{"id":131140,"date":"2025-04-03T10:00:51","date_gmt":"2025-04-03T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131140"},"modified":"2025-04-03T16:45:35","modified_gmt":"2025-04-03T14:45:35","slug":"mit-dem-zug-durch-eurasien-eindruecke-eines-deutschen-auf-einer-reise-von-porto-nach-wladiwostok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131140","title":{"rendered":"Mit dem Zug durch Eurasien \u2013 Eindr\u00fccke eines Deutschen auf einer Reise von Porto nach Wladiwostok"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christian Witt<\/strong> ist Designer. Er kommt aus Eckernf&ouml;rde und hat sich einen Traum erf&uuml;llt. In den letzten drei Wochen ist er mit dem Zug von Porto im S&uuml;dwesten der EU bis nach Wladiwostok gefahren. Die russische Stadt liegt am Pazifik. Die Strecke von 13.000 Kilometern bew&auml;ltigte Witt in drei Wochen, in Russland mit Zwischenstopps in Kasan und am Baikalsee. Am 22. M&auml;rz 2025 wurde er in Wladiwostok von <strong>Ulrich Heyden<\/strong> (Moskau) via Internet interviewt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5694\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-131140-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250403-Mit-dem-Zug-durch-Eurasien-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250403-Mit-dem-Zug-durch-Eurasien-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250403-Mit-dem-Zug-durch-Eurasien-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250403-Mit-dem-Zug-durch-Eurasien-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=131140-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250403-Mit-dem-Zug-durch-Eurasien-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250403-Mit-dem-Zug-durch-Eurasien-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250331-Christian-Witt-mit-Eldar-Chanow-2025.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250331-Christian-Witt-mit-Eldar-Chanow-2025.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p><strong>Ulrich Heyden: Vor drei Tagen sind Sie in Wladiwostok angekommen. Wie f&uuml;hlen Sie sich nach dieser Reise?<\/strong><\/p><p><strong>Christian Witt<\/strong>: Ich habe erstmal einen halben Tag gebraucht, um auszuschlafen, in einem richtigen Bett zu liegen, anzukommen, einen richtigen Kaffee zu trinken, spazieren zu gehen, sich die Beine zu vertreten, denn das tut man im Zug nicht. F&uuml;r mich war das Ankommen unspektakul&auml;r, weil f&uuml;r mich alles so reibungslos geklappt hat, von Porto angefangen &uuml;ber Santiago de Compostela, Madrid, Barcelona und Paris. In Paris gab es eine kleine Irritation. Von dort w&auml;re ich gerne mit dem Zug weitergefahren. Aber kurzfristig konnte man keine Pl&auml;tze buchen. Deshalb bin ich mit dem Bus von Paris nach Berlin gefahren.<\/p><p>Wie ich mich jetzt f&uuml;hle? K&ouml;rperlich gut, geistig dankbar und ich glaube, ich habe noch viel aufzuarbeiten. Ich muss die Gespr&auml;che, die man so hatte, sacken lassen und vielleicht Leute, die man kennengelernt hat, nochmal kontakten.<\/p><p><strong>In Wladiwostok haben Sie einen Blick aufs Meer und h&ouml;ren die M&ouml;wen kreischen?<\/strong><\/p><p>Ja, ich habe das erste Mal wieder M&ouml;wen geh&ouml;rt, so wie in der Heimat. Ich habe einen wehm&uuml;tigen Blick auf den dunstigen Pazifik in Richtung Japan geworfen und hatte dabei die andere Golden Gate Bridge (von Wladiwostok) im R&uuml;cken. Am n&auml;chsten Tag habe ich dann im Hafen geguckt, wo die F&auml;hren nach S&uuml;dkorea abfahren, mit denen man dann ums Eck auch nach Japan k&auml;me. Die Stadt hat einen pazifischen Charme. In Sibirien sah ich nur Schnee. Hier haben wir sechs Grad plus.<\/p><p><strong>Wie sehen die Leute in Wladiwostok aus? Sind das ganz &bdquo;normale&ldquo; Russen, oder sehen die schon ein bisschen asiatisch aus?<\/strong><\/p><p>Also die Russen, wie wir sie uns vorstellen, westasiatischen, wie wir sie kennen, sind ja nur eins von 190 V&ouml;lkern in der Russischen F&ouml;deration. Die Russen leben in St. Petersburg und Moskau. Das sind die Europ&auml;er. Aber von Station zu Station leben auch andere Menschenschl&auml;ge. Man sieht andere Gesichter und Mentalit&auml;ten. Wladiwostok habe ich schon mal scherzhaft Russisch-Korea genannt. Hier ist schon sehr viel Koreanisches im Schriftbild, in den Gesichtern der Menschen und der Touristen. Es gibt auch Immigranten aus Korea. Sie pr&auml;gen auch ein bisschen die Kultur hier. Hier gibt es viele koreanische Restaurants, aber wie auch in vielen anderen russischen St&auml;dten gibt es auch viele georgische Restaurants. Die georgischen Restaurants haben in Russland so eine Bedeutung wie &bdquo;der Italiener&ldquo; bei uns. Aber das Russische &ndash; in Sprache und Leitkultur der letzten 200, 300 Jahre &ndash; zieht sich nat&uuml;rlich bis Wladiwostok.<\/p><p><strong>Sie waren ja auch in Kasan, also an der Wolga, wo Tataren und Russen leben. Dieses Gebiet wurde ja erst vor 300 Jahren von Russen erobert und wurde dann Teil des russischen Imperiums. Das ist heute eine sehr wichtige Region, weil dort Russisch-Orthodoxe und Moslems zusammenleben.<\/strong><\/p><p>Nach dem Baikalsee war es das zweite Highlight der Reise. In Kasan besuchte ich das &bdquo;Haus der Religionen&ldquo;. Das ist so eine private Initiative, die 16 Religionen in einem Tempel vereint. Ich habe auch den Gr&uuml;nder getroffen und bin mit einer Tr&auml;ne rausgegangen, weil so liebe- und respektvoll das Glauben an sich geehrt wird, unter einem Dach unter 16 zwiebelartigen T&uuml;rmchen, also eine Ehrerbietung gegen&uuml;ber Religionen. Und daf&uuml;r ist ja Kasan der geeignete Ort, weil es dort die erste feste Moschee gab, welche von Katharina der Gro&szlig;en erlaubt wurde und die damit eine gro&szlig;e Offenheit und Freundlichkeit der Religionen miteinander angesto&szlig;en hat.<\/p><p><strong>Warum haben Sie diese lange Reise gemacht?<\/strong><\/p><p>Letztes Jahr im Dezember habe ich die Gelegenheit ergriffen und habe, nach zehn Jahren der Einladungen, meine Freundin in Moskau besucht. Wegen meiner nicht ausgepr&auml;gten Russisch-Kenntnisse hatte ich mich da zun&auml;chst nicht hingetraut. Ich habe das erste Mal das E-Visum ausprobiert. Es hat alles geklappt. Ich habe mich wohlgef&uuml;hlt in Moskau, St. Petersburg und Sotschi, und ich habe gedacht, ich komme wieder.<\/p><p>Der Ausl&ouml;ser mit der Transsibirischen Eisenbahn kam, als ich in Moskau das Ticket f&uuml;r den Nachtzug nach St. Petersburg gekauft habe. Da habe ich geguckt, was kostet denn das Ticket Moskau-Wladiwostok dritter Klasse ohne Stopps. Das kostete 160 Euro.<\/p><p>Ich habe gewusst, das mach&rsquo; ich &ndash; und m&ouml;glichst bald, wer wei&szlig;, was sich wie entwickelt. Dann habe ich die Reise in zwei, drei Wochen vorbereitet. Ich habe aber gedacht, eigentlich m&ouml;chte ich die ganze Spannbreite dieses Gro&szlig;kontinents f&uuml;hlen und erleben, von dem ganz westlichen Europa &ndash; das, was sich als Europa denkt, f&uuml;hlt und versteht &ndash; bis ins andere Europa, dem das Europa so ein bisschen abgesprochen wird. Und wenn ich jetzt hier sitze, ist das f&uuml;r mich immer noch europ&auml;isch, nat&uuml;rlich mit den ganzen einflie&szlig;enden Kulturen. Aber der Umgang und die Lebensweise ist so, wie ich es kenne, wie ich mich orientiere und wie ich mich wohlf&uuml;hlen kann. Es ist ein Raum, in dem sich unsere Kultur die letzten 10.000 Jahre entwickelt hat.<\/p><p><strong>Welche Erwartungen hatten Sie an die Reise? Sind diese Erwartungen eingetreten?<\/strong><\/p><p>Es war erstaunlich kurzweilig. Einen Tag hatte ich einen Tag Aufenthalt in Kasan, dann noch zwei Tage in Irkutsk. Ich finde es gut, zwischendurch einen Stopp zu machen. Insgesamt wird es nat&uuml;rlich teuer. Insgesamt kostet es dann mit den neuen Buchungen nicht 160, sondern 300 Euro. Das nat&uuml;rlich alles in der dritten, also der billigsten Holzklasse mit offenen Schlafwaggons, wo man die Pl&auml;tze &ndash; wenn ich diesen Rat geben darf &ndash; am besten etwas vorher bucht, damit man die unteren und nicht die oberen Pl&auml;tze bekommt. Ich musste mich also immer hochwuchten auf die Hutablage. Irgendwann hatte ich es raus, aber man m&ouml;chte nicht zu jeder Nacht- und Tageszeit hoch und runter. Aber man gew&ouml;hnt sich an alles, und man lernt die Leute in diesen offenen Abteilen viel besser kennen. Ich h&auml;tte vier sch&ouml;ne Begegnungen nicht gehabt, wenn ich in meinem abgeschlossenen Zweite-Klasse-Abteil eher f&uuml;r mich gewesen w&auml;re.<\/p><p><strong>Was waren das f&uuml;r Leute, die Sie kennengelernt haben?<\/strong><\/p><p>Die erste Begegnung gab es mit Anastasija zwischen Moskau und Kasan. Sie leitet einige Museen in Russland. Das sind moderne Erlebnis-Museen. In Kasan habe ich so ein Museum besucht. Ich war ziemlich von den Socken, wie modern, p&auml;dagogisch, didaktisch durchdacht das war. Anastasija hat mich mit einem sch&ouml;nen &ouml;sterreichischen Akzent &uuml;berrascht, weil sie zehn Jahre in verschiedenen Orten in &Ouml;sterreich lebte. Ich traf auf der Reise immer mal wieder Leute, die Deutsch sprachen. Aber das waren dann eher die &auml;lteren Semester.<\/p><p>Im Speisewagen habe ich dann ein Touristenp&auml;rchen aus Toulouse, also aus Frankreich, getroffen, die seit Jahr und Tag weltreisend sind. Sie hatten von Finnland bis China den transsibirischen Zug genommen. Mit denen habe ich im Speisewagen dann noch andere kennengelernt, sodass wir dort manchmal zu sechst sa&szlig;en und mit Google Translate, Englisch, H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en versucht haben, uns Geschichten zu erz&auml;hlen oder Fotos zu zeigen.<\/p><p>Dabei waren auch Soldaten oder Angeh&ouml;rige vom zivilem Wachschutz, die auf Urlaub waren. Man hat ein bisschen herausgesp&uuml;rt, in was f&uuml;r einer emotionalen Lage diese Leute sind. Aber sie haben ein wahnsinniges Bed&uuml;rfnis an den Tag gelegt, mit anderen zu reden.<\/p><p>Ein Panzerkommandant, der immer von der NATO als dem Gegner sprach, sagte, er habe &bdquo;auf die NATO geschossen&ldquo;. Das war bei ihm ziemlich fix im Kopf, dass er nicht gegen die Ukraine, sondern gegen die NATO k&auml;mpft. Der war ziemlich ausgelaugt und, ich glaub&rsquo;, innerlich fertig. Aber er hat es genossen, franz&ouml;sische Sitte zu zeigen, zu reden und Fotos zu zeigen.<\/p><p><strong>Wieso franz&ouml;sische Sitte?<\/strong><\/p><p>Naja, mit Handkuss. Ich wei&szlig; nicht, ob die Russen sonst auch den Handkuss geben. Er hat es sich nicht nehmen lassen, die Dame &bdquo;auf Franz&ouml;sisch&ldquo; zu k&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Der Krieg war sonst nicht pr&auml;sent im Zug?<\/strong><\/p><p>Der Zug wurde auch von Soldaten benutzt, die dann aber meist irgendwo in der Ecke sa&szlig;en und Skat gespielt haben und nicht gro&szlig; in Erscheinung getreten sind. Sonst bekommt man mit, dass in den gro&szlig;en St&auml;dten Plakate oder Leinw&auml;nde h&auml;ngen, die so ein bisschen motivieren und Patriotismus stimulieren sollen, fast so wie bei uns mit den Bundeswehr-Werbeplakaten. In Russland habe ich nicht mehr und nicht weniger solcher Plakate gesehen als bei uns.<\/p><p><strong>Es gibt ja so ein Vorurteil, die Russen seien wild und ungehobelt. Wenn man in so einem gro&szlig;en Waggon f&auml;hrt, wo vielleicht 70 Menschen schlafen, nimmt man da aufeinander R&uuml;cksicht?<\/strong><\/p><p>Die fahren ja meistens nicht das erste Mal mit diesem Zug. Die wissen, wie man aufeinander R&uuml;cksicht nimmt. Dass man den anderen tags&uuml;ber auf seiner Sitzfl&auml;che auch mal sitzen l&auml;sst, dass man nicht zu laut ist und dass man eher ein bisschen tuschelt. Ich hatte das Pech, dass bei uns eine Gruppe von vier Leuten nachts aktiv war. Sie haben laut gelacht und tags&uuml;ber geschlafen. Da muss man mit umgehen k&ouml;nnen. Im Notfall ist ja in jedem Abteil jemand, den man ansprechen kann, der Kaffee serviert und der einen eine halbe Stunde vor Ankunft in einem Ort mit einer sanften Ber&uuml;hrung weckt.<\/p><p><strong>Die europ&auml;ischen Kreditkarten werden in Russland ja nicht angenommen. Haben Sie Bargeld dabeigehabt?<\/strong><\/p><p>Genau. Ich habe ein paar Scheine mitgenommen. Und mein gro&szlig;es Gl&uuml;ck ist, dass ich bei meinem letzten Russland-Besuch als Erstes in den Telefonladen gegangen bin und mir eine SIM-Karte geholt habe. Das konnte ich damals mit meinem Reiseausweis. Es war in Kaliningrad, drei Stunden nach der Ankunft.<\/p><p>Jetzt ist das alles ein bisschen versch&auml;rfter. Man muss sich irgendwo registrieren, und man muss den Pass ins Russische &uuml;bersetzen lassen. Ich war bei dieser Reise also froh, dass ich schon eine russische Nummer und eine russische SIM-Karte hatte. Mit der bin ich am Anfang dieser Reise direkt zur Bank und habe dort innerhalb von 15 Minuten eine Kreditkarte ohne Namen bekommen. Auf die Karte habe ich dann mein mitgebrachtes Geld eingezahlt. Dazu gibt es eine App auf dem Handy. Die App habe ich dann mit der App der russischen Bahn oder mit meiner Flugbuchungs-App verbunden. Es ist total einfach, kontaktlos zu bezahlen. Ich bestelle hier auch das Taxi und die Pizza mit einer App.<\/p><p>Von den Franzosen im Zug nach Wladiwostok habe ich geh&ouml;rt, dass man im Westen eine Telefonnummer mit Roaming kaufen kann, die auch in Russland funktioniert und mit der man auch ins Internet gehen kann. So eine Telefonnummer kostet 20 Euro, ist also bezahlbar.<\/p><p>Mit dem Handy f&uuml;hlte ich mich in Russland nie verloren. Yandex-Map ist hier besser als Google Maps. Ich war in Irkutsk und wollte zum Baikalsee. Auf dem Handy wurde mir die Nummer des Sammeltaxis angezeigt. Ich ging dann an die Haltestelle und zahlte umgerechnet drei Euro. Mit dem Sammeltaxi fuhr ich dann 70 Kilometer bis zum See. Das ist wirklich ein angenehmes Reisen.<\/p><p><strong>Sie sind in Russland online so unterwegs wie in Deutschland?<\/strong><\/p><p>Nein, viel besser. Hier sind Dienstleistungen einfach bezahlbar. In Deutschland wei&szlig; ich nicht, wann ich das letzte Mal ein Taxi gerufen habe f&uuml;r die 20, 30 Euro, die man f&uuml;r sechs Kilometer zahlt. Daf&uuml;r zahlt man hier ein bis zwei Euro. Das ist f&uuml;r mich Lebensqualit&auml;t.<\/p><p><strong>Was haben Sie auf dieser Reise &uuml;ber die Russen und &uuml;ber sich selbst erfahren?<\/strong><\/p><p>Die Russen sind normalerweise sehr ruhig, also ein bisschen norddeutsch-ruhig. Ich kann es auch nur eingeschr&auml;nkt sagen, weil ich nicht wirklich Russisch kann. Aber ich kann kyrillisch lesen. Das konnte ich nach 40 Jahren noch irgendwie erinnern. Aber ich kann es nicht wirklich reden und verstehen. Die Russen sind angenehm umg&auml;nglich, im Stra&szlig;enverkehr sehr zuvorkommend. Wenn man nur aus der Ferne sieht, da will einer &uuml;ber den Zebrastreifen, wird schon abgebremst. Also sie sind im besten Sinne kulturell, zivilisiert. Und als ich noch im Westen von Russland war, habe ich gedacht, hey, die sehen aus wie wir, sie f&uuml;hlen sich an wie wir, sie lachen wie wir. Die kleinen Kinder lachen wie unsere Kinder. Also, es ist ganz anders als in diesem zugesch&uuml;tteten Russen-Bild, was gerne mal von Hollywood und der <em>Tagesschau<\/em> verbreitet wird.<\/p><p><strong>In Ihren Reisenotizen im Internet habe ich gelesen, dass Sie auch &uuml;ber Ihre Familie eine Beziehung zu Russland haben. Ihr Gro&szlig;vater war Kriegsgefangener, und das haben Sie, glaube ich, auch nicht in so guter Erinnerung.<\/strong><\/p><p>Ich habe meinen Gro&szlig;vater nicht kennengelernt. Ich habe nur mal irgendwann in den Akten meiner Gro&szlig;mutter eine Rote-Kreuz-Postkarte aus dem Jahr 1945 gefunden. Es war die erste Karte aus dem Kriegsgefangenenlager Moschaisk. Das liegt eine Stunde westlich von Moskau. Dort befand sich mein Gro&szlig;vater fast zweieinhalb Jahre lang im Kriegsgefangenenlager. Der Text auf der Karte war relativ neutral gehalten. Da stand, er sei am 6. Mai 1945 im Kurland festgenommen worden und, dass es ihm den Umst&auml;nden entsprechend gut gehe. Die Karte kam erst nach einem halben Jahr bei meiner Gro&szlig;mutter an.<\/p><p>&Uuml;ber die Russen hat mein Gro&szlig;vater eigentlich positiv berichtet, auch wenn die Kriegsgefangenschaft f&uuml;r ganz viele sicherlich eine t&ouml;dliche Erfahrung war. Vielleicht hat er positiv &uuml;ber die Russen berichtet, weil er auf der anderen Seite des Regimes stand, also unverd&auml;chtig war und nicht bestraft werden musste. Er hat sich f&uuml;r sein Grab eine Birke gew&uuml;nscht. Das verbindet ihn mit der Zeit damals. Und eine Birke steht jetzt auf seinem Grab.<\/p><p>Er ist 1935 aus der SS ausgetreten. Ich wei&szlig; nicht, was ihn in die SS getrieben hatte &ndash; nach den Schilderungen meiner Oma doch eher Freundschaften. Aber nachdem sein Schwager als Kommunist ins KZ kam, ist er ausgetreten und hat sich distanziert. Im Nachgang hat das dazu gef&uuml;hrt, dass er keine Karriere gemacht hat, aber daf&uuml;r hat er nicht so einen Schaden an seiner Seele genommen. Wo das Kriegsgefangenenlager war, ist heute ein Jugendgef&auml;ngnis. Es sieht leider so ein bisschen lager- und gef&auml;ngnism&auml;&szlig;ig aus. Wenn man im Winter davorsteht, kann man sich vorstellen, das war das Lager mit den T&uuml;rmchen und dem Stacheldraht. Ich habe den Ort besucht.<\/p><p>Mein Gro&szlig;vater hat nie wirklich viel erz&auml;hlt. Er geh&ouml;rte vielleicht zu der Generation, die andere V&auml;ter waren, als sie h&auml;tten sein k&ouml;nnen, dadurch, dass sie nicht da waren. F&uuml;r die Kinder war die Ehefrau oder der &auml;ltere Bruder der Vater-Ersatz.<\/p><p>Mich verbindet mit Russland ganz pers&ouml;nlich die Aufbruchszeit 1990: als alles offen war, als sich die Angst l&ouml;ste. Als man nicht mehr tr&auml;umte &ndash; ich habe es noch vor Augen &ndash;, wie &uuml;ber meinem Kopf &ndash; das war in den 1980ern &ndash; im Traum Mittelstreckenraketen flogen. Und was f&uuml;r eine Erleichterung es war, als die Grenzen aufgingen. Als man nach Russland reisen konnte, als Perestroika und Glasnost ein Thema waren, als f&uuml;r wenige Jahre eine gro&szlig;e Hoffnung da war, dass sich dieser Wirtschafts-, Kultur- und Lebensraum vom Atlantik bis zum Pazifik auftut, in Frieden vereinigt und sich neu gr&uuml;ndet. Eigentlich tr&auml;gt mich das immer noch ein bisschen. Ich habe diesen Gedanken noch nicht ganz aufgegeben. Nun hat sich Westeuropa in den letzten Wochen, Monaten und vielleicht auch Jahren sehr ver&auml;ndert und auch die offizielle politische Grundstr&ouml;mung, aber ich hoffe, dass da vielleicht von unten etwas entstehen kann, was eigentlich entstehen muss.<\/p><p><strong>Haben Sie jetzt das Gef&uuml;hl, Sie m&uuml;ssen sich irgendwie rechtfertigen, weil Sie friedlich durch Russland gereist sind und mit den Leuten gesprochen haben?<\/strong><\/p><p>Ich hatte im Vorfeld so ein paar Bemerkungen, auch in der Familie und von Freunden, geh&ouml;rt. &bdquo;Da w&uuml;rden mich keine zehn Pferde hinbringen&ldquo; oder &bdquo;ich mag die Russen nicht&ldquo;, sagte meine Schwiegermutter, die ich superlieb habe.<\/p><p>Ich mache meine Reise mit dem Gegenteil von schlechtem Gewissen, sondern mit Mut. Ich hatte so einen Schl&uuml;sselmoment, als wir am Vorweihnachtstisch sa&szlig;en, und da sagte jemand, er w&uuml;rde Putin nicht durch eine Reise unterst&uuml;tzen, das sind Feinde. Da sagte meine Nichte: &bdquo;Darf ich denn mit der Russin in meinem Freundeskreis noch spielen?&ldquo; Diese Frage, und dass sie &uuml;berhaupt im Raum stand, hat mich wie ein Blitz getroffen. Und das war auch der Tritt in den Hintern. Nee, so schon mal gar nicht.<\/p><p>Nachtrag: Wer mehr &uuml;ber die Reise von Christian Witt erfahren will, findet Informationen und Tipps auf <a href=\"http:\/\/www.transeurasian.org\">transeurasian.org<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Christian Witt<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/7dd7ff2cc0dc4a869adae9b9d303c768\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Christian Witt<\/strong> ist Designer. Er kommt aus Eckernf&ouml;rde und hat sich einen Traum erf&uuml;llt. In den letzten drei Wochen ist er mit dem Zug von Porto im S&uuml;dwesten der EU bis nach Wladiwostok gefahren. Die russische Stadt liegt am Pazifik. 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