{"id":13006,"date":"2012-04-26T10:39:00","date_gmt":"2012-04-26T08:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13006"},"modified":"2015-02-14T12:28:56","modified_gmt":"2015-02-14T11:28:56","slug":"demographische-folgen-der-eurokrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13006","title":{"rendered":"Demographische Folgen der Eurokrise"},"content":{"rendered":"<p>Im Kielwasser der Eurokrise unterwirft sich die Staatengemeinschaft einer selbstm&ouml;rderischen Sparpolitik. Bereits heute haben die Arbeitslosenzahlen s&uuml;deurop&auml;ischer Staaten einen Wert erreicht, der an die schlimmsten Wirtschaftskrisen vergangener Zeiten erinnert. Dies wird zwangsl&auml;ufig zu Migrationsbewegungen von der Peripherie ins Zentrum f&uuml;hren, die Europa zwar enger zusammenwachsen lassen, allerdings vor allem die Peripherie noch weiter schw&auml;chen. Wenn die europ&auml;ische Politik diesem Trend nicht entgegensteuert, sondern ihn weiter verst&auml;rkt, k&ouml;nnten ganze Staaten vom gemeinsamen Wohlstand abgeh&auml;ngt werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n&Ouml;konomisch motivierte Migration ist im historischen Kontext keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Diese Migration kann grenz&uuml;berschreitend sein, wie die gro&szlig;e Einwanderungswelle in die USA, die Besiedlung des Ruhrgebietes im 19. Jahrhundert  oder der Zustrom von Arbeitsmigranten (Gastarbeitern) in die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit zeigten. Vor allem die Binnenmigration, also der Wechsel des Arbeits- und Wohnortes innerhalb der Grenzen eines Landes, spielt auch heute eine sehr wichtige Rolle. Nur 40% der US-Amerikaner <a href=\"http:\/\/www.census.gov\/hhes\/migration\/data\/cps\/cps2011.html\">leben<\/a> in dem Bundesstaat, in dem sie auch geboren sind. Innerhalb Deutschlands gibt es vor allem eine starke Ost-West-Wanderung, die bereits weite Landstriche Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns beinahe entv&ouml;lkert hat. &Auml;hnliches ist auch in fast allen anderen Industriestaaten zu beobachten &ndash; Frankreich hat sein Massif Central und sein Pas de Calais, Italien sein Mezzogiorno. Durch die Eurokrise droht nun halb S&uuml;deuropa zum Mezzogiorno der Eurozone zu werden.<\/p><p><strong>Wiederaufleben der Arbeitsmigration durch die Eurokrise<\/strong><\/p><p>Weit vor der Einf&uuml;hrung des Euro gab es bereits eine Phase der massiven grenz&uuml;berschreitenden Arbeitsmigration von S&uuml;d- nach Nord- und Mitteleuropa. Heute leben in Deutschland rund 745.000 Menschen mit italienischem und 375.000 Menschen mit griechischem Migrationshintergrund, die (bzw. deren Eltern oder Gro&szlig;eltern) meist in der Zeit von 1955 bis 1973 nach Deutschland kamen. Spanische und portugiesische Auswanderer zog es vor allem nach Frankreich, in die Schweiz und nach Gro&szlig;britannien. Der wirtschaftliche Aufschwung der s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten und nicht zuletzt die Einf&uuml;hrung des Euros schw&auml;chten diesen Trend ab. W&auml;hrend vor allem in Deutschland die L&ouml;hne stagnierten, konnten die s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder gewaltig aufholen. Durch den weitgehenden Wegfall des Lohnvorteils und den &bdquo;Siegeszug&ldquo; prek&auml;rer Arbeitsverh&auml;ltnisse b&uuml;&szlig;te Deutschland auch seine Attraktivit&auml;t<br>\nf&uuml;r Einwanderer deutlich ein, selbst polnische Erntehelfer gingen lieber nach Gro&szlig;britannien oder Skandinavien als nach Deutschland &ndash; dies ist eine weitere, wenig beachtete Nebenwirkung der neoliberalen Politik, die das Land seit langem im W&uuml;rgegriff h&auml;lt.<\/p><p>Durch die Eurokrise und die darauffolgende Austerit&auml;tspolitik haben sich die Voraussetzungen jedoch wieder ver&auml;ndert. In den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten ist die Arbeitslosigkeit massiv angestiegen und die Nachfrage ebenso massiv eingebrochen. Ohne eine antizyklische Konjunkturpolitik wird sich der Niedergang dieser Volkswirtschaften nicht stoppen lassen &ndash; im Gegenteil, es ist sogar wahrscheinlich, dass der wirtschaftliche Abstieg des &bdquo;Oliveng&uuml;rtels&ldquo; noch lange anhalten wird. Im Endeffekt k&ouml;nnte die Sparpolitik mitsamt des Fiskalpakts sogar dazu f&uuml;hren, dass der jahrzehntelange Aufstieg S&uuml;deuropas revidiert wird und wir wieder vor einem &auml;hnlichen Wohlstandsgef&auml;lle stehen wie in der Zeit der gro&szlig;en Migrationsstr&ouml;me von S&uuml;d nach Nord. Schon heute stellt vor allem der f&uuml;r Arbeitsmigration entscheidendste Faktor, die Jugendarbeitslosigkeit, eine einzige Bankrotterkl&auml;rung f&uuml;r den gemeinsamen Wirtschaftsraum Europa dar. Sowohl in Griechenland als auch in Spanien ist jeder zweite Unter-25-J&auml;hrige ohne einen Job, in Portugal betr&auml;gt die Jugendarbeitslosigkeitsquote 35%, in Italien 32%. Besonders dramatisch ist dabei die Dynamik: In Griechenland, Spanien und Portugal hat sich die Jugendarbeitslosigkeit seit Beginn der Eurokrise mehr als verdoppelt, in Italien ist sie um rund 50% gestiegen. Ein Ende dieses Trends ist in keinem dieser L&auml;nder absehbar. Absehbar ist jedoch, dass die katastrophale Lage auf dem Arbeitsmarkt zu gewaltigen Migrationsbewegungen f&uuml;hren wird. Die ersten Auswirkungen sind bereits zu beobachten.<\/p><p>Im ersten Halbjahr 2011 stieg die Zahl der Spanier, die nach Deutschland auswanderten, um 49% auf 7.257 Zuwanderer, w&auml;hrend die Zahl der Zuwanderer aus Griechenland sogar um 84% auf 8.890 Zuwanderer stieg. &Auml;hnliche Entwicklungen lassen sich in unseren Nachbarl&auml;ndern &Ouml;sterreich und der Schweiz beobachten. Aktuellere Zahlen sind noch nicht verf&uuml;gbar, aber es ist anzunehmen, dass dies erst der Beginn einer massenhaften Arbeitsmigration ist. <\/p><p>Schaut man sich die Wanderungsbewegungen der EU-Binnenmigration an, so sind deutliche Parallelen zur Binnenmigration in den betreffenden Nationalstaaten zu erkennen. Nicht nur Brandenburger, sondern auch Spanier und Griechen wandern bevorzugt in die Millionenst&auml;dte Berlin und Hamburg und die dicht besiedelten und wirtschaftlich starken Regionen innerhalb der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Blaue_Banane\">&bdquo;blauen Banane&ldquo;<\/a> aus &ndash; dem St&auml;dteg&uuml;rtel, der sich von der Region London, &uuml;ber das Benelux, das Rhein-Ruhr-Gebiet, Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern &uuml;ber die Schweiz bis nach Norditalien zieht.  <\/p><p><strong>Brain-Drain und Teufelskreis<\/strong><\/p><p>Wie bei den meisten Migrationsstr&ouml;men betrifft auch die aktuelle S&uuml;d-Nord-Wanderung bislang vor allem junge und gut ausgebildete Menschen. So mancher Jungakademiker tauscht gerne die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit im Heimatland gegen einen schlecht bezahlten Job der Generation Praktikum in Deutschland ein. Die Deutschkurse in den Goethe-Instituten der s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder k&ouml;nnen schon heute die Nachfrage nicht mehr bew&auml;ltigen. Diese Entwicklungen werden von den deutschen Arbeitgebern positiv wahrgenommen. Je gr&ouml;&szlig;er das Angebot an qualifizierten Arbeitnehmern ist, desto mehr Spielraum nach unten haben die Arbeitgeber bei den Lohnverhandlungen. Man braucht wohl auch nicht sonderlich viel Phantasie, um sich die weiteren Entwicklungen der Arbeitsmigration von S&uuml;d nach Nord vorzustellen. Wer im Heimatland weder Hoffnung noch Perspektive hat, wird sogar im deutschen Niedriglohnsektor eine Chance sehen &ndash; in vielen Berufen ist die Sprachbarriere zudem kein gro&szlig;es Hindernis. <\/p><p>Durch die Abwanderung der jungen Bildungselite verlieren die s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder jedoch nicht nur einen Teil ihres &bdquo;Humankapitals&ldquo; &ndash; sie fallen auch in puncto Konkurrenzf&auml;higkeit noch weiter zur&uuml;ck. Man k&ouml;nnte hier auch Parallelen zur deutschen Binnenmigration ziehen. Die Regionen, die am st&auml;rksten von der Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen betroffen sind, weisen auch bei nahezu allen anderen demographischen und &ouml;konomischen Faktoren schlechte Werte auf. Weite Teile Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts haben einen Altersschnitt, der weit &uuml;ber dem deutschen Durchschnitt liegt, geringe Geburtenzahlen und eine vergleichsweise hohe Arbeitslosenquote. Dies sind bereits &bdquo;Push-Faktoren&ldquo;, die sich durch die Abwanderung jedoch immer weiter verst&auml;rken und in einem Teufelskreis m&uuml;nden. Je mehr junge Menschen abwandern, desto geringer ist die Geburtenquote, desto geringer sind die Existenzgr&uuml;ndungen, desto niedriger ist die Binnennachfrage, desto niedriger das Arbeitsplatzangebot im Dienstleistungssektor, desto h&ouml;her die Arbeitslosigkeit, desto gr&ouml;&szlig;er die Abwanderung. Ohne dauerhafte Transferleistungen des Staates w&auml;re diese Entwicklung noch dramatischer, als sie ohnehin schon ist. <\/p><p><strong>Alternative: Transferunion<\/strong><\/p><p>In weiten Teilen Ostdeutschlands sind mittlerweile die Transferleistungen der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor, ohne den die prek&auml;re lokale Nachfrage vollends versiegen w&uuml;rde. Wir haben uns daran gew&ouml;hnt, dass die Nationalstaaten die klassischen Abwanderungsregionen dauerhaft querfinanzieren. Was wurde nicht alles unternommen, um strukturschwache Regionen wie das Mezzogiorno oder die Nordost-Regionen Deutschlands &bdquo;konkurrenzf&auml;hig&ldquo; zu machen &ndash; all diese Versuche erreichten trotz milliardenschwerer Transfers jedoch nie eine Angleichung der strukturellen Verh&auml;ltnisse, sondern bestenfalls eine Verlangsamung der Scherenentwicklung zwischen den starken und den schwachen Regionen. Auch wenn dies selten offen gesagt wird, so hat man sich doch bereits damit abgefunden, dass es innerhalb von Nationalstaaten Regionen mit unterschiedlicher Wirtschaftskraft gibt. Es k&auml;me wohl niemand auf die Idee, dass sich in puncto Produktivit&auml;t Florida mit Ohio, Mecklenburg-Vorpommern mit der Rhein-Main-Region oder das Mezzogiorno mit der Lombardei messen sollte. Paradoxerweise sind wir jedoch in der Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion der Eurozone immer noch felsenfest davon &uuml;berzeugt, dass Griechenland ohne fremde Hilfe das Kunstst&uuml;ck gelingen k&ouml;nnte, das Mecklenburg-Vorpommern und dem Mezzogiorno trotz Milliardenhilfen nicht gelungen ist. <\/p><p>Der Geist ist aus der Flasche. Selbst mit einer vorbildlichen Finanz- und Wirtschaftspolitik wird es Europa nicht gelingen, die dauerhafte Abwanderung von der Peripherie ins Zentrum zu verhindern. Einzig und allein das Ausma&szlig; dieser Wanderungsbewegungen ist durch politische Ma&szlig;nahmen zu beeinflussen. Bleibt Europa bei seiner selbstm&ouml;rderischen Austerit&auml;tspolitik, wird das Wohlstandsgef&auml;lle innerhalb der Eurozone ebenso massiv zunehmen wie die zu erwartenden Migrationsstr&ouml;me. Ohne eine Angleichung der Lohnst&uuml;ckkosten, die vor allem &uuml;ber Lohnerh&ouml;hungen in Deutschland zu erreichen ist, und eine dauerhafte Transferunion stehen dem S&uuml;den d&uuml;stere Zeiten bevor, die aufgrund der &ouml;konomischen Wechselwirkungen auch im Norden negative Folgen haben werden. Innerhalb der Nationalstaaten ist eine solche Transferunion der Normalfall &ndash; so sorgt beispielsweise der L&auml;nderfinanzausgleich f&uuml;r eine Umverteilung der finanziellen Mitteln aus den strukturstarken Regionen des deutschen S&uuml;dens und S&uuml;dwestens in den strukturschwachen Osten, Norden und Nordwesten.<\/p><p>Mit einer dauerhaften Transferunion und dauerhaften Konjunkturprogrammen lie&szlig;e sich zumindest ein dramatischer Abstieg der Peripherie verhindern &ndash; eine vollkommene Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse wird es jedoch auch dann nicht geben. Durch die Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion ist die Eurozone zusammengewachsen, der Weg zur&uuml;ck ist keine realistische Perspektive, w&uuml;rde er doch allen Beteiligten massiven Schaden zuf&uuml;gen. Nun stehen wir an der Weiche f&uuml;r die Zukunft der Eurozone. Wenn wir den allgemeinen Wohlstand zumindest in Grundz&uuml;gen als Ziel europ&auml;ischer Politik begreifen wollen, muss Europa enger zusammenwachsen und &ndash; wie jeder Nationalstaat &ndash; zu einer dauerhaften Transferunion werden. Wollen wir das nicht, steht Europa vor einer Zeitenwende. Es w&auml;re naiv anzunehmen, dass eine verarmende Peripherie, die vom gemeinsamen Wohlstand abgeschnitten ist und deren Kinder ihr Gl&uuml;ck nicht mehr im Heimatland finden, demokratisch bleibt.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/299792ebe4cf4e4c8c4e92888ce3c01e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kielwasser der Eurokrise unterwirft sich die Staatengemeinschaft einer selbstm&ouml;rderischen Sparpolitik. Bereits heute haben die Arbeitslosenzahlen s&uuml;deurop&auml;ischer Staaten einen Wert erreicht, der an die schlimmsten Wirtschaftskrisen vergangener Zeiten erinnert. 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