{"id":130628,"date":"2025-03-24T09:00:50","date_gmt":"2025-03-24T08:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130628"},"modified":"2025-03-25T07:35:35","modified_gmt":"2025-03-25T06:35:35","slug":"wir-muessen-die-spielregeln-des-politischen-systems-veraendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130628","title":{"rendered":"\u201eWir m\u00fcssen die Spielregeln des politischen Systems ver\u00e4ndern!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Mix aus alter und neuer Regierung bringt ein schuldenbasiertes Aufr&uuml;stungsprogramm der Sorte &bdquo;aberwitzig&ldquo; auf den Weg. Und Die Linke gibt in der L&auml;nderkammer gr&uuml;nes Licht. &bdquo;Demontage der Demokratie&ldquo; nennt das <strong>Marco B&uuml;low<\/strong>, der bis zu seinem Austritt lange f&uuml;r die SPD im h&ouml;chsten deutschen Parlament sa&szlig;. In seinem neuesten Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/innenpolitik\/korrumpiert.html?listtype=search&amp;searchparam=b%C3%BClow\">&bdquo;Korrumpiert&ldquo;<\/a> bekennt er, beinahe selbst den Lockungen der Lobbyisten erlegen zu sein, bevor er es sich zur Mission machte, ihr Treiben zu bek&auml;mpfen. Im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em> erz&auml;hlt er von Absahnern im Amt, Handlangern f&uuml;r Profiteure und einer SPD als &bdquo;Weder-noch-Partei&ldquo;. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2495\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-130628-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250324_Wir_muessen_die_Spielregeln_des_politischen_Systems_veraendern_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250324_Wir_muessen_die_Spielregeln_des_politischen_Systems_veraendern_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250324_Wir_muessen_die_Spielregeln_des_politischen_Systems_veraendern_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250324_Wir_muessen_die_Spielregeln_des_politischen_Systems_veraendern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=130628-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250324_Wir_muessen_die_Spielregeln_des_politischen_Systems_veraendern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250324_Wir_muessen_die_Spielregeln_des_politischen_Systems_veraendern_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person<\/strong>: Marco B&uuml;low, Jahrgang 1971, zog 2002 als direkt gew&auml;hlter Dortmunder Abgeordneter f&uuml;r die SPD in den Deutschen Bundestag ein und wiederholte das Kunstst&uuml;ck vier weitere Male. Unter anderem fungierte er als Umwelt- und Energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion. 2018 kehrte er der SPD aus Unmut &uuml;ber den wirtschafts- und sozialpolitischen Kurs der Partei den R&uuml;cken und verblieb bis 2021 noch drei Jahre als fraktionsloser Abgeordneter im Parlament. Seit 2020 ist er Mitglied bei Die Partei und arbeitet als Journalist, Publizist und Podcaster. Von B&uuml;low erschienen sind 2021 im Verlag Das Neue Berlin &bdquo;Lobbyland. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie kauft&ldquo; und aktuell im Westend <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/innenpolitik\/korrumpiert.html?listtype=search&amp;searchparam=b%C3%BClow\">Verlag &bdquo;Korrumpiert. Wie ich fast Lobbyist wurde und jetzt die Demokratie retten will&ldquo;<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Herr B&uuml;low, der &bdquo;alte&ldquo; Bundestag hat gerade f&uuml;r die &bdquo;neue&ldquo; Bundesregierung ein schuldenbasiertes Finanzpaket im Umfang von wohl weit &uuml;ber einer Billion Euro zwecks Aufr&uuml;stung und Infrastruktur klargemacht. Auch der Bundesrat hat am Freitag gr&uuml;nes Licht gegeben. Haben Sie Worte daf&uuml;r? <\/strong><\/p><p>Was wir hier erleben, ist das, was ich Demontage der Demokratie nenne. Wobei aber genau dies nicht diskutiert wird. Politik und Medien reden dar&uuml;ber, wie viel Geld es braucht, wof&uuml;r und wer alles profitieren soll: der Bund, die L&auml;nder, das Klima et cetera. Aber wie das alles abgelaufen ist, ist kein Thema von Belang.<\/p><p><strong>Wie h&auml;tte es anders laufen k&ouml;nnen? <\/strong><\/p><p>Nun ja. Nach dem Scheitern der Ampel h&auml;tte man ja zun&auml;chst versuchen k&ouml;nnen, eine neue Regierung zu bilden. Man erinnere sich daran, wie Friedrich Merz nach dem Bruch der Koalition Druck f&uuml;r schnelle Neuwahlen gemacht hat. Als es um die Frage einer &Auml;nderung von Paragraph 18 ging, hat er noch get&ouml;nt, der alte Bundestag d&uuml;rfe solche wichtigen Entscheidungen nicht mehr treffen (lacht).<\/p><p>Aber ein paar Wochen sp&auml;ter will er dann gemeinsam mit der AfD Versch&auml;rfungen bei der Zuwanderung durchs Parlament boxen und nach der Wahl setzt er mit SPD und Gr&uuml;nen im Hauruckverfahren und entgegen seiner Wahlversprechen ein Neuverschuldungs- und Aufr&uuml;stungsprogramm irrwitziger Dimension ins Werk, noch ehe er &uuml;berhaupt Kanzler ist. Da muss sich keiner wundern, wenn kommende Regierungen das ebenso machen und sich immer mehr Menschen von der Politik abwenden. Das alles hat mit Demokratie, Gewaltenteilung und der Achtung des h&ouml;chsten deutschen Parlaments jedenfalls gar nichts mehr zu tun.<\/p><p><strong>Bezeichnend ist einmal mehr das Verhalten der SPD. Es gibt Menschen, die schon wegen weniger aus der Partei SPD ausgetreten sind. Sie zum Beispiel &hellip; <\/strong><\/p><p>Ja, w&auml;re ich nicht schon 2018 ausgetreten, h&auml;tte ich das jetzt sicher wieder gemacht, beziehungsweise schon das dritte Mal. Der zweite konkrete Anlass w&auml;re der gewesen, als Olaf Scholz 2020 zum Kanzlerkandidaten nominiert wurde. Dass die SPD bei diesem Komplott mitmacht, wundert mich nicht mehr. Und auch der Kuhhandel der Gr&uuml;nen ist ein Lacher: Das, was sie vielleicht an Klimagasreduktionen rausholen k&ouml;nnen, wird durch die massive Aufr&uuml;stung gleich wieder zunichtegemacht. Aber auch dar&uuml;ber redet keiner.<\/p><p><strong>Macht Ihnen der deutsche Militarisierungseifer Angst? <\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Be&auml;ngstigend ist nicht allein die Dimension des R&uuml;stungspakets, dazu kommt die allgemeine Stimmungslage, dieses dumme und schlimme Gerede von Kriegs- und Wehrert&uuml;chtigung. Und dann ist da diese Planlosigkeit, Hauptsache Milliarden reinbuttern, ohne jede Analyse, wof&uuml;r das ganze Geld ausgegeben werden soll und warum eigentlich. Es gibt ja dieses M&auml;rchen, die Bundeswehr sei kaputtgespart worden. Das ist Unsinn, den alle nachplappern und leider auch viele Menschen glauben. <\/p><p>Der Wehretat war schon lange vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine der am st&auml;rksten wachsende Posten im Bundeshaushalt. Wir standen mit &uuml;ber 60 Milliarden Dollar j&auml;hrlich schon ohne Sonderverm&ouml;gen in Europa auf Platz zwei und international auf Platz sechs bei den R&uuml;stungsausgaben. Was demn&auml;chst noch alles in Deutschland und Europa obendrauf kommen soll, ist reiner Wahnsinn und wird den globalen R&uuml;stungswettlauf weiter befeuern.<\/p><p><strong>F&auml;llt auch Ihnen das Wort &bdquo;Kriegskredite&ldquo; ein?<\/strong><\/p><p>Ich bin kein Freund historischer Vergleiche, aber die Analogie dr&auml;ngt sich angesichts dieser penetranten Kriegsrhetorik fast schon auf. Es gab ja mal Zeiten, da haben bestimmte Interessengruppen, zum Beispiel die Atomlobby, sich &uuml;ber die sogenannte German Angst mokiert, als w&auml;re ein gesundes Misstrauen etwas Schlechtes. Und jetzt werden, wieder interessengeleitet, mit einer Vehemenz &Auml;ngste gesch&uuml;rt, was jeder Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit entbehrt. Frankreich und Deutschland stecken zusammen schon heute mehr Geld ins Milit&auml;r als Russland, das sich seit drei Jahren in einem Krieg aufreibt. Aber unsere Politiker tun so, als k&ouml;nnte Russland schon morgen halb Europa &uuml;berrennen.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zur SPD. Zu Ihrem Austritt vor sechs Jahren erkl&auml;rten Sie damals: &bdquo;Trotz unglaublicher Verluste und Niederlagen bei den Wahlen, trotz aller Lippenbekenntnisse, gab es und gibt es aber immer nur ein &sbquo;Weiter-so.&lsquo;&ldquo; Beim j&uuml;ngsten Urnengang hat es f&uuml;r nur noch 16 Prozent gereicht, was aber trotzdem zum Regieren reicht. H&auml;tten Sie so viel W&uuml;rdelosigkeit im Moment der historisch bittersten Wahlniederlage f&uuml;r m&ouml;glich gehalten?<\/strong><\/p><p>Ich hatte schon gehofft, dass man unter diesem Eindruck wenigstens kurz inneh&auml;lt und sich vergegenw&auml;rtigt, wie tief man gesunken ist. Aber das dachte ich auch schon 2017, als man mit einer Absage an eine Gro&szlig;e Koalition Wahlkampf machte und nach einem Absturz auf 20 Prozent dann trotzdem in die Groko ging. Heute ist die Lage der Partei noch viel desastr&ouml;ser und doch wurde nicht eine Sekunde gez&ouml;gert, erneut mit der Union zu paktieren.<\/p><p>Man h&auml;tte sich auch fragen k&ouml;nnen, wof&uuml;r die W&auml;hler die SPD abgestraft haben, warum ausgerechnet die arbeitende Bev&ouml;lkerung in Scharen zur AfD &uuml;bergelaufen ist, um daraus die n&ouml;tigen Schl&uuml;sse zu ziehen. Aber Pustekuchen, man macht einfach weiter wie bisher, beziehungsweise noch schlimmer, indem man jetzt auch die friedenspolitischen Traditionen komplett &uuml;ber Bord wirft. Ich habe einmal formuliert, die SPD wollte durch Abkehr von ihren sozialdemokratischen Wurzeln die Sowohl-als-auch-Partei sein. Geworden ist aus ihr die Weder-noch-Partei. Das gilt heute mehr denn je.<\/p><p><strong>Die SPD kann ihrer &bdquo;staatspolitischen Verantwortung&ldquo; einfach nicht entrinnen, diesmal der, f&uuml;r eine stabile Regierung jenseits der AfD zu sorgen. F&uuml;hrt der Hang zur &bdquo;Aufopferung&ldquo; die Partei irgendwann noch unter die f&uuml;nf Prozent? <\/strong><\/p><p>Diese Opferpose mag ja noch irgendwie bei der Basis verfangen, ist aber Augenwischerei. Es geht wieder einmal darum, Posten und Mandate zu verteilen und sich in irgendwelchen Funktionen Einfluss zu sichern, am besten als Minister, nach dem Motto: mit mir die Sintflut. <\/p><p>Diese Erz&auml;hlung, Staatsverantwortung tragen zu m&uuml;ssen, ist so was von ausgelatscht. Die SPD sa&szlig; im Bund, mit einer Unterbrechung von vier Jahren, seit 1998 praktisch konstant in der Regierung. Und was hat sie dabei herausgeholt f&uuml;r die einfachen Menschen? Praktisch nichts! Vielmehr hat sie den Sozialstaat mit geschliffen und das Gegenteil dessen gemacht, wof&uuml;r sie eigentlich da sein m&uuml;sste.<\/p><p><strong>Sie haben gerade ein sehr passendes Buch ver&ouml;ffentlicht, in dem Sie schonungslos die &bdquo;Demontage&ldquo; der parlamentarischen Demokratie beschreiben. Die Konzepte soziale Marktwirtschaft und Herrschaft des Volkes seien &bdquo;nur noch Fassade&ldquo; und &bdquo;T&auml;uschungen eines Profit-Systems, welches immer weniger Menschen nutzt&ldquo;, schreiben Sie. M&uuml;ssten Sie Union, SPD und Gr&uuml;nen nicht fast dankbar sein &ndash; von wegen Verkaufsf&ouml;rderung? <\/strong><\/p><p>Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Demokratie sind fast nur noch leere Worth&uuml;lsen. Nehmen wir dieses Billionen-Schuldenpaket: Es ist das ureigenste Recht des Parlaments, einen Haushalt aufzustellen, wobei alle Parteien und Fraktionen eingebunden geh&ouml;rten. Aber heute erledigt das nur noch die Regierung, diesmal nicht einmal die neu gew&auml;hlte, sondern ein Mix aus alter und neuer.<\/p><p>Wir haben gar keine Ahnung mehr, was Gewaltenteilung bedeutet. Nach dem Geist und Wortlaut der Verfassung ist die Regierung nur die ausf&uuml;hrende Gewalt, sie hat die im Parlament gefassten Gesetze umzusetzen. Wof&uuml;r m&uuml;sste die Judikative da sein? Viele Abgeordnete brechen st&auml;ndig das Grundgesetz, indem sie bei Abstimmungen eben nicht ihrem Gewissen folgen, sondern Regierungsvorlagen durchwinken, weil sie sonst Probleme bekommen und &uuml;ber kurz oder lang ihr Mandat verlieren w&uuml;rden. Zu den Maskendeals einiger Abgeordneter w&auml;hrend der Corona-Krise haben die Gerichte sinngem&auml;&szlig; befunden, das war korrupt, aber wir sind leider nicht zust&auml;ndig, sondern der Bundestag. Und so bleiben die &Uuml;belt&auml;ter straffrei und d&uuml;rfen das ergaunerte Geld behalten.<\/p><p><strong>Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass praktisch hinter s&auml;mtlichen Initiativen und Gesetzen, die im Bundestag angesto&szlig;en werden, selbst solchen, die fortschrittlich anmuten oder es sogar sind, ein Profitinteresse steht. Sind Abgeordnete heute blo&szlig; noch Handlanger? <\/strong><\/p><p>Heute entsteht nur noch ein Bruchteil der Gesetze aus der Mitte des Bundestags heraus, w&auml;hrend die Regierung den L&ouml;wenanteil initiiert und per Fraktionszwang durchsetzt. In den allermeisten F&auml;llen arbeiten Lobbyisten an den Gesetzesvorlagen mit und nehmen Einfluss auf Inhalte und Verfahren. H&auml;ufig kommt der Vorschlag dazu sogar direkt von Akteuren aus der Wirtschaft, manchmal schreiben sie die Gesetze gleich selbst.<\/p><p>Allenfalls bei hochethischen Fragen sind die Abstimmungen freigestellt. Wobei man sich fragen muss, ob nicht auch ein Billionen-Euro-R&uuml;stungspaket ethisch hochbrisant ist. Denn nat&uuml;rlich steht auch dahinter eine m&auml;chtige Lobby. Das zeigt sich daran, dass keiner wirklich wei&szlig;, was mit dem Geld passiert. Seit Jahren flie&szlig;en schon ohne Sonderverm&ouml;gen &uuml;ber 55 Milliarden Euro ins deutsche Milit&auml;r. Aber da werden Waffensysteme gekauft, die nicht funktionieren, und Flugzeuge, die in Deutschland nicht landen k&ouml;nnen. Gerade diejenigen, die sagen, wir br&auml;uchten eine schlagkr&auml;ftigere Bundeswehr, m&uuml;sste doch interessieren, ob das Geld sinnvoll und zielf&uuml;hrend eingesetzt wird. Aber Transparenz gibt es nicht, weil Lobbyisten und Konzerne dann weniger Profit f&uuml;r sich rausschlagen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Sie sprachen die Maskendeals an, auch zum Beleg, dass Lobbyisten, oder &bdquo;Lobbytarier&ldquo;, wie Sie sie nennen, mithin in den Parlamenten sitzen. Aber muss man gleich offen korrupt sein, um korrumpiert zu sein? <\/strong><\/p><p>Nein, da mache ich einen Unterschied. Wobei klar sein sollte: Echte Korruption gibt es nicht nur in L&auml;ndern, auf die wir herabsehen, sondern nat&uuml;rlich auch bei uns. Deutschland ist im neuesten Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International vom neunten auf den 15. Rang abgerutscht. Und dabei wird legale Korruption, bei der es nicht um Bestechung und geldwerte Vorteilsnahme geht, gar nicht ber&uuml;cksichtigt. Zum Beispiel waren nach diesem Ma&szlig;stab die Maskendeals nicht zu beanstanden.<\/p><p>Um aber korrumpiert zu sein, muss man kein Geld absahnen. Es gen&uuml;gt, im Gegenzug f&uuml;r eine erbrachte Leistung mit einem wie auch immer gearteten Vorteil zu profitieren. Wer sich als Abgeordneter mit Profitlobbyisten einl&auml;sst, wird zum Beispiel mit Kontakten belohnt, zu Tagungen eingeladen, darf auf Podien Reden halten oder erh&auml;lt erleichterten Zugang zu Regierungsvorlagen. Man wird einfach wichtiger, erh&auml;lt mehr Aufmerksamkeit, man legt an Renommee in Partei und Fraktion zu und steigt rascher die Karriereleiter hoch. Gleichzeitig verliert man aber immer mehr aus den Augen, wof&uuml;r man eigentlich gew&auml;hlt und von wem man gew&auml;hlt wurde.<\/p><p><strong>Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie selbst drauf und dran waren, Lobbyist zu werden. Allerdings haben Sie noch rechtzeitig die Kurve gekriegt, viele andere wohl nicht. Sie sagen, dass sich der Gro&szlig;teil der Abgeordneten in den Parlamenten als Erf&uuml;llungsgehilfe von Profitinteressen bet&auml;tigt. Wissen die das auch? <\/strong><\/p><p>Sicherlich sind sich viele dessen bewusst. Andere w&uuml;rden das emp&ouml;rt von sich weisen, weil sie gar nicht ahnen, wie sie manipuliert werden. Der Prozess ist schleichend, deshalb auch der Begriff Lobbytarier. Man legt als &uuml;berzeugter Volksvertreter los und schl&uuml;pft unmerklich in eine andere Rolle, wobei Verdr&auml;ngung und Verkl&auml;rung ins Spiel kommen, nach dem Muster: &bdquo;Wenn ich mehr Einfluss habe, kann ich mehr ver&auml;ndern.&ldquo;<\/p><p>Das darf aber keine Entschuldigung sein. Wen Lobbyisten ins Visier nehmen, der bekommt das auch mit, und irgendwann m&uuml;ssen einem die Alarmglocken signalisieren, dass das nicht in Ordnung ist. Ich selbst wurde von einem Vertreter eines gro&szlig;en Energieversorgers umgarnt und war auf bestem Wege, mich an die vielen Annehmlichkeiten zu gew&ouml;hnen. Dann wird es gef&auml;hrlich und viele erliegen den Verlockungen. Aber es gibt nat&uuml;rlich eine Reihe von Abgeordneten, die gar nicht in Versuchung kommen, weil sie in Bereichen arbeiten, wo es nicht um gro&szlig;e Profite geht. Andererseits h&auml;lt sie das nicht davon ab, trotzdem bei allem mitzustimmen, was Lobbyisten gl&uuml;cklich macht, und sei es nur, um nicht aufzufallen und Reibungen zu vermeiden.<\/p><p><strong>Aber es gibt noch Ausnahmeerscheinungen. Sie zum Beispiel haben bei vielen der &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Reformen &ndash; etwa Hartz-IV, den vielen Rentenk&uuml;rzungspakten, &bdquo;Bankenrettung&ldquo; nicht den Finger gehoben &hellip; <\/strong><\/p><p>Das muss ich korrigieren. Als es um Hartz-IV ging, habe ich den Finger gehoben, nicht in der Fraktion, sondern sp&auml;ter im Plenum. Damals war ich noch ein Neuling und der Druck, der auf uns ausge&uuml;bt wurde, war immens. Rot-Gr&uuml;n hatte damals nur eine Mehrheit von wenigen Stimmen und Gerhard Schr&ouml;der drohte mit dem Ende der Koalition und damit, dass dann unter Schwarz-Gelb alles ganz schlimm werden w&uuml;rde. Es gab damals keinen einzigen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitiker in der Fraktion, der die Hartz-Reformen bef&uuml;rwortet h&auml;tte. Aber alle haben mitgestimmt.<\/p><p>Ich habe daraus gelernt und in der Folgezeit eine gewisse Renitenz entwickelt. Aber das ging nur mit dem R&uuml;ckhalt der Basis in meinem Wahlkreis, die mich immer wieder aufgestellt und wiedergew&auml;hlt hat. Aber das war nichts, was die Partei- und Fraktionsspitzen freute. Es wurden von oben eigens Gegenkandidaten installiert, die meinen Wiedereinzug in den Bundestag verhindern sollten. H&auml;tte ich mich nicht durchgesetzt, w&auml;re ich politisch weg vom Fenster gewesen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Wer sich gegen das &uuml;ble Treiben des Lobbyismus auflehnt, wird sehr schnell aus dem System gekegelt.<\/p><p><strong>Seinem Gewissen zu folgen, ist nicht f&ouml;rderlich f&uuml;r die Karriere?<\/strong><\/p><p>Ganz sicher nicht. Ich hatte das Gl&uuml;ck, dass ich per Urwahl aufgestellt wurde, an der sich alle Mitglieder beteiligen konnten. Die Basis hat offenbar honoriert, dass ich mich in manchen Fragen gegen den herrschenden Kurs der Partei positioniert habe. Das mag auch ein Hinweis darauf sein, wie weit das SPD-Establishment den einfachen Mitgliedern entr&uuml;ckt ist.<\/p><p><strong>Nach Ihrem Austritt 2018 verblieben Sie noch drei Jahre als Fraktionsloser im Bundestag, um sich im Speziellen dem Thema Lobbyismus zu widmen. Heute engagieren Sie sich unter anderem beim Satireprojekt Die Partei, wo Sie Mitglied sind. Warum gerade da? <\/strong><\/p><p>Ich wollte nicht als lahme Ente aus dem Bundestag ausscheiden, von wegen: Jetzt ist er weg und f&uuml;r immer vergessen. Ich wollte weiterhin meine Themen setzen und das m&ouml;glichst &ouml;ffentlichkeitswirksam. Und es ist nat&uuml;rlich sehr bezeichnend, dass das Thema Lobbyismus in all seinen Facetten und mit gr&ouml;&szlig;ter Ernsthaftigkeit noch am besten mit der Partei Die Partei besprochen werden kann (lacht). Das sollte zu denken geben &hellip;<\/p><p><strong>Sie haben sich selbst davor bewahrt, Lobbyist zu werden. Nun wollen Sie die &bdquo;Demokratie retten&ldquo;, titeln Sie auf dem Buchcover. Wie stellen Sie das an? <\/strong><\/p><p>Ich bin ja eigentlich von Hause aus Umwelt- und Energiepolitiker. Aber ich musste im Bundestag schnell feststellen, dass man mit seinen Argumenten und seinem Engagement gegen W&auml;nde anrennt, weil dort eben Lobbyisten die Themen und Entscheidungen bestimmen. Nicht nur dort. Auch die UN-Weltklimakonferenzen, wie zuletzt die in Baku, sind letztlich nur postdemokratische Showeinlagen, die viel Geld kosten und viel Treibhausgas verursachen, aber nichts bewirken, weil die Fossilindustrie die Agenda setzt und echte Klimapolitik unterbindet.<\/p><p>Nachdem ich das begriffen hatte, habe ich notgedrungen auf Lobbyismusexperte umgeschult mit der Folge, dass ich mich seither viel mit der Frage nach dem Zustand der Demokratie befasse. Die allermeisten Parlamentarier interessieren sich daf&uuml;r gerade nicht (lacht). Sie m&ouml;gen viel &uuml;ber Demokratie reden, aber profitieren letztlich nur davon, dass die Demokratie nicht mehr funktioniert. Und weil das so ist, hat es eigentlich auch gar keinen Sinn, sich mit Sachthemen auseinanderzusetzen. Denn dar&uuml;ber entscheiden ohnehin die, die mit wahrer Demokratie nichts am Hut haben.<\/p><p>Das sage ich auch den NGOs, Gruppen und Initiativen, wo ich aktiv bin: K&uuml;mmert Euch vor allem um die Demokratie. Ihr m&uuml;sst Euch mit anderen zusammenschlie&szlig;en, um die Spielregeln des politischen Systems zu ver&auml;ndern und daf&uuml;r zu sorgen, dass die Mehrheit und nicht nur ein Prozent der Bev&ouml;lkerung etwas davon hat. Wir leben ja l&auml;ngst nicht mehr einer freien, geschweige den sozialen Marktwirtschaft. Wir haben eine Feudalwirtschaft, wo einige Wenige fast den ganzen Reichtum an sich rei&szlig;en, w&auml;hrend der gro&szlig;e Rest gucken muss, wo er bleibt.<\/p><p><strong>Ihre Rezepte laufen im Wesentlichen auf die St&auml;rkung direktdemokratischer Mitbestimmungsrechte und -m&ouml;glichkeiten hinaus. Aber ist es nicht naiv zu glauben, dass sich dann alles zum Besseren wendet? M&uuml;sste nicht zuerst der Kapitalismus &uuml;berwunden werden? <\/strong><\/p><p>Viele Menschen wissen oder ahnen nur, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber in der politischen und medialen &Ouml;ffentlichkeit wird so getan, als lebten wir in einer lupenreinen Demokratie. Dabei dient das System vor allem zur Sicherung und Erweiterung der Profitmaximierung von wenigen. Geld kauft Politik, und Demokratie wird verkauft. Weil das so ist, muss das politische System dahingehend ge&auml;ndert werden, dass das nicht l&auml;nger m&ouml;glich ist. Dann erst hat man die Chance, auch grundlegende Systemumstellungen in der Wirtschaftsordnung vorzunehmen.<\/p><p>Unter den herrschenden Bedingungen kann man f&uuml;r die Einf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer k&auml;mpfen. Aber das bringt nichts, weil die Profitlobby das sowieso verhindert. Solange wir aber noch die M&ouml;glichkeit haben, die Spielregeln zu &auml;ndern, m&uuml;ssen wir zuerst damit beginnen, die Demokratie wieder in Stand zu setzen. Denn daf&uuml;r k&ouml;nnte es schon bald zu sp&auml;t sein.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Julia Bornkessel und Piotr Piatrouski\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/1fc9a90817694528a55d227dc9251250\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mix aus alter und neuer Regierung bringt ein schuldenbasiertes Aufr&uuml;stungsprogramm der Sorte &bdquo;aberwitzig&ldquo; auf den Weg. Und Die Linke gibt in der L&auml;nderkammer gr&uuml;nes Licht. &bdquo;Demontage der Demokratie&ldquo; nennt das <strong>Marco B&uuml;low<\/strong>, der bis zu seinem Austritt lange f&uuml;r die SPD im h&ouml;chsten deutschen Parlament sa&szlig;. 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