{"id":130876,"date":"2025-03-30T12:00:51","date_gmt":"2025-03-30T10:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130876"},"modified":"2025-03-28T19:57:08","modified_gmt":"2025-03-28T18:57:08","slug":"zittau-besser-als-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130876","title":{"rendered":"Zittau \u2013 besser als Berlin?"},"content":{"rendered":"<p>Billige Mieten, massenhaft Wohnraum, traumhafte Umgebung, viel Platz f&uuml;r neue Betriebe: Die Stadt in der Randlage Deutschlands steht bereit f&uuml;r eine rosige Zukunft. Es fehlen: mutige Menschen. Von <strong>Dirk Engelhardt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r Berliner oder M&uuml;nchener m&uuml;sste dies ein Traum sein: eine renovierte Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon und Einbauk&uuml;che wird im Zentrum von Zittau f&uuml;r 430 Euro Miete pro Monat angeboten &ndash; warm! Dies ist keine Ausnahme, sondern markiert das Preisniveau. Warum trotz solcher verlockenden Angebote in puncto Wohnen nur wenige Menschen nach Zittau ziehen, ist eigentlich unverst&auml;ndlich. Wenn man durch die Stra&szlig;en der Stadt mit rund 25.000 Einwohnern l&auml;uft, bemerkt man unweigerlich, dass gef&uuml;hlt jedes zweite Haus leer steht. Auch leer stehende Ladenlokale g&auml;be es in H&uuml;lle und F&uuml;lle. &bdquo;Genaue Zahlen zum Leerstand gibt es nicht, unsere Stadtentwicklungsgesellschaft geht von etwa einem Viertel Leerstand aus&ldquo;, sagt Kai Grebasch von der Stadtverwaltung Zittau. Darunter fallen allerdings auch Wohnungen, die momentan nicht in einem vermietbaren Zustand sind.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/shutterstock_2501934679.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>Quelle: Shutterstock \/ Below the sky<\/small><\/p><p>Aufgrund dieses Leerstands mutet es absurd an, dass die Stadt gro&szlig;e Anstrengungen unternimmt, junge Familien durch Ausweisung von Baufl&auml;chen f&uuml;r Einfamilienh&auml;user anzulocken. Stadtrat Matthias B&ouml;hm (B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen) pl&auml;diert f&uuml;r eine Alternative: &bdquo;Ich finde es sinnvoller, historische Bausubstanz mit F&ouml;rdermitteln f&uuml;r Familien zu sanieren&ldquo;, sagt er. Au&szlig;erdem, so B&ouml;hm, sollten die nach dem Mauerfall in den Westen Ausgewanderten, und das sind nicht wenige, durch Jobb&ouml;rsen zur R&uuml;ckkehr animiert werden. &bdquo;Fl&uuml;chtlinge sind bei der Mehrheit hier nicht willkommen&ldquo;, spricht B&ouml;hm ein pikantes Thema an, &bdquo;obwohl wir durch den Fachkr&auml;ftemangel zum Beispiel im medizinischen Bereich, im Verkehrsbereich und in der Gastronomie massive Probleme haben. So mussten in Zittau bereits namhafte Gastst&auml;tten wegen Personalmangel schlie&szlig;en.&ldquo;<\/p><p>Zittau, an der alten Handelsstra&szlig;e nach B&ouml;hmen gelegen, war einst eine reiche Stadt mit pr&auml;chtigen Kaufmannsh&auml;usern und exklusiven Gr&uuml;nderzeitvillen. Das Rathaus, erbaut 1840 von Carl August Schramm nach Pl&auml;nen von Karl Friedrich Schinkel, macht den Eindruck eines toskanischen Renaissance-Palastes und gibt dem Rathausplatz ein ganz besonderes Flair.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/shutterstock_2566415437.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>Rathausplatz in Zittau &ndash; Quelle: Shutterstock \/ Pictofotius<\/small><\/p><p>Direkt neben dem Marktplatz fristen die antiken Fleischb&auml;nke ein verlassenes Dasein &ndash; im Mittelalter bildeten sie mit ihrem neoklassizistischen Laubengang den Handelsplatz der Fleischerzunft. In der Zeit der DDR wurde hier noch Wochenmarkt abgehalten, jetzt steht alles leer.<\/p><p>Ein Verein in Zittau, der Freiraum Zittau e.V., setzt sich f&uuml;r die Nutzung der leer stehenden H&auml;user ein. Das Konzept lautet wie folgt: Eigent&uuml;mer verwaister Geb&auml;ude stellen dem Verein die R&auml;ume gegen die laufenden Betriebskosten zur Verf&uuml;gung. Die Mitglieder halten anschlie&szlig;end das Haus in Schuss und gestalten das kulturelle Leben, zum Beispiel mit Filmprojekten oder Tanzprojekten. An der Inneren Weberstra&szlig;e, nicht weit vom Marktplatz entfernt, nahm der Verein ein riesiges Kaufmannshaus aus dem 18. Jahrhundert, das schon lange leer stand, unter seine Fittiche. Dort war einst das Kaufhaus Messow beheimatet, in der DDR-Zeit residierte dort ein HO-Warenhaus. Nach dem Mauerfall gab es mehrmals Besitzerwechsel, bis der Verein Freiraum das Haus nutzen durfte. Zu den jetzigen Nutzern geh&ouml;ren K&uuml;nstler, Handwerker und Maler, es finden Tanzveranstaltungen wie Lindy Hop statt. Doch eine Renovierung des Hauses mit seinen Bogenhallen und verwinkelten Fluren w&auml;re sehr kostenaufwendig und liegt derzeit in weiter Ferne. &Auml;hnlich steht es um die riesige Mandaukaserne am Stadtrand aus dem Jahr 1868. Der neugotische Bau mit seiner ziselierten Backsteinfassade, T&uuml;rmen und Zinnen f&auml;llt schon von Weitem ins Auge, doch eine Renovierung und Nutzung liegt in weiter Ferne.<\/p><p>Immerhin hat Zittau eine Hochschule, au&szlig;erdem hat das Internationale Hochschulinstitut der TU Dresden hier eine Zweigstelle, ebenso das Kunststoffzentrum Oberlausitz des Fraunhofer Institutes. Das Deutsche Zentrum f&uuml;r Luft und Raumfahrt plant auch gerade eine Niederlassung. Trotzdem sind Neuansiedlungen von Firmen bisher rar, die Arbeitslosenquote in Zittau betr&auml;gt zurzeit 8,6 Prozent.<\/p><p>Auf die Frage, welche Zuz&uuml;ge er denn gerne in Zittau sehen w&uuml;rde, antwortet Kai Grebasch: &bdquo;Ich denke, in einer &uuml;beralterten, schrumpfenden Gesellschaft sollten alle willkommen sein, die ihren Teil f&uuml;r Bestehen und Entwicklung beitragen wollen.&ldquo; Wie &uuml;berall w&uuml;rde der Mann von der Stadtverwaltung nat&uuml;rlich gerne Fachkr&auml;fte in seine Stadt locken &ndash; doch allzu weit ist er mit diesem Vorhaben bisher nicht gekommen. Nat&uuml;rlich ist sich Grebasch bewusst, dass Zittau viele dr&auml;ngende Probleme noch nicht gel&ouml;st hat: Dazu z&auml;hlt zum Beispiel eine gute Verkehrsanbindung. Die Breitbandanbindung ist bereits sehr gut. &bdquo;Dies wird daf&uuml;r sorgen, dass sich mehr Menschen aus den immer unwirtlicher werdenden Gro&szlig;stadtregionen abwenden und nach naturnahen, modernisierten neuen Lebensmittelpunkten umsehen werden&ldquo;, ist sich Grebasch sicher. Doch wenn die Breitbandanbindung so gut ist und die Mieten so niedrig, warum kommen dann kaum Menschen nach Zittau, die gerne im Homeoffice arbeiten?<\/p><p>Eine weitere Initiative, die Zittau voranbringen will, ist &bdquo;Zittau kann mehr&ldquo;. Die Zittauer Ute Wunderlich, Anke Zenker-Hoffmann, Romy Hepper und andere setzen sich daf&uuml;r ein, dass Zittau wieder w&auml;chst und vor allem j&uuml;nger wird. &bdquo;Wir Zittauer m&uuml;ssen Menschen in nah und fern dazu bewegen, hierher zu ziehen, hier zu arbeiten und zu leben&ldquo;, teilt die Initiative auf ihrer Seite mit. Die Lage von Zittau direkt an der Grenze zu Polen und der Tschechischen Republik wird bisher noch viel zu wenig promoviert. Die Initiative hat bewirkt, dass Kitas und Schulen verbessert wurden, dass Denkm&auml;ler in der Innenstadt saniert wurden und dass die Verschuldung der Stadt von 22 Millionen Euro auf elf Millionen Euro gesenkt wurde.<\/p><p>Auch im Tourismus ist noch viel zu tun. Die Hotels der Stadt k&auml;mpfen mit einer relativ geringen Auslastung, obwohl die Stadt touristisch hochattraktiv ist, genau wie das Umland. Vom Bahnhof Zittau f&auml;hrt st&uuml;ndlich eine Dampfeisenbahn auf einer Schmalspurstrecke elf Kilometer ins Zittauer Gebirge, in den Kurort Oybin und den Kurort Jonsdorf.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/shutterstock_2548611615.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>Quelle: Shutterstock \/ Sever 07<\/small><\/p><p>Die Fahrt dauert eine knappe Stunde, und Reisende k&ouml;nnen im Speisewagen bei Zittauer Bier die neue Langsamkeit entdecken. Auf der H&auml;lfte der Strecke, vor der Abzweigung nach Jonsdorf, h&auml;lt die Lok am Museumsbahnhof Bertsdorf und f&uuml;llt wie in alten Zeiten die Wasserbeh&auml;lter auf. Die Betreibergesellschaft, die S&auml;chsisch-Oberlausitzer Eisenbahngesellschaft mbH, hat in den letzten 20 Jahren immerhin mit attraktiven Angeboten die Fahrgastzahl verdoppelt, im letzten Jahr waren es 243.000 Fahrg&auml;ste. Auch aus Polen und Tschechien kommen viele Dampflokfreunde. Christian Sacher, der Projektleiter der Dampfbahn-Route Sachsen, ist stolz auf das Erreichte: &bdquo;Wir haben drei Zeitreise-Z&uuml;ge mit zum Teil 120 Jahre alten Waggons, einen offenen Aussichtswagen im Sommer und F&uuml;hrerstandsmitfahrten in der Hauptsaison,&ldquo; sagt Sacher.<\/p><p>Zittau hat im vergangenen Jahr die Einf&uuml;hrung einer G&auml;stekarte mit Kurtaxe beschlossen, um den Tourismus zu f&ouml;rdern. Matthias B&ouml;hm kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die touristisch bedeutende Gemeinde Oybin bei dieser G&auml;stekarte nicht mitmacht. &bdquo;Das ist Kirchturmpolitik&ldquo;, so B&ouml;hm. Doch auch an vielen anderen Stellen hapert es in Zittau, weil einfach kein Geld da ist. &bdquo;Selbst Pflichtaufgaben k&ouml;nnen nicht ausreichend finanziert werden, ganz abgesehen vom Erhalt des Zittauer Theaters oder der Sportf&ouml;rderung&ldquo;, so B&ouml;hm. Auch ein Radverkehrskonzept fehlt, bem&auml;ngelt der Gr&uuml;ne. Immerhin f&uuml;hrt der Oder-Nei&szlig;e-Fernradweg durch die Stadt, Hinweise darauf fehlen allerdings weitr&auml;umig.<\/p><p>Im Landkreis G&ouml;rlitz, zu dem auch Zittau geh&ouml;rt, hatte die AfD bei der Wahl im Februar 46,7 Prozent der Zweitstimmen erhalten. F&uuml;r die AfD im S&auml;chsischen Landtag sitzt Hajo Exner, der allerdings Fragen in Bezug auf die Zukunftsperspektiven f&uuml;r Zittau nicht beantworten wollte. Auf seiner Internetseite schreibt Exner, der Schwerpunkt seiner Arbeit seien ein Aufnahmestopp f&uuml;r Immigranten in Sachsen, konsequente Abschiebungen und R&uuml;ckf&uuml;hrungen.<\/p><p><small>Titelbild: Das Rathaus im Stile der Neorenaissance in der ostdeutschen Stadt Zittau &ndash; Quelle: Shutterstock \/ MarcinPapaj<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Billige Mieten, massenhaft Wohnraum, traumhafte Umgebung, viel Platz f&uuml;r neue Betriebe: Die Stadt in der Randlage Deutschlands steht bereit f&uuml;r eine rosige Zukunft. Es fehlen: mutige Menschen. 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