolff, Hans-Joachim Schwertfeger, Dr. Birgit Dettke, Helmut Schwarzer, Hans Lippe, Monika Burghardt, Gabriele Klement, Susann Hartung, Ronny M&ouml;ckel, Ivonne-Sofia Fulsche-Baer, Heidemarie Sicker, Carla Pott, Heidrun Baumbach, Anneliese Schwertner, Rosemarie Hajna, Andreas Gorski.<\/p><p>Das folgende Bild hat der &ouml;sterreichische K&uuml;nstler und Karikaturist Otto Fuchs zur Illustration meiner Thesen gezeichnet. Es hei&szlig;t: Ein Ninja-Krieger entsteigt dem Bildschirm und wendet sich dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium zu.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/erfurt.jpg\" alt=\"\"><\/p><p>Die Sache war die: Robert S. ging seit einem halben Jahr gar nicht mehr zur Schule. Das Gutenberg-Gymnasium hatte sich seiner Anfang Oktober 2001 durch einen Akt b&uuml;rokratischer Exklusion entledigt, nachdem er geschw&auml;nzt und Atteste gef&auml;lscht hatte. Da Robert S. vollj&auml;hrig war, brauchte die Schule seine Eltern nicht zu informieren. Der Schulverweis entzog seinem Lebensentwurf die Grundlagen und st&uuml;rzte ihn wegen einer Besonderheit des damaligen th&uuml;ringischen Schulgesetzes ins Nichts. Ohne jeden Bildungsnachweis drohte er zu dem zu werden, was man im sozialdarwinistischen Jargon der Gegenwart einen &bdquo;Loser&ldquo; nennt. Am Abend des Schulverweises hob er Geld ab, zwei Wochen sp&auml;ter kaufte er sich die Tatwaffe und wurde Mitglied des Sch&uuml;tzenvereins &bdquo;Domblick&ldquo;.<\/p><p>Da er sich von der realen Welt zur&uuml;ckgewiesen f&uuml;hlte, zog er sich mehr und mehr in die virtuelle Welt der Computerspiele zur&uuml;ck, die sein l&auml;diertes Selbstwertgef&uuml;hl aufp&auml;ppelte und ihm ein Gef&uuml;hl von Macht und St&auml;rke vermittelte, dem in der Realit&auml;t immer weniger entsprach. Parallel dazu verstrickte er sich der Familie gegen&uuml;ber in ein komplexes L&uuml;gengebilde. Das emotional k&uuml;hle und leistungsfixierte Klima in der Familie S. hielt ihn davon ab, von seinem Schulverweis und seinem drohenden Absturz ins Bildungs-Nirwana zu berichten. Er verlie&szlig; morgens das Haus und verbrachte den ganzen Vormittag in einem Caf&eacute;. &bdquo;Wie war dein Tag?&ldquo;, fragte die Mutter, wenn er nach Hause kam. &bdquo;Ganz okay&ldquo;, sagte er und erz&auml;hlte von der Schule, von wachsendem Druck und dem bevorstehenden Abitur. Dann verschwand er in seinem Zimmer und seiner Computerwelt. Das Trainingsprogramm im Kinderzimmer: Wie man im Laufschritt und im Sekundentakt kaltbl&uuml;tig t&ouml;tet, wie man Geb&auml;ude und Gel&auml;nde strategisch sichert, wie man am schnellsten seine Waffe nachl&auml;dt. Alles per Mausklick, &uuml;ber Jahre, Level f&uuml;r Level. Er trainierte sich systematisch das Mitleid ab, schwelgte in Rachephantasien und begann, sich intensiv mit Eric Harris und Dylan Klebold zu besch&auml;ftigen, die 1999 an der Columbine-Highschool in Colorado zw&ouml;lf Mitsch&uuml;ler und einen Lehrer erschossen hatten. Die Bilder der &Uuml;berwachungskameras, die ihren m&ouml;rderischen Auftritt in der Schulcafeteria festhielten, gelangten ebenso ins Internet wie die Handy-Notrufe der Opfer. So wurde Littleton zum Symbol f&uuml;r Schie&szlig;ereien an Schulen und Universit&auml;ten und liefert seither eine Art Blaupause f&uuml;r alle Nachfolger. <\/p><p>Indem Robert S. den Schulverweis zu Hause verschwieg und so tat, als w&auml;re alles in Ordnung, begann er, wie Gerhard Mauz einmal gesagt hat, mit seiner Umgebung &bdquo;Federball mit Dynamit&ldquo; zu spielen. Denn zwangsl&auml;ufig musste der Tag kommen, an dem seine L&uuml;gen auffliegen w&uuml;rden und er seinen Eltern mit dem Gest&auml;ndnis seines Scheiterns unter die Augen treten m&uuml;sste. Der letzte Tag der schriftlichen Abiturpr&uuml;fungen wurde so zum Tag der Entscheidung, und er beschloss, die Widerspr&uuml;che in der realen Welt, in die er sich heillos verstrickt hatte, nach dem einge&uuml;bten Modus der virtuellen Welt gewaltsam zu l&ouml;sen.<br>\nIn einem Gespr&auml;ch mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL vom 28.4.2003 hat Roberts Mutter ein Jahr nach der Tat eigene Vers&auml;umnisse eingestanden. Sie habe damals aus Zeitmangel und wegen privater und beruflicher Belastungen Vieles &uuml;bersehen oder nicht sehen wollen. Sie erinnert sich an eine bestimmte Szene: &bdquo;Ein paar Monate vor der Tat sa&szlig; Robert am K&uuml;chentisch und sagte: &sbquo;Es hat alles keinen Sinn&rsquo;. Ich habe nur geantwortet: &rsquo;Was redest du f&uuml;r einen Quatsch?&rsquo; Heute sage ich mir st&auml;ndig, dass ich nur ein einziges Mal h&auml;tte reagieren m&uuml;ssen.&ldquo;<\/p><p>Ich erinnere mich, dass mir in den Tagen nach dem Massaker von Erfurt in der Stadt ein junger Mann begegnet ist, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck trug: &ldquo;Erfurt &ndash; sind wir nicht alle ein bisschen Robert?&rdquo; Der junge Mann wirkte so, als ginge es ihm nicht lediglich darum, durch die provokative Verfremdung eines d&uuml;mmlichen Werbeslogans Aufsehen zu erregen und einen Unterscheidungsmehrwert einzuheimsen. Seine auf dem Leib getragene Frage forderte sich und uns auf, den T&auml;ter nicht zu isolieren und zur Inkarnation des B&ouml;sen zu erkl&auml;ren, sondern uns in ihm und seiner Tat wiederzuerkennen. H&auml;tte unser junger Mann die Tageb&uuml;cher von Max Frisch gekannt, h&auml;tte er auch &ndash; in leicht abgewandelter Form &ndash; die 22. Frage eines der dort formulierten Frageb&ouml;gen auf sein T-Shirt drucken k&ouml;nnen: &bdquo;Gesetzt den Fall, Sie sind noch nie Amok gelaufen: Wie erkl&auml;ren Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?&ldquo; Oder einen Satz aus Jean-Paul Sartres Genet-Biographie: &bdquo;Wenn jeder Mensch der ganze Mensch ist, muss dieser Abweichler entweder ein Kieselstein oder ich sein.&ldquo;<\/p><p>In Gedanken sind wir alle schon einmal Amok gelaufen. Wer hat nicht gelegentlich ein Gef&uuml;hl der Klaustrophobie und versp&uuml;rt die Lust, das grausame Spiel zu beenden und die Figuren mit einer w&uuml;tenden Handbewegung vom Brett zu fegen? Wer k&ouml;nnte nicht gelegentlich alles kurz und klein schlagen? Im Internet kann man T-Shirts mit dem Aufdruck bestellen: &bdquo;Ich lauf hier gleich Amok&ldquo; &ndash; wohl einer der h&auml;ufigsten stillen oder halblauten Sto&szlig;seufzer in B&uuml;ros, Fabrikhallen und auf den G&auml;ngen von Beh&ouml;rden. <\/p><p>Die Halbwertszeit der &ouml;ffentlichen Betroffenheit nach dem Massaker von Erfurt erwies sich als erstaunlich kurz. Vier Wochen befand sich die Republik in Aufregung und auf der hektischen Suche nach Erkl&auml;rungen, dann legte sich der Sturm und es ging &bdquo;normal&ldquo; weiter. Der damalige th&uuml;ringische Ministerpr&auml;sident Bernhard Vogel er&ouml;ffnete den Verdr&auml;ngungsprozess und gab die Richtung vor, indem er unmittelbar nach der Tat von einem &bdquo;Unheil&ldquo; sprach, &bdquo;das vom Himmel gefallen ist.&ldquo; Das Massaker war ein Ereignis wie das Erdbeben von Lissabon und gegen so etwas kann man nichts tun, da hilft nur Beten.<br>\nDer Staat lebt vom Glauben seiner B&uuml;rger, durch ihn vor Unsicherheiten und Gefahren aller Art bewahrt zu werden. Da es gegen den Amoklauf so gut wie keine kurzfristig wirksamen Pr&auml;ventionsm&ouml;glichkeiten gibt, muss der Staat wenigstens so tun, als g&auml;be es sie. Um die durch die monstr&ouml;se Erfurter Tat ersch&uuml;tterte Innerlichkeit und Loyalit&auml;t der B&uuml;rger zu restabilisieren, verabreichte man ihnen die &uuml;blichen Palliativa aus der sicherheitspolitischen Hausapotheke: Man versch&auml;rfte das Waffenrecht geringf&uuml;gig, novellierte das Jugendschutzgesetz und &auml;nderte das Schulgesetz von Th&uuml;ringen, das Robert S. ins Bodenlose hatte st&uuml;rzen lassen. <\/p><p>Ein im Juni 2002 vorgelegter &bdquo;vorl&auml;ufiger Abschlussbericht&ldquo; erkl&auml;rte die Tatmotive f&uuml;r gekl&auml;rt. Dieter Althaus, Vogels Nachfolger im Amt des Ministerpr&auml;sidenten, verk&uuml;ndete noch Anfang 2004: &bdquo;Zu Gutenberg ist alles gesagt. Der Fall ist gekl&auml;rt und durch den vorl&auml;ufigen Abschlussbericht des Innenministeriums ausreichend dargestellt.&ldquo; Althaus fuhr kurz und knapp fort: &bdquo;Robert Steinh&auml;user ist ein M&ouml;rder, und das hat nichts mit der Schule oder dem Schulsystem zu tun.&ldquo; F&uuml;r Althaus stand fest: Der &bdquo;B&ouml;se&ldquo; ist der andere, er hei&szlig;t Robert S. und ist tot. Damit konnte alles so bleiben, wie es war, und so weitergehen wie bisher.<br>\nNach Protesten gegen die Inhaltslosigkeit und Vagheit des vorl&auml;ufigen Abschlussberichts und wegen der vielen weiterhin offenen Fragen, setzte man dann doch eine &bdquo;Kommission Gutenberg-Gymnasium&ldquo; ein, die im April 2004 einen volumin&ouml;sen Bericht vorlegte. Er war mit seinen 371 Seiten vor einer breiteren Rezeption gesch&uuml;tzt und begrub die Zweifel unter einer Unmenge sogenannter Fakten und Details. <\/p><p>&bdquo;Gerechtigkeit gibt&rsquo;s im Jenseits, hier auf Erden gibt&rsquo;s das Recht&ldquo;, schreibt William Gaddis zu Anfang seines Romans &bdquo;Letzte Instanz&ldquo;. Bei Friedrich D&uuml;rrenmatt hei&szlig;t es lakonisch: &bdquo;Die Gerechtigkeit wohnt auf einer Etage, zu der die Justiz keinen Zutritt hat.&ldquo; Auch wenn das so sein mag, erf&uuml;llen gerichtliche Verfahren dennoch eine wichtige Funktion im Kontext der sozialen Integration einer Gesellschaft. Das Strafrecht ist trotz all dieser Einschr&auml;nkungen doch und immerhin ein &bdquo;verg&auml;ngliches Gebilde zur Erhaltung eines verworrenen Gef&uuml;ges&ldquo;, wie Gerhard Mauz es vorsichtig ausgedr&uuml;ckt hat. Das, was man pathetisch &bdquo;Rechtsordnung&ldquo; nennt, ist bei Lichte besehen der Versuch, ein leidliches Zusammenleben der Gesellschaftsmitglieder zu erm&ouml;glichen. Auch wenn die forensisch gefundene Sprachregelung letztlich nur ein Konstrukt ist, bietet sie doch allen Beteiligten und der Gesellschaft Schutz vor der unendlichen Auslegbarkeit des menschlichen Lebens und Handelns. Das Urteil reduziert das komplexe Rauschen der Totalit&auml;t auf eine Stimme und stellt eine wie immer problematische, f&uuml;r die Aufrechterhaltung des &bdquo;verworrenen Gef&uuml;ges&ldquo; aber unverzichtbare Eindeutigkeit her. <\/p><p>Einem T&auml;ter, der sich am Ende seines m&ouml;rderischen W&uuml;tens selbst t&ouml;tet, kann man keinen Prozess machen, eine forensische Auseinandersetzung mit Tat und Schuld findet nicht statt. Unsere Bed&uuml;rfnisse nach Aufkl&auml;rung der Hintergr&uuml;nde der Tat, einer Verantwortungs&uuml;bernahme durch den T&auml;ter und seiner Bestrafung gehen ins Leere. Ein Amokt&auml;ter, der sich am Ende selbst t&ouml;tet, bringt uns um die Erfahrung, der irdischen Form der Gerechtigkeit bei der Arbeit zusehen zu k&ouml;nnen und frustriert unsere Erkl&auml;rungs-, Kausalit&auml;ts- und Vergeltungsbed&uuml;rfnisse. &bdquo;Aha, das ist es also!&ldquo; w&uuml;rden wir irgendwann gern sagen k&ouml;nnen, um dann erleichtert zur Tagesordnung zur&uuml;ckzukehren. An die Stelle einer forensischen Aufkl&auml;rung treten in einem solchen Fall Phantasien, Spekulationen &uuml;ber &bdquo;das B&ouml;se im Menschen&ldquo;, simple mediale Konstrukte oder das Versprechen der Wissenschaft, demn&auml;chst &bdquo;Muster&ldquo;, &bdquo;Patterns&ldquo; zu finden, die eine Fr&uuml;herkennung potenzieller T&auml;ter und damit eine wirksame Pr&auml;vention erm&ouml;glichen sollen. Oder, k&ouml;nnen wir im Erfurter Fall hinzusetzen: regierungsamtliche Abschlussberichte. <\/p><p>Um die Aufkl&auml;rung der Hintergr&uuml;nde des Erfurter Massakers hat Ines Geipel sich gro&szlig;e Verdienste erworben, deren literarisch angelegtes Buch &bdquo;F&uuml;r heute reicht&rsquo;s&ldquo; im Jahr 2004 f&uuml;r Diskussionen sorgte und auf viel Widerstand stie&szlig;. Da schluckten viele Menschen in Erfurt und um Erfurt herum doch lieber einen von oben verabreichten Tranquilizer und beruhigten sich damit, dass die Tat des Robert S. &bdquo;ein vom Himmel gefallenes Unheil&ldquo; sei, als zu erfahren, dass sie und wir alle etwas damit zu tun haben. Dieser Tage hat Ines Geipel nach nochmaligen gr&uuml;ndlichen Recherchen unter dem Titel &bdquo;Der Amok-Komplex&ldquo; ein neues Buch vorgelegt, in dem sie f&uuml;nf Amokl&auml;ufen von Port Arthur bis Utoya, unter anderem auch dem von Erfurt, genauer auf den Grund geht. <\/p><p>Wie schwer sich eine Gesellschaft mit einem &uuml;berlebenden Amokl&auml;ufer und der juristischen Wahrheitsfindung tun kann, ist in diesen Tagen, da der Prozess gegen Anders Behring Breivik begonnen hat, in Norwegen zu beobachten. Ich habe mich am 16. April auf den Nachdenkseiten unter der &Uuml;berschrift<a href=\"\/?p=12875\"> &bdquo;Verr&uuml;ckt&ldquo; oder &bdquo;b&ouml;se&ldquo; dazu ge&auml;u&szlig;ert<\/a>.<\/p><p><strong>Morgen folgt Teil 2: &bdquo;Schrei nach Ver&auml;nderung&ldquo;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. April 2002 t&ouml;tete der 19-j&auml;hrige Robert S. am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst. 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