{"id":130104,"date":"2025-03-13T10:07:13","date_gmt":"2025-03-13T09:07:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130104"},"modified":"2025-03-14T02:38:07","modified_gmt":"2025-03-14T01:38:07","slug":"syrien-verfolgung-fuer-die-einen-integration-fuer-die-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130104","title":{"rendered":"Syrien: Verfolgung f\u00fcr die einen, Integration f\u00fcr die anderen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie die selbsternannte Interimsf&uuml;hrung Syriens versucht, Autorit&auml;t zu beweisen. <\/strong>W&auml;hrend in vielen Orten der syrischen K&uuml;stenregion die Menschen ihre Angeh&ouml;rigen zu Grabe tragen, richten internationale Medien ihre Aufmerksamkeit auf Damaskus, wo ein Abkommen zwischen den kurdisch gef&uuml;hrten Syrischen Demokratischen Kr&auml;ften (SDF) und der von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) ernannten Interimsf&uuml;hrung f&uuml;r Aufmerksamkeit sorgt. Von <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_99\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-130104-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250313-Syrien-Verfolgung-Integration-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250313-Syrien-Verfolgung-Integration-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250313-Syrien-Verfolgung-Integration-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250313-Syrien-Verfolgung-Integration-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=130104-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250313-Syrien-Verfolgung-Integration-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250313-Syrien-Verfolgung-Integration-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Am Montagabend (10. M&auml;rz 2025) unterzeichneten der SDF-Oberkommandierende Mazlum Abdi und der von HTS ernannte Interimspr&auml;sident Ahmed al-Sharaa ein Abkommen, das acht Eckpunkte einer zuk&uuml;nftigen Zusammenarbeit umfasst. Vereinbart wurde ein Waffenstillstand in allen Gebieten Syriens und die &bdquo;Anerkennung der kurdischen Komponente als integraler Bestandteil des syrischen Staates, Gew&auml;hrleistung ihrer B&uuml;rgerrechte und aller verfassungsm&auml;&szlig;igen Anspr&uuml;che&ldquo;, wie es in einer <a href=\"https:\/\/anfdeutsch.com\/frauen\/mazlum-abdi-und-al-scharaa-unterzeichnen-abkommen-45546\">von der kurdischen Nachrichtenagentur <em>ANF<\/em> verbreiteten &Uuml;bersetzung<\/a> hei&szlig;t.<\/p><p>Punkt 4 best&auml;tigt die &bdquo;Integration aller zivilen und milit&auml;rischen Institutionen Nordostsyriens in die Verwaltung des syrischen Staates, einschlie&szlig;lich Grenz&uuml;berg&auml;ngen, Flugh&auml;fen und &Ouml;l- und Gasfeldern.&ldquo; Die SDF-gef&uuml;hrte Autonomiebeh&ouml;rde im Nordosten Syriens soll in die syrischen staatlichen Institutionen einschlie&szlig;lich einer neuen syrischen Armee integriert werden. Das Abkommen soll bis Ende des Jahres 2025 umgesetzt werden, darauf sollen &bdquo;Exekutivaussch&uuml;sse&ldquo; hinarbeiten. <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2025\/3\/10\/syria-merges-kurdish-led-syrian-democratic-forces-into-state-institutions\">Berichten zufolge<\/a> sollen beide Seiten seit Wochen &uuml;ber eine zuk&uuml;nftige Zusammenarbeit verhandelt haben.<\/p><p>Vor wenigen Tagen hatte der SDF-F&uuml;hrer Mazlum Abdi in einem <a href=\"https:\/\/zeitungderarbeit.at\/international\/sdf-kommandeur-mazlum-abdi-offen-fuer-israelische-unterstuetzung-in-nordsyrien\/\">Interview mit der britischen <em>BBC<\/em> erkl&auml;rt<\/a>: &bdquo;Wir w&uuml;rden jede Hilfe begr&uuml;&szlig;en, die dazu beitr&auml;gt, Angriffe auf uns zu verhindern und das Morden an unserer Bev&ouml;lkerung zu stoppen.&ldquo;<\/p><p>Auf eine entsprechende Frage des BBC-Journalisten erkl&auml;rte Abdi, auch die Hilfe Israels sei willkommen. Israel sei &bdquo;eine Kraft mit Einfluss in den USA, im Westen und in der Region&ldquo; (des Mittleren Ostens), <a href=\"https:\/\/www.jpost.com\/middle-east\/article-844895\">wird Abdi in verschiedenen Medien zitiert<\/a>.<\/p><p>Beobachter sehen in der f&uuml;r viele &uuml;berraschenden Vereinbarung eine Reaktion der HTS-Interimsf&uuml;hrung und deren Berater auf das m&ouml;rderische Geschehen in der K&uuml;stenregion. Sharaa m&uuml;sse demnach dringend einen Erfolg vorweisen und gleichzeitig versuchen, bewaffnete Verb&auml;nde in Syrien einzubinden. Die Massaker h&auml;tten Al Sharaa geschw&auml;cht, so der Milit&auml;ranalytiker Aron Lund <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/syria-reaches-deal-integrate-sdf-within-state-institutions-presidency-says-2025-03-10\/\">gegen&uuml;ber der Nachrichtenagentur <em>Reuters<\/em><\/a>. Lund ist Analyst f&uuml;r den Mittleren Osten bei der schwedischen Forschungsagentur f&uuml;r Verteidigung (FOI) und Mitarbeiter der US-Denkfabrik Century International. Al Sharaa habe &bdquo;intern und mit den Vereinigten Staaten eine Menge &Auml;rger. Es k&ouml;nnte ihm helfen zu zeigen, dass er nicht allen Minderheiten gegen&uuml;ber feindlich gesinnt ist.&ldquo; Die Vereinbarung sei allerdings vage.<\/p><p>Charles Lister, Mitarbeiter des Middle East Institute in Washington, sagte der US-amerikanischen Tageszeitung <em>The Wall Street Journal<\/em>, das Abkommen sei ein <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/syrien-kurden-schlie%C3%9Fen-abkommen-mit-neuen-machthabern\/a-71884700\">gro&szlig;er Erfolg f&uuml;r die Interimsregierung<\/a>.<\/p><p><strong>Menschenjagd und Massaker im syrischen K&uuml;stengebiet<\/strong><\/p><p>Die HTS-Interimsf&uuml;hrung in Damaskus reagierte mit der Vereinbarung auf Ereignisse in den syrischen Provinzen Latakia und Tartus, die wenige Tage vorher am 6. M&auml;rz begonnen hatten. Berichten zufolge wurden bis zu 1.500 Menschen get&ouml;tet, bis zu 1.000 waren unbewaffnete Zivilisten. Ganze Familien wurden ausgel&ouml;scht. Ziel der Menschenjagd waren &uuml;berwiegend Personen, die der religi&ouml;sen Gemeinschaft der Alawiten angeh&ouml;ren, einer Str&ouml;mung des schiitischen Islam. Unter den Opfern waren zudem zahlreiche christliche Familien. Die Massaker weiteten sich bis in die Orte des Wadi al-Nasarah, dem Tal der Christen, aus.<\/p><p>Das UN-Koordinierungsb&uuml;ro f&uuml;r humanit&auml;re Angelegenheiten (OCHA) spricht von 111 verifizierten Todesf&auml;llen, doch die Zahl der get&ouml;teten Zivilisten sei vermutlich &bdquo;bedeutend h&ouml;her&ldquo;. Die Angreifer seien in H&auml;user eingedrungen und h&auml;tten die Bewohner gefragt, ob sie Alawiten oder Sunniten seien. <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/ar\/press-briefing-notes\/2025\/03\/syria-distressing-scale-violence-coastal-areas\">Alawiten wurden get&ouml;tet, Sunniten seien verschont worden.<\/a><\/p><p>Die Operation gegen &bdquo;&Uuml;berbleibsel des Assad-Regimes&ldquo; wurde mittlerweile (10. M&auml;rz) vom Verteidigungsministerium in Damaskus f&uuml;r beendet erkl&auml;rt, die Truppen wurden abgezogen. Augenzeugen berichten dennoch, dass weiterhin Menschen wahllos get&ouml;tet w&uuml;rden. Mindestens 6.000 Personen <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/videos\/crknlk5k42go\">sollen<\/a> in den Norden des Libanon geflohen sein. Zudem sollen bis zu 8000 Menschen auf der russischen Luftwaffenbasis Hmeimin (Latakia) Schutz <a href=\"https:\/\/t.me\/analytik_news\/52330?ref=apolut.net\">gesucht haben<\/a>.<\/p><p>Seit dem politischen Umbruch in Syrien Anfang Dezember 2024 und der Macht&uuml;bernahme von Abu Mustafa al Jolani, heute Ahmad al-Sharaa, und der von ihm gef&uuml;hrten Allianz zur Befreiung der Levante (Hayat Tahrir al-Sham, HTS) in Damaskus wurden der Schutz von Minderheiten und ein geeintes Syrien beschworen. In jedem Gespr&auml;ch, das Al-Sharaa seit Anfang Dezember 2024 mit den zahlreich angereisten ausl&auml;ndischen Politikern f&uuml;hrte, betonte der von HTS selbst ernannte Interimspr&auml;sident die Einheit des Landes. Die Aufhebung einseitiger wirtschaftlicher Strafma&szlig;nahmen von EU und USA gegen Syrien wurde von diesen davon abh&auml;ngig gemacht, dass die HTS-F&uuml;hrung diese Zusagen einhalten w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Rache an &bdquo;Unterst&uuml;tzern&ldquo; der Regierung Assad<\/strong><\/p><p>Berichte von &Uuml;bergriffen und Morden bewaffneter Gruppen gegen Alawiten im K&uuml;stengebiet und in der Umgebung von Homs sowie gegen Christen in den Orten Mahardeh und Skelbieh im Grenzgebiet der Provinzen von Hama und Idlib wurden in Medien und Stellungnahmen westlicher Regierungen wenig beachtet. Schon im Januar warnten t&uuml;rkische Aleviten Verb&auml;nde in Deutschland vor Massakern an den syrischen Alawiten in der K&uuml;stenregion. Besonders aufgefallen waren gewaltt&auml;tige &bdquo;ausl&auml;ndische&ldquo; K&auml;mpfer aus Zentralasiatischen Staaten und Uiguren (China), aber auch extremistische Salafisten aus nordafrikanischen Staaten. Alle richteten ihre Gewalt auch gegen Christen. Diese Verb&auml;nde sind weiterhin Teil der HTS-Allianz, die aus mindestens 60 verschiedenen Kampfgruppen besteht. Alle bewaffneten Gruppen, die im K&uuml;stengebiet im Einsatz sind oder waren, stehen seit Ende Januar unter dem Kommando des HTS-gef&uuml;hrten Verteidigungsministeriums in Damaskus.<\/p><p>Eine Gruppe ehemaliger Milit&auml;rs der syrischen Armee hatte am vergangenen Donnerstag (6. M&auml;rz) St&uuml;tzpunkte des Geheimdienstes der HTS-&Uuml;bergangsverwaltung in der K&uuml;stenregion angegriffen. Die Soldaten und Offiziere, erkl&auml;rte Gegner der HTS-Interimsf&uuml;hrung, waren von dieser Ende 2024 entlassen und die Armee war aufgel&ouml;st worden. Der Angriff mit dem Namen &bdquo;K&uuml;stenschutz&ldquo; sollte nun ein Signal zum Aufstand an andere bewaffnete Gruppen in Syrien &ndash; u.a. Drusen und Kurden &ndash; sein, wie einem verbreiteten Aufruf zu entnehmen war. Die Razzien, Pl&uuml;nderungen und Morde an Zivilisten m&uuml;ssten gestoppt werden.<\/p><p><strong>HTS-Interimsf&uuml;hrung schickt Truppen in die K&uuml;stenregion<\/strong><\/p><p>Der Angriff blieb nicht ohne Antwort. Noch in der gleichen Nacht wurden Truppen des HTS-Innenministeriums und des HTS-Verteidigungsministeriums in die K&uuml;stenregion entsandt. Mit Artilleriegesch&uuml;tzen, Panzern und Raketenwerfern wurden vermutete Stellungen der Aufst&auml;ndischen bombardiert. Dabei wurde zivile Infrastruktur wie Wohnh&auml;user, L&auml;den und &ouml;ffentliche Geb&auml;ude ganz und teilweise zerst&ouml;rt, weite Teile der K&uuml;stenregion zwischen Tartus und Jablah wurden in Schutt und Asche gebombt. Offiziellen HTS-Angaben (am Montag) zufolge wurden bei den K&auml;mpfen am Donnerstag und Freitag (6.\/7. M&auml;rz) rund 80 Angeh&ouml;rige der HTS-Sicherheitskr&auml;fte und 380 Zivilisten get&ouml;tet.<\/p><p>In einer Erkl&auml;rung des UN-Koordinierungsb&uuml;ros f&uuml;r humanit&auml;re Angelegenheiten (OCHA) hei&szlig;t es, die bewaffneten Kr&auml;fte der ehemaligen syrischen Armee h&auml;tten Berichten zufolge Krankenh&auml;user in Latakia, Tartous und Banias &uuml;berfallen. In K&auml;mpfen mit den HTS-sicherheitskr&auml;ften seien &bdquo;Dutzende Zivilisten&ldquo; get&ouml;tet worden, &bdquo;darunter Patienten, &Auml;rzte und Medizinstudierende&ldquo;. Die Kliniken seien dabei besch&auml;digt worden.<\/p><p>In der Erkl&auml;rung wird auch auf &bdquo;von Hass erf&uuml;llte Reden&ldquo; hingewiesen, die die K&auml;mpfe versch&auml;rft h&auml;tten. Gespr&auml;chspartner der Autorin in Damaskus verwiesen auf den derzeitigen Fastenmonat Ramadan. In manchen Moscheen selbst in Damaskus h&auml;tten Prediger (Scheichs) dazu aufgerufen, <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/ar\/press-briefing-notes\/2025\/03\/syria-distressing-scale-violence-coastal-areas\">gegen die &bdquo;Ungl&auml;ubigen&ldquo; in der K&uuml;stenregion zu k&auml;mpfen<\/a>.<\/p><p>Am Freitag (7. M&auml;rz) folgte ein weiterer Sturm auf die K&uuml;stenregion. Bewaffnete Verb&auml;nde r&uuml;ckten aus Idlib in die D&ouml;rfer des K&uuml;stengebirges vor und begannen, die Zivilbev&ouml;lkerung anzugreifen. Videoaufnahmen zeigten, wie M&auml;nner unterschiedlichen Alters in ziviler Kleidung auf dem Boden kriechen mussten, w&auml;hrend sie von K&auml;mpfern mit Gewehrl&auml;ufen und Fu&szlig;tritten traktiert wurden. Sie seien &bdquo;Hunde&ldquo; und sollten bellen, wurden die Kriechenden beschimpft, dann wurden sie erschossen. Andere Aufnahmen zeigen, wie M&auml;nner in ziviler Kleidung, jung und alt, zusammengetrieben werden und als &bdquo;Hunde&ldquo; oder &bdquo;Tiere&ldquo; beschimpft und geschlagen werden. Zu sehen war, wie die M&auml;nner unter dem Gr&ouml;len von Umstehenden und unter Schl&auml;gen und Tritten aufgefordert wurden zu sagen: &bdquo;Ich bin ein Schwein&ldquo;. Dieses Tier gilt als &bdquo;unrein&ldquo; im Islam. Zahlreiche Bilder zeigen zumeist m&auml;nnliche Leichen in Blutlachen. In verschiedenen Videos, die offenbar von den K&auml;mpfern selbst aufgenommen und ver&ouml;ffentlicht wurden, ist zu sehen, wie fliehende M&auml;nner niedergesto&szlig;en und getreten und dann erschossen werden. Manche Szenen erinnerten an das Videospiel &bdquo;Counter-Strike&ldquo; (hergestellt in den USA), in dem es um Terroristenjagd geht, sagte ein Gespr&auml;chspartner aus Damaskus. &bdquo;Sie sind wie Roboter, im Blutrausch.&ldquo;<\/p><p><strong>Massive Fluchtwelle<\/strong><\/p><p>Das Vorgehen der HTS-Sicherheitskr&auml;fte l&ouml;ste eine massive Fluchtwelle aus. Eine Vielzahl von Augenzeugenberichten von Frauen wurden der Autorin bei Telefonaten mit Gespr&auml;chspartnerinnen in Damaskus mitgeteilt. Darin berichten die Frauen aus unterschiedlichen Orten, wie die K&auml;mpfer in ihre H&auml;user eingedrungen seien. Die M&auml;nner seien verschleppt oder direkt erschossen worden, Frauen und Kinder wurden aus ihren H&auml;usern gejagt. Dann h&auml;tten die K&auml;mpfer sich dort einquartiert und aus den H&auml;usern gefeuert. Eine Lehrerin, die an einer Schule in Damaskus arbeitet, erz&auml;hlte, aus ihrer gro&szlig;en Familie habe sie 17 Angeh&ouml;rige verloren. Die Schule ist der Autorin bekannt, wird aber aus Sicherheitsgr&uuml;nden nicht genannt.<\/p><p>Die HTS-gef&uuml;hrte &bdquo;Interimsf&uuml;hrung&ldquo; in Damaskus reagierte auf einer Webseite, die &uuml;ber den Telegram-Kanal abzurufen ist. Ver&ouml;ffentlicht wurden wissenschaftliche Informationen &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde von Racheaktionen. Man habe ein Komitee eingesetzt, dass &bdquo;Die Vorkommnisse in den Provinzen am Meer&ldquo; untersuchen soll. Dem Komitee geh&ouml;ren sieben Richter, Rechtsanw&auml;lte, Juristen an. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen sollen sie in 30 Tagen vorlegen. &bdquo;Ausl&auml;ndische&ldquo; Akteure seien f&uuml;r die Massaker an der Zivilbev&ouml;lkerung verantwortlich, hie&szlig; es auf dem HTS-Telegram-Kanal. Genannt wurden konkret der Iran, der Irak und die libanesische Hisbollah. Alle genannten L&auml;nder und die Hisbollah wiesen die Aussagen zur&uuml;ck. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Damaskus k&uuml;ndigte an, dass &bdquo;&Uuml;berbleibsel und Offiziere des nicht mehr bestehenden Assad-Regimes auf dem Land und in den Bergen&ldquo; verfolgt w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Nichtbeachtung im Westen<\/strong><\/p><p>In den ersten Tagen herrschte Schweigen in westlichen Medien &uuml;ber das Geschehen. Nach der Erkl&auml;rung des UN-Sonderbeauftragten f&uuml;r Syrien Geir Pedersen meldeten sich auch andere zu Wort. Die Au&szlig;enministerien in Washington, den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten und Br&uuml;ssel verurteilten in allgemeinen, zumeist knappen Erkl&auml;rungen die Gewalt und forderten die Achtung der Menschenrechte. In einer Erkl&auml;rung der Europ&auml;ischen Union am 8. M&auml;rz wurden <a href=\"https:\/\/www.eeas.europa.eu\/eeas\/spokesperson-statement-latest-developments-syria_en?channel=eeas_press_alerts&amp;date=2025-03-08&amp;newsid=0&amp;langid=en&amp;source=mail\">&bdquo;pro-Assad Elemente&ldquo; f&uuml;r die Gewalt verantwortlich gemacht<\/a>.<\/p><p>Die Vereinten Nationen sandten eine Delegation in die Region. Auf Antrag der USA und Russlands trat am Montag der UN-Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Das Treffen fand hinter verschlossenen T&uuml;ren statt. Der Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen Volker T&uuml;rk erkl&auml;rte, die Gewalt, die den koordinierten Angriffen durch ehemalige Milit&auml;rs der syrischen Armee gefolgt sei, m&uuml;sse sofort eingestellt werden. &bdquo;Wir erhalten extrem verst&ouml;rende Berichte dar&uuml;ber, dass ganze Familien, auch Frauen und Kinder (&hellip;) get&ouml;tet wurden&ldquo;, so T&uuml;rk in einer Stellungnahme. Er sprach von Berichten &uuml;ber &bdquo;Massenexekutionen auf sektiererischer Grundlage&ldquo;. Die Angriffe richteten sich &bdquo;gegen die Alawiten und gegen die Bev&ouml;lkerung in den Provinzen Latakia, Tartus, Banias, Homs und Hama&ldquo;.<\/p><p><strong>Aktiv wurden Organisationen von Aleviten\/Alawiten weltweit<\/strong><\/p><p>Aleviten (T&uuml;rkei) und syrischen Alawiten (sprachliche Unterscheidung in T&uuml;rkisch bzw. Arabisch) organisierten in Berlin und anderen St&auml;dten Demonstrationen. Mitglieder des Syrischen Komitees des Alawiten-Vereins (Frankfurt) versammelten sich vor dem Funkhaus des <em>Hessischen Rundfunks<\/em> und forderten ein Gespr&auml;ch mit der Redaktion (HR 1), um &uuml;ber das Geschehen in Syrien zu berichten. Sie konnten Material an die Redaktion &uuml;bergeben, berichtete eine Beteiligte der Autorin. Videomaterial und Augenzeugenberichte wurden Redaktionsvertretern &uuml;bergeben. Eine Delegation von Alawiten sei demnach auch nach Mainz gefahren, um ein Gespr&auml;ch mit dem <em>Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF)<\/em> zu f&uuml;hren und Video- und Beweismaterial zu &uuml;bergeben.<\/p><p>Die Union der Aleviten in Europa kritisierte die &ouml;ffentliche Darstellung und politische Haltung insbesondere auch der Europ&auml;ischen Union als <a href=\"https:\/\/www.eeas.europa.eu\/eeas\/spokesperson-statement-latest-developments-syria_en?channel=eeas_press_alerts&amp;date=2025-03-08&amp;newsid=0&amp;langid=en&amp;source=mail\">&bdquo;irref&uuml;hrend und inkonsequent&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Die Opfer des Massakers in der syrischen K&uuml;stenregion w&uuml;rden als &bdquo;Assad-nahe Elemente&ldquo; bezeichnet. Es sei nicht akzeptabel, die gesamte alawitische Bev&ouml;lkerung Syriens als &bdquo;Unterst&uuml;tzer des Assad-Regimes zu stigmatisieren&ldquo;, nur weil sie der gleichen Religionsgruppe angeh&ouml;rten. Es fehle bei der EU v&ouml;llig die Distanz zu der aktuellen Interimsf&uuml;hrung und Ahmad al-Sharaa, die der als Terrorgruppe gelisteten Hayat Tahrir al-Sham (HTS) angeh&ouml;rten, der vorherigen Nusra-Front, die sich als Zweig der Al-Qaida in Syrien bezeichnet h&auml;tten.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/09.03.2025-AABK-Stellungnahme-zur-EU-Presseerkl%C3%A4rung-vom-08.03.2025.pdf\">09.03.2025-AABK-Stellungnahme zur EU Presseerkl&auml;rung vom 08.03.2025<\/a><\/p><p><strong>Dringlichkeitssitzung im UN-Sicherheitsrat<\/strong><\/p><p>Am Montag trat auf Antrag von USA und Russland der UN-Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung &bdquo;hinter verschlossenen T&uuml;ren&ldquo; zusammen. Einzelheiten wurden nicht bekannt.<\/p><p><strong>Erinnerungen<\/strong><\/p><p>Bei vielen Menschen in den D&ouml;rfern der syrischen K&uuml;stenregion l&ouml;sten die Ereignisse dieser Tage furchtbare Erinnerungen aus. W&auml;hrend des eskalierenden Syrienkrieges, der 2011 begann, wurden Anfang August 2013 D&ouml;rfer im gebirgigen Hinterland von Latakia und Jablah von bewaffneten Kampfverb&auml;nden aus Idlib &uuml;berfallen. Dutzende Menschen wurden get&ouml;tet, Frauen und Kinder verschleppt und erst nach Jahren von Verhandlungsbem&uuml;hungen wieder freigelassen. Im Gegenzug lie&szlig; damals die Regierung von Bashar al Assad K&auml;mpfer der bewaffneten Gruppen aus Idlib frei. Der Krieg ging weiter.<\/p><p>Ziel des damaligen Angriffs war es, schutzlose Dorfbewohner zu bestrafen, deren Angeh&ouml;rige &ndash; Cousins, V&auml;ter, Onkel, S&ouml;hne, Br&uuml;der, Ehem&auml;nner &ndash; in der syrischen Armee gegen bewaffnete Aufst&auml;ndische k&auml;mpften. Die Verhandlungen f&uuml;r die Freilassung der Verschleppten wurden damals wesentlich von dem &bdquo;Russischen Komitee zur Vers&ouml;hnung der verfeindeten Gruppen in Syrien&ldquo; und dem ehemaligen Ministerium f&uuml;r nationale Vers&ouml;hnung gef&uuml;hrt. Der damalige Minister f&uuml;r nationale Vers&ouml;hnung (2011-2018), Ali Haidar, wurde von der EU mit einseitigen Wirtschaftlichen Strafma&szlig;nahmen auf die Sanktionsliste gesetzt. Sein &bdquo;Vergehen&ldquo;? Als syrischer Politiker und Minister habe er <a href=\"https:\/\/www.opensanctions.org\/entities\/Q2646694\/\">N&auml;he zu Bashar al-Assad.<\/a><\/p><p><small>Titelbild: Berit Kessler\/shutterstock.com<\/small><\/p><p><em><strong>Hinweise der Autorin zur Sprachregelung<\/strong><\/em><\/p><p><em>Bei der aktuell in Damaskus herrschenden &bdquo;Interimsf&uuml;hrung&ldquo; handelt es sich nicht um eine Regierung. Sie ist weder von einem Parlament best&auml;tigt noch von einem durch allgemeine Wahlen vom Volk gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten ernannt worden.<\/em><\/p><p><em>Die herrschende Gruppe ist die Allianz zur Befreiung der Levante, Hayat Tahrir al-Sham (HTS). Bei der Organisation handelt es sich um ein B&uuml;ndnis von bis zu 60 bewaffneten Gruppen. Es ist die Nachfolgeorganisation der Nusra-Front, ehemals Vertretung von Al-Qaida in Syrien, gegr&uuml;ndet von Abu Mustafa al Golani, der heute unter seinem b&uuml;rgerlichen Namen Ahmad al-Sharaa bekannt ist. HTS &uuml;bernahm die Regierungsinstitutionen u.a. Ministerien und kooperiert mit einer &bdquo;Erl&ouml;sungsregierung&ldquo;, die sie bereits fr&uuml;her in Idlib eingesetzt hatte.<\/em><\/p><p><em>Ende Januar 2025 kam HTS zu einer Versammlung zusammen, in der Ahmad Al-Sharaa zum &bdquo;Interimspr&auml;sidenten&ldquo; ernannt wurde. Er l&ouml;ste das syrische Parlament auf, verbot die darin vertretenen Parteien und setzte die Verfassung (aus dem Jahr 2012) au&szlig;er Kraft.<\/em><\/p><p><em>HTS ist international &ndash; einschlie&szlig;lich Vereinte Nationen &ndash; als Terrororganisation gelistet. Ahmad al-Sharaa steht ebenfalls auf einer internationalen Terrorliste.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Wie die selbsternannte Interimsf&uuml;hrung Syriens versucht, Autorit&auml;t zu beweisen. <\/strong>W&auml;hrend in vielen Orten der syrischen K&uuml;stenregion die Menschen ihre Angeh&ouml;rigen zu Grabe tragen, richten internationale Medien ihre Aufmerksamkeit auf Damaskus, wo ein Abkommen zwischen den kurdisch gef&uuml;hrten Syrischen Demokratischen Kr&auml;ften (SDF) und der von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) ernannten Interimsf&uuml;hrung f&uuml;r Aufmerksamkeit sorgt. Von <strong>Karin<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130104\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":130105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171,166],"tags":[1055,2840,305,2490,1553,639,2376,2360],"class_list":["post-130104","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-terrorismus","tag-fluechtlinge","tag-massenmord","tag-menschenrechte","tag-staatsterrorismus","tag-syrien","tag-uno","tag-waffenstillstandsabkommen","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Shutterstock_2556202829.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/130104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=130104"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/130104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":130129,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/130104\/revisions\/130129"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/130105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=130104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=130104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=130104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}