{"id":131381,"date":"2025-04-09T09:00:27","date_gmt":"2025-04-09T07:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131381"},"modified":"2025-04-09T14:03:15","modified_gmt":"2025-04-09T12:03:15","slug":"georg-elser-allein-gegen-hitler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131381","title":{"rendered":"Georg Elser: Allein gegen Hitler"},"content":{"rendered":"<p>Vor 80 Jahren &ndash; am 9. April 1945 &ndash; wurde der Schreinergeselle Georg Elser im KZ Dachau ermordet. Mit einer selbstgebastelten Bombe hatte er ein Attentat auf Hitler geplant, w&auml;hrend dieser im M&uuml;nchner B&uuml;rgerbr&auml;ukeller eine Rede hielt. Doch der &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; verlie&szlig; vorzeitig den Saal und kam mit dem Leben davon. Elser wurde als &bdquo;Sonderh&auml;ftling&ldquo; jahrelang inhaftiert &ndash; und kurz vor Kriegsende auf Befehl der Gestapo erschossen. Wer war der Mann, der die Bombe baute, die Hitler t&ouml;ten sollte? Von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3004\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-131381-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250409-Georg-Elser-Allein-gegen-Hitler-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250409-Georg-Elser-Allein-gegen-Hitler-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250409-Georg-Elser-Allein-gegen-Hitler-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250409-Georg-Elser-Allein-gegen-Hitler-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=131381-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250409-Georg-Elser-Allein-gegen-Hitler-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250409-Georg-Elser-Allein-gegen-Hitler-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In der Galerie deutscher Widerstandsk&auml;mpfer f&uuml;hrte Georg Elser bis vor wenigen Jahren ein Schattendasein. Anders als der vier Jahre &auml;ltere Graf von Stauffenberg eignete er sich nicht f&uuml;r die Rolle des staatlich verkl&auml;rten Helden. Hier der gebildete Offizier, der zun&auml;chst den Verhei&szlig;ungen des NS-Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst sp&auml;ter umgekehrt ist, dann aber entschieden zur Tat schritt. Dort der spr&ouml;de, zur&uuml;ckhaltende Elser, der bereits 1939, als Stauffenberg und Millionen andere Deutsche noch dem F&uuml;hrer zujubelten, als Schreinergeselle mit Volksschulabschluss den m&ouml;rderischen Charakter des Regimes erkannte und den Entschluss zum Attentat fasste.<\/p><p>Stauffenberg verstand sich zuerst als Soldat, ganz nach der jahrhundertealten Tradition seiner Familie. Obwohl er sp&auml;ter jegliche Begeisterung zum Nationalsozialismus verlieren sollte, hatte er f&uuml;r die parlamentarische Demokratie zeitlebens nur Verachtung &uuml;brig. Sein Moralverst&auml;ndnis war ein vielschichtiges Konglomerat aus katholischer Lehre, einem aristokratischen Ehrenkodex, dem Ethos des alten Griechenlands und deutscher romantischer Dichtung. Sein k&uuml;hner Entschluss, Hitler mit einer Bombe zu t&ouml;ten, war eher Ausdruck von milit&auml;rischen als von moralischen &Uuml;berlegungen. Der Zufall, durch den Hitler mit dem Leben davonkam, die aussichtslose Lage der Mitverschw&ouml;rer, die hastige Hinrichtung Stauffenbergs &ndash; das alles ist eine tiefe Trag&ouml;die. Graf von Stauffenberg war ein mutiger Patriot &ndash; aber auch ein strikter Anti-Demokrat.<\/p><p>Interessant sind in diesem Zusammenhang die &Auml;u&szlig;erungen von Ian Kershaw, der als einer der angesehensten Historiker gilt und sich seit beinahe 40 Jahren mit dem Nationalsozialismus in Deutschland besch&auml;ftigt. In Zusammenhang mit seinem Buch &bdquo;Das Ende &ndash; Kampf bis in den Untergang, NS-Deutschland 1944\/45&ldquo; meint er, dass das missgl&uuml;ckte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zumindest vor&uuml;bergehend eher zu einer St&auml;rkung des NS-Regimes beigetragen habe. Kershaw: &bdquo;In der Bev&ouml;lkerung gab es einen deutlichen Anstieg der Popularit&auml;t Hitlers. Der Schockeffekt des Anschlags war enorm, wie man aus vielen privaten Aufzeichnungen ersehen kann. Wichtiger aber noch ist, dass es danach bei der Wehrmacht zu einer S&auml;uberung der Offiziersr&auml;nge kam. An die Stelle von Leuten, die als unzuverl&auml;ssig galten, traten Erz-Loyalisten. Damit war jeder weitere Widerstand ausgeschlossen.&ldquo; (<em>DER SPIEGEL<\/em>, Nr. 46, 2011).<\/p><p>Die Tatsache, dass gescheiterte Attentatsversuche auf Hitler von den NS-Propagandisten massiv genutzt wurden, um die Unverwundbarkeit des F&uuml;hrers zu beschw&ouml;ren und dessen Vorhersehungsmythos zu n&auml;hren, ist historisch belegt. Dass die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und Sondergerichte daf&uuml;r sorgten, dass alle Beteiligten und Verd&auml;chtigen verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden, dieses Schicksal war nicht allein den Offizieren des 20.-Juli-Widerstands beschieden.<\/p><p>Auch Georg Elsers Heimatgemeinde K&ouml;nigsbronn war nach seinem gescheiterten M&uuml;nchner Attentat von NS-Ermittlern auf m&ouml;gliche Unterst&uuml;tzer und Mitwisser observiert worden. Bis nach dem Krieg, ja bis weit in die Mitte der Siebzigerjahre war Elser in seiner Heimatregion deshalb nicht nur eine bewunderte Figur. Es fanden sich viele, die f&uuml;r seine Tat allein deshalb wenig Verst&auml;ndnis hatten, weil damals &bdquo;Menschen mit hineingezogen worden waren, die nichts mit der Sache zu tun hatten&ldquo;. Es gab Bewunderer und Kritiker, und noch 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges standen sie sich unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;ber.<\/p><p>Keine Frage: Georg Elser war eine Herausforderung &ndash; nicht nur f&uuml;r seine Heimatregion, auch f&uuml;r die deutsche &Ouml;ffentlichkeit. Er machte deutlich, dass ein einfacher Mann aus dem Volke sich zu einer weltgeschichtlichen Tat aufraffen konnte. Er strafte all jene L&uuml;gen, die sich weiterhin einredeten, sie h&auml;tten dem Terror des NS-Staates nichts entgegensetzen k&ouml;nnen. Seine Tat besch&auml;mte viele Deutsche.<\/p><p>Elser war immer ein Einzelg&auml;nger. Er f&uuml;hlte sich zwar der Arbeiterbewegung verbunden, stand der Kommunistischen Partei nahe, ohne Mitglied zu sein. Zum festen, gar vorbildlichen Genossen lie&szlig; er sich nicht stilisieren. Ideologische Fragen interessierten ihn wenig. Wie aber kann die &ouml;ffentliche W&uuml;rdigung f&uuml;r einen solchen Mann aussehen? Wie das Erinnern?<\/p><p>Gesellschaften erinnern sich der Vergangenheit nicht allein in Anerkennung des f&uuml;r sich Gro&szlig;en. Erinnerung bedarf einer sie tragenden Gruppe: der adelige, milit&auml;rische, sozialdemokratische, der kommunistische oder kirchliche Widerstand wird von Adel, Milit&auml;r, Partei oder Kirche im Ged&auml;chtnis gehalten. Wohin also mit Elser?<\/p><p>Jahrzehntelang wurde etwa in M&uuml;nchen &uuml;ber Elsers Tat gestritten, ehe sich die Stadt zu einer Ehrung durchrang: an einer Schule leuchtet nun jeden Abend um 21:20 Uhr &ndash; dem Zeitpunkt der Explosion &ndash; ein roter Neonschriftzug auf. Mehr als 40 Stra&szlig;en und Pl&auml;tze sowie drei Schulen sind mittlerweile in ganz Deutschland nach ihm benannt, und die Post legte sogar 2003 eine Georg-Elser-Sondermarke auf. In seinem Geburtsort erinnert eine Stahlskulptur an den mutigen Sohn der Gemeinde. Sie ist 2,10 Meter hoch und steht gleich am Bahnhof der schw&auml;bischen Kleinstadt. Im Berliner Regierungsviertel wiederum steht am Spreeufer in der &bdquo;Stra&szlig;e der Erinnerung&ldquo; eine Elser-B&uuml;ste, neben Thomas Mann, Edith Stein und Walter Rathenau, dem ermordeten Au&szlig;enminister der Weimarer Republik. Und seit November 2011 gibt es eine 17 Meter hohe Skulptur inmitten des alten Regierungsbezirkes an der Wilhelmstra&szlig;e: ein Stahlband mit Lichterkette, das Profil Elsers skizzierend. Die Silhouette, so wollen es die Initiatoren um den Schriftsteller Rolf Hochhuth verstanden sehen, soll sich in der N&auml;he des einstigen Bunkers von Adolf Hitler &bdquo;&uuml;ber den Ort der T&auml;ter erheben&ldquo;. Der fl&uuml;chtige Passant, der Elser weder kennt noch erkennt, erf&auml;hrt durch eine kleine Informationstafel, wer hier geehrt wird. Das &bdquo;Denkzeichen&ldquo; mit den geschwungenen Neonr&ouml;hren ist ein wenig reklamehaft geraten, das Individuum wird erst auf den zweiten Blick sichtbar.<\/p><p>Georg Elser, der Zur&uuml;ckgezogene, der sich zum Widerstand entschloss, der Solit&auml;r, der einzig seinem Gerechtigkeitssinn folgte, ist einmal mehr anonym geblieben.<\/p><p>Mittlerweile gibt es h&ouml;rbar auch Kritik an der &bdquo;unheimlichen Gedenkkultur des Georg Elser&ldquo;. Sie stellen fest, Elser biete sich als Identifikationsfigur deshalb an, weil er &bdquo;weit leichter zur Selbstvergewisserung&ldquo; zu nutzen sei als etwa der elit&auml;re Offizier Stauffenberg, ein hochkonservativer Adeliger wie der Politiker Carl Friedrich Goerdeler oder gar Mitglieder kommunistischer Widerstandzellen wie der &bdquo;Roten Kapelle&ldquo;. Er tauge deshalb als optimale Projektionsfl&auml;che f&uuml;r all die nachgeholte Opposition gegen den Nationalsozialismus, eigne sich ideal als Vorbild f&uuml;r alle &bdquo;zeitgeistigen Gut-Menschen&ldquo; &ndash; als sei allein das Bekenntnis f&uuml;r Elser und seine Tat schon eine mutige Haltung.<\/p><p>An der Ehrenhaftigkeit Georg Elsers &auml;ndert das nichts. Sp&auml;testens seit der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl &ndash; ein Mann, der einst ganz offiziell mit seinem Staatsgast Ronald Reagan einem SS-Soldatenfriedhof seine Referenz erwies &ndash; Elser &ouml;ffentlich w&uuml;rdigte, ist die Frage &bdquo;Wem geh&ouml;rt Elser?&ldquo; obsolet.<\/p><p>Der Historiker Joseph Peter Stern nannte Elser einmal einen &bdquo;Mann ohne Ideologie&ldquo;. Dem ist nichts hinzuzuf&uuml;gen.<\/p><p><em><strong>Buchtipp:<\/strong> Helmut Ortner: DER EINSAME ATTENT&Auml;TER, Georg Elser &ndash; Der Mann, der Hitler t&ouml;ten wollte. Frankfurt am Main 2022, Nomen Verlag, broschiert, 246 Seiten, ISBN 978-3939816881, 18 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 80 Jahren &ndash; am 9. April 1945 &ndash; wurde der Schreinergeselle Georg Elser im KZ Dachau ermordet. Mit einer selbstgebastelten Bombe hatte er ein Attentat auf Hitler geplant, w&auml;hrend dieser im M&uuml;nchner B&uuml;rgerbr&auml;ukeller eine Rede hielt. Doch der &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; verlie&szlig; vorzeitig den Saal und kam mit dem Leben davon. 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