{"id":13029,"date":"2012-04-30T08:49:14","date_gmt":"2012-04-30T06:49:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13029"},"modified":"2015-02-14T13:53:11","modified_gmt":"2015-02-14T12:53:11","slug":"die-piraten-sie-machen-alles-anders-sie-wissen-nur-noch-nicht-was-sie-machen-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13029","title":{"rendered":"Die Piraten: Sie machen alles anders, sie wissen nur noch nicht, was sie machen wollen"},"content":{"rendered":"<p>Mit den Piraten stellt sich eine Partei zur Wahl, die eigentlich (noch) gar keine Partei ist. Denn es ist v&ouml;llig offen welchen &bdquo;Pars&ldquo;, also welchen Teil der Gesellschaft oder welche Richtung diese Bewegung vertritt. Die Piraten sind eine Denkzettelpartei f&uuml;r die etablierten Parteien. Ihre inhaltlichen Leerstellen werden von vielen nicht als Mangel betrachtet, sondern das fehlende Programm ist eher eine Projektionsfl&auml;che f&uuml;r viele Politikverdrossene, f&uuml;r die es letztlich keinen gro&szlig;en Unterschied macht, ob nun Schwarz-Gelb, Rot-Gr&uuml;n oder eine gro&szlig;e Koalition regiert. Die Hochstimmung f&uuml;r die Piraten erkl&auml;rt sich aus einer eher fatalen Stimmungslage: Egal was, Hauptsache es &auml;ndert sich etwas.  Die Piraten streben nach politischer Macht, ohne sagen zu k&ouml;nnen, was sie mit dieser Macht anstellen w&uuml;rden. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nZwei Tage lang haben sich etwa 1.500 der inzwischen auf die 30.000 Mitlieder zustrebenden Piraten in der tristen Holstenhalle in Neum&uuml;nster zusammengefunden. Delegierte gibt es bei den Piraten nicht, jedes Mitglied konnte kommen und mitentscheiden, maximal 5 % der Mitglieder wollten das. Angeblich lagen dem Parteitag 169 Programmantr&auml;ge, 50 Satzungs&auml;nderungs- und 20 sonstige Antr&auml;ge vor. Und nat&uuml;rlich sollte ein neuer und erweiterter Bundesvorstand gew&auml;hlt werden. <\/p><p>Wer, wie ich als interessierter, zwar skeptischer, aber durchaus wohlwollender Beobachter den Live Stream &uuml;ber Stunden nebenher verfolgte und erwartet hatte, er k&ouml;nnte mehr &uuml;ber die inhaltlichen Positionen erfahren, als auf der Website der Piraten schon bisher nachzulesen ist, der wurde ziemlich entt&auml;uscht. <\/p><p>Um meine Haltung klarzustellen: Ich geh&ouml;re nicht zu denjenigen, die den Piraten eine unvollst&auml;ndige oder unausgegorene Programmatik vorhalten oder die sich daran aufhalten, dass sich dort schr&auml;g gestylte Leute tummeln. Ich gestehe einer neuen Partei eine Selbstfindungsphase zu, wie ich das auch bei der Linkspartei getan habe. Ich will mich (zun&auml;chst) auch nicht an der angeblichen Frauenfeindlichkeit oder an unbedachten, ja sogar schlimmen &Auml;u&szlig;erungen einzelner Mitglieder dieser Partei reiben. Eine Zustandsbeschreibung gerade auch aufgrund dieses Parteitags muss jedoch erlaubt sein.<\/p><p>Das Ergebnis dieses Parteitags l&auml;sst sich relativ knapp zusammenfassen: Der bisherige Vorsitzende Sebastian Nerz und sein Stellvertreter Bernd Schl&ouml;mer bleiben an der Spitze, sie tauschen lediglich ihre &Auml;mter. Das Vorstandsteam wurde um einen zweiten stellvertretenden und einen dritten Beisitzer erweitert. Es wurde eine Schatzmeisterin gew&auml;hlt, ein Generalsekret&auml;r und ein &bdquo;politischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer&ldquo; und schlie&szlig;lich wurde noch &uuml;ber die Mitglieder des Bundesschiedsgerichts abgestimmt. Satzungsm&auml;&szlig;ig wurde entschieden, dass die F&uuml;hrungsspitze weiter ehrenamtlich arbeiten und dass deren Amtszeit auf ein Jahr beschr&auml;nkt bleiben soll, dass es keine organisatorischen Zwischenebenen zwischen Basis und Spitze geben soll. Die am meisten umk&auml;mpfte Entscheidung war, dass die Mitgliedsbeitr&auml;ge von 36 auf 48 Euro erh&ouml;ht werden sollen. Wie kommentierte doch der gerade amtierende Versammlungsleiter diese Kampfabstimmung ums Geld so typischerweise: &bdquo;Damit ist irgendein Antrag, angenommen, ich wei&szlig; nicht welcher, aber ich meine, wir m&uuml;ssen k&uuml;nftig mehr Beitr&auml;ge zahlen.&ldquo; <\/p><p>(Ob diese Erh&ouml;hung der Partei eine finanzielle Basis schaffen wird, ist allerdings eine offene Frage, denn derzeit bezahlt angeblich nur die H&auml;lfte der Parteimitglieder Beitr&auml;ge.)<\/p><p>Die spektakul&auml;rste und auch von fast allen Medien hochgelobte inhaltliche Entscheidung war eine Abstimmung mit den F&uuml;&szlig;en. W&auml;hrend der Vorstellung der 8 Vorstandskandidaten, verlie&szlig; ein Gro&szlig;teil der anwesenden Mitglieder mit roten Nein-Karten in den H&auml;nden den Saal als einer der Kandidaten, der auf YouTube vom &bdquo;Weltjudentum&ldquo; geredet hatte, sich vorstellen wollte. Schon vorher war verbreitet worden, dass ein Mitglied am Rande des Parteitags vor einigen der massenhaft anwesenden Journalisten erkl&auml;rt habe, man k&ouml;nne &uuml;ber den Holocaust diskutieren. Als sich diese Nachricht verbreitete, wurde der Parteitag unterbrochen und anschlie&szlig;end ohne erkennbare Gegenstimme eine Erkl&auml;rung angenommen: &ldquo;Die Piratenpartei Deutschland erkl&auml;rt, dass der Holocaust unbestreitbar Teil der Geschichte ist. Ihn unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu leugnen oder zu relativieren widerspricht den Grunds&auml;tzen unserer Partei.&rdquo; <\/p><p>Auf ihrer Website feiern die Piraten diese Erkl&auml;rung als <a href=\"http:\/\/www.piratenpartei.de\/2012\/04\/28\/piraten-uberwaltigendes-nein-zu-holocaustleugnung-und-relativierung\/\">&bdquo;&uuml;berw&auml;ltigendes &bdquo;Nein&ldquo; zu Holocaustleugnung und &ndash;relativierung&ldquo;<\/a> (Interessant und teilweise be&auml;ngstigend sind allerdings die 147 Kommentare zu dieser Abstimmung. Aus der Partei ausgeschlossen wurden Mitglieder, die den Holocaust leugnen, im &Uuml;brigen nicht.)<\/p><p>Die Annahme dieser Erkl&auml;rung war der inhaltliche H&ouml;hepunkt dieses Parteitags, denn zu den &uuml;brigen Sachantr&auml;gen kam man vor lauter Wahlen und Satzungs&auml;nderungen gar nicht mehr. Sie wurden auf einen n&auml;chsten Parteitag vertagt. Diese Erkl&auml;rung gegen Holocaustleugner gen&uuml;gte aber offenbar, um dem Parteitag in den meisten Medien eine &uuml;berwiegend positive und freundliche Berichterstattung einzutragen. So ungreifbar, ja unbegreiflich muss die Piratenpartei also sein, dass eine derart banale Erkl&auml;rung schon mit Erleichterung, ja <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/2012-04\/piraten-parteitag\">sogar als Erfolg aufgegriffen wird<\/a>.<br>\nDas belegt eigentlich nur, wie oberfl&auml;chlich dieses &bdquo;Ph&auml;nomen&ldquo; Piratenpartei in der ver&ouml;ffentlichten Meinung betrachtet wird und wie wenig man in der Lage ist, tiefer nachzufragen, welches (sicherlich noch diffuses) Selbstverst&auml;ndnis diese Bewegung zusammenh&auml;lt (Siehe dazu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12934\">&bdquo;Funktioniert Politik wie Wikipedia?&ldquo;<\/a>) <\/p><p>Bei ihrer &Ouml;ffentlichkeitsarbeit haben die Piraten aber offenbar schon einiges dazu gelernt, sonst k&ouml;nnten sie nach Neum&uuml;nster nicht voller Stolz verk&uuml;nden, dass die Partei eine &bdquo;neue Dimension erreicht&ldquo; h&auml;tten. <\/p><p>Nun will ich auch da nicht vorschnell urteilen. Ich will einfach einmal einr&auml;umen, dass s&auml;mtliche Mitglieder auf diesem Parteitag ihre Laptops und Tablet PCs nicht ohne Grund st&auml;ndig bearbeitet haben und ich will unterstellen, dass die Anwesenden st&auml;ndig &uuml;ber die anstehenden Abstimmungen mit ihrem Netzwerk getwittert haben und parallel zum offiziellen Parteitag in irgendwelchen Foren online diskutiert haben. Sonst w&auml;re es auch kaum nachvollziehbar, dass es offline &ndash; also im Saal selbst &ndash; so viele Missverst&auml;ndnisse &uuml;ber Abstimmungen und deshalb so viele Wiederholungen von Wahlg&auml;ngen gegeben hat. Selbst bei der Internetgeneration schein die Multitasking-F&auml;higkeit noch nicht &uuml;berall so entwickelt zu sein, dass man im Internet surfen und gleichzeitig auch noch konzentriert zuh&ouml;ren kann, was &uuml;ber das Saalmikrofon gesagt wird. <\/p><p>Diese Ablenkung durch &ndash; um nicht zu sagen &ndash; diese Aufmerksamkeit f&uuml;r das Internet ist f&uuml;r mich auch die einzig m&ouml;gliche Erkl&auml;rung, wie engagierte und sicherlich durchaus intelligente Menschen so viel Disziplin und Geduld aufbringen konnten, um nicht gegen die teils dilettantischen, teils autorit&auml;ren Verhandlungsleitungen aufzubegehren, die jedem, der einen etwas grunds&auml;tzlicheren Diskussionsbeitrag liefern wollte, das Wort abschnitten. Selbst wenn man diesen Parteitag nur am Bildschirm verfolgt hat, musste man gute Nerven haben. Gef&uuml;hlte dreiviertel der Zeit wurden Stimmen ausgez&auml;hlt. Die auf elektronische Information setzende Internetpartei produzierte Berge von papiernen Antr&auml;gen. Alle paar Minuten musste &uuml;ber einen Gesch&auml;ftsordnungsantrag abgestimmt werden. Nach wenigen Wortmeldungen wurde die Begrenzung der Redezeit oder der Schluss der Rednerliste beschlossen. Die Antragsteller waren zumeist nicht im Saal und konnten ihren eigenen Antrag nicht begr&uuml;nden. Oft wurden die Verhandlungsleitungen (trotz Red Bull-St&auml;rkung) geradezu zur Verzweiflung getrieben, sei es weil es im Saal zu laut war, sei es weil keiner zuh&ouml;rte, sei es weil st&auml;ndig bezweifelt wurde, wor&uuml;ber eigentlich abgestimmt worden war. In der Partei, die nach eigener Aussage f&uuml;r Transparenz steht, wurde merkw&uuml;rdigerweise h&auml;ufig geheim abgestimmt. Es mussten Urnen vor den Abstimmungen vorgezeigt werden, wohl damit keine Wahlmanipulation m&ouml;glich sein sollte.  Das unterhaltsamste war noch das schr&auml;ge Outfit der ganz &uuml;berwiegend m&auml;nnlichen Delegierten. Zwischendurch wurde dann noch ein bisschen &bdquo;Pressegehampel&ldquo; gemacht, was sich dann allerding wieder verz&ouml;gerte, weil einige Vorstandsmitglieder gerade beim Foto-Shooting im Foyer waren. St&auml;ndig musste zu irgendeinem Thema ein Meinungsbild eingeholt werden, etwa: Stimmt die Versammlung der Meinung zu, der Islam geh&ouml;re zu Deutschland? Das Meinungsbild ging positiv aus. Oder: Unterst&uuml;tzt die Partei die Occupy Bewegung? Der Versammlungsleiter teilte dem Antragsteller mit, die Meinungsbildung sei eher gespalten. Wohlgemerkt um Beschl&uuml;sse handelte es sich dabei nicht, ein paar Anwesende wollten einfach mal ein Meinungsbild einholen. <\/p><p>Ich war &ndash; beruflich bedingt &ndash; in meinem politischen Leben auf sehr vielen Parteitagen unterschiedlichster Parteien, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Delegierten dort so viel Geduld und Disziplin aufgebracht h&auml;tten, um klaglos &uuml;ber immer neue &Auml;nderungsantr&auml;ge zu Satzungen oder Gesch&auml;ftsordnungen abzustimmen. Und ich habe selten Parteitage erlebt, wo so wenig inhaltlich und so undifferenziert gestritten wurde. Wenn das, was man in Neum&uuml;nster miterleben konnte, &bdquo;eine neue Dimension&ldquo;, ja sogar ein &bdquo;Paradigmenwechsel&ldquo; (Marina Weisband) der Parteiarbeit gewesen sein sollte, dann habe ich das Neue nur als noch formaler und noch erm&uuml;dender erlebt als in allen etablierten Parteien. Selbst die meisten Studentenparlamente d&uuml;rften effizienter arbeiten. Allein die Tatsache, dass vielleicht noch nie so viele Mitglieder einer Partei auf einem Parteitag anwesend waren, kann man doch wohl kaum als &bdquo;geschichtliches Ereignis&ldquo; feiern. <\/p><p>Nicht nur was die politischen Inhalte sondern auch was den formalen Ablauf dieses Parteitags anbetrifft, staune ich dar&uuml;ber, dass die meisten Medien sich mit einem Lob &uuml;ber das ausgebliebene Chaos und die Disziplin zufrieden geben: &bdquo;So war Neum&uuml;nster, im Kontrast zu dem aufgeregt herumwuselnden Journalistenpulk, ein Parteitag der Ruhe und Kontinuit&auml;t&ldquo;, kommentiert heute die Frankfurter Allgemeine. <\/p><p>Der neue Vorsitzende der Piratenpartei, der Diplom-Kriminologe und Regierungsdirektor im Bundesverteidigungsministerium, Bernd Schl&ouml;mer (Twitter-Name &bdquo;BuBernd&ldquo;), der sich gegen den bisherigen Amtsinhaber Sebastian Nerz und weitere sechs Gegenkandidaten mit 66,6 Prozent der Stimmen durchsetzte, <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/neuer-piratenchef-bernd-schloemer-im-interview-ich-werde-nicht-als-denker-und-lenker-der-partei-auftreten-1.1344504\">gibt sich als ausgleichende Integrationsfigur<\/a>: &bdquo;Ich bin nicht derjenige, der als Denker und Lenker der Piratenpartei auftreten wird. Aber nat&uuml;rlich gibt es f&uuml;r uns in der n&auml;chsten Zeit konkrete Ziele: erstens ein Wahlprogramm zu entwickeln, zweitens unser parteiinternes Meinungsbildungstool Liquid Feedback weiter zu entwickeln und f&uuml;r eine st&auml;rkere Akzeptanz zu sorgen und drittens m&uuml;ssen wir unsere Landesverb&auml;nde, die Fraktionen und die Basis besser vernetzen.&ldquo; <\/p><p>Schl&ouml;mer will seine neue Aufgabe &bdquo;ehrenamtlich&ldquo; ausf&uuml;llen und auch k&uuml;nftig seinen Beruf aus&uuml;ben, weil er seine wirtschaftliche Existenz nicht aufs Spiel setzen m&ouml;chte.  <\/p><p>Der neu gew&auml;hlte &bdquo;geile Vorstand&ldquo; &ndash; so die sich vor&uuml;bergehend zur&uuml;ckziehende politische Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin Marina Weisband &ndash; soll nun die Piraten in die Landtage von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen f&uuml;hren und wie selbstverst&auml;ndlich gehen eigentlich alle davon aus, dass diese Partei in den n&auml;chsten Bundestag einziehen wird. Das scheint sogar, wenn man die Entwicklung der Stimmungslage nimmt, als ziemlich wahrscheinlich. Noch vor drei Jahren, als die 2006 gegr&uuml;ndeten Piraten zum zweiten Mal bei der hessischen Landtagswahl antraten, erzielten sie gerade einmal 0,5% der W&auml;hlerstimmen. Zwischenzeitlich d&uuml;mpelte ihr Schiff bei maximal um die 2%. Mit der Wahl zum Berliner Abgeordneten Haus schossen die Piraten pl&ouml;tzlich auf 8,9% und selbst im l&auml;ndlichen Saarland auf 7,4%. Die meisten Umfragen sehen die Piratenpartei derzeit bei zweistelligen Werten. Nach aktuellen Umfragewerten d&uuml;rften bei einem Einzug der Piraten die rot-gr&uuml;nen Hoffnungen auf einen Regierungswechsel in Schleswig-Holstein platzen und auch in Nordrhein-Westfalen k&ouml;nnte es am Ende auf eine Gro&szlig;e Koalition hinauslaufen. <\/p><p>Ein solches Ergebnis kann man sicherlich nicht den Piraten vorwerfen, denn laut ZDF Politbarometer geben 72 Prozent der Befragten an, dass sie dieses Partei aufgrund ihrer &bdquo;Unzufriedenheit mit den anderen Parteien&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.suite101.de\/news\/das-bundesweite-zdf-politbarometer-vom-27-april-2012-a133721\">ihre Stimme geben wollen<\/a>. Die Piratenpartei hat sich offenbar zur Denkzettelpartei f&uuml;r die gro&szlig;en Parteien etabliert. Weil es vielen W&auml;hlern oder Nichtw&auml;hlern doch zu peinlich ist, ihrem Unmut durch die Wahl einer rechtsradikalen Partei Ausdruck zu verleihen und aufgrund von Ber&uuml;hrungs&auml;ngsten mit der ausgegrenzten und geradezu verteufelten Linkspartei machen offensichtlich viele Menschen ihrer Unzufriedenheit durch ein Kreuz auf dem Stimmzettel f&uuml;r die Piratenpartei Luft. Gerade die Leerstellen im Programm der Piraten liefern offenbar eine Projektionsfl&auml;che, dass hier eine neue politische Kraft gegen das Parteienkartell von Schwarz, Gelb, Rot und Gr&uuml;n heranwachsen k&ouml;nnte. Wie bei den meisten Denkzettel-Wahlen k&ouml;nnte jedoch an den Wahlabenden das Gegenteil eintreten, was durch den Protest erreicht werden sollte, n&auml;mlich der Zwang zur Bildung von Gro&szlig;en Koalitionen von CDU und SPD unter welcher F&uuml;hrung auch immer.  <\/p><p>Zwar h&auml;lt der neue Vorsitzende der Piratenpartei eine Regierungsbeteiligung nach der Bundestagswahl nicht grunds&auml;tzlich f&uuml;r abwegig: &ldquo;Wenn uns der Einzug in den Bundestag 2013 tats&auml;chlich gelingt, werden wir uns mit dem Thema Koalitionsf&auml;higkeit ernsthaft besch&auml;ftigen.&rdquo; So, wie es nach diesem Parteitag der Piraten aussieht, befolgt diese Partei folgende Strategie: Erst einmal Wahlen gewinnen und danach k&ouml;nnen die Mitglieder ja immer noch entscheiden, wof&uuml;r oder wogegen sie sind. Die Piraten wollen alles anders machen, sie wissen nur noch nicht, was sie machen wollen.<\/p><p>Dieses Paradox ist in der Tat ein Paradigmenwechsel in der Parteiendemokratie. Es bedeutet n&auml;mlich, dass sich eine Partei zur Wahl stellt, die eigentlich gar keine Partei ist. <\/p><p>Da ja die Piraten ihr Wissen aus dem Netz beziehen, ist es wohl erlaubt Wikipedia zu zitieren. Dort wird der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Partei\">Begriff Partei wie folgt definiert<\/a>: &bdquo;Eine politische Partei (lateinisch pars, Genitiv partis &sbquo;Teil&lsquo;, &sbquo;Richtung&lsquo;) ist ein auf unterschiedliche Weise organisierter Zusammenschluss von Menschen, die innerhalb eines umfassenderen politischen Verbandes (eines Staates o. &Auml;.) danach streben, politische Macht und die entsprechenden Positionen zu besetzen, um ihre eigenen sachlichen oder ideellen Ziele zu verwirklichen und\/oder pers&ouml;nliche Vorteile zu erlangen.&ldquo; <\/p><p>Welchen Teil der Gesellschaft oder welche Richtung die Piraten vertreten, f&uuml;r wen und wof&uuml;r sie &bdquo;Partei&ldquo; ergreifen, ist (noch) v&ouml;llig offen.<\/p><p>&Uuml;ber die <strong>ideellen<\/strong> Ziele wei&szlig; man bisher nur, dass sich die Piraten vielleicht als die &bdquo;bessere liberale Partei&ldquo; (Schl&ouml;mer) und als diejenigen verstehen, die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12934\">in der Wissensgesellschaft angekommen<\/a> seien bzw. dass sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. <\/p><p>Bei den <strong>sachlichen<\/strong> Zielen bleibt alles noch ziemlich diffus. Man schw&auml;rmt von der &bdquo;digitalen Gesellschaft&ldquo;, man lehnt Patente auf Lebewesen und Gene, auf Gesch&auml;ftsideen und auf Software ab, man tr&auml;umt den &bdquo;uralten Traum, alles Wissen und alle Kultur der Menschheit zusammenzutragen, zu speichern und heute und in der Zukunft verf&uuml;gbar zu machen&ldquo;, man will den &bdquo;freien Zugang zu Information und Bildung&ldquo;, man tritt f&uuml;r eine  &bdquo;selbstbestimmtes Leben&ldquo;, f&uuml;r Datenschutz und ein &bdquo;bedingungsloses Grundeinkommen&ldquo; oder f&uuml;r eine &bdquo;lebenswerte Umwelt&ldquo; und f&uuml;r regenerative Energiequellen ein. Wer w&auml;re nicht f&uuml;r eine sch&ouml;ne heile Welt.<\/p><p>Wie und mit welcher Wirtschafts- und Finanzpolitik die Piratenpartei ihre Ziele erreichen will, dar&uuml;ber schweigt sie sich (noch) vollst&auml;ndig aus. Sie strebt nach politischer Macht und entsprechenden Positionen, ohne sagen zu k&ouml;nnen, was sie mit der Macht und den Machtpositionen anstellen w&uuml;rde. Das w&uuml;rden die Mitglieder dann schon jeweils &uuml;bers Internet entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Piraten stellt sich eine Partei zur Wahl, die eigentlich (noch) gar keine Partei ist. Denn es ist v&ouml;llig offen welchen &bdquo;Pars&ldquo;, also welchen Teil der Gesellschaft oder welche Richtung diese Bewegung vertritt. Die Piraten sind eine Denkzettelpartei f&uuml;r die etablierten Parteien. Ihre inhaltlichen Leerstellen werden von vielen nicht als Mangel betrachtet, sondern das<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13029\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[196,190],"tags":[1297,1317,1318],"class_list":["post-13029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-piraten","category-wahlen","tag-nerz-sebastian","tag-schloemer-bernd","tag-weisband-marina"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13029"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25028,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13029\/revisions\/25028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}