{"id":12985,"date":"2012-04-25T09:29:28","date_gmt":"2012-04-25T07:29:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12985"},"modified":"2019-01-30T10:58:59","modified_gmt":"2019-01-30T09:58:59","slug":"amok-in-erfurt-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12985","title":{"rendered":"Amok in Erfurt \/ Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><strong>&bdquo;Schrei nach Ver&auml;nderung&ldquo;<\/strong><br>\nVon <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong><br>\nIm August 2005 wurde der Schulbetrieb im umgebauten und gr&uuml;ndlich sanierten Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit einer Feierstunde wieder aufgenommen. Neben dem Eingang brachte man eine Gedenktafel mit den Namen der sechzehn Get&ouml;teten an. Gesellschaften und Gemeinschaften brauchen Orte der Erinnerung und kollektive Rituale zur Bew&auml;ltigung eines Traumas, um ihr ersch&uuml;ttertes Gleichgewicht wieder zu erlangen. Es gibt allerdings Formen der Erinnerung, die in Wahrheit eher das Vergessen bef&ouml;rdern. Man schafft, salopp gesagt, &bdquo;Kranzabwurfstellen&ldquo;, Orte, an denen man an Jahrestagen Blumen niederlegt, Kerzen entz&uuml;ndet und sich einer ritualisierten Ged&auml;chtnis&uuml;bung unterzieht, um hinterher umso schneller vergessen zu k&ouml;nnen und &uuml;ber die Ursachen der Gewalt nicht reden zu m&uuml;ssen.<br>\n<!--more--><br>\nAuf der Erfurter Gedenktafel findet sich &uuml;ber den Namen der Opfer die Inschrift: &bdquo;Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt.&ldquo; Das ist angemessen und klingt gut, aber hat man auch etwas unternommen, damit die am Ort des Schreckens artikulierte Hoffnung zu einer aufgekl&auml;rten, fundierten und gepr&uuml;ften Hoffnung wird, die mehr und etwas anderes ist als ein frommer Wunsch und Beschwichtigung? Wer nach dem Massaker auf eine Form von Katastrophendidaktik gesetzt hatte, sah sich bald entt&auml;uscht. Selbst die gr&ouml;&szlig;ten anzunehmenden zwischenmenschlichen Unf&auml;lle scheinen keinen prinzipiellen und nachhaltigen Zweifel an der Gangart des gesellschaftlichen Prozesses auszul&ouml;sen. Staat und Gesellschaft vermeiden einen Diskurs &uuml;ber die Ursachen der Gewalt und lassen es sich dagegen etwas kosten Gewalt mit technischen und repressiven Mitteln zu bek&auml;mpfen.<br>\nDie Erfurter Sch&uuml;lerinitiative &bdquo;Schrei nach Ver&auml;nderung&ldquo;, die unmittelbar nach dem Massaker am Gutenberg-Gymnasium entstanden war, stellte schon wenige Monate nach der Tat fest, dass &bdquo;vielerorts wieder Normalit&auml;t eingekehrt&ldquo; sei. Das m&ouml;gen die meisten von der Tat Betroffenen und auch die B&uuml;rger der Stadt Erfurt mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben, wenn aber Massenm&ouml;rder nicht, wie Bernhard Vogel anzunehmen scheint, von einem fremden Stern stammen, sondern unserer Normalit&auml;t entspringen, ist die R&uuml;ckkehr dieser Normalit&auml;t eher ein Grund zur Besorgnis. <\/p><p>Am 18. Juli 2002 ver&ouml;ffentlichte die Frankfurter Rundschau einen Aufruf Erfurter Sch&uuml;ler und Studierender, in dem gefordert wurde, sich &bdquo;verst&auml;rkt mit den gesellschaftlichen Ursachen dieser Tat auseinander zu setzen&ldquo;, weil nur deren Kenntnis es erm&ouml;gliche, &auml;hnlichen Taten vorzubeugen. Insbesondere m&uuml;sse der Leistungsbegriff hinterfragt werden, der das Bildungssystem beherrsche und daf&uuml;r verantwortlich sei, dass unabl&auml;ssig Verlierer produziert w&uuml;rden, die den vorherrschenden Idealen nicht entspr&auml;chen und in der Folge leicht in eine Position abseitiger Verzweiflung gerieten. <\/p><p>Was ist aus den Forderungen der Sch&uuml;ler und Studierenden geworden? Was hat man gelernt oder: was h&auml;tte man aus der Katastrophe von Erfurt lernen k&ouml;nnen?<br>\nIn Familien sollte ein Klima herrschen, das es Kindern und Jugendlichen erm&ouml;glicht, alles sagen zu k&ouml;nnen. Wer die Erfahrung macht, dass man erlittene Niederlagen eingestehen darf, ohne die Zuwendung der Eltern zu riskieren, und in Notsituationen von einem unzerst&ouml;rbaren Netz emotionaler Bindungen aufgefangenen zu werden, wird es selbst mit peinlichen Kr&auml;nkungen und schlimmen Zur&uuml;ckweisungen aufnehmen k&ouml;nnen, die das Leben &bdquo;drau&szlig;en&ldquo; bereit h&auml;lt. Unwissenheit, die die Eltern von Robert S. f&uuml;r sich reklamiert haben, beruht zu einem gro&szlig;en Teil auf einem wie auch immer begr&uuml;ndeten Desinteresse, oder andersherum: Eltern, die wissen wollen, ob ihr Sohn tats&auml;chlich die Schule besucht und dort etwas lernt, erfahren das auch. &bdquo;Wer denkt, es ist alles in Ordnung, obwohl nichts in Ordnung ist, der will auch glauben, es sei alles in Ordnung, weil er angesichts der erahnten Unordnung resigniert hat&ldquo;, kommentiert Wolfgang Schmidbauer die Haltung vieler heutiger Eltern. H&auml;tte sich Frau S. an jenem von ihr geschilderten Morgen zu Robert an den K&uuml;chentisch gesetzt und ihm Gelegenheit gegeben, zu erz&auml;hlen und sein schulisches Scheitern einzugestehen, w&auml;re es m&ouml;glicherweise zur Tat nicht gekommen. <\/p><p>Am Ende von Fritz Langs Film M &ndash; eine Stadt sucht den M&ouml;rder f&auml;llt der Satz: &bdquo;Wir m&uuml;ssen uns mehr um unsere Kinder k&uuml;mmern.&ldquo; Was so einfach und banal klingt und die einzig wirksame Form der Pr&auml;vention w&auml;re: Dass f&uuml;r keinen und niemand die Kommunikation und der Bezug zur Welt abbricht, ist doch zugleich das Schwierigste. Die Bereitschaft, sich umeinander und vor allem um Kinder zu k&uuml;mmern, l&auml;sst sich nicht dekretieren, und solange m&auml;chtige Tendenzen, die in der Grundstruktur dieser Gesellschaft verankert sind, daran arbeiten, die Menschen in gegeneinander isolierte und miteinander konkurrierende Sozialatome zu verwandeln, werden viele Familien nicht mehr sein als das blo&szlig;e Nebeneinander von sprach- und lieblosen Einsamkeiten. Nach wie vor gilt, was Adorno in seinem ber&uuml;hmten Aufsatz &bdquo;Erziehung nach Auschwitz&ldquo; aus dem Jahr 1966 gesagt hat: &bdquo;Vor allem aber kann man Eltern, die selber Produkte dieser Gesellschaft sind und ihre Male tragen, zur W&auml;rme nicht animieren. Die Aufforderung, den Kindern mehr W&auml;rme zu geben, dreht die W&auml;rme k&uuml;nstlich an und negiert sie dadurch.&ldquo;<\/p><p>Dass rund um den 10. Jahrestag des Massakers in den Medien &ndash; und auch in diesem Text &ndash; der Name des Robert S. erneut genannt wird, geh&ouml;rt zu seinen posthumen Erfolgen und belehrt uns zugleich &uuml;ber ein m&ouml;glicherweise zentrales Motiv solcher T&auml;ter. &bdquo;Ich m&ouml;chte, dass mich eines Tages alle kennen&ldquo;, hatte er im Vorfeld der Tat einer Mitsch&uuml;lerin anvertraut &ndash; und so ist es nun auch. Wem es auf gesellschaftlich akzeptierte Weise nicht gelingt, Anerkennung zu finden, kann als Massenm&ouml;rder und Negativ-Held in die Annalen der Zeitgeschichte eingehen. Die Medien erweisen sich als m&auml;chtige Komplizen von T&auml;tern, die auf Anerkennung aus sind. Der T&auml;ter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, dass die Medien ihn verbreiten.<\/p><p>Im Zeitalter des Narzissmus besteht nur dann Hoffnung auf eine Eind&auml;mmung des School Shootings, wenn die mediale Resonanz m&ouml;glichst gering ausf&auml;llt und jede Heroisierung der T&auml;ter unterbleibt. G&auml;be es den medialen Hype nicht und w&uuml;rden Meldungen &uuml;ber Schulschie&szlig;ereien auf Seite sieben der Lokalzeitungen landen, g&auml;be es die Schulmassaker nicht oder doch in viel geringerem Ausma&szlig;. Vor allem d&uuml;rfen keine Bilder des T&auml;ters in Aktion und Kampfmontur in Umlauf gesetzt werden, weil diese den &bdquo;b&ouml;sartigen Narzissmus&ldquo; amokgef&auml;hrdeter Jugendlicher auf besondere Weise stimulieren und sie zur Nachahmung geradezu animieren. Am besten w&auml;re es, nicht einmal Fotos und Namen der T&auml;ter zu verbreiten. Da Winnenden uns vor ein paar Jahren wieder ein zum medialen Paroxysmus gesteigertes Gegenbeispiel geliefert hat, k&ouml;nnte man auf die Idee verfallen, dass diese Gesellschaft &ndash; und damit wir alle &ndash; den Amoklauf unbewusst f&ouml;rdern, weil er uns mit Bildern beliefert, die wir schaudernd genie&szlig;en, und weil er uns kurzfristig ein panikinduziertes Gef&uuml;hl der Zusammengeh&ouml;rigkeit beschert. <\/p><p>Gesamtgesellschaftlich w&auml;re aus der Erfurter Katastrophe zu lernen gewesen, dass wir gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse herstellen m&uuml;ssten, unter denen der Mensch dem Mensch kein Wolf mehr ist und sein muss und ihm weniger Bosheit eingepresst wird. Wir m&uuml;ssten der Demontage des Sozialstaats Einhalt gebieten, den Wahnsinn der losgelassenen M&auml;rkte stoppen und Solidarit&auml;t an die Stelle des entfesselten Konkurrenzkampfes setzen. Das w&auml;re eine Form von sozialer Pr&auml;vention, die langfristig den N&auml;hrboden austrocknen k&ouml;nnte, auf dem der Amoklauf gedeiht. Die Menschen des neoliberalen Zeitalters leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression und werden von der Angst umgetrieben, aus der Gesellschaft, ja aus der Welt herauszufallen und einen sozialen Tod zu sterben. Wer seine Arbeit verliert, verliert ja weit mehr als seine Arbeit. Er b&uuml;&szlig;t seine Gesellschaftlichkeit ein, das Gef&uuml;hl gebraucht zu werden, die Bindung an einen Ort, an dem man abends zu ihm sagt: &bdquo;Sch&ouml;nen Feierabend und bis morgen!&ldquo; <\/p><p>Wer von der Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess ausgeschlossen wird, kann leicht fallen &ndash; und wohin f&auml;llt er dann unter heutigen Bedingungen? Welche Netze halten seinen Sturz auf? Da ist kein Glaube mehr, der tr&ouml;stet, kein gewerkschaftlich-politisches Milieu, das den Verlust mit Sinn ausstattet und in gemeinsamen Widerstand &uuml;berf&uuml;hrt. <\/p><p>Pers&ouml;nlichkeitsst&ouml;rungen, die im geregelten Alltag leidlich eingekapselt waren, k&ouml;nnen nun aufbrechen. Gelingt der R&uuml;ckweg in die Normalit&auml;t nicht, wird der aus der Welt gefallene Mensch mehr und mehr von seiner Tagtraumwelt aufgesogen. Er br&uuml;tet &uuml;ber seinen inneren Ungl&uuml;cksvorr&auml;ten und droht in den Bann einer destruktiven Dynamik zu geraten, die sich schlie&szlig;lich suizidal oder amokartig entladen kann. Es ist gewiss kein Zufall, dass sich der Amoklauf im neoliberalen Zeitalter aus einem zuvor seltenen Ereignis zu einer grausigen Mode entwickelt hat. Seit Mitte der 1970er Jahre hat es weltweit allein mehr als 120 sogenannte School-Shootings gegeben, die meisten davon in den USA, gefolgt von Kanada und Deutschland. Aber das School Shooting ist nur die jugendliche Variante dessen, wof&uuml;r sich der aus dem Malaiischen stammende Begriff Amok durchgesetzt hat. Das Gros der amokartigen Taten wird von M&auml;nnern um die vierzig begangen, die im Vorfeld der Tat einen sozialen Tod gestorben sind und nun ihre verlorene Gesellschaftlichkeit nur noch t&ouml;dlich wiederherstellen k&ouml;nnen, indem sie in ihren Untergang so viele Menschen wie m&ouml;glich mitrei&szlig;en. Wenn der mit den Zw&auml;ngen der weltweiten Konkurrenz begr&uuml;ndete Trend zu Rationalisierung und Stellenabbau sich fortsetzt, gro&szlig;e Teile der Jugend ohne jede Perspektive bleiben und &auml;ltere, leistungsschw&auml;chere, psychisch labile und mental unflexible Menschen weiter aus dem Arbeitsprozess heraus- und in eine Anomie-Position hineingedr&auml;ngt werden, droht der Amoklauf zur kriminellen Signatur des neoliberalen Zeitalters zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>&bdquo;Schrei nach Ver&auml;nderung&ldquo;<\/strong><br \/> Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong><br \/> Im August 2005 wurde der Schulbetrieb im umgebauten und gr&uuml;ndlich sanierten Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit einer Feierstunde wieder aufgenommen. Neben dem Eingang brachte man eine Gedenktafel mit den Namen der sechzehn Get&ouml;teten an. 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