{"id":13149,"date":"2012-05-08T10:09:08","date_gmt":"2012-05-08T08:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13149"},"modified":"2015-02-15T11:48:39","modified_gmt":"2015-02-15T10:48:39","slug":"warten-auf-niveau-ein-kulturinfarkt-und-andere-gebrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13149","title":{"rendered":"Warten auf Niveau: Ein Kulturinfarkt und andere Gebrechen"},"content":{"rendered":"<p>Die Erregung in der Kulturszene steigt derzeit mit jeder Schlagzeile. Die Oper in Duisburg ist gef&auml;hrdet. In K&ouml;ln droht &bdquo;erstmals seit 1943\/44 die Absage einer kompletten Theatersaison&ldquo;, so K&ouml;lns Opernintendant Uwe Eric Laufenberg. Die Oberb&uuml;rgermeister von D&uuml;sseldorf und Bonn denken wechselweise &uuml;ber eine Kooperation ihrer B&uuml;hnen mit K&ouml;ln nach und gef&auml;hrden damit angeblich die &bdquo;Identit&auml;t&ldquo; ihrer Kulturmetropolen. In Berlin k&auml;mpft das Grips-Theater mehr denn je ums &Uuml;berleben. Mit dem aktuellen Tarifabschluss f&uuml;r den &Ouml;ffentlichen Dienst drohen eine Steigerung der Personalkosten und weitere Pleiten. Und dann gibt es auch noch dieses hei&szlig; diskutierte Buch, das dem subventionierten Kulturbetrieb einen &bdquo;Infarkt&ldquo; voraussagt und das nach Meinung vieler Medien &bdquo;die Debatte des Fr&uuml;hjahrs&ldquo; angesto&szlig;en haben soll. Von <strong>Wolfgang Hippe*<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWenn Haushaltsverhandlungen anstehen, h&auml;ufen sich in aller Regel die Meldungen &uuml;ber vermeintliche oder drohende Finanzkatastrophen bei gro&szlig;en Kulturinstituten. Ansonsten ist Kulturpolitik ein eher marginales Politikfeld, dessen strategische und perspektivische Debatten nur eine begrenzte Aufmerksamkeit zu Teil wird. Gemeinhin begn&uuml;gt man sich mit dem Hinweis auf die reiche Kulturlandschaft hierzulande, um die uns alle Welt beneidet und die nicht angetastet werden darf. Dazu versichert man sich und anderen: Kultur kann es nicht genug geben. Mit ihrem heftig umstrittenen Buch &bdquo;Kulturinfarkt Von allem zu viel und &uuml;berall das Gleiche&ldquo; haben die <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1Tyk8p10Nw0\">vier Autoren Haselbach\/Klein\/Kn&uuml;sl\/Opitz<\/a> nun gewagt, schon l&auml;nger bekannte Strukturprobleme dieser Kulturlandschaft polemisch aufzumischen und damit den stillen Grundkonsens unter deutschen Kulturpolitikern nachhaltig gest&ouml;rt. Vor allem, weil sie kritische Argumente an der &uuml;blichen kulturpolitischen Community vorbei einer breiteren &Ouml;ffentlichkeit zugetragen haben.<\/p><p>Dabei pr&auml;sentieren Haselbach\/Klein\/Kn&uuml;sl\/Opitz erst einmal nur ein &bdquo;Gedankenexperiment&ldquo;. Was w&auml;re, fragen sie, wenn wir die institutionelle Kulturf&ouml;rderung halbieren und die frei werdenden Mittel einsetzen, um andere kulturelle und kreative Aktivit&auml;ten zu unterst&uuml;tzen, den weiteren Aufbau einer weltweit wettbewerbsf&auml;higen Kultur\/Kreativwirtschaft eingeschlossen? Allein mit dieser abstrakten Fragestellung scheinen die Vier gleich mehrere Tabus deutscher Bildungsb&uuml;rger, Kulturpolitiker und saturierter Redakteure angekratzt zu haben &ndash; so entschieden und unbedacht &auml;u&szlig;ern ihren Widerwillen sonst nur die sogenannten &bdquo;Wutb&uuml;rger&ldquo;. Das Buch wird zu einer &bdquo;Bedrohung&ldquo; und einem &bdquo;Sprengsatz&ldquo; f&uuml;r die bundesdeutsche Kulturlandschaft insgesamt stilisiert. Die Berliner &bdquo;Akademie der K&uuml;nste&ldquo; bezeichnet es in einem Aufruf als &bdquo;Kampfinstrument gegen eine Gesellschaft&ldquo; (!), die zu ihren Kulturinstitutionen steht, und fordert ultimativ zur Verteidigung der &bdquo;kulturellen Errungenschaften&ldquo; auf. Auf Nachfrage mochte sie freilich nicht best&auml;tigen, dass die Unterzeichner des Appels das Buch auch tats&auml;chlich kannten. Viele Artikel sind von zum Teil heftigen Beschimpfungen der &bdquo;Infarkt&ldquo;-Autoren durchsetzt. Worte wie &bdquo;hirnrissig&ldquo;, &bdquo;unausgegoren&ldquo; oder &bdquo;bescheuert&ldquo; fallen. Der zust&auml;ndige Berliner Staatssekret&auml;r, der u.a. f&uuml;r Stundenl&ouml;hne von 5,50 Euro f&uuml;r Kulturarbeiter verantwortlich zeichnet, sah &bdquo;weitgehend unbekannte Professoren und Kulturbetriebsarbeiter &hellip; aus dem Busch&ldquo; am Werk.<br>\nDer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Deutschen Kulturrates diagnostizierte bei allen vier Autoren nicht nur &bdquo;Bulimie&ldquo;, sondern als praktizierender Amateurpsychologe auch noch ihre &ouml;dipale Pr&auml;gung. Alle vier Autoren seien von dem Wunsch beseelt, ihre kulturpolitischen (?) V&auml;ter zu meucheln. Zugleich seien sie von &bdquo;einer merkw&uuml;rdigen Sehnsucht nach Lichtgestalten&ldquo; getrieben. Nun gilt der Vatermord allenthalben als Urverbrechen, mit dem auch die &uuml;berkommene Ordnung zerst&ouml;rt wird. Doch der klassische Mythos ist mehr als doppeldeutig. Er handelt nicht nur von Mord und Inzest, sondern auch von Rettung: &Ouml;dipus befreit Theben von der Sphinx, die das Leben in der Stadt zu ersticken droht.<\/p><p>Der SPD-Spitzenkandidat in der eben abgehaltenen Schleswig-Holstein-Wahl wertete das Buch als &bdquo;eine <em>degenerierte<\/em> Auffassung von satten, dummen, bl&ouml;den Menschen, die nicht erkennen, was Kultur f&uuml;r Deutschland bedeutet&ldquo;. Unter &bdquo;Degeneration&ldquo; wird gemeinhin ein <em>krankhafter<\/em> Funktionsverlust in medizinischer, biologischer oder sozialer Hinsicht verstanden. Zu diesen biologistischen Anleihen passt der Versuch, den &bdquo;Kulturinfarkt&ldquo; in die N&auml;he der Sarrazin-Machwerke zu r&uuml;cken. Trotz intensiver Lekt&uuml;re lie&szlig; sich bei Haselbach&amp;Co allerdings keine Stelle nachweisen, die den Status eines Bildungsb&uuml;rgers durch genetische Disposition erkl&auml;rt. Dass es auch ganz ohne erbbiologisches Argument geht, bewies zur gleichen Zeit die &bdquo;Zeit&ldquo;. Was ist schlimm daran, dass nur 5 Prozent der Bev&ouml;lkerung die Angebote der Hochkultur regelm&auml;&szlig;ig nutzen? fragte das Blatt. Auch beim Konsum muss <a href=\"http:\/\/www.fonds-soziokultur.de\/shortcut\/03\/news\/es-gibt-sie-noch-die-feinen-unterschieden\">sich Elite zeigen<\/a>.<\/p><p>Gegen die zitierten Erg&uuml;ssen berufsbedingter Erregtheit setzt sich eine andere, weniger populistisch daher kommende Kritikergruppe geradezu wohltuend ab. Anders und viel eleganter versuchte etwa die FAZ, die sich abzeichnende Debatte unter den Teppich zu kehren. &bdquo;Niemand wird bestreiten, dass die Subventionsb&uuml;rokratie viel zu beh&auml;big ist und reformiert werden muss&ldquo;, war da zu lesen. &bdquo;Aber all das reicht &ndash; eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen w&uuml;rde &ndash; noch nicht, um ein ganzes Buch zu f&uuml;llen.&ldquo; Oder anders ausgedr&uuml;ckt: warum diese ganze Aufregung? Kennen wir doch alles, ist nichts Neues dran, widmen wir uns doch anderen Dingen. Auch anderswo wird den Autoren ab und an attestiert, dass sie bei ihrem Gedankenexperiment &bdquo;wichtige Fragen&ldquo; stellen. Welche das sind, wird freilich regelm&auml;&szlig;ig ausgespart.<\/p><p><strong>Fachdebatten<\/strong><br>\nIn der Tat kn&uuml;pft der &bdquo;Kulturinfarkt&ldquo; an Diskussionen an, die schon l&auml;nger gef&uuml;hrt werden, aber kaum in eine breitere &Ouml;ffentlichkeit gelangten. Etwa, wenn die Autoren die Planlosigkeit der Kulturpolitik gei&szlig;eln: &bdquo;Eine Verst&auml;ndigung dar&uuml;ber, welche kulturellen Ziele mit welchen Mitteln erreicht werden k&ouml;nnten, war nicht gewollt.&ldquo; Oder den hermetischen Begriff von &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; im rasenden Kulturbetrieb problematisieren und sich auch dagegen wenden, Kultursubventionen immer wieder als &bdquo;Investitionen (in die Zukunft)&ldquo; zu bezeichnen: &bdquo;Aus betrieblicher Sicht sind Investitionen Ausgaben, die dazu f&uuml;hren sollen, dass zuk&uuml;nftig gr&ouml;&szlig;ere Einnahmen dem Betrieb zuflie&szlig;en. &hellip; Allen Investitionen ist gemeinsam, dass sie sich in Geld rechnen sollen.&ldquo; Etwa, wenn sie die herrschende Wachstumsideologie in der Kulturpolitik aufspie&szlig;en, wonach der unentwegte Ausbau der kulturellen Infrastruktur zur Befriedigung kultureller Interessen unabdingbar ist. Etwa, wenn sie die Tarifgef&uuml;ge an den &ouml;ffentlichen Theatern kritisieren: &bdquo;Sie zeigen, dass es hier nicht um Kunst und Kultur geht, denn die Schauspieler, S&auml;nger und T&auml;nzer haben die schlechtesten Vertr&auml;ge, die Verwalter, B&uuml;hnenarbeiter, Choristen und Musiker die besten.&ldquo; (Ein Schauspieler verdient nach Tarif etwa so viel wie eine Verk&auml;uferin.) Auch die von Kritikern gerne und energisch als &bdquo;neoliberal&ldquo; gegei&szlig;elte Forderung nach einem Mehr an Markt in Sachen Kultur ist seit der Wiederentdeckung der Kultur\/Kreativwirtschaft in den 1980er und 1990er Jahren Teil des Diskurses. Schon Rembrandt war Unternehmer, ohne Kunstmarkt k&ouml;nnten Bildende K&uuml;nstler nicht &uuml;berleben. Dass &bdquo;Markt&ldquo; hier oder beim Film grunds&auml;tzlich &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; verhindern w&uuml;rde, ist eine schon d&uuml;mmliche, aber gern gepflegte Attit&uuml;de. So sind auch Kunstmuseen genuiner Teil des Kunstmarktes. Die Teilnahme an einer Ausstellung steigert den Marktwert eines K&uuml;nstlers, die museale Pr&auml;sentation der Klassiker stabilisiert das von ihnen auf Auktionen erreichte Preisniveau. Auch der hochsubventionierte Opernbetrieb kommt ohne &bdquo;Markt&ldquo; nicht aus. Gerade das Buchen der sogenannten Gro&szlig;en Stimmen ist anders gar nicht m&ouml;glich. Operns&auml;nger werden &uuml;ber internationale Agenten und Agenturen vermittelt, die marktorientiert und oft weltweit agieren. Auch hier gibt es Oligopole. Kurz, es geht l&auml;ngst nicht mehr um einen Gegensatz von Markt und &bdquo;Kultur&ldquo;, sondern wesentlich um ordnungspolitische Rahmenbedingungen.<\/p><p>In weiten Teilen der Fachdiskussion herrscht so weitgehend Konsens, dass das kulturpolitische Feld mindestens in Teilen dringend &uuml;berholt werden muss &ndash; vorausgesetzt, man versteht Kulturpolitik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sieht sie nicht als H&uuml;terin der gro&szlig;en Leuchtt&uuml;rme der Staatskultur und als Bewahrerin &uuml;berkommener Strukturen. In der breiteren &Ouml;ffentlichkeit spielten derartige &Uuml;berlegungen freilich kaum eine Rolle. Hier dominiert ein kulturpolitischer Kampagnenlobbyismus. Dazu nur zwei aktuelle Beispiele von vielen.<\/p><p><strong>Ausgebombt!<\/strong><br>\nIm Fr&uuml;hsommer des Jahres 1944 verf&uuml;gte Joseph Goebbels kriegsbedingt die Schlie&szlig;ung der deutschen Theater zum 1. September. Stalingrad war lange gefallen, die Alliierten in der Normandie gelandet, viele St&auml;dte im Reichsgebiet lagen in Schutt und Asche, der Holocaust und der V&ouml;lkermord an anderen ethnischen Minderheiten lief auf Hochtouren. Was mag den K&ouml;lner Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg geritten haben, um im laufenden Streit um die H&ouml;he des K&ouml;lner Opernetats auf die Goebbelsche Direktive zu verweisen und davor zu warnen, dass in Jahr 2012 &bdquo;erstmals seit 1943\/44 (wieder) die Absage einer kompletten Theatersaison in einer deutschen Stadt&ldquo; auf der Tagesordnung stehe? Schlie&szlig;lich fielen keine Bomben auf K&ouml;ln und Laufenberg wollte nur die Erh&ouml;hung seines Opernetats um 5 Millionen auf knapp 35 Millionen durchsetzen. Auch als die Stadt ihm schlie&szlig;lich entgegen kam und den urspr&uuml;nglichen Ansatz erh&ouml;hte, reichte ihm das nicht. Seine Attit&uuml;de des Alles oder Nichts stie&szlig; sogar beim Deutschen B&uuml;hnenverein, dem Zusammenschluss der deutschen Stadttheater, auf Befremden. Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Rolf Bolwin lie&szlig; verlauten, die Debatte schade dem Theater, &bdquo;weil der Eindruck entsteht, man k&ouml;nne mit 32 Millionen Euro kein Opernprogramm machen&ldquo;.<\/p><p>Im &uuml;berregionalen Qualit&auml;tsfeuilleton fand sich davon nichts. Stattdessen brach sich ein Sturm der Entr&uuml;stung Bahn. Die Weigerung der Stadt, weitere Millionen zu zahlen, sei &bdquo;geradezu haneb&uuml;chen&ldquo;. Immerhin saniere K&ouml;ln doch gerade seine B&uuml;hnen f&uuml;r 250 Millionen, befand etwa Opernnetz.de. Man d&uuml;rfe nicht &bdquo;den Fortbestand der Oper aufs Spiel&ldquo; setzen, mahnte die FAZ und sprach von einem &bdquo;unw&uuml;rdigen Hin und Her&ldquo;. Von &bdquo;kleinlichem Gez&auml;nk ums Geld&ldquo; war allenthalben die Rede. In einem Punkt war man sich schnell einig: die Oper m&uuml;sse &bdquo;vor der Politik gerettet&ldquo; werden. Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des B&ouml;rsenvereins des Deutschen Buchhandels, brachte es in einer Podiumsdiskussion zum Thema auf den Punkt: &bdquo;Das Schlimmste, was man Kultur antun kann, ist Kulturpolitik zu betreiben!&rdquo; <\/p><p>Das kann man so sehen, ob es realit&auml;tstauglich ist, ist eine ganz andere Frage. Denn bei genauerem Hinsehen wird im K&ouml;lner Fall ein bizarrer Streit dar&uuml;ber sichtbar, welchen Verpflichtungen Opernintendanten als &bdquo;st&auml;dtische Angestellte&ldquo; eigentlich nachkommen m&uuml;ssen (und sollten). Nun sind die K&ouml;lner B&uuml;hnen als sog. Eigenbetrieb organisiert, an deren Spitze die Intendanten von Schauspiel und Oper sowie ein Gesch&auml;ftsf&uuml;hrender Direktor stehen. Das Triumvirat arbeitet gleichberechtigt und nach dem Konsensprinzip. Zu seinen wesentlichen Aufgaben geh&ouml;rt die Erstellung eines Wirtschaftsplans, der die H&ouml;he des Betriebskostenzuschusses benennt und der dem Rat der Stadt zur Entscheidung zugeleitet wird. Mitte Mai 2012, also zum Zeitpunkt der &ouml;ffentlichen Erregung &uuml;ber den m&ouml;glichen Saisonabbruch, gab es seitens der B&uuml;hnen weder Wirtschaftspl&auml;ne f&uuml;r die Spielzeit 2010\/2011 noch f&uuml;r 2011\/2012. Oder anders ausgedr&uuml;ckt: keine belastbaren Zahlen, auf deren Basis eine Entscheidung des Rates (und damit der Politik) h&auml;tte erfolgen k&ouml;nnen. Ein m&ouml;glicher Grund daf&uuml;r: Etat&uuml;berziehungen durch Laufenberg.<br>\nSchlie&szlig;lich versuchte die Stadtspitze, ihr finanzpolitisches Dilemma durch eine &bdquo;Dringlichkeitsentscheidung&ldquo; zu beseitigen, um die Finanzierung der anstehenden Spielzeit handhabbar zu machen. F&uuml;r den Spielbetrieb der Oper wurden ca. 32 Mio., f&uuml;r das Schauspiel ca. 18,5 Mio. vorgesehen. Eine etwas fragw&uuml;rdige Taktik, denn &bdquo;Dringlichkeit&ldquo; darf normalerweise nur festgestellt werden, wenn auf die Stadt ein &bdquo;unvorhersehbares&ldquo; Ereignis zukommt. War damit vielleicht die so lange ausgebliebene Vorlage eines Wirtschaftsplans der B&uuml;hnen gemeint? Neben dieser schon realsatirischen Verfahrenslage gab es Ger&uuml;chte &uuml;ber Etat&uuml;berziehungen durch die K&ouml;lner Oper und Defizite auch beim Schauspielhaus, Hinweise auf informelle Zusagen einzelner Politiker zu Etaterh&ouml;hungen und kleine Dementis, Irritationen &uuml;ber vermeintliche und tats&auml;chliche Vertragsabschl&uuml;sse mit S&auml;ngerInnen, verhaltene &ndash; und nat&uuml;rlich informelle &ndash; Forderungen nach der K&uuml;rzung der Mittel f&uuml;r die Freie Theaterszene oder f&uuml;r die K&ouml;lner Philharmonie zugunsten der st&auml;dtischen H&auml;user. Begleitend lief die schon oben erw&auml;hnte Pressekampagne an, die wacker f&uuml;r die Oper und gegen den Untergang des Abendlandes stritt und sich dabei auf beliebige, nat&uuml;rlich informelle Zahlen berief. Auch Schauspielintendantin Karin Baier versucht derweil, &bdquo;ihr Theater zu retten&ldquo;, wie sie die Welt verbreiten lie&szlig;. Doch sie beherrscht im Gegensatz zur anderen auch die Kunst des Understatements. &bdquo;Hier kann man so sch&ouml;n streiten&ldquo;, sagt sie &uuml;ber K&ouml;ln. &bdquo;Weil alle ein bisschen kriminell sind. Und wir wissen das voneinander.&ldquo; Jetzt kann man gespannt sein, ob f&uuml;r K&ouml;lns Hochkultur &ndash; fehlende Belege hin oder her &ndash; immer noch der alte Satz gilt: &bdquo;Eine Million geht immer.&ldquo; Nach der neuesten Rechnung von K&ouml;lns Kulturdezernent Georg Quander hat die Oper inzwischen &bdquo;in der Tat fast 40 Millionen zur Verf&uuml;gung&ldquo;. Es ist auch die Rede davon, dass das bisherige Handling der B&uuml;hnen teilweise &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.klassikinfo.de\/Georg-Quander-Koelner-Kulturd.1516.0.html\">rechtlich gar nicht zul&auml;ssig<\/a>&ldquo; war.<\/p><p><strong>Auf die Knie!<\/strong><br>\nDie Geschichte der in Berlin installierten Sammlung Berggruen ist ein anderes Lehrst&uuml;ck f&uuml;r die Praktiken des Kulturbetriebs, in diesem Fall im Museumsbereich. Im Jahr 2000 kaufte die Stiftung Preu&szlig;ischer Kulturbesitz die Kunstsammlung des dann 2007 verstorbenen j&uuml;dischen Journalisten, Kunsth&auml;ndlers, Stifters und vielfachen Million&auml;rs Heinz Berggruen f&uuml;r 253 Millionen DM, f&uuml;r sie wurde dann f&uuml;r rund 25 Millionen ein Museum eingerichtet. Alles in allem ein &bdquo;fairer Deal&ldquo;, befanden die fachkundige Presse wie die engagierte Kulturpolitik. Im Herbst 2011 erschien dann eine Biografie des Stifters, in der die <a href=\"http:\/\/www.art-magazin.de\/szene\/47072\/vivien_stein_interview\">Kunsthistorikerin Vivien Stein<\/a> dieses Urteil anzweifelte. Man habe sich von Berggruen teilweise &uuml;ber den Tisch ziehen lassen, bilanzierte sie. So habe der damalige Chef der Berliner Staatskanzlei und heutige Berliner Kulturstaatssekret&auml;r beispielsweise darauf verzichtet, die Berggruen-Bilder von unabh&auml;ngigen Gutachtern bewerten zu lassen und allein auf die &uuml;berh&ouml;hten Preisangaben des Stifters vertraut. Die Berliner Politik hatte seinerzeit den Ankauf als &bdquo;eine unverdiente Gnade f&uuml;r uns Berlinerinnen und Berliner&ldquo; gefeiert.<\/p><p>Vorausgegangen war dem eine beispiellose Pressekampagne, die Berggruen zu einer Ikone der deutsch-j&uuml;dischen Vers&ouml;hnung aufbaute  &ndash; &bdquo;Vers&ouml;hnung durch Kultur&ldquo;, titelte etwa das Handelsblatt und schrieb von &bdquo;einer j&uuml;dischen Sammlung&ldquo; auf dem Weg nach Berlin (was ist &bdquo;j&uuml;disch&ldquo; an Cezanne, Picasso, Matisse? wagte Stein zu fragen). Er sei &bdquo;Symbolfigur in der Auss&ouml;hnung der deutsch-j&uuml;dischen Geschichte&ldquo;, meinte die BZ. Ein &bdquo;Verfolgter bringt die klassische Moderne zur&uuml;ck&ldquo;, fabulierte der Tagesspiegel. Die FAS feierte ihn gar als ein &bdquo;Geschenk des Himmels&ldquo;. Das publizistische Fazit muss freilich der &bdquo;Welt&ldquo; und damit dem Hause Springer vorbehalten bleiben: &bdquo;Dass ein Berliner Jude und Weltb&uuml;rger nach sechs Jahrzehnten zur&uuml;ckgekommen ist nach Deutschland&ldquo;, war da zu lesen, &bdquo;noch dazu mit jener Kunst, von der nach dem Bildersturm der Nazis wenig &uuml;brig war in Berlin, das hat etwas ungemein Beruhigendes.&ldquo; Den Verkauf seiner Bilder bezeichnete Berggruen schlie&szlig;lich als &bdquo;Geste der Vers&ouml;hnung&ldquo; &ndash; die Hauptstadtpresse sprach im Gegenzug von einer &bdquo;Spende&ldquo;, weil er die Bilder angeblich &bdquo;weit unter Wert&ldquo; hergegeben habe.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund war es wenig verwunderlich, dass die kritische Biografie von Stein vorzugsweise mit Vokabeln wie &bdquo;infam&ldquo; und &bdquo;perfide&ldquo;, &bdquo;niedertr&auml;chtig&ldquo; und &bdquo;wirr&ldquo; belegt wurde. Der Autorin des &bdquo;Machwerks&ldquo; wurde en passant vorgehalten, sie sei zuvor &bdquo;als Autorin nicht hervorgetreten&ldquo;. Und sie habe ihre Untersuchung erst nach dem Tod von Berggruen ver&ouml;ffentlicht &ndash; so k&ouml;nne sich der gegen die Publikation nicht mehr wehren (sic).<br>\nIm R&uuml;ckblick scheint weniger die Person Berggruen Anlass f&uuml;r das ver&ouml;ffentlichte Interesse gewesen zu sein als vielmehr die Rolle, die ihm von deutschen Feuilletonisten und Kulturpolitikern beharrlich nahegelegt wurde und derer er sich schlie&szlig;lich durchaus folgerichtig und im eigenen Interesse bediente. So hatte Berggruen zun&auml;chst mehrfach und vergeblich Berichte dementiert, wonach er 1936 vor den Nazis geflohen sei. &bdquo;1936 wanderte ich nach Kalifornien aus. Die Presse berichtet immer wieder, ich sei geflohen oder die Nazis h&auml;tten mich verjagt&ldquo;, schrieb er etwa. &bdquo;Beides stimmt nicht, ich ging aus freien St&uuml;cken, allerdings war es, wie sich sp&auml;ter zeigte, keine unkluge Entscheidung.&ldquo; Dieses selbstironische Unterstatement pr&auml;gte auch andere seiner &Auml;u&szlig;erungen. So etwa, als er 2001 einen Reporter des &bdquo;New Yorker&ldquo; empfing. Gegen&uuml;ber dem US-Journalisten w&uuml;rdigte er die Reaktionen des Berliner Publikums auf sein Museum. &bdquo;They get down on their knees&rdquo;, erkl&auml;rte er und f&uuml;gte hinzu: &ldquo;Sometimes it&rsquo;s a bit too German. You know, they did that also for Hitler. &lsquo;<em>Your wonderful pictures, it&rsquo;s so herrlich.&rsquo; Sometimes I&rsquo;m tempted to say to them, &lsquo;You were the same people who said Hitler was herrlich, nicht?&rsquo;<\/em>&rdquo; <\/p><p>Nachdem die erste &ouml;ffentliche Erregung &uuml;ber die Biografie abgeflaut war und die kritischen Kritiker genauer hinsahen, mussten sie zugestehen, dass die von Berggruen selbst ver&ouml;ffentlichten und von Stein vehement kritisierten Memoiren &bdquo;auf weiten Strecken erfunden, zurechtgebogen und gesch&ouml;nt&ldquo; waren, er &bdquo;zum eigenen Vorteil fabulierte&ldquo; und &bdquo;zweifellos eine schillernde Figur&ldquo; war, so die FAZ. Man erinnerte sich z&ouml;gerlich daran, dass der Kunstmarkt, einmal den feuilletonistisch betriebenen hohen Ton bei Seite gelassen, eben ein Markt ist, der eigenen Gesetzen folgt und auf dem mit harten Bandagen gek&auml;mpft wird. Die f&uuml;r das deutschen Feuilleton fast schon legend&auml;re Pariser Galerie Berggruen war nun &bdquo;eigentlich eine Boutique f&uuml;r Grafik und Poster, und keinesfalls die eines weltweit agierenden gro&szlig;en Kunsth&auml;ndlers&ldquo; &ndash; so ein Kunstkritiker. Jedenfalls nach au&szlig;en hin, denn zum Kunstmarkt geh&ouml;rt auch, dass Gesch&auml;fte verschleiert, Spuren verwischt und Provenienzen unvollst&auml;ndig gehalten werden, um Steuern zu sparen. Viele &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gige&ldquo; Stiftungen an staatliche Museen verdanken sich weniger dem M&auml;zenatentum der Stifter als ihren Steuerschulden. Das Ausstellen privater Kunstwerke in staatlichen Museen macht nicht nur die Bilder f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich, sondern bef&ouml;rdert auch ihren Wert und sorgt ebenso h&auml;ufig kostenlos f&uuml;r ihre angemessene Lagerung und Restaurierung. Viele der im Berggruen-Museum ausgestellten Bilder geh&ouml;rten zum Privatbesitz des Stifters und wurden teilweise auch zum Verkauf angeboten &ndash; so Stein.<\/p><p>Doch war es falsch, Legenden in die Welt zu setzen, zu tricksen und zu t&auml;uschen, um die Berliner Politik inkl. der Bundesregierung zum &uuml;berteuerten Ankauf der Kunstwerke zu bewegen? Nein, kommentierte Eduard Beaucamp, der Chefkritiker der FAZ, schlie&szlig;lich. Angesichts der <em>Qualit&auml;t<\/em> des neuen Kunstmuseums sei Reue nicht angebracht: &bdquo;Unsere Politiker w&auml;ren ohne die sentimentalen Tricks, den rhetorischen Schwulst und den aufdringlichen Philosemitismus nicht zu bewegen gewesen, die enorme Summe f&uuml;r den Ankauf zu bewilligen.&ldquo; Der Zweck heiligt also die Mittel. Wenn es um &bdquo;Kultur&ldquo; geht, z&auml;hlen auch die derzeit ansonsten so beliebten Forderungen nach Transparenz und Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen nicht. Ethische Mindeststandards d&uuml;rfen im &bdquo;B&uuml;rgerstaat&ldquo; nur jenseits der Hochkulturpolitik geltend gemacht werden.<\/p><p><strong>Harmonisierte &Ouml;ffentlichkeiten<\/strong><br>\nBei dem Get&ouml;se rund um den &bdquo;Kulturinfarkt&ldquo; und bei anderen &bdquo;Kulturkampagnen&ldquo; wird schnell eine schon eingefahrene Dramaturgie sichtbar. Das ihr zugrunde liegende populistische Grundmuster greift quasi automatisch, wenn es um eine grunds&auml;tzlichere Auseinandersetzung um &bdquo;Kultur&ldquo; geht. Es lassen sich eine Reihe von standardisierten Argumenten ausmachen, die von Fall zu Fall wahlweise kombiniert werden. Einige dieser wirkungsvollen Stereotype seien hier kurz vorgestellt:<\/p><p><strong>Die von Kritikern vorgetragenen Argumente gegen die bestehende F&ouml;rderung der &bdquo;Kultur&ldquo; &ndash; egal welcher Art &ndash; sind nicht neu.<\/strong> Sie sind seit langem bekannt und werden auf der Arbeitsebene konzentriert und konsequent abgearbeitet. Deshalb ist eine breitere Diskussion im Grunde &uuml;berfl&uuml;ssig. Zumal gerade &bdquo;Kultur&ldquo;, die f&uuml;r Kunst und Kreativit&auml;t steht, zu den sch&auml;rfsten Kritikern b&uuml;rokratischer Institutionen geh&ouml;rt. Damit ist klar: Kritiker geh&ouml;ren nicht zu den kompetenten Insidern und sind zu vernachl&auml;ssigen.<\/p><p><strong>&bdquo;Kultur&ldquo; ist grunds&auml;tzlich unterfinanziert.<\/strong> Kann man immer behaupten, denn &bdquo;Unterfinanzierung&ldquo; ist ein relativer Begriff und h&auml;ngt von vielen Kriterien ab, die mal so, mal so interpretiert werden k&ouml;nnen. Kurz, es gibt keine verbindlichen Zahlen, wann ein Kulturinstitut nicht unterfinanziert ist. Eine detaillierte Beweisf&uuml;hrung ist nicht notwendig, denn die behauptete &bdquo;Unterfinanzierung&ldquo; schafft sich ihre eigene Legitimation und unterstreicht die Notwendigkeit von h&ouml;heren Subventionen insbesondere dann, wenn sie mit der Forderung nach mehr &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; verbunden wird.<\/p><p><strong>Es kann gar nicht genug &bdquo;Kultur&ldquo; geben.<\/strong> Der Bedarf an neuen Museen, Konzerth&auml;usern, Musikschulen usw. ist nach oben hin offen. Kulturangebote lassen sich nicht eingrenzen und folgen dem Gesetz des grenzenlosen Wachstums. Das gilt es unbedingt zu respektieren, K&uuml;rzungen im Kulturetat sind deshalb indiskutabel. <\/p><p><strong>&bdquo;Kultur&ldquo; darf sich nicht an Nachfrage orientieren, denn der Markt ist der Tod der &bdquo;Kultur&ldquo;.<\/strong> Je mehr &bdquo;Kultur&ldquo; es gibt, desto besser (s.o.). Es kommt darauf an, allen B&uuml;rgern die Option zu er&ouml;ffnen, irgendwann und irgendwo an einem beliebigen kulturellen Angebot teilnehmen zu k&ouml;nnen. Wenn man sich zu stark an der Nachfrage orientiert, unterwirft man sich den Marktgesetzen und gef&auml;hrdet die Qualit&auml;t des &ouml;ffentlichen Angebots. Als Folge droht die Dominanz des &bdquo;Massengeschmacks&ldquo;. Denn &bdquo;Markt&ldquo; und Qualit&auml;t schlie&szlig;en sich aus.<\/p><p><strong>Der Kulturetat insgesamt ist viel zu klein, um einen Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten zu k&ouml;nnen.<\/strong> Angesichts der H&ouml;he der &ouml;ffentlichen Haushalte und der riesigen Staatsverschuldung kommt es auf die paar Millionen zur F&ouml;rderung der &bdquo;Kultur&ldquo; gar nicht an. Die f&uuml;r das Gemeinwohl so notwendige &bdquo;Kultur&ldquo; muss deshalb mindestens von allen Sparbem&uuml;hungen ausgenommen werden.<\/p><p><strong>Das Zur&uuml;ckfahren oder gar die Schlie&szlig;ung von Kultureinrichtungen bringt im Haushalt keine Einsparungen, wenn das gesamte Personal weiter besch&auml;ftigt werden muss.<\/strong> Das gilt in aller Regel nicht f&uuml;r das k&uuml;nstlerische Personal.<\/p><p><strong>Deutschland hat die reichste Kulturlandschaft weltweit, um die uns alle beneiden.<\/strong> Als Beweis wird gerne darauf verwiesen, dass hierzulande die H&auml;lfte aller Opernh&auml;user weltweit steht (tats&auml;chlich ist es etwa ein F&uuml;nftel). Zugleich beklagen Kulturenthusiasten, dass anderswo mehr Geld f&uuml;r bestimmte Kunstsparten &ndash; etwa f&uuml;r die Filmf&ouml;rderung &ndash; ausgegeben wird. (Die ist beispielsweise in Frankreich h&ouml;her, daf&uuml;r gibt es dort weniger Opern.)<\/p><p><strong>Die &bdquo;Kultur&ldquo; ist von missg&uuml;nstigen Feinden umstellt.<\/strong> Insbesondere Haushaltspolitiker und andere Ignoranten wollen nur eins: k&uuml;rzen, k&uuml;rzen, k&uuml;rzen. Deshalb m&uuml;ssen seitens der Kulturpolitik alle Argumente vermieden werden, die ihnen in die H&auml;nde spielen k&ouml;nnten. Dabei lassen sich zwei Ebenen ausmachen. Einmal das Beschweigen der Kulturetats insgesamt, zum anderen das Bewahren der gegenw&auml;rtigen Gewichtung der F&ouml;rdergelder zu Gunsten der gro&szlig;en Leuchtt&uuml;rme. Fester Bestandteil des Rituals sind das pr&auml;ventive Jammern und die Klage wg. &bdquo;Unterfinanzierung&ldquo; (s.o.).<\/p><p><strong>Die 5%-Falle<\/strong><br>\nWenn man diese Scenarien mit der tats&auml;chlichen Entwicklung der &ouml;ffentlichen Kulturausgaben seit den 1970er Jahren vergleicht, stellt man (wenig verbl&uuml;ffend) fest, dass sie sich bis 2010 auf rund 10 Milliarden verf&uuml;nffacht haben. Statt der immer wieder behaupteten fl&auml;chendeckenden K&uuml;rzungen sind die kommunalen Kulturausgaben in einigen Bundesl&auml;ndern in den letzten Jahren sogar um &uuml;ber 10 Prozent gestiegen. K&uuml;rzungen gab es auch, sie sind zun&auml;chst dem teilweise schlechten kommunalen Finanzrahmen geschuldet und sind (immer noch) eher die Ausnahme als die Regel. Getroffen werden davon vor allem kleinere Initiativen und Projekte. <\/p><p>&bdquo;Die Entwicklung der Kulturausgaben verlief uneinheitlich&ldquo;, hei&szlig;t es dazu im <a href=\"http:\/\/www.statistikportal.de\/statistik-portal\/kulturfinanzbericht_2010.pdf\">Kulturfinanzbericht 2010 [PDF &ndash; 1.2 MB]<\/a>. &bdquo;W&auml;hrend die Kulturausgaben zwischen 1995 und 2007 in den Fl&auml;chenl&auml;ndern West insgesamt um 22,3 % zunahmen, stiegen diese in den Fl&auml;chenl&auml;ndern Ost nur um 1,4 %. In den Stadtstaaten wurden die Ausgaben hingegen im gleichen Zeitraum um 1,5 % verringert, wobei die Kulturausgaben in Hamburg (+ 62,1 %) und Bremen (+ 21,6 %) erh&ouml;ht, in Berlin hingegen um 23,2 % gek&uuml;rzt wurden. Zu beachten ist dabei, dass sich der Bund in einem besonderen Ma&szlig;e an der Finanzierung der Kultureinrichtungen in Berlin beteiligt. Die Ausgaben des Bundes erh&ouml;hten sich von 1995 bis 2007 um 10,3 %.&ldquo; Von einem &uuml;bergreifenden &bdquo;Kahlschlag&ldquo; vor allem f&uuml;r die gro&szlig;en Einrichtungen kann keine Rede sein, wie auch eine im September 2010 ver&ouml;ffentlichte repr&auml;sentative Umfrage zur &bdquo;Situation der kommunalen Kulturfinanzierung&ldquo; der Kulturpolitischen Gesellschaft und des Deutschen St&auml;dtetages nochmals best&auml;tigte. Doch derlei mag man nicht h&ouml;ren &ndash; das passt nicht zum eigenen Weltbild.<\/p><p>Zur Einsch&auml;tzung der kommunalen Kulturausgaben sei an dieser Stelle erg&auml;nzend vermerkt, dass etwa in Nordrhein-Westfalen jede dritte der dortigen insgesamt 396 Kommunen mit einem Nothaushalt arbeitet und nur acht einen ausgeglichenen Haushalt verweisen k&ouml;nnen.<br>\nKaum thematisiert wird auch, dass seit den 1970er Jahren die kulturelle Infrastruktur stark ausgeweitet worden ist &ndash; die Zahl der Museen etwa ist um ein gutes Drittel gewachsen. Trotzdem hat das Interesse der potentiellen NutzerInnen nicht auch nur ansatzweise im gleichen Ausma&szlig; zugenommen. Auch die gestiegene Freizeit und die Zunahme der h&ouml;heren Bildungsabschl&uuml;sse haben sich hier nicht signifikant ausgewirkt. Etwa die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung interessiert sich nach wie vor &uuml;berhaupt nicht f&uuml;r Kultur. Je nach Umfrage nutzt eine Minderheit von 5 bis 8 Prozent die &ouml;ffentlichen Einrichtungen &bdquo;intensiv&ldquo; (mehrere Besuche im Jahr), wobei das in der Regel Besserverdienende und Bessergebildete sind. Ein F&uuml;nftel ist gelegentlich interessiert. (Diese Trends lassen sich &uuml;brigens auch in den <a href=\"http:\/\/www.fonds-soziokultur.de\/shortcut\/01\/news\/scheitern-aushalten\">USA und Frankreich<\/a> feststellen, obwohl dort die Kultursysteme ganz unterschiedlich aufgestellt sind.)<\/p><p>Beim &bdquo;Stadttheater&ldquo; &ndash; dem gr&ouml;&szlig;ten Posten der Kulturausgaben &ndash; stagnieren die Besucherzahlen seit Jahren auf hohem Niveau, deutlich gestiegen ist hier die Zahl der Spielst&auml;tten und der Inszenierungen &ndash; ein Hinweis darauf, dass dem gleichen Publikum mehr Abwechslung im Programm geboten werden muss, weil sonst wohl die Zahlen sinken w&uuml;rden. Zugenommen haben die Subventionen pro Theater\/Opernbesuch. Die St&auml;dtischen B&uuml;hnen K&ouml;ln etwa verzeichneten hier zwischen 2005 und 2010 eine Steigerungsrate von knapp einem Viertel (von 123 auf 164,18 Euro). Im Bundesdurchschnitt wurde 2009\/2010 jede Theaterkarte mit 109,47 Euro bezuschusst, gegen&uuml;ber der Vorsaison eine Steigerung von rund 10 Prozent. Diese Entwicklung ist nicht neu &ndash; die entsprechenden Zusch&uuml;sse steigen seit Jahrzehnten kontinuierlich, ohne dass ein Ende absehbar w&auml;re.<\/p><p><strong>Blick in die Zukunft<\/strong><br>\nTraditionell tragen die Gemeinden mit rund 45 % den gr&ouml;&szlig;ten Teil der Kulturausgaben. Es folgen die L&auml;ndern mit rund 43 % und der Bund mit rund 12 %. Es gibt eine Reihe gesamtgesellschaftliche Trends, die die bisher betriebene Kulturf&ouml;rderung auf allen Ebenen in Frage oder mindestens vor gro&szlig;e Probleme stellen und die nach neuen Antworten und anderen Orientierungen verlangen. Ob das nur in &ouml;ffentlicher Tr&auml;gerschaft erfolgen kann und soll, ist l&auml;ngst nicht gekl&auml;rt.<\/p><p><strong>Seit einigen Jahren nimmt in Deutschland die Bev&ouml;lkerung ab. Wir werden weniger, &auml;lter und bunter.<\/strong> Das hat erhebliche Konsequenzen f&uuml;r die Infrastruktur insgesamt, zumal diese Entwicklung nicht gleichm&auml;&szlig;ig, sondern regional unterschiedlich verlaufen wird. Neben Ballungszentren wird es bev&ouml;lkerungsarme Regionen geben. Um 2030 herum d&uuml;rften sich die Bev&ouml;lkerungszahlen wieder dem Stand der 1970er Jahre angen&auml;hert haben. Was bedeutet das f&uuml;r die kulturelle Infrastruktur? Dass &uuml;berall im Land Kirchen aufgegeben werden, geh&ouml;rt l&auml;ngst zum Alltag.<\/p><p><strong>&bdquo;Kultur&ldquo; ist in den letzten Jahrzehnten vielf&auml;ltiger geworden und schon lange nicht mehr auf &ouml;ffentliche Angebote beschr&auml;nkt.<\/strong> Qualit&auml;t und Markt widersprechen sich nicht. Warum Klassische Musik st&auml;rker gef&ouml;rdert wird als Jazz, Theater mehr als Film ist nicht immer nachvollziehbar.<br>\nDas Kulturpublikum wird sich weiter ausdifferenzieren. Die &ouml;ffentlichen Kulturinstitute haben kaum auf die neue Interkulturalit&auml;t der deutschen Gesellschaft reagiert &ndash; weder in ihren Programmen noch beim Personal noch bei den Besuchern. Kaum zur Kenntnis genommen wird auch, dass Kulturangebote &uuml;berproportional viel von Frauen genutzt werden.<\/p><p><strong>Das Zeitbudget der Erwerbst&auml;tigen wird voraussichtlich weiter eingeschr&auml;nkt, wenn die derzeitige Arbeitsmarktpolitik fortgesetzt wird.<\/strong> Der Slogan von der &raquo;Kultur f&uuml;r alle&laquo; wurde zu einer Zeit in Angriff genommen, als die 35-Stunden-Woche und angemessene Stundenl&ouml;hne auf dem Programm standen. Inzwischen ver&auml;ndert sich die Arbeitswelt fundamental. Die Verl&auml;ngerung der Lebensarbeitszeit bis zur Rente mit 67 ist fest vorgesehen, die Erh&ouml;hung der w&ouml;chentlichen Erwerbsarbeitszeit bei gleichzeitiger Intensivierung ist un&uuml;bersehbar.<\/p><p><strong>Zugleich stagnieren seit Jahren die Arbeitseinkommen der Mehrheit, die soziale Spaltung der Gesellschaft nimmt zu.<\/strong> Nach dem letzten Armutsbericht der Bundesregierung ist die Armutsquote zwischen 1998 und 2005 um 50 Prozent gestiegen. W&auml;hrend das obere Drittel der Gesellschaft &uuml;ber ein Verm&ouml;gen von ca. 6,6 Billionen Euro verf&uuml;gt, kann der Rest so gut wie gar nichts vorweisen. Schlechte Zeiten f&uuml;r &bdquo;Breitenkultur&ldquo;.<br>\n<strong>Hohe Kulturbudgets sagen wenig &uuml;ber das Einkommen der einzelnen K&uuml;nstler.<\/strong> Kulturf&ouml;rderung zielt bisher vor allem auf Institutionen. Einschl&auml;gige Untersuchungen belegen immer wieder auf das durchschnittlich niedrige Einkommen von K&uuml;nstlern und Kreativen.<\/p><p><strong>Last not least erleben wir derzeit mit der Digitalisierung einen tiefgreifenden Umbruch der Gesellschaft mit entsprechenden Ver&auml;nderungen f&uuml;r Kulturproduktion, -vertrieb und &ndash;nutzung.<\/strong> Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Das trifft auch und gerade den Kulturbetrieb. Vielleicht macht die Forderung &bdquo;Jedem Kind ein iPad&ldquo; mehr Sinn als &bdquo;Jedem Kind ein Instrument&ldquo;, wie ein Blogger formuliert hat.<\/p><p>Wenn sich denn Kulturpolitik noch als Gesellschaftspolitik versteht und nicht einem Mainstream-Institutionenlobbyismus betreiben will, wird sie sich diesen Fragen auch jenseits der Fachzirkel und Hinterzimmer stellen m&uuml;ssen. Die Aufregung &uuml;ber den &raquo;Kulturinfarkt&laquo; wird sich absehbar legen. Die Probleme, die die vier Autoren angesprochen haben, werden bleiben, ob man es denn mag oder nicht.<\/p><p><em>*Wolfgang Hippe hat Rechtswissenschaften und P&auml;dagogik in K&ouml;ln studiert; erwar in der Jugendarbeit und der Umweltbewegung t&auml;otg; Redakteur der StadtRevue K&ouml;ln; freier Journalist; A.R.T. &ndash; Agentur f&uuml;r Recherche und Text mit Schwerpunkten Kultur- und Medienwirtschaft und Kultur- und Medienpolitik, seit 2001 freie Mitarbeit beim IfK. Autor mehrerer kulturpolitischer B&uuml;cher.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erregung in der Kulturszene steigt derzeit mit jeder Schlagzeile. Die Oper in Duisburg ist gef&auml;hrdet. In K&ouml;ln droht &bdquo;erstmals seit 1943\/44 die Absage einer kompletten Theatersaison&ldquo;, so K&ouml;lns Opernintendant Uwe Eric Laufenberg. Die Oberb&uuml;rgermeister von D&uuml;sseldorf und Bonn denken wechselweise &uuml;ber eine Kooperation ihrer B&uuml;hnen mit K&ouml;ln nach und gef&auml;hrden damit angeblich die &bdquo;Identit&auml;t&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13149\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,917,161],"tags":[1324],"class_list":["post-13149","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","category-wertedebatte","tag-foerdermittel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13149","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13149"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25037,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13149\/revisions\/25037"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}