{"id":13087,"date":"2012-05-03T08:58:09","date_gmt":"2012-05-03T06:58:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13087"},"modified":"2024-09-29T04:35:25","modified_gmt":"2024-09-29T02:35:25","slug":"interview-mit-james-k-galbraith-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13087","title":{"rendered":"Interview mit James K. Galbraith 3\/3"},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten hatten am Rande der INET-Konferenz in Berlin die Chance, mit dem amerikanischen &Ouml;konomen <strong>James K. Galbraith<\/strong> zu sprechen. Hier nun der dritte und abschlie&szlig;ende Teil des Gespr&auml;chs Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrten <strong>Roger Strassburg (RS)<\/strong> und <strong>Jens Berger (JB)<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13003\">erste Teil des Interviews<\/a> erschien am 26. April.<br>\nDer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13075\">zweite Teil des Interviews<\/a> erschien am 2. Mai.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Wie interpretieren Sie die Ver&auml;nderung des politischen Spektrums in den USA? Als ich aufwuchs, haben sich liberale und konservative gegenseitig die gleichen Anschuldigungen entgegen gehalten, aber wenn man sich beispielsweise ansieht, was Nixon zur Gesundheitsvorsorge vorschlug und im Vergleich was Obama tats&auml;chlich in Kraft gesetzt hat und  was heute als sozialistisch bezeichnet wird, dann w&uuml;rde man nach heutigen Standards, meine ich, fast denken, dass Nixon ein Sozialist war.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Julie Nixon-Eisenhower und ihr Ehemann David kamen zur LBJ Bibliothek vor ein paar Wochen, und ich ging hin und ich sa&szlig;, also nicht in der ersten Reihe, aber ich kam sp&auml;ter dazu und begr&uuml;&szlig;te die beiden. Es war Julie Nixon, die sagte, dass ihr Vater der letzte liberale Pr&auml;sident war.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Dem w&uuml;rde ich zustimmen.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Was ist in der amerikanischen Politik passiert? Ich denke eine Sache, die man im Kopf behalten muss ist, dass w&auml;hrend des gesamten Kalten Krieges, die Notwendigkeit f&uuml;r die USA und ihre Verb&uuml;ndeten in Westeuropa bestand, einige Kriterien in Bezgug auf ihre Effzienz zu erf&uuml;llen &hellip;<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong>  &hellip;sozial&hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong>  &hellip;sozial, denn anderenfalls h&auml;tten sie in einem Vergleichsspiel gegen den Osten verloren, was  nat&uuml;rlich in den 1970ern aufgeh&ouml;rt hat, eine ernsthafte Bedrohung darzustellen und verschwand dann vollst&auml;ndig in den 80ern, mit der Folge, dass eine Art Entmachtung dessen stattfand, was einst ein starker Liberalismus w&auml;hrend des Kalten Krieges war.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Die Ver&auml;nderung zum Liberalen begann tats&auml;chlich schon davor. Der Kalte Krieg ging erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs los, und Roosevelt begann diese Liberalisierung mit dem New Deal, nicht?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Der Wettbewerb zwischen Kapitalismus und den Alternativen war ziemlich intensiv in den 1930ern und das ist, was Roosevelt zum Handeln veranlasste. Was wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben, um mich mal so auszurd&uuml;cken, ist, ein Gef&uuml;hl, dass es keine Alternative gibt und das hat sehr viel destruktiven Freiraum f&uuml;r die Rechte geschaffen, aber keinen f&uuml;r die Linke, weswegen im Ergebnis die alte Generation der Liberalen gr&ouml;&szlig;tenteils verschwunden ist.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong>  &hellip;ausgestorben ist&hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Insgesamt betrachtet, gibt es nur einige wenige Relikte &uuml;brig, wie mich z.B.  Urspr&uuml;nglich linke Parteien, sowohl in den USA als auch in Europa &ndash; das gilt gleicher Ma&szlig;en f&uuml;r die Demokraten, die SPD und die PS in Frankreich &ndash; haben Konzepte &uuml;bernommen, die man fr&uuml;her als rechte Orthodoxien betrachtet h&auml;tte, insbesondere was Haushaltsdefizite und &ouml;ffentliche Verschuldung angeht. So k&ouml;nnen sie vorgeben, solidarische Sozialpolitik vorzuziehen, aber leider nicht in der Lage irgendetwas zu unternehen im Angesicht der Realit&auml;ten, denen sie vorgeblich gegen&uuml;berstehen.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> H&auml;tten sie eigentlich gedacht, dass die Neoliberalen wieder auf die Beine kommen, dass neoliberales Denken in Wirtschaft und Regierung nach dem Einschlag der Krise wieder aufleben w&uuml;rde?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ja. In der Tat habe ich, denke ich, geschrieben, dass das passieren wird. Sobald die erste Welle von unausreichenden Interventionen im Sinne Keynes vorbei war, war gut vorhersehbar. was passieren w&uuml;rde, n&auml;mlich dass man das Spectrum des Streits in einer v&ouml;llig undisziplinierten Art &ouml;ffnen w&uuml;rde und so im Grunde jeder mit einer Agenda mitredet und sagt: &ldquo;Macht, was ich immer bef&uuml;rwortet habe und die Welt wird besser&rdquo;. Die Wahlkampfkampagnen sind v&ouml;llig von dieser Art, sowohl die von Pr&auml;sident Obama als auch die von Gouverneur Romney.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Das ist der traurige Teil daran, dass Obama &hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Die Krise forcierte ein vor&uuml;bergehende intellectuelle Disziplin und einer Wiederaufleben der Prinzipien Keynes.<br>\nAber diese Disziplin elangte nie in die Kreise der Entscheider, jedenfalls nicht weit genug und es wurde von, sagen wir, vorhandenden Protokollen, Gewohnheiten des Denkens und Handelns verdr&auml;ngt, die sich in diesen Kreisen entwickelt hatten. Diese Prtokolle und Gewohnheiten schlossen jedoch angemessenes Reagieren aus. Was ich insbesondere sagen will, ist dass man Methoden hatte, Vorhersagen zu machen. die grundlegend zu optimistisch waren und die im Kern davon ausgingen, dass man sich zu einer Basislinie &uuml;ber einen 5 Jahres Zyklus zur&uuml;ck bewegt. Und das bedeutete, dass man nicht einmal dem Pr&auml;sidenten die M&ouml;glichkeit vorgetragen bekommt, dass die Krise in ihrem Ausma&szlig; jener der 1930er entsprach.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Also es gab einige Leute, die das durchgerechnet haben und zu Ergebnissen kamen, die wenigstens doppelt so gro&szlig; waren wie das, was Obama schlie&szlig;lich gemacht hat.<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Das stimmt, und es zeigte sich, dass Chrstina Romer&rsquo;s Zahl ziemlich nah an meiner dran war.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Wie hoch war die nochmal, 1,2?<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Ich denke sie kam auf 1,8 Billionen, und das ist etwa die Gegend, in der ich auch landete. Ich habe das nicht genau durchgerechnet, sondern nur versucht, eine Zahl zu bekommen ,die gro&szlig; genug ist, um Leute zu beeindrucken. Meiner Ansicht war, dass das eine Situation war, in der dem Grunde nach eine unbegrenzte Intervention n&ouml;tig war, und die Idee war &ndash; und das meine ich in einer ganz bestimmten Richtung &ndash; meine Idee war, dass man so lange interveniert, bis man die Folgen sieht, und danach k&ouml;nnte man etwas langsamer vorgehen, anstatt zuerst ein Ziel festzulegen, das erreicht werden sollte und zu hoffen, dass dies gen&uuml;gen w&uuml;rde.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Also das war der ganze Fehler, dass Obama annahm, er k&ouml;nnte zur&uuml;ckgehen und mehr bekommen. Mit der politischen Lage die er damals hatte, h&auml;tte er das wom&ouml;glich tats&auml;chlich gekonnt &hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Nein, das war v&ouml;llig ausgeschlossen. Wie jemand denken k&ouml;nnte, dass man zur&uuml;ckgehen und einen zweiten Bissen des Apfels bekommen k&ouml;nnte, ist surreal.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Das ist genau was Krugman vorhergesagt hat, dass es nicht passieren w&uuml;rde und beweisen, dass Konjunkturprogramme nicht funktionieren, ist dem Grunde nach, was &hellip;<\/em><\/p><p><strong>JG:<\/strong> Das war nicht schwer vorherzusagen, und Paul sah es kommen, so wie ich. Und wenn man sich einmal f&uuml;r diese Linie der Kritik ge&ouml;ffnet hat, dann wird jedes Argument, &ldquo;lehnt Obamacare ab&rdquo;, &ldquo;reduziert staatliche Regulierung&rdquo;, &ldquo;ausgeglichener Haushalt&rdquo;, &ldquo;Unsicherheit reduzieren&rdquo;, so gut wie jedes andere, soweit es ein Pr&auml;sidentschaftskandidat im Fernsehen sagen kann.<\/p><p><em><strong>RS:<\/strong> Tats&auml;chlich gibt es durchaus etwas Sicherheit, die Sicherheit, dass es in naher Zukunft nicht besser wird.<\/em><\/p><p>Das Transskript in englischer Sprache finden Sie&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/120503_galbraith_interview_us_20412-1.pdf\">hier [PDF &ndash; 45.5 KB]<\/a>.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7274d9841bd44cb0811932a99d0eba58\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten hatten am Rande der INET-Konferenz in Berlin die Chance, mit dem amerikanischen &Ouml;konomen <strong>James K. 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