{"id":130011,"date":"2025-03-11T09:00:39","date_gmt":"2025-03-11T08:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130011"},"modified":"2025-03-12T14:30:40","modified_gmt":"2025-03-12T13:30:40","slug":"15-jahre-lagerhaft-fuer-den-autor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130011","title":{"rendered":"\u201e15 Jahre Lagerhaft f\u00fcr den Autor!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/warum-ich-niemals-fuer-mein-land-kaempfen-wuerde.html\">&bdquo;Warum ich niemals f&uuml;r mein Land k&auml;mpfen w&uuml;rde&ldquo;<\/a> betitelt <strong>Ole Nymoen<\/strong>, bekannt vom Podcast <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/c\/Wohlstandf%C3%BCrAlle\">&bdquo;Wohlstand f&uuml;r Alle&ldquo;<\/a>, sein neues Buch beim Rowohlt-Verlag, nachdem er zuvor mit Wolfgang M. Schmitt bereits ein Buch zu &bdquo;Influencern&ldquo; sowie ein Kinderbuch (&bdquo;Die kleinen Holzdiebe und das R&auml;tsel des Juggernaut&ldquo;) ver&ouml;ffentlicht hat. Der junge Autor bezieht damit Position in einer Debatte, die angesichts der Militarisierung &ndash; Stichworte: Aufr&uuml;stung, Herstellung von Kriegst&uuml;chtigkeit bei der Bev&ouml;lkerung, eventuelle Wiedereinf&uuml;hrung der Wehrpflicht &ndash; in Deutschland dringend notwendig erscheint. Im Interview mit den NachDenkSeiten erkl&auml;rt Nymoen, was er an der Au&szlig;enpolitik von Nationalstaaten und ihren Kriegen kritisiert und warum einige pazifistische Positionen zu kurz greifen. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Renate Dillmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1573\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-130011-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250311_15_Jahre_Lagerhaft_fuer_den_Autor_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250311_15_Jahre_Lagerhaft_fuer_den_Autor_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250311_15_Jahre_Lagerhaft_fuer_den_Autor_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250311_15_Jahre_Lagerhaft_fuer_den_Autor_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=130011-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250311_15_Jahre_Lagerhaft_fuer_den_Autor_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250311_15_Jahre_Lagerhaft_fuer_den_Autor_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Renate Dillmann: Im Bundestagswahlkampf kam es zu einem regelrechten &Uuml;berbietungswettbewerb bez&uuml;glich dem, was k&uuml;nftig in Deutschland f&uuml;r die Aufr&uuml;stung ausgegeben werden soll &ndash; am Ende waren nicht einmal f&uuml;nf Prozent des Bruttoinlandsprodukts genug. Inzwischen wird &uuml;ber zwei gigantische &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo; f&uuml;r Aufr&uuml;stung und Infrastruktur in H&ouml;he von xxx Milliarden (wer wei&szlig;, was den deutschen Politikern noch einf&auml;llt) verhandelt und die Schuldenbremse soll f&uuml;r R&uuml;stungsbeschaffung au&szlig;er Kraft gesetzt werden. Parallel dazu will die EU weitere 800 Milliarden f&uuml;r gemeinsame R&uuml;stungsprojekte und zur Unterst&uuml;tzung der Ukraine ausgeben. W&uuml;rden Sie bestreiten, dass diese Kosten f&uuml;r die Aufr&uuml;stung der BRD notwendig sind?<\/strong><\/p><p><strong>Ole Nymoen<\/strong>: Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn wir wissen nicht einmal, zu welchem Zweck der designierte Bundeskanzler derart aufr&uuml;sten will. Offiziell hei&szlig;t es nat&uuml;rlich: nur zu Verteidigungszwecken! Aber schon vor drei Jahren, kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine, erkl&auml;rte Friedrich Merz im Bundestag, Deutschland m&uuml;sse bereit sein, &bdquo;in dieser Welt seine Interessen zu definieren, und vor allem bereit sein, diese Interessen auch durchzusetzen.&ldquo; Dazu z&auml;hle &bdquo;nicht nur, aber auch die F&auml;higkeit, das eigene Territorium zu sch&uuml;tzen und zu verteidigen&ldquo;.<\/p><p>Merz erkl&auml;rte damals also: Deutschland muss bereit sein, &uuml;ber die eigenen Grenzen hinauszudenken und seine Interessen mit milit&auml;rischer Gewalt durchzusetzen. Was daf&uuml;r tats&auml;chlich &bdquo;notwendig&ldquo; ist, das m&ouml;chte ich nun nicht m&uuml;hevoll ausrechnen m&uuml;ssen. F&uuml;r mich ist im Kriegsfall n&auml;mlich nicht die Rolle des Machers eingeplant, sondern die des n&uuml;tzlichen Idioten, der mit der Waffe in der Hand t&ouml;tet und stirbt. Daher werbe ich f&uuml;r einen Blick, der sich nicht mit einzelnen Staaten gemein macht. Stattdessen muss es darum gehen, zu erkennen: Die Kriege werden nie im Interesse derer gef&uuml;hrt, die in ihnen sterben.<\/p><p><strong>In der Einleitung zu Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass die f&uuml;hrenden deutschen Politiker, die im Augenblick nationale Geschlossenheit einfordern, zuvor mit neoliberaler H&auml;rte f&uuml;r prek&auml;re Jobs, neue Formen von Armut und steigende Besucherzahlen der &bdquo;Tafeln&ldquo; gesorgt haben, w&auml;hrend gleichzeitigt ein DAX-Rekord den n&auml;chsten jagte. Ist das ein Widerspruch?<\/strong><\/p><p>Durchaus. Auf der einen Seite sagt dieser Staat: &bdquo;Jeder ist f&uuml;r sich selbst verantwortlich.&ldquo; Solidarit&auml;t ist f&uuml;r alle ma&szlig;geblichen Politiker ein Wert, der bestenfalls bei der Ein-Herz-f&uuml;r-Kinder-Gala gelebt wird. Dass die einen immer reicher werden, w&auml;hrend die anderen jeden Euro zweimal umdrehen &ndash; das ist f&uuml;r einen Friedrich Merz, eine Alice Weidel oder einen Robert Habeck nun einmal der Lauf der Welt, und viele von ihnen wollen diese Tendenz sogar verst&auml;rken. Etwa durch Steuersenkungen f&uuml;r Reiche, w&auml;hrend f&uuml;r die &Auml;rmsten die Mehrwertsteuer erh&ouml;ht wird.<\/p><p>Dieses Land produziert auf der einen Seite einen gigantischen Reichtum, auf der anderen Seite verfallen Schulen und Kinder bekommen nicht einmal ein warmes Mittagessen. Die R&auml;son dieses Staates besteht sicherlich nicht darin, f&uuml;r alle ein angenehmes Leben zu schaffen. Und das behauptet auch keiner, im Gegenteil: Permanent werden die B&uuml;rger darauf eingeschworen, den G&uuml;rtel enger zu schnallen, Lohnsenkungen oder K&uuml;rzungen der Sozialleistungen hinzunehmen. Und was passiert, sobald Krieg ist? Dann soll sich das ganze Volk als gro&szlig;e Solidargemeinschaft missverstehen. Da stimmt doch etwas nicht!<\/p><p><strong>Sie treten mit Ihrem Buch gegen eine regelrechte Selbstverst&auml;ndlichkeit im Bewusstsein der Mitglieder dieser Gesellschaft an. Aber ist es nicht selbstverst&auml;ndlich, dass man &bdquo;sein&ldquo; Land verteidigt, wenn es angegriffen wird? W&uuml;rden Sie sich nicht verteidigen, wenn Ihre Wohnung, Ihr Leben, das Leben Ihrer Liebsten in Gefahr ist?<\/strong><\/p><p>Die Souver&auml;nit&auml;t des eigenen Staates und das eigene &Uuml;berleben sind aber nicht dasselbe. Wenn ich als Privatperson auf offener Stra&szlig;e angegriffen werde, dann wehre ich mich mit eigener Gewalt gegen einen fremden &Uuml;bergriff. Wenn hingegen ein Staat angegriffen wird, dann zwingt dieser seine B&uuml;rger &ndash; ob sie wollen oder nicht, ob sie sich mit dem Staat identifizieren oder nicht &ndash;, im Land zu bleiben und f&uuml;r ihn zu k&auml;mpfen. Dabei steht garantiert nicht der Schutz der Bev&ouml;lkerung an erster Stelle &ndash; die muss ja als Soldat k&auml;mpfen oder steht als Zivilbev&ouml;lkerung unter Beschuss. Stattdessen geht es um die Souver&auml;nit&auml;t des Staates. Zwischen dem Sicherheitsbed&uuml;rfnis des B&uuml;rgers und dem des Staates besteht ein Widerspruch &ndash; auch wenn das gern geleugnet wird, wenn von &bdquo;unserer Sicherheit&ldquo; die Rede ist.<\/p><p><strong>Am Ende der Einleitung schreiben Sie: &bdquo;Dass Staaten sich durch permanente Gewalt nach innen wie nach au&szlig;en kennzeichnen, ist eine der Kernthesen dieses Buches.&ldquo; K&ouml;nnen Sie erl&auml;utern, wieso es zum Wesen von Nationalstaaten geh&ouml;rt, immer wieder zum Mittel kriegerischer Gewalt zu greifen? Ist es nicht vielmehr so, dass Staaten f&uuml;r (Rechts-)Frieden und sozialen Frieden im Innern und f&uuml;r friedliche Beziehungen nach au&szlig;en sorgen?<\/strong><\/p><p>Staaten sind nichts weiter als Gewaltmonopolisten. Das halten die klassischen Staatstheoretiker ihnen gerade zugute. Man denke an Hobbes, demzufolge der Staat mit seinem Gewaltmonopol den &bdquo;Krieg eines jeden gegen jeden&ldquo; beendet. Da stellt sich nur die Frage: Wenn der Staat angeblich blo&szlig; dazu da ist, die Gewalt im Inneren eines Gemeinwesens zu unterbinden &ndash; wieso r&uuml;stet sich dann ein jeder Staat permanent auf, um diese Gewalt auf erweiterter Stufenleiter &ndash; soll hei&szlig;en, im Krieg &ndash; fortzuf&uuml;hren?<\/p><p>Meine Antwort ist simpel: Ein Staat ist eben nicht ein freier Verband von Menschen, die sich zusammengefunden haben, um gemeinsam Gesellschaft zu machen &ndash; sondern ein Herrschaftsbereich, der in &ouml;konomischer und milit&auml;rischer Konkurrenz zu anderen Gewaltmonopolisten steht. Und diese Konkurrenz enth&auml;lt immer das Potential, dass Konflikte nicht nur &bdquo;zivil&ldquo;, beispielsweise mit Handelssanktionen, gef&uuml;hrt werden. Stattdessen enth&auml;lt diese Staatenwelt immer schon das Potenzial der milit&auml;rischen Gewalt.<\/p><p><strong>Sie schreiben: &bdquo;Ich m&ouml;chte nicht auf Menschen schie&szlig;en, von denen mich nichts Substanzielles trennt und mit denen ich wahrscheinlich ein angenehmes, kooperatives, friedliches Leben f&uuml;hren k&ouml;nnte &ndash; w&auml;ren da nicht die Machthaber dieser Welt, die anderes mit uns vorhaben.&ldquo; Das h&ouml;rt sich an wie eine moderne Formulierung der ehemals internationalistischen Arbeiterbewegung. Wenn es so ist, dass Staaten vor allem ihre eigenen Interessen in der Konkurrenz der Staaten verfolgen, die mit denen der Bev&ouml;lkerung wenig zu tun haben, warum k&ouml;nnen sie dann trotzdem darauf z&auml;hlen, dass ihre Bev&ouml;lkerungen meist ziemlich geschlossen hinter ihnen stehen und am Ende sogar in den Krieg ziehen?<\/strong><\/p><p>Im &bdquo;Kommunistischen Manifest&ldquo; von Karl Marx und Friedrich Engels hei&szlig;t es: &bdquo;Die Arbeiter haben kein Vaterland.&ldquo; Davon bin ich ebenso &uuml;berzeugt. Auch wenn Menschen verschiedene Sprachen sprechen oder unterschiedlichen Kulturen entstammen, gibt es keinen sachlichen Grund, weshalb sie aufeinander losgehen und sich massakrieren sollten. Das tun sie nur, weil man es ihnen befiehlt &ndash; und weil sie gelernt haben, alles durch eine nationale Brille zu betrachten.<\/p><p>Wer sein Leben lang erz&auml;hlt bekommt, dass er zu einem wunderbaren Staatsvolk geh&ouml;rt, das leider Gottes durch &auml;u&szlig;ere Feinde bedroht ist &ndash; der wird dann oftmals auch zu jeder Gr&auml;ueltat bereit sein und seine Waffen auf Menschen richten, von denen ihn in Wahrheit &uuml;berhaupt nichts trennt. Besonders eindrucksvoll kann man das in Romanen &uuml;ber den Ersten Weltkrieg nachlesen, etwa in Erich Maria Remarques Klassiker &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo;. Dort merken die Soldaten selbst, dass die feindlichen K&auml;mpfer ihnen eigentlich viel weniger gef&auml;hrlich sind als die eigenen Oberbefehlshaber. Schon vor knapp 100 Jahren war das vielen Menschen klar, aber heute scheint es vergessen worden zu sein. Deshalb greife ich in meinem Buch auf solche Klassiker zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>Die neue deutsche Aufr&uuml;stung wurde in der &bdquo;Zeitenwende&ldquo;-Debatte damit begr&uuml;ndet, sie sei &bdquo;f&uuml;r unsere Freiheit, unseren Wohlstand, unsere Demokratie&ldquo; (Olaf Scholz) notwendig. Der n&auml;chste gro&szlig;e Krieg wird vermutlich im Namen von &bdquo;Demokratie&ldquo; gegen sogenannte &bdquo;autorit&auml;re Regime&ldquo; gef&uuml;hrt. Welche Rolle spielt diese Art von Legitimation? Eine gewisse Heuchelei ist ja un&uuml;bersehbar &hellip;<\/strong><\/p><p>Im Krieg geht es nie um Moral. Aber nat&uuml;rlich werden permanent moralistische Begr&uuml;ndungen f&uuml;r Kriege vorgebracht, denn irgendwie m&uuml;ssen die eigenen Milit&auml;reins&auml;tze der eigenen Bev&ouml;lkerung schmackhaft gemacht werden. Wer seine Gegner als autorit&auml;re Despoten verunglimpft, der hat damit schon einen guten Grund f&uuml;r die eigene Gewalt gefunden: Mit &bdquo;so einem&ldquo; kann man eben nicht verhandeln, da helfen nur Waffen!<\/p><p>Und die meisten B&uuml;rger, deren gr&ouml;&szlig;te Freiheit darin besteht, nach einem zehnst&uuml;ndigen Arbeitstag auf <em>Instagram<\/em> zu verk&uuml;nden, dass sie die Gr&uuml;nen doof finden &ndash; ebendiese B&uuml;rger lassen sich diesen Kampf im Namen der Freiheit dann auch einleuchten.<\/p><p>Um Wahrheit geht es dabei nie, stattdessen wird zu den gr&ouml;&szlig;ten moralischen Kalibern gegriffen. Besonders beliebt sind in der internationalen Politik Hitler-Vergleiche, wie man auch am Beispiel des Ukraine-Kriegs sehen kann: Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj bedenken sich seit drei Jahren permanent gegenseitig mit verqueren historischen Analogien. Aber um Antifaschismus geht es in diesem Kampf garantiert keiner Seite.<\/p><p><strong>Ein bemerkenswerter Satz in Ihrem Buch lautet &bdquo;Denn Krieg ist nicht falsch, weil er verboten ist. Er ist falsch, weil einige wenige Menschen &uuml;ber die Leichenberge anderer gehen k&ouml;nnen, um ihre Interessen durchzusetzen.&ldquo; &ndash; wobei mit den &bdquo;wenigen Menschen&ldquo; wohl die Funktion&auml;re von Staaten gemeint sind. Mit diesem Satz weisen Sie darauf hin, dass das von Friedensfreunden oft beschworene V&ouml;lkerrecht eigentlich keine besonders taugliche Berufungsinstanz gegen Kriege ist. Warum ist es das nicht? Und warum spielt es f&uuml;r die Friedensbewegung eine so gro&szlig;e Rolle?<\/strong><\/p><p>Das Problem mit dem V&ouml;lkerrecht ist simpel: Es ist ein zahnloser Tiger, da es keine &uuml;bergeordnete Instanz gibt, die es &uuml;berwacht. Im Inneren eines Staates ist das anders, dort gibt es eine klare Hierarchie: Wenn in Deutschland ein B&uuml;rger gegen einen anderen gewaltt&auml;tig wird, dann kann dieser sich darauf verlassen, dass der Staat das ermittelt und bestraft. Auf der einen Seite steht dann der straff&auml;llig gewordene B&uuml;rger, auf der anderen die exekutive und judikative Gewalt.<\/p><p>Zwischen den Staaten ist das schwieriger. M&auml;chtige Staaten wie die USA, Russland oder China sehen sich nicht an internationales Recht gebunden. Sie verweisen zwar gerne darauf, wenn ein Feindesstaat dieses Recht bricht. Aber wenn sie selbst einen Krieg vom Zaun brechen, dann ist ihnen das V&ouml;lkerrecht egal, da sie eh niemand zur Rechenschaft ziehen kann. Die USA haben sogar ein eigenes Gesetz, mit dem sie sich erlauben, eine Invasion in den Niederlanden zu starten, sollte tats&auml;chlich einmal ein US-Amerikaner vor dem Internationalen Strafgerichtshof landen.<\/p><p>Genau deshalb ist es auch so hilflos, wenn Linke und Friedensaktivisten auf das V&ouml;lkerrecht pochen: Denn das taugt den Staaten dieser Welt nur als moralistische Berufungsinstanz.<\/p><p><strong>Ihr Artikel in der <em>Zeit<\/em> hat einen regelrechten Shitstorm ausgel&ouml;st &ndash; mit vielen guten W&uuml;nschen, wohin Sie doch gehen k&ouml;nnten. Da haben Sie im Land der grundgesetzlich garantierten Meinungs- und Pressefreiheit eine, zugegeben abweichende, Meinung ge&auml;u&szlig;ert, und umgehend werden Forderungen nach 15 Jahren Lagerhaft laut. Was ist da los?<\/strong><\/p><p>Ja, einer der Kommentatoren w&uuml;nschte mir sogar russische Lagerhaft &ndash; wohlgemerkt unter Klarnamen! Er kann von Gl&uuml;ck sprechen, dass ich nicht bei den Gr&uuml;nen bin, sonst h&auml;tte ich wahrscheinlich geklagt.<\/p><p>Die Logik dieser &bdquo;Kritiker&ldquo; ist denkbar simpel: Dass ich das Recht habe, meine Meinung frei zu &auml;u&szlig;ern, steht f&uuml;r sie bereits f&uuml;r die unleugbare Menschenfreundlichkeit dieses Systems. Deshalb sollte ich mein Recht auf Meinungs&auml;u&szlig;erung bitte nicht derart &uuml;berstrapazieren und mich stattdessen in Reih und Glied einordnen. Der Autoritarismus solcher Liberaler spricht f&uuml;r sich selbst.<\/p><p>Was diese Kritiker gerne verschweigen: Menschen wie ich wurden auch in der Bundesrepublik lange Zeit mundtot gemacht. In den 50er-Jahren wurden sie unter Konrad Adenauer anhaltslos ins Gef&auml;ngnis gesperrt. Bald darauf folgte das KPD-Verbotsverfahren, das (milde ausgedr&uuml;ckt) nicht gerade nach modernen, rechtsstaatlichen Prinzipien verlief. Bis in die Gegenwart werden Sozialisten mit Berufsverboten belegt. Die Freiheitlichkeit des &ouml;ffentlichen Diskurses ist also nie einfach gegeben. Sie wurde in der Bundesrepublik vor allem dadurch m&ouml;glich, dass man alle ma&szlig;geblichen Kritiker erst einmal marginalisiert hat. Heute leistet man sich ab und zu abweichende Meinungen, aber das kann schnell wieder anders laufen.<\/p><p><strong>Sie sind ein junger Autor, sozusagen eine Stimme der jungen Generation, nicht der altgedienten Friedensbewegung, die gerade nicht fassen kann, warum die Politik der &bdquo;Zeitenwende&ldquo; bzw. der &bdquo;Kriegsert&uuml;chtigung&ldquo; nicht Massen auf die Stra&szlig;en bringt. Was denken Sie &uuml;ber das politische Bewusstsein Ihrer Altersgenossen?<\/strong><\/p><p>Eine Mehrheit der jungen Leute lehnt &ndash; Stand 2024 &ndash; eine neue Wehrpflicht ab. Ein gewisses gesundes Eigeninteresse scheint also noch zu existieren. Dennoch merke ich immer wieder, wie selbst Linke den Kampf f&uuml;r das eigene Land als notwendige Pflicht anerkennen.<\/p><p>Dass vor gut hundert Jahren die Menschen in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben gek&auml;mpft haben &ndash; das finden alle wahnsinnig. Aber immer in der Zeit, in der man selbst gerade lebt, ist die Pflicht, f&uuml;rs Vaterland zu k&auml;mpfen, so dringend wie nie zuvor. Verr&uuml;ckte Welt!<\/p><p><strong>Zum Schluss schreiben Sie, dass Sie Ihre Meinung, nie f&uuml;r etwas k&auml;mpfen zu wollen, revidiert haben. Wof&uuml;r w&uuml;rden Sie k&auml;mpfen?<\/strong><\/p><p>Ich bin ein klassischer Sozialist. Ich w&uuml;rde gern in einer Gesellschaft leben, in der das Marx&lsquo;sche Diktum gilt: &bdquo;Jeder nach seinen F&auml;higkeiten, jedem nach seinen Bed&uuml;rfnissen.&ldquo;<\/p><p>Daf&uuml;r leiste ich jeden Tag &Uuml;berzeugungsarbeit, um jungen Menschen klarzumachen: Diese Welt k&ouml;nnte anders organisiert sein. Ohne willk&uuml;rlich gezogene Grenzen, ohne permanente Konkurrenz. F&uuml;r diese Vision lohnt es sich zu k&auml;mpfen &ndash; und dazu brauche ich keine Waffengewalt, sondern h&ouml;chstens die Waffe der Kritik.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Mark B&uuml;schel<\/small><\/p><p><em>Ole Nymoen: Warum ich niemals f&uuml;r mein Land k&auml;mpfen w&uuml;rde. Hamburg 2025, Rowohlt Verlag, gebundene Ausgabe, 144 Seiten, ISBN 978-3499017551, 16 Euro<\/em><\/p><p><em>Erscheinungstermin: 11. M&auml;rz 2025<\/em><\/p><p><em>Das Interview f&uuml;hrte Renate Dillmann, Autorin von: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125232\">Medien. Macht. Meinung. Auf dem Weg in die Kriegst&uuml;chtigkeit.<\/a> K&ouml;ln 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/warum-ich-niemals-fuer-mein-land-kaempfen-wuerde.html\">&bdquo;Warum ich niemals f&uuml;r mein Land k&auml;mpfen w&uuml;rde&ldquo;<\/a> betitelt <strong>Ole Nymoen<\/strong>, bekannt vom Podcast <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/c\/Wohlstandf%C3%BCrAlle\">&bdquo;Wohlstand f&uuml;r Alle&ldquo;<\/a>, sein neues Buch beim Rowohlt-Verlag, nachdem er zuvor mit Wolfgang M. Schmitt bereits ein Buch zu &bdquo;Influencern&ldquo; sowie ein Kinderbuch (&bdquo;Die kleinen Holzdiebe und das R&auml;tsel des Juggernaut&ldquo;) ver&ouml;ffentlicht hat. 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