{"id":12970,"date":"2012-04-24T14:47:13","date_gmt":"2012-04-24T12:47:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12970"},"modified":"2020-02-18T18:47:27","modified_gmt":"2020-02-18T17:47:27","slug":"abgabenlast-der-arbeitnehmer-nicht-gestiegen-sondern-real-gesunken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12970","title":{"rendered":"Abgabenlast der Arbeitnehmer: nicht gestiegen, sondern real gesunken!"},"content":{"rendered":"<p>Viele Medien haben letzte Woche &uuml;ber die Lage der Sozialversicherung 2011 berichtet und dabei behauptet, die Abgabenlast der Arbeitnehmer sei gewachsen: &bdquo;Arbeitnehmer leiden unter Abgabenlast&ldquo;, &bdquo;Steigende Abgabenlast&ldquo; usw. Diese Schlagzeilen beruhten nach unserer Einsch&auml;tzung auf drei gravierenden Fehlern. Die aktuelle Zahlenl&uuml;ge, aufgedeckt von <strong>Gerd Bosbach<\/strong> und <strong>Jens J&uuml;rgen Korff<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Eine extrem verf&auml;lschende Sicht entstand durch Grafiken, <\/strong><br>\nbeispielsweise diese:<\/p><p>(Schutz der Zeitung anonymisiert)<\/p><p><strong>Fehler 1: Nominale statt reale Geldgr&ouml;&szlig;en<\/strong><\/p><p>Es wurden nur die nominalen Betr&auml;ge gezeigt. Das sind die Betr&auml;ge im Geldwert des jeweiligen Jahres. Sie ber&uuml;cksichtigen weder die Preissteigerungen noch die Steigerungen des allgemeinen Wohlstandes. Im Vergleich mit dem Vorjahr ist dieser Fehler gering, aber auf l&auml;ngere Sicht (wie in der Grafik gezeigt) sieht das anders aus. Nominale Betr&auml;ge (z. B. der Bierpreis, durchschnittliche Ausgaben f&uuml;r Urlaub, L&ouml;hne und Geh&auml;lter) steigen mit den Jahren fast immer stark an.<br>\nWenn wir die realen Betr&auml;ge betrachten, also die Preissteigerung von 25,4 % seit 1996 ber&uuml;cksichtigen, ergibt sich ein ganz anderes Bild:<\/p><table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>nominal<\/td>\n<td>real (preisbereinigt)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Sozialabgaben<\/td>\n<td>+ 37,6 %<\/td>\n<td>+ 12,2 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Lohnsteuer<\/td>\n<td>+ 6,8 %<\/td>\n<td>-18,6 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Beides zusammen<\/td>\n<td>+ 21,2 %<\/td>\n<td>-4,1 %<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>(Verbraucherpreisindex, Jahresdurchschnittswerte)<\/p><p><strong>Real  sind zwar die Sozialabgaben gestiegen, aber die Lohnsteuer  und die Gesamtsumme der Abgaben sind gesunken!<\/strong><\/p><p>(vergl. dazu auch  &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.luegen-mit-zahlen.de\/\">L&uuml;gen mit Zahlen<\/a>&ldquo;, S. 81-82, 88-89, 204-205)<\/p><p><strong>Fehler 2: Die abgeschnittene y-Achse<\/strong><\/p><p>Weil die Grafik erst bei 3500 &euro; beginnt, wirkt der Anstieg deutlich steiler, als er wirklich ist. Die Lohnsteuer ist auch nominal nur um ein gutes Drittel gestiegen und nicht, wie die Grafik oben optisch suggeriert, um das Vierfache. Diese Verzerrung ist leider &uuml;bliche Praxis, manipuliert den Blick aber trotzdem massiv! (s. &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen&ldquo;, S. 32 ff)<\/p><p><strong>Fehler 3: Der wichtigere Faktor, die Bruttolohnentwicklung, wird ausgeblendet<\/strong><\/p><p>Viele Arbeitnehmer haben gemerkt, dass ihre Reall&ouml;hne in den Jahren seit 1996 nicht mit der Wirtschaftsentwicklung mitgehalten haben. Von den gut 22 % realer Wohlstandssteigerung haben die meisten Arbeitnehmer nichts gesehen, sondern nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt sogar mehr als 5 % Reallohnverlust in Kauf nehmen m&uuml;ssen. In dieser Situation pr&auml;sentieren ihnen die Medien die Lohnsteuer und die Sozialabgaben, also den Staat, als vermeintliche Ursache. Eine viel gr&ouml;&szlig;ere Ursache wird dadurch ausgeblendet: die seit vielen Jahren stagnierenden oder real sogar sinkenden Bruttol&ouml;hne und -geh&auml;lter  &ndash; &uuml;ber die die Unternehmer im Prinzip entscheiden. (s. L&uuml;gen mit Zahlen, S. 15 ff, 22f, 175f)<\/p><p><strong>Quintessenz und eine politologische Vermutung: <\/strong><\/p><p>Mit drei bekannten Statistik-Tricks konstruieren viele Medien aus dem Hauptproblem, dass die Arbeitnehmer dank niedriger L&ouml;hne an der Wirtschaftsentwicklung nicht teilhaben, das angebliche Problem der wachsenden Abgabenlast und stellen es grafisch &uuml;bertrieben dar.<br>\nDas Gerede von der massiven Last durch Steuern und Sozialabgaben soll neben der Ablenkung von den real fehlenden Lohnerh&ouml;hungen wahrscheinlich auch den Druck auf die Parlamente erh&ouml;hen, die Abgaben zu senken. In der Folge w&uuml;rden Sozialleistungen und andere staatliche Leistungen gek&uuml;rzt oder gestrichen, was privaten Anbietern neue Absatzfelder er&ouml;ffnen w&uuml;rde. Die Privatisierungswelle der letzten beiden Jahrzehnte k&ouml;nnte so immer noch weitergehen.<br>\n(vergl. dazu &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen&ldquo;, S. 21 ff) <\/p><p>H&ouml;ren Sie dazu auch das Interview:<\/p><p><strong>Die M&auml;r von der steigenden Abgabenlast f&uuml;r Arbeitnehmer<\/strong><br>\nIn letzter Zeit wurde wieder viel &uuml;ber steigende Abgaben berichtet: vor allem f&uuml;r Arbeitnehmer sei die Abgabenlast erneut gestiegen. Ein Fall von &ldquo;L&uuml;gen mit Zahlen&rdquo;, sagt Statitistik-Professor Gerd Bosbach.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/detektor.fm\/wirtschaft\/statistiker-korrigiert-prognose-nicht-alles-wird-immer-teurer\/\">dedektor.fm<\/a><\/p><p><strong>Erg&auml;nzend zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/biaj.de\/archiv-materialien\/37-texte\/235-irrefuehrung-nettoloehne-abzuege-in-welt-dpa-grafik.html\">Irref&uuml;hrende Gegen&uuml;berstellung der Nettol&ouml;hne und Abz&uuml;ge in Welt-dpa-Grafik<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/?p=12893\">Irref&uuml;hrende Darstellung der Entwicklung der Nettol&ouml;hne und Abz&uuml;ge in Welt-dpa-Grafik: Absicht oder Irrtum?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/?p=12901#h05\">Entwicklung der durchschnittlichen Nettorealverdienste und der Abz&uuml;ge  (mit einer Excel-Tabelle)<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Medien haben letzte Woche &uuml;ber die Lage der Sozialversicherung 2011 berichtet und dabei behauptet, die Abgabenlast der Arbeitnehmer sei gewachsen: &bdquo;Arbeitnehmer leiden unter Abgabenlast&ldquo;, &bdquo;Steigende Abgabenlast&ldquo; usw. 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