{"id":130273,"date":"2025-03-17T10:00:35","date_gmt":"2025-03-17T09:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130273"},"modified":"2026-01-27T11:51:25","modified_gmt":"2026-01-27T10:51:25","slug":"erich-vad-teile-einer-politischen-intellektuellen-und-medialen-klasse-scheinen-zum-krieg-bereit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130273","title":{"rendered":"Erich Vad: \u201eTeile einer politischen, intellektuellen und medialen Klasse scheinen zum Krieg bereit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;In Europa versch&auml;rft die Politik eine Situation, die nicht von Fakten abgedeckt ist&ldquo; &ndash; das sagt <strong>Erich Vad<\/strong> im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em>. Der Brigadegeneral a. D. warnt vor Gefahren einer europ&auml;ischen Politik, die von Ideologie und Wunschdenken getrieben ist und sich von der Wirklichkeit verabschiedet. Vad, der in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ernstfall-fuer-deutschland.html\">&bdquo;Ernstfall f&uuml;r Deutschland: Ein Handbuch gegen den Krieg&ldquo;<\/a> darlegt, was ein Krieg der NATO mit Russland f&uuml;r Deutschland und Europa bedeuten w&uuml;rde, fordert eine Abkehr von Illusionen und Kriegsrhetorik. Der ehemalige milit&auml;rpolitische Berater von Bundeskanzlerin Merkel verdeutlicht: &bdquo;Krieg setzt eine politische Entscheidung voraus. Und diese Entscheidung wird in Washington und Moskau gef&auml;llt werden und nicht Europa oder Deutschland.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2571\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-130273-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250317_Erich_Vad_Teile_einer_politischen_intellektuellen_und_medialen_Klasse_scheinen_zum_Krieg_bereit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250317_Erich_Vad_Teile_einer_politischen_intellektuellen_und_medialen_Klasse_scheinen_zum_Krieg_bereit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250317_Erich_Vad_Teile_einer_politischen_intellektuellen_und_medialen_Klasse_scheinen_zum_Krieg_bereit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250317_Erich_Vad_Teile_einer_politischen_intellektuellen_und_medialen_Klasse_scheinen_zum_Krieg_bereit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=130273-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250317_Erich_Vad_Teile_einer_politischen_intellektuellen_und_medialen_Klasse_scheinen_zum_Krieg_bereit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250317_Erich_Vad_Teile_einer_politischen_intellektuellen_und_medialen_Klasse_scheinen_zum_Krieg_bereit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Marcus Kl&ouml;ckner: Medien sind voll von Berichten zum Krieg in der Ukraine. Oft ist von der Eskalation zu einem Krieg zwischen NATO und Russland zu h&ouml;ren. Viele fragen: Was passiert hier eigentlich? Was ist Ihre Antwort?<\/strong><\/p><p><strong>Erich Vad<\/strong>: Im Westen, in Europa, versch&auml;rft und eskaliert die Politik einen festgefahrenen Krieg in der Ukraine, in dem es keine milit&auml;rische L&ouml;sung geben wird. Das ist gef&auml;hrlich. Das kann zu dem f&uuml;hren, was man verhindern will: Krieg in und mit Europa. Andererseits: Nach Lage der Dinge wollen die USA und wohl auch Russland den Ukraine-Krieg beenden. Die diesbez&uuml;glichen Aussagen scheinen klar. Beide Staaten arbeiten mit Unterh&auml;ndlern an Waffenstillstandsverhandlungen. Das l&auml;sst hoffen.<\/p><p><strong>Sie meinen, wenn die USA und Russland sagen, der Krieg soll beendet werden, dann ist das auch so?<\/strong><\/p><p>So ist es, und dies werden die Europ&auml;er trotz gegenl&auml;ufiger politischer Rhetorik nicht beeinflussen k&ouml;nnen. Im Grunde genommen ist es so: Wirklich satisfaktionsf&auml;hig im Blick auf Krieg und Frieden in Europa und in der Ukraine sind nur die USA und Russland. Das gilt seit 1945, mittlerweile seit 80 Jahren. Putin wird dies am 9. Mai mit einer gro&szlig;en Milit&auml;rparade auf dem Roten Platz zum Ausdruck bringen. Vielleicht ist Trump sogar dabei und beide Siegerm&auml;chte des Zweiten Weltkrieges verdeutlichen gemeinsam, wer in Europa das Sagen hat.<\/p><p><strong>Gleichzeitig sch&uuml;ren Medien und Politik bei uns Kriegsangst und reden von einem m&ouml;glichen russischen Angriff auf die NATO und Europa. Einige sehen das in f&uuml;nf Jahren auf uns zukommen, andere schon im Herbst dieses Jahres. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p><p>Viele Beobachter, Analysten und Experten machen den Fehler, laufende Entwicklungen so zu extrapolieren, dass es dem eigenen, erwarteten oder gew&uuml;nschten Bild von der Lage entspricht. Das war auch in den letzten beiden Jahren des Krieges so, wenn regional und lokal begrenzte, erfolgreiche milit&auml;rische Offensiven der Ukrainer medial gefeiert und als nachhaltig, sogar als die Gesamtlage ver&auml;ndernde, kriegsentscheidende und zum Sieg f&uuml;hrende Entwicklungen abgebildet wurden. Dass hier, weit weg von der Realit&auml;t, der Wunsch Vater des Gedankens war und ist, haben viele nicht bemerkt. Mittlerweile sieht auch der Laie, dass die milit&auml;rische Lage f&uuml;r die Ukraine desastr&ouml;s ist.<\/p><p>Das jetzt politisch und medial bem&uuml;hte Narrativ ist es nun, dass die Russen, die gerade M&uuml;he haben, den Donbass zu besetzen und nur sehr langsam vorr&uuml;cken, auf dem besten Weg seien, die gesamte Ukraine zu besetzen, um dann die NATO und Europa anzugreifen. Das sind &bdquo;Dominotheorien&ldquo;, die gef&auml;hrlich sind, die zu einer &bdquo;self-fulfilling prophecy&ldquo; und damit zu fatalen Fehlentwicklungen f&uuml;hren k&ouml;nnen. Der zehn Jahre dauernde Vietnamkrieg der USA beispielsweise, der zur weitgehenden Zerst&ouml;rung des Landes und zu rund drei Millionen Toten f&uuml;hrte, ist auf eine solche Dominotheorie zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Solche Dominotheorien legitimierten zahlreiche andere offene und verdeckte Regime-Change-Operationen der USA in Lateinamerika, in Afrika und in S&uuml;dostasien w&auml;hrend des Kalten Krieges.<\/p><p>&Auml;hnlich gilt das auch f&uuml;r k&uuml;rzlich in den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen ge&auml;u&szlig;erte Bef&uuml;rchtungen, aus dem im Herbst routinem&auml;&szlig;ig stattfindenden Sapad-2025-Milit&auml;rman&ouml;ver Russlands mit Belarus heraus werde das Baltikum angegriffen, damit ein gro&szlig;er europ&auml;ischer Krieg ausgel&ouml;st und dass wir so den letzten Sommer im Frieden verbringen w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Das schlie&szlig;en Sie aus?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich ist fast alles m&ouml;glich, und ich nehme die Besorgnis der Anrainerl&auml;nder sehr ernst. Man muss aber zugleich aufpassen, Panikmache zur besten &Ouml;R-Sendezeit zu propagieren, und das auch noch w&auml;hrend bereits laufender Waffenstillstandsvorgespr&auml;che. Nat&uuml;rlich gehen von russischen Milit&auml;rman&ouml;vern gerade jetzt in Zeiten des Krieges eskalierende, politische Botschaften aus. Das war im vergangenen Jahr beim gr&ouml;&szlig;ten Milit&auml;rman&ouml;ver der NATO seit Ende des Kalten Krieges &bdquo;Steadfast Defender&ldquo; auch der Fall. Auch da haben &ndash; diesmal russische &ndash; Medien propagandistisch einen nahen Krieg herbeireden wollen. Das geh&ouml;rt zur sogenannten Informationsfront gewisserma&szlig;en dazu, wenngleich man aus Milit&auml;rman&ouml;vern nicht zwingend ableiten kann, dass sie automatisch in den Krieg f&uuml;hren. Jeder Krieg setzt eine entsprechende politische Entscheidung voraus. Ich sehe es derzeit nicht, dass in Washington und Moskau, Riad oder in Dschidda ein gro&szlig;er Krieg, sondern dass eher ein baldiger Waffenstillstand politisch vorbereitet wird, was mich beruhigt.<\/p><p><strong>Dennoch sollen deutsche Soldaten die &bdquo;Welt retten&ldquo;? Warum ist das so?<\/strong><\/p><p>Das ist sehr &uuml;berspitzt gefragt. In der Tat scheinen wir in Deutschland eine politische, intellektuelle und mediale Klasse zu haben, die in Teilen zum Krieg bereit ist, auch und vielleicht gerade deshalb, weil es sie nicht existentiell betrifft und sie solche Lagen &uuml;berhaupt nicht realistisch einsch&auml;tzen k&ouml;nnen. Erich Maria Remarque hat das einmal sehr sch&ouml;n auf den Punkt gebracht: &bdquo;Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die daf&uuml;r sind. Besonders die, die nicht hingehen m&uuml;ssen.&ldquo; <\/p><p>Zudem ist in Deutschland die Wehrbereitschaft au&szlig;erhalb aktueller politischer Rhetorik stark unterentwickelt. Wir werden trotz des anstehenden Sonderverm&ouml;gens und der Gelder f&uuml;r Aufr&uuml;stung Jahre brauchen, bis die Bundeswehr einsatzf&auml;hig ist. Der j&uuml;ngste Bericht der Wehrbeauftragten Eva H&ouml;gl zeigt einmal mehr, wie es tats&auml;chlich um die Bundeswehr bestellt ist. Nicht wenige Politiker, gerade solche, die sich besonders mit Kriegsrhetorik schm&uuml;cken wollen, waren Wehrdienstverweigerer, die noch dazu fr&uuml;her als Politiker alles getan haben, um die Bundeswehr kurz und klein zu halten. Jetzt verbreiten sie eine Kriegshysterie, die mich bedenklich stimmt. Das kann ich nicht ernst nehmen, wenn sie in Politik und Medien den Krieg herbeireden, ohne die F&auml;higkeiten dazu zu haben.<\/p><p><strong>In Deutschland wird gerade versucht, ein riesiges Aufr&uuml;stungsprogramm anzuschieben. Was w&auml;re denn im Falle eines Krieges mit Russland? Sie haben ja ein Szenario in Ihrem Buch beschrieben.<\/strong><\/p><p>Wenn der Ukrainekrieg eskalierte, h&auml;tten wir einen europ&auml;ischen Krieg, und das hei&szlig;t: Dann haben wir den Krieg im eigenen Land. Deutschland ist das Aufmarschgebiet und die logistische Drehscheibe f&uuml;r die NATO, und zwar sowohl mit als auch ohne die USA. Wir haben in Deutschland noch Dutzende wichtige amerikanische Milit&auml;reinrichtungen und Hauptquartiere, aus denen heraus weltweit Milit&auml;reins&auml;tze sowie milit&auml;rische und geheimdienstliche Operationen gef&uuml;hrt werden.<\/p><p>Allein schon aufgrund unserer geografischen Lage w&auml;ren Deutschland, aber auch Polen mittendrin. Deshalb: Krieg kann keine rationale Option f&uuml;r Deutschland sein. Wir m&uuml;ssen auf Abschreckung setzen. Das ist unsere Option als Ausdruck unserer vitalen Interessenlage: Es darf nicht zu einem Krieg im Zentrum Europas kommen. Wenn, dann h&auml;tten wir alles falsch gemacht &ndash; betrachtet aus unserer nationalen Interessenlage. <\/p><p>Die USA haben nie einen Krieg gef&uuml;hrt, in dem sie Gefahr liefen, dass ihr Land zerst&ouml;rt worden w&auml;re. Geographisch liegen die USA &uuml;ber 5.000 Kilometer weit weg von Europa. Ein europ&auml;ischer Krieg oder sogar ein begrenzter Nuklearkrieg in Europa w&uuml;rde die USA nicht weiter tangieren und w&auml;re aus US-Sicht eine rationale, einzuplanende Option. Aber Deutschland hat nicht die amerikanische Sicht, sondern die eigene Sicht zu beachten. F&uuml;r uns st&uuml;nde unsere Existenz auf dem Spiel. Bei einem Krieg in Europa w&uuml;rde unser Land so aussehen wie beim Ausgang des Zweiten Weltkrieges vor jetzt 80 Jahren, wenn nicht noch schlimmer.<\/p><p><strong>Nur dass damals noch nicht wirklich Nuklearwaffen im Spiel waren.<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Bis 1942 lagen die deutschen und amerikanischen Nuklearplanungen in etwa auf gleicher H&ouml;he. Gott sei Dank waren die USA schnell weiter, insbesondere deshalb, weil die Deutschen sich einen kr&auml;fteverzehrenden Vernichtungskrieg mit der Sowjetunion lieferten und schwerpunktm&auml;&szlig;ig auf Raketen und Marschflugk&ouml;rper, also auf die V2 und V1 setzten und nicht priorit&auml;r auf die Atombombe, die die USA dann auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen und damit den Zweiten Weltkrieg beendeten.<\/p><p>Deswegen muss es das oberste Prinzip deutscher Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik sein, einen Krieg durch milit&auml;rische Abschreckung zu verhindern &ndash; nicht aus Gr&uuml;nden der Angst, der Feigheit oder des Pazifismus, sondern des rationalen Gefahrenbewusstseins und einer realistischen Beurteilung unserer geopolitischen Situation im Zentrum Europas und im Mittelpunkt eines k&uuml;nftigen europ&auml;ischen Krieges.<\/p><p><strong>Dessen ungeachtet steht neben der Wiedereinf&uuml;hrung der Wehrpflicht das politische Gro&szlig;vorhaben &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; auf der Agenda. Wie stehen Sie dazu?<\/strong><\/p><p>Gegen kriegst&uuml;chtige Streitkr&auml;fte habe ich per se nichts einzuwenden, denn eine Armee, die nicht kriegst&uuml;chtig ist, kann man sich sparen. Betrachten wir die Bundeswehr: Sie ist in einem desolaten Zustand. Das ist nicht nur eine Geldfrage, und das wird man durch diesen m&ouml;glichen Geldsegen auch nicht von heute auf morgen beenden k&ouml;nnen. Eine kleine Pflanze wird nicht sch&ouml;ner dadurch, dass man 100 Liter Wasser auf sie kippt. Es wird Jahre dauern, bis wir unsere Streitkr&auml;fte wieder auf einem Niveau haben, wie wir es im Kalten Krieg besa&szlig;en. Dennoch: Der Forderung, dass wir mehr f&uuml;r unsere Verteidigung tun sollten, was die USA berechtigterweise seit Langem verlangen, schlie&szlig;e ich mich an.<\/p><p><strong>Da h&ouml;rt man nun den Brigadegeneral a. D. sprechen (lacht). Den Begriff &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; halte ich f&uuml;r sehr problematisch. Er setzt sich aus dem positiv besetzten Wort &bdquo;t&uuml;chtig&ldquo; und dem negativ besetzten Wort &bdquo;Krieg&ldquo; zusammen. T&uuml;chtig zu sein, das betrachten wir in unserer Gesellschaft als erstrebenswert. Aber &bdquo;t&uuml;chtig&ldquo; f&uuml;r einen Krieg zu sein? Sollte es nicht darum gehen, dem grundgesetzlichen Friedensauftrag gerecht zu werden? Dazu braucht es keine Kanonen, sondern eher die Friedenspfeife, oder?<\/strong><\/p><p>Ja, das ist richtig. Ich nehme das grundgesetzliche Gebot von Friedenspolitik aus Deutschland heraus w&ouml;rtlich und ernst. Die Politik muss auf Frieden und Ausgleich ausgerichtet sein. Trotzdem und deshalb bedarf es einer starken Bundeswehr. Ich meine, beides schlie&szlig;t sich &uuml;berhaupt nicht aus. &bdquo;K&auml;mpfen k&ouml;nnen, um nicht k&auml;mpfen zu m&uuml;ssen&ldquo;, war Devise w&auml;hrend des Kalten Krieges. Das Motto stand &uuml;ber dem Kompanieblock der Freiherr-von-Boeselager-Kaserne in Munster, in der ich als junger Offizier mehrere Jahre diente. Wir brauchen eine neue Definition milit&auml;rischer Abschreckung in Europa in Anlehnung an die Harmel-Doktrin, die immer in der Geschichte der NATO unsere raison d&rsquo;etre war und weiterhin sein sollte. Nicht Bellizismus, Verweigerung von politischer Verst&auml;ndigung und rhetorische Aufr&uuml;stungsorgien, sondern milit&auml;rische Abschreckung mit starken, einsatzf&auml;higen Streitkr&auml;ften in Verbindung mit Dialog, Interessenausgleich, Verst&auml;ndigung und Friedenspolitik.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen so stark sein, dass keiner es wagt, uns anzugreifen &ndash; und das sind wir im Moment nicht. Daran m&uuml;ssen wir arbeiten, deshalb halte ich das f&uuml;r richtig.<\/p><p><strong>Also doch: Feindbild Russland?<\/strong><\/p><p>Nein. Bei dieser Ausrichtung brauche ich niemanden, auch Russland nicht als Feind. Dieses Herstellen eines Feindbildes halte ich f&uuml;r unvern&uuml;nftig, ich bin schlicht dagegen. Es geht mir darum, <em>prinzipiell<\/em> ger&uuml;stet zu sein f&uuml;r den Fall eines Angriffs, egal, von wem er ausginge. Wir m&uuml;ssen uns in Deutschland und Europa besser sch&uuml;tzen, und dazu geh&ouml;rt milit&auml;rische Abschreckung; das aber nur in Verbindung mit einer Politik des Dialogs, des Interessenausgleichs, der Vertrauensbildung, der Abr&uuml;stung.<\/p><p><strong>Interessenausgleich? Vertrauensbildung? Politik des Dialogs? Davon ist seit Jahren gegen&uuml;ber Russland nicht viel zu sehen, oder?<\/strong><\/p><p>Dieser Teil fehlt mir auch. Gr&uuml;nde daf&uuml;r liegen aber auch in Russland, das einen v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg begonnen hat. In der ganzen Debatte in den letzten drei Jahren wurde in Deutschland wiederum auf Waffenlieferungen gesetzt, nicht auf Verhandlungen, nicht auf Dialog, ein politisches Ziel wurde nicht bestimmt; diese Komponenten wurden vernachl&auml;ssigt. Das haben die USA jetzt gestoppt. Sie reden mit den Russen, sie wollen Waffenstillstand mit Ziel Frieden.<\/p><p><strong>Sie haben, wenn ich mich richtig erinnere, selbst schon an einer Friedensdemonstration teilgenommen, oder?<\/strong><\/p><p>Vor zwei Jahren habe ich in Berlin an einer von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht initiierten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xC-aRUy6qnI&amp;t=1840s\">Demonstration teilgenommen und am Brandenburger Tor eine Rede gehalten<\/a>. Die Frauenzeitschrift <em>Emma<\/em> war, abgesehen von einigen kleineren Interviews, die einzige Zeitschrift, die meine Rede dank einer klaren, vorbildlichen Haltung von Alice Schwarzer abdruckte. Dass ein Ex-General damals &bdquo;nur&ldquo; in einer Frauenzeitschrift seine Position <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/artikel\/rede-erich-vad-aufstand-fuer-frieden-340173\">zum Ausdruck bringen konnte<\/a>, wirkt merkw&uuml;rdig und sagt etwas aus &uuml;ber Meinungsvielfalt in Deutschland, die der amerikanische Au&szlig;enminister J. D. Vance w&auml;hrend der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz mit Fug und Recht kritisierte. <\/p><p>Erst letzte Woche habe ich in &Ouml;sterreich bei einem &ndash; im Gegensatz zu manchen deutschen Talk Shows &ndash; <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sPmErloN6PQ\">ausgewogenen TV-Talk<\/a> &uuml;ber den Ukrainekrieg gesagt, dass ich jeden Satz dieser Rede damals, Satz f&uuml;r Satz, heute nochmals so sagen w&uuml;rde. Jede Aussage stimmt und hat sich bewahrheitet. Nur dank <em>Emma<\/em> ist das verifizierbar und nachlesbar. Dennoch habe ich als Folge meiner Teilnahme an dieser Demonstration viele Menschen, fr&uuml;here Kollegen, die mir wohlgesinnt waren, verloren und angeblich meine &bdquo;Reputation verspielt&ldquo;, wie in einer seri&ouml;sen Zeitung behauptet wurde. Ich wurde nach der Demo massiv als Putin- und Russlandversteher kritisiert und diffamiert.<\/p><p><strong>Wie kam es &uuml;berhaupt dazu, dass Sie damals an der Demo diese Rede gehalten haben?<\/strong><\/p><p>Der Grund war: Das, was ich sagen wollte, konnte ich in keinem anderen Medium ver&ouml;ffentlichen. <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/artikel\/erich-vad-was-sind-die-kriegsziele-340045\"><em>Emma<\/em> hat mich zu Wort kommen lassen<\/a>. Daf&uuml;r bin ich heute noch dankbar, dass eine deutsche Frauenzeitschrift den Ex-General zu Wort kommen lie&szlig;.<\/p><p><strong>Deutsche Medien sprechen nahezu geschlossen noch immer nicht von einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125663\">Stellvertreterkrieg<\/a> in der Ukraine. Mir ist <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise\/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html\"><em>ein<\/em> Artikel<\/a> in einem gro&szlig;en Medium bekannt, wo das Kind beim Namen genannt wird: Stellvertreterkrieg. Ansonsten: Es wird geradezu geleugnet, dass wir es mit einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125458\">Stellvertreterkrieg<\/a> zu tun haben. Wie sehen Sie das? Stellvertreterkrieg, ja oder nein?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich ist das ein Stellvertreterkrieg. Das sage ich seit zwei Jahren, ich wurde daf&uuml;r heftig kritisiert. Inzwischen nicht mehr, weil klar geworden ist, dass sich die USA und Russland das geschundene Land [die Ukraine, Anm. d. Red.] politisch und wirtschaftlich bereits aufzuteilen beginnen. Stichwort: Rohstoffabkommen. Nat&uuml;rlich findet in der Ukraine ein legitimer Verteidigungskrieg der Ukrainer statt, der seine Vorgeschichte hat, der aus einem fr&uuml;heren, auch innenpolitischen Konflikt hervorgegangen ist und eben auch den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=128848\">politischen Charakter eines Stellvertreterkrieges<\/a> zwischen den USA und Russland hat. Das wird nicht gern geh&ouml;rt. <\/p><p>Es ist vor allem ein Krieg zwischen den USA und Russland aufgrund einer Konkurrenz in einer bestimmten Region. Der Sachverhalt ist simpel: Die Russen haben dort andere Interessen als die Amerikaner. Wichtig ist es mir, Interessen der Staaten als strategische Rahmenbedingungen mehr in den Blick zu nehmen: F&uuml;r die Russen ist es undenkbar, ihren Einfluss auf die Schwarzmeerregion, die Kontrolle &uuml;ber die Krim und die Landverbindung zur Krim &uuml;ber den Donbass zu verlieren, wo auch sehr viele ethnische Russen leben oder gelebt haben. <\/p><p>Das ist &auml;hnlich wie bei der <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/echte-staatskunst-hat-1962-einen-atomkrieg-verhindert-wir-brauchen-das-wieder\">Kubakrise 1962<\/a>. Kennedy konnte es nicht zulassen, dass die Sowjets auf Kuba milit&auml;risch Fu&szlig; fassten &ndash; ein No-Go aus amerikanischer Sicherheitsperspektive. Es bestand die Gefahr eines Nuklearkrieges. Die Amerikaner dulden es bis heute nicht, dass eine nichtamerikanische Macht in der Karibik, in Panama oder in Lateinamerika Fu&szlig; fasst. Ich habe amerikanischen Freunden das Dilemma der Russen so erkl&auml;rt, dass sie es sich vorstellen m&uuml;ssten: Mexiko wolle Mitglied der Eurasischen Union von Putin werden, diskutierte mit denen &uuml;ber russische und chinesische Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte und hielte st&auml;ndig Milit&auml;rman&ouml;ver im Golf von Mexiko ab &ndash; so, wie es die Amerikaner vor dem Ukrainekrieg im Schwarzen Meer gemacht haben. Und das geopolitisch gef&auml;rbte und v&ouml;lkerrechtlich h&ouml;chst zweifelhafte Gerede von Trump bezogen auf Kanada, Panama oder Gr&ouml;nland verr&auml;t deutlich, um was es im Kern auch im Ukrainekrieg geht.<\/p><p>Die Amerikaner haben sich in der Ukraine zu weit vorgewagt. Das und ihr Versuch, die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine durchzudr&uuml;cken, war ein strategischer Fehler. Es hat nicht funktioniert. Jetzt hinterlassen sie ein Desaster, dass wir Europ&auml;er ausbaden wie schon in Afghanistan, Syrien, Libyen oder im Irak.<\/p><p><strong>Und die Menschen in den L&auml;ndern auch &hellip; Ich m&ouml;chte an dieser Stelle die &bdquo;Warum-Frage&ldquo; stellen. Warum will Europa nun so massiv aufr&uuml;sten? Warum versch&auml;rft die europ&auml;ische Politik ihre Rhetorik gegen Russland so stark? Warum dieser Konfrontationskurs? Die, wie es so hei&szlig;t, &bdquo;Eskalationsdominanz&ldquo; liegt doch letztlich bei Russland. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Das ist richtig. Die Eskalationsdominanz im Ukrainekrieg lag und liegt bei Russland. Die Europ&auml;er benehmen sich angesichts der amerikanisch-russischen Verst&auml;ndigung wie pubertierende Kinder im Sandkasten, die bockig sind, dass sie nicht ihren Willen bekommen haben. Die Erwachsenen, das sind aktuell die Amerikaner und Russen, und die wollen offensichtlich aus dem Krieg raus. Da aber die Europ&auml;er in ihrer jetzigen Verfasstheit &uuml;berhaupt keinen Krieg f&uuml;hren k&ouml;nnen, l&auml;sst mich das einigerma&szlig;en entspannt auf die Lage schauen.<\/p><p>Internationale Sicherheitspolitik war zu allen Zeiten gef&auml;hrlich. Gefahren und Risiken bleiben auch jetzt, wo sich die beiden M&auml;chte USA und Russland aufeinander zubewegen.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Erich Vad Consulting M&uuml;nchen<\/small><\/p><p><em>Lesetipp: Erich Vad: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ernstfall-fuer-deutschland.html\">&bdquo;Ernstfall f&uuml;r Deutschland: Ein Handbuch gegen den Krieg&ldquo;<\/a>. Neu-Isenburg 2024, Westend Verlag, broschiert, 80 Seiten, ISBN 978-3864894923, 15 Euro.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/2d3ab7002bc34a76942b43453f469f75\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;In Europa versch&auml;rft die Politik eine Situation, die nicht von Fakten abgedeckt ist&ldquo; &ndash; das sagt <strong>Erich Vad<\/strong> im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em>. Der Brigadegeneral a. D. warnt vor Gefahren einer europ&auml;ischen Politik, die von Ideologie und Wunschdenken getrieben ist und sich von der Wirklichkeit verabschiedet. 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