{"id":13075,"date":"2012-05-02T13:21:14","date_gmt":"2012-05-02T11:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13075"},"modified":"2024-09-29T04:36:35","modified_gmt":"2024-09-29T02:36:35","slug":"interview-mit-james-k-galbraith-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13075","title":{"rendered":"Interview mit James K. Galbraith 2\/3"},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten hatten am Rande der INET-Konferenz in Berlin die Chance, mit dem amerikanischen &Ouml;konomen <strong>James K. Galbraith<\/strong> zu sprechen. Im zweiten Teil des Gespr&auml;chs geht es um die Eurokrise und die Austerit&auml;tspolitik der EU. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrten <strong>Roger Strassburg (RS)<\/strong> und <strong>Jens Berger (JB)<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13003\">erste Teil des Interviews<\/a> erschien am 26. April.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Sie haben doch verfolgt, was in seit einigen Jahren in Europa passiert, richtig?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong>  Ja, das habe ich.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong>  Haben Sie mitbekommen, was in Deutschland vor sich geht? Ich habe Ihnen einiges an Material geschickt, das vielleicht zu Ihrem Informationsstand beigetragen hat.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Dank Ihnen bin ich einigerma&szlig;en mit der Sache vertraut.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Deutschland vor zehn Jahren &ndash; wann genau wurde der Ruf nach einem gro&szlig;en Niedriglohnsektor laut?<\/em><\/p><p><em><strong>JB:<\/strong> Vor zehn Jahren wurde es dramatisch, aber es begann in Deutschland schon in der &Auml;ra Kohl, und wenn Sie sich nun die Finanz- und die Eurokrise und die Reaktion darauf aus Deutschland anschauen, die aufgrund der deutschen Machtstellung zur europ&auml;ischen Reaktion auf die Krise wurde&hellip; Wenn wir die Einkommensunterschiede betrachten, meinen Sie dass die Ungleichheit sich durch diese Reaktion vergr&ouml;&szlig;ert? Durch die Austerit&auml;tspolitik, die verfassungsrechtliche Schuldenbremse und &hellip;<\/em><\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> &hellip; den Stabilit&auml;tspakt &hellip;.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Nun, was wir heute schon sehen, ist eine zunehmende Divergenz quer durch Europa, und das ist der grundlegenden Mechanismus der zunehmenden Ungleichheit. Um noch einmal: Was in den Vereinigten Staaten die Form von Kreditblasen&nbsp;in bestimmten Sektoren annahm, und was sich teilweise im Immobilienbereich in verschiedenen Teilen des Landes abspielte &ndash; genau diese Blase und ihr Platzen nahm in Europa die Form von Kreditblasen in den Einzelstaaten an. Sie sehen jetzt Sie den Aufstieg und den Fall von Irland und Spanien und so weiter; und es ist dieses Auseinanderdriften, diese Divergenz, die in der Eurozone den gr&ouml;&szlig;ten einzelnen Stressfaktor darstellt.<br>\nWas Sie da &uuml;ber Deutschland beschreiben, ist ganz offensichtlich auch wichtig, aber das deutsche nationale Gef&uuml;ge wird immer noch zusammengehalten von einer ganzen Reihe von stabilisierenden Institutionen, die immer noch existieren, obgleich sie, wie in den Vereinigten Staaten,&hellip;<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> &hellip;sehr geschw&auml;cht sind&hellip; <\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Sie sind geschw&auml;cht, aber sie sind immer noch stark verglichen mit dem, was staaten&uuml;bergreifend geschieht. Man kann also erwarten, dass die Sache entlang der schw&auml;chsten Verbindungen zerbricht, und das sind in Europa die nationalen Grenzen. Als Folge davon werden wir eine Umverteilung von ganzen Bev&ouml;lkerungsgruppen erleben. Es ist klar, dass jeder mit einer ausreichenden beruflichen Qualifikation, so weit er das kann, Griechenland verlassen und sich einer der gro&szlig;en Auslands-Communities in den Vereinigten Staaten oder in Australien anschlie&szlig;en wird. Die Menschen werden weggehen. In Europa hat das eine lange Geschichte, dass Menschen aus Portugal und Spanien auswandern, und wenn sie unter Druck geraten, werden sie es wieder tun. Das Scheitern der Stabilisierung der nationalen &Ouml;konomien in Europa wird also auf lange Sicht ganz einfach zu einer Umverteilung der Bev&ouml;lkerungen f&uuml;hren.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> In Ihrem Buch haben Sie ja Ungleichheit in Europa mit der in den Vereinigten Staaten verglichen. Aber meinen Sie wirklich, dass es legitim ist, Europa mit den USA zu vergleichen? Im Allgemeinen zieht man ja nicht oft von einem Land in ein anderes, schon allein wegen der Sprache &ndash; man lernt ja nicht eine Sprache und zieht dann zwei Jahre sp&auml;ter woanders hin.<\/em> <\/p><p><strong>JG:<\/strong> Aber sicher, Leute machen das, und sie werden es weiter tun. Aber das spielt keine gro&szlig;e Rolle. Ungleichheit bemisst sich nicht danach, ob die Leute sich physisch auf den Weg machen. Entscheidend ist, dass Europa ein einheitliches Wirtschaftsgebiet ist, jedenfalls aus der Sicht eines Unternehmens, das Investitionsentscheidungen trifft, oder eines Investors, der sein Portfolio zusammenstellt. Das Fehlen von Schranken f&uuml;r Kapitalbewegungen ist ebenso entscheidend f&uuml;r die Entstehung einer einheitlichen Wirtschaftszone wie die Beweglichkeit der Arbeitskraft. Und man sollte auch nicht &uuml;berzeichnen, in welchem Umfang die Menschen innerhalb der Vereinigten Staaten st&auml;ndig von einem Land ins andere umziehen. F&uuml;r Berufst&auml;tige ist das eine normale Sache, aber ein sehr gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung lebt immer noch da, wo er herkommt.  <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Ich wei&szlig; nicht, ob Sie das eine Strategie nennen w&uuml;rden, oder ob es eher eine Ideologie ist: der Wettbewerb zwischen den L&auml;ndern. In Deutschland geht man sogar so weit, dass man sich einen Wettbewerb um Investitionen zwischen den Staaten w&uuml;nscht.<\/em> <\/p><p><strong>JG:<\/strong> Eine Konsequenz der europ&auml;ischen Integration, die von Beginn an klar abzusehen war und auch charakteristisch ist f&uuml;r alle industriellen Systeme, die sich vergr&ouml;&szlig;ern, ist folgende: Die Aktivit&auml;t konzentriert sich am wettbewerbsf&auml;higsten Ort; und das gilt nicht nur f&uuml;r die Industrie, sondern auch f&uuml;r die Landwirtschaft. Es gab eine Konzentration landwirtschaftlicher Aktivit&auml;t im Norden Europas &ndash; nicht dass man das als ideale Gegend daf&uuml;r ansehen w&uuml;rde, aber so ist es gelaufen. Und es war absehbar, dass dadurch ausgleichende Investitionen in der europ&auml;ischen Peripherie n&ouml;tig werden w&uuml;rden, nur hatten diese Investitionen nicht einmal ann&auml;hernd eine ausreichende Gr&ouml;&szlig;enordnung.<br>\nGenau das gleiche passierte in den Vereinigten Staaten. Als das Land sich auf kontinentaler Ebene entwickelte, gab es eine Konzentration der Industrie im Norden, im Nordosten und im mittleren Westen. Was dieser Entwicklung dann schlie&szlig;lich Einhalt gebot, war der New Deal. Der New Deal verteilte das Wirtschaftsgeschehen neu, etwa durch massive Infrastrukturprojekte im S&uuml;den. Nat&uuml;rlich hatten wir den Vorteil, ein Land zu sein, in dem Milit&auml;rausgaben verteilt werden konnten. Das war sehr wichtig f&uuml;r den Staat Texas und sehr wichtig f&uuml;r andere Gegenden im S&uuml;den. Und das Sozialversicherungssystem wurde auf kontinentaler Ebene eingerichtet, was zur Folge hat, dass die minimale Altersabsicherung sich nach nationalen und nicht nach lokalen Standards bemisst. Wenn jemand also sein Arbeitsleben in Alabama verbracht hat, bekommt er mindestens das f&ouml;derale Minimum ausgezahlt. Das wirkt sehr stark ausgleichend.<br>\nMan redet gern davon, wie viel Ungleichheit in den Vereinigten Staaten herrscht, aber w&auml;hrend der letzten 80 Jahre ist im Ganzen die Ungleichheit radikal weniger geworden. Es gab ein starkes Gef&auml;lle zwischen Nord und S&uuml;d, aber das ist nicht l&auml;nger der Fall. Noch vor 40 Jahren, als ich ein Kind war, w&auml;re so gut wie kein Akademiker auf die Idee gekommen, etwa von New England nach Texas &uuml;berzusiedeln. Das war eine Einbahnstra&szlig;e &ndash; man musste heftige Einkommenseinbu&szlig;en in Kauf nehmen, und es gab keinen Weg zur&uuml;ck. Heute ist das Routine. Das ganze Land ist substanziell besser integriert, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Es gibt nat&uuml;rlich viele &ndash; und wachsende &ndash; Ungleichheiten auf der lokalen Ebene, und das ist es auch, was die Leute wahrnehmen, aber auf nationaler Ebene ist es viel, viel weniger geworden als es fr&uuml;her der Fall war.<\/p><p><em><strong>JB:<\/strong> Meinen Sie also, dass eine moderne Version von Roosevelts New Deal die richtige Antwort auf die Eurokrise w&auml;re?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ich denke, dass eine funktionierende Union Ma&szlig;nahmen erfordert, um Einkommen und Wirtschaftsaktivit&auml;t &uuml;ber gro&szlig;e Landstriche hinweg wirkungsvoll umzuverteilen. Andernfalls kollabiert alles Richtung Zentrum. Die EU tut genau das in gro&szlig;em Ma&szlig;stab, und zwar mit den Strukturausgleichsfonds zugunsten von bestimmten Regierungen und deren Infrastrukturprojekten. Man bekommt eine Menge frischen Stra&szlig;enbelag &ndash; Portugal ist wie Kalifornien geworden. Eine etwas zweifelhafte Strategie der Wirtschaftsentwicklung, aber nun ist er halt mal da. Was es aber auf europ&auml;ischer Ebene nicht gibt, sind Umverteilungsmechanismen zugusten von Individuen. Es gibt kein &Auml;quivalent zu unserem kontinentalen Sozialversicherungssytem. Und es gibt auch nicht das gleiche Ma&szlig; von Umverteilung sagen wir mal durch Betrieb und Wartung, wie das in den USA mit dem Milit&auml;rbudget der Fall ist. Das griechische Milit&auml;r wird aus dem griechischen Steueraufkommen bezahlt&hellip; <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> &hellip; und sie haben ein gro&szlig;es Milit&auml;r &hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> &hellip; und sie haben ein gro&szlig;es Milit&auml;r, was die griechische Wirtschaft sehr belastet &hellip;<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> &hellip; und Portugal und Griechenland sind diejenigen, die die meisten Waffen importieren. Nach einer neulich ver&ouml;ffentlichten Daten haben sie die h&ouml;chsten Milit&auml;rausgaben innerhalb Europas.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Das ist nat&uuml;rlich bei diesen beiden L&auml;ndern ein Erbe der Politik vergangener Jahrzehnte.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Schwer vorzustellen, warum gerade sie so viel Milit&auml;r brauchen, als ob Griechenland die T&uuml;rkei anschaut und sagt: &raquo;Ihr seid gef&auml;hrlich!&laquo;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Damit hat das nichts zu tun. Es hat mit dem Erbe von 1974 zu tun, als man einen &raquo;Deal&laquo;&nbsp;mit den griechischen Milit&auml;rs machte, damit sie sich politisch mit einer Rolle im Hintergrund zufrieden geben. Und es hat nat&uuml;rlich mit innereurop&auml;ischen Abmachungen zu tun, denn was sie kaufen, sind deutsche Panzer und franz&ouml;sische U-Boote. Es scheint auch, als w&uuml;rden diese Abmachungen nicht allzu leicht als Bestandteil von Austerit&auml;tspaketen geopfert. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Nun, das ist eins von den Dingen, die die deutsche Regierung nicht so gern aufgeben wollte.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Warum eigentlich nicht, bei all dem Gerede &uuml;ber den Sparkurs?<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Es ging auch um deutsche U-Boote&hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Deutsche U-Boote&hellip; <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Aber meinen Sie eigentlich, dass es eine gute Idee ist, den Wettbewerb zwischen Nationen zu bef&ouml;rdern? Das ist es doch eigentlich, was die EU betreibt, man m&ouml;chte, dass die L&auml;nder miteinander konkurrieren.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Nun, worin genau sollte ein Land wie Griechenland wirksam mit Deutschland konkurrieren k&ouml;nnen?<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Oliven&ouml;l&hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ach ja, richtig&hellip; Es gibt hier ein echtes Problem mit dem Unterschied zwischen Sektoren mit wachsenden und schrumpfenden Ertr&auml;gen. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Wir m&uuml;ssen uns eigentlich fragen, was Griechenland &uuml;berhaupt tun kann, insbesondere in einer W&auml;hrungsunion. Griechenland wird niemals exportieren, wie Deutschland das tut, dazu ist es gar nicht in der Lage.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Nat&uuml;rlich kann es das nicht, und genau deshalb braucht es eine Politik der stabilisierenden Einkommensfl&uuml;sse. Andernfalls bleibt dieses Land einfach so lange in der Klemme, bis die Bev&ouml;lkerung geht, und genau das wird passieren. Niemand in den Vereinigten Staaten behauptet, dass Florida etwa mit Ohio konkurrieren soll, wenn es um den Zusammenbau von Hondas geht. Daf&uuml;r ist Florida nicht da.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Florida ist im Wesentlichen ein Ort, wo Leute ihren Ruhestand verbringen.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Richtig, und tats&auml;chlich ist es so, dass der &ouml;stliche Teil des Golfs von Mexiko im Gro&szlig;en und Ganzen deshalb von &Ouml;l- und Gasf&ouml;rderung ausgenommen blieb, weil man die M&ouml;glichkeit von solchen Katastrophen wie letztes Jahr im Mississippi Canyon ausschlie&szlig;en wollte. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Deutschland &ndash; und nicht nur Deutschland &ndash; ist sehr stark gegen die Idee, Geld und Einkommen in die L&auml;nder des S&uuml;dens flie&szlig;en zu sehen. Man m&ouml;chte keine Transferunion.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Das steht im Widerspruch zu einem der grundlegenden Prinzipien f&uuml;r eine funktionsf&auml;hige Wirtschaftsunion.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Was Griechenland angeht &ndash; gibt es dort irgendeinen Ausweg? Was, denken Sie, wird dort passieren? Jetzt k&uuml;rzen sie ausgerechnet die L&ouml;hne, und zwar nicht nur im &ouml;ffentlichen Sektor, was nat&uuml;rlich beim Steueraufkommen nicht helfen wird, und es wird auch nichts an der Verschuldung &auml;ndern, aber es soll das Land wettbewerbsf&auml;higer machen nach Art einer &raquo;inneren Abwertung&laquo;. Was ich kommen sehe, ist folgendes: Die Menschen k&ouml;nnen ihre Mieten nicht mehr bezahlen, Hausbesitzer werden pleite gehen, es wird weitere Einbr&uuml;che bei den Krediten geben &ndash; sehen Sie auch diese Art Spirale?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Es ist f&uuml;r die arbeitende Bev&ouml;lkerung in Griechenland sehr schwierig, der Besteuerung zu entgehen; besteuert wird der Wohnsitz, und die Steuer wird mit der Stromrechnung bezahlt, d.h. so lang man sich nicht vom Netz abh&auml;ngen kann &ndash; was wiederum eine gr&ouml;&szlig;ere eigene Investition verlangt &ndash; ist man gezwungen, die Steuern zu bezahlen, wenn man Strom beziehen m&ouml;chte. Ja, es ist eine Abw&auml;rtsspirale. Die Einschnitte bei den &ouml;ffentlichen Leistungen in Griechenland sind Einschnitte in ein schlecht funktionierendes &ouml;ffentliches Gesundheitssystem, ein schlecht funktionierendes Bildungswesen und ein jetzt schon ineffizientes und &uuml;berlastetes Verkehrswesen; es sind also Einschnitte von der Art, die Investitionen aus dem Ausland gerade weniger attraktiv machen. Die Idee, dass es einen Weg gibt, durch innere Abwertung die Wettbewerbsf&auml;higkeit wieder herzustellen, ist offensichtliche falsch. Offensichtlich falsch. Welche Frage m&uuml;ssen wir also stellen? Was geht hier vor sich? Ich denke das ist nicht allzu schwer zu verstehen. Um die Geldanlagen der franz&ouml;sischen und deutschen Banken zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und um Umst&auml;nde zu schaffen, in denen die privaten Gl&auml;ubiger den Verlusten entgehen k&ouml;nnten, die sie im Falle eines griechischen Schuldenschnitts erleiden w&uuml;rden (was ja jetzt passiert ist) &ndash; um all das zu schaffen, musste der deutschen W&auml;hlerschaft weisgemacht werden, dass es hier um eine Hilfe f&uuml;r Griechenland ging, f&uuml;r die als Gegenleistung auf der Seite der Griechen Opfer gebracht w&uuml;rden. Aber das einzige, was an der Sache real war, waren die Opfer. Sie waren sp&uuml;rbar, und sie lieferten die Rechtfertigung f&uuml;r dieses Vorgehen, aber irgendeine substanzielle Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Griechenland war damit nicht verbunden. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Hier kommt meine Kritik an Deutschland ins Spiel. Es scheint eine bestimmte Mentalit&auml;t zu geben, die besagt, dass Opfer an und f&uuml;r sich eine gute Sache sind.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ja, absolut.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Ich denke, dass es eine sehr stark vorherrschende Mentalit&auml;t ist. <\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Nat&uuml;rlich ist sie das; man kann also die Kanzlerin Merkel nicht rundheraus daf&uuml;r kritisieren, dass sie auf diesem Vorgehen bestanden hat. Alles was sie tat, war die Bedingungen daf&uuml;r herzustellen, dass die Ma&szlig;nahmen politisch akzeptiert w&uuml;rden. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Sie wird darin von den meisten Leuten unterst&uuml;tzt.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Richtig. Insofern ist das eine griechische Trag&ouml;die im klassischen Sinne: Man tut, was die politischen Umst&auml;nde erfordern, und geopfert wird ein kleines Land mit 11 Millionen Einwohnern. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> So etwa im Abstand von einem Monat kann man hierzulande in der Zeitung lesen, dass die &Ouml;konomen &uuml;berrascht sind, dass Griechenland seine Situation nicht verbessern konnte, und man lehnt sich zur&uuml;ck und fragt sich: &raquo;Warum sind diese Leute eigentlich &uuml;berrascht?&laquo; Vielleicht sind wir ja sogar noch zu optimistisch. Man muss sich das vorstellen: Eine Wirtschaft, in der die Leute gerade so &uuml;ber die Runden kommen &ndash; und dann m&uuml;ssen sie sich pl&ouml;tzlich entscheiden, ob sie die Miete oder den Strom bezahlen sollen. Nat&uuml;rlich pflanzt sich das zum Vermieter und zum Stromanbieter fort, weitet sich aus wie eine Kettenreaktion. Wird das passieren, sehen Sie das als wahrscheinlich an?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Nun, ich war letzten Oktober in Griechenland und habe bei einer gro&szlig;en Firma einen Vortrag gehalten. Das war eine Gelegenheit, um mit prominenten Wirtschaftsf&uuml;hrern zu plaudern, und was sie mir sagten, war, dass sie keinen Hoffnungsschimmer sahen &ndash; ganz zu schweigen davon, wie es den gew&ouml;hnlichen Menschen ergeht. Nirgendwo im Land herrschte der Eindruck, dass man hinsichtlich der Politik und der Situation, in der sich das Land befand, einen Wendepunkt vor sich hat. Es gab diesen Eindruck einmal &ndash; zumindest sagten das Regierungsvertreter im ersten Jahr von Papandreous Regierungszeit. Man war jedenfalls bereit, der offiziellen Regierungslinie Ausdruck zu verleihen, n&auml;mlich dass eine konsequente Umsetzung der Reformen zu einem wiederkehrenden Vertrauen auf den Kreditm&auml;rkten f&uuml;hren w&uuml;rde. &Uuml;ber diesen Punkt habe ich im Sommer 2010 direkt mit Papandreous erstem Finanzminister Papaconstantinou gesprochen. Unter dieser Regierung wurden Reformen energisch vorangetrieben, und einige davon, da bin ich sicher, waren auch angebracht. Wir sprechen von einer Regierung, die noch nie, um es mal vorsichtig auszudr&uuml;cken, ein Paradebeispiel an Effizienz war.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Nicht jede Kritik an Griechenland ist fehl am Platz&hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Papandreous Regierung nahm eine ganze Menge von sehr sinnvollen Dingen in Angriff. Ein Element von Illusion schlich sich in diesen Glauben ein &ndash; jedenfalls wurde dieser Glaube kundgetan, aber es ist schwer zu sagen, ob die Leute das selbst ernst nahmen &ndash; n&auml;mlich den Glauben, dass die effektive Umsetzung der Reformen von den Kreditm&auml;rkten belohnt werden w&uuml;rde.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Die &raquo;Vertrauensfee&laquo;&hellip; <\/em><br>\n<em>[Eine Wortsch&ouml;pfung von Krugman, vgl. <a href=\"http:\/\/acemaxx-analytics-dispinar.blogspot.de\/2011\/12\/vertrauen-fee-und-erwartungen.html\">hier<\/a>]<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> &hellip;die Vertrauensfee, gedacht als eine gutm&uuml;tige Gestalt, die ein Auge darauf wirft, wie gut man arbeitet und einem, abh&auml;ngig von der eigenen Performance, verbesserten Zugang zu den Kreditm&auml;rkten gibt. Und dann erkennt man, dass wir hier eine europ&auml;ische, ja sogar eine globale Kreditkrise haben, und man erkennt, dass Ereignisse irgendwo auf der Welt sich auf alle schwachen Schuldner auswirken, egal ob wir jetzt von Griechenland, Portugal, Spanien oder Irland sprechen.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Alle m&uuml;ssen ihre Verschuldungsrate dr&uuml;cken. Naja, nicht alle&hellip; <\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Aber auf dem Weg zu Sicherheit, um das mal etwas deutlicher zu sagen, auf dem Weg zur Sicherheit m&uuml;ssen alle schw&auml;chelnden Anlagen abgesto&szlig;en werden. Es gibt also &uuml;berhaupt nichts, was eine Regierung tun kann, ganz gleich wie tugendhaft sie sein mag, um sich selbst von einem schwachen in einen starken Gl&auml;ubiger zu verwandeln. Nach wie vor wird sie als schwacher Gl&auml;ubiger eingestuft werden, und nach wie vor wird man sie nach M&ouml;glichkeit fallen lassen &ndash; nicht nur wenn schlimme Dinge eintreten, sondern sogar schon bei einfachen spekulativen Verschiebungen etwa im Markt f&uuml;r CDS. Es war also von Anfang an eine Illusion, zu meinen, dass es einen Weg zur&uuml;ck zu den Kreditm&auml;rkten g&auml;be. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Sollte es Produkte wie CDS &uuml;berhaupt geben, oder meinen Sie dass sie eher eine Gefahr darstellen?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Die stellen ganz offensichtlich eine gef&auml;hrliche Entwicklung dar. Was mich interessiert ist, ob es eine wirksame Weise gibt, sie wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem sie erfunden waren, war das ein bisschen wie bei der Atombombe: Sobald man erkannte, dass man so etwas bauen k&ouml;nnte, war klar, dass es gebaut w&uuml;rde, und das kann nicht r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden. <\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Man kann den Geist nicht wieder in die Flasche zwingen.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ein Credit Default Swap ist einfach ein au&szlig;erb&ouml;rslicher Vertrag zwischen zwei privaten Parteien, der besagt, dass ich Betrag x bezahlen werde, wenn y passiert und vorher eine Reihe von Zahlungen z bei mir eingegangen sind. Wir k&ouml;nnen solche Vertr&auml;ge Credit Default Swaps nennen, aber ich kann nicht erkennen, wie wir sagen k&ouml;nnen, dass Menschen nicht befugt sein sollen, sie abzuschlie&szlig;en, also wie wir sie aus dem Bereich der Legalit&auml;t ausgrenzen k&ouml;nnten. <\/p><p><em><strong>JB:<\/strong> Man k&ouml;nnte eine Regulierung vornehmen, so wie in Deutschland, wo es verboten ist, eine Lebensversicherung auf das Leben eines anderen abzuschlie&szlig;en.<\/em><\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Auch in den USA ist das im Allgemeinen so.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Das stimmt schon, aber k&ouml;nnen Sie die Unterh&auml;ndler der Firmen X und Y davon abhalten, so einen Vertrag meinetwegen in Singapur abzuschlie&szlig;en? Viel Gl&uuml;ck!<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Richtig. K&ouml;nnten gr&ouml;&szlig;ere Finanzinstitute daran gehindert werden, diese Vertr&auml;ge abzuschlie&szlig;en, so dass sie sich nicht zu einem systemischen Risiko auswachsen k&ouml;nnen?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Die Antwort auf diese Frage kenne ich nicht. Ich denke es wird keine einfache Antwort sein.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Noch einmal kurz zur europ&auml;ischen Austerit&auml;tspolitik: Glauben Sie, dass diejenigen, die &auml;u&szlig;erste Sparsamkeit fordern &ndash; ich denke Merkel und Sch&auml;uble sind hier die &Uuml;belt&auml;ter -, meinen Sie dass diese Leute wirklich &uuml;berzeugt sind, dass das helfen wird?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ich kenne die Kanzlerin Merkel nicht, und ich kenne auch nicht Herrn Sch&auml;uble. Ich kann Ihnen nur sagen, dass man politisches F&uuml;hrungspersonal grunds&auml;tzlich nicht verd&auml;chtigen sollte, das, was es sagt, auch zu meinen.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Ich meine, es sollte doch eigentlich offensichtlich sein, dass das nicht funktionieren wird. Unsere Spekulation folgt ja mehr der Idee, dass diese Krise eine sch&ouml;ne Gelegenheit bietet, die man nicht verschenken sollte, sich sozialer Programme zu entledigen und Regierungen zu beschneiden &ndash; ganz so wie die Republikaner in den Vereinigten Staaten das tun.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Das ist eine Hypothese mit einem gewissen Ma&szlig; an Erkl&auml;rungskraft.<\/p><p>Der dritte Teil des Interviews folgt in K&uuml;rze. Das Transskript in englischer Sprache finden Sie&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/120502_galbraith_interview_eurozone_120412-1.pdf\">hier [PDF &ndash; 147 KB]<\/a>.<\/p><p>Bei der &Uuml;bersetzung ins Deutsche half uns unser Leser Christoph Pingel.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/299792ebe4cf4e4c8c4e92888ce3c01e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten hatten am Rande der INET-Konferenz in Berlin die Chance, mit dem amerikanischen &Ouml;konomen <strong>James K. Galbraith<\/strong> zu sprechen. Im zweiten Teil des Gespr&auml;chs geht es um die Eurokrise und die Austerit&auml;tspolitik der EU. 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