{"id":131741,"date":"2025-04-19T12:00:57","date_gmt":"2025-04-19T10:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131741"},"modified":"2025-04-21T07:04:47","modified_gmt":"2025-04-21T05:04:47","slug":"verordnete-kriegstuechtigkeit-und-paralysierte-buerger-warum-nehmen-wir-die-kriegsvorbereitung-widerstandslos-hin-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131741","title":{"rendered":"Verordnete \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c und paralysierte B\u00fcrger \u2013 Warum nehmen wir die Kriegsvorbereitung widerstandslos hin? Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>61 Prozent der Bundesb&uuml;rger, darunter 81 Prozent der Jugendlichen, &auml;u&szlig;ern Angst vor einem Krieg in Europa. Laut einer aktuellen INSA-Umfrage vom M&auml;rz dieses Jahres h&auml;lt es die H&auml;lfte der jungen Deutschen zwischen 18 und 39 Jahren gar f&uuml;r &bdquo;wahrscheinlich, dass Deutschland in den n&auml;chsten zehn Jahren Krieg f&uuml;hren wird&ldquo;. Warum aber bleibt diese allgemeine unterschwellige Unruhe stumm und, im Gegensatz zu den Achtzigerjahren, auf der Handlungsebene weitestgehend folgenlos? Wo bleibt der l&auml;ngst f&auml;llige Aufschrei? &ndash; Dar&uuml;ber hielt unser Gastautor am 12. April auf dem Kongress <a href=\"https:\/\/www.manova.news\/artikel\/der-krieg-in-der-seele?\">&bdquo;Krieg und Frieden&ldquo;<\/a> der Neuen Gesellschaft f&uuml;r Psychologie (NGfP) in Berlin einen Vortrag, den wir in zwei Teilen dokumentieren. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Nahezu die H&auml;lfte unserer Bev&ouml;lkerung glaubt laut Umfragen an die M&ouml;glichkeit eines Krieges. Die Leute sind betroffen, aber sie r&uuml;hren sich kaum. Wie k&ouml;nnen Menschen in Passivit&auml;t und zumindest &auml;u&szlig;erlicher Gelassenheit auf demoskopischen Frageb&ouml;gen bejahen, dass ein gro&szlig;er Krieg bevorstehen k&ouml;nnte? Warum reagieren wir so, als handele es sich hier um ein unbeeinflussbares Naturereignis, obwohl in dieser Angelegenheit doch alles, was geschieht, in der Macht menschlicher Berechnung und Entscheidung liegt?&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das schrieb im Mai 1980 im Vorfeld der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa der 2011 verstorbene Arzt und Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter in seinem Essay &bdquo;Sind wir unf&auml;hig zum Frieden?&ldquo; und diagnostizierte der deutschen Bev&ouml;lkerung &bdquo;Sprachlosigkeit und stumpfe Unbeweglichkeit&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;<strong>89 Sekunden vor Mitternacht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Warum ich nun 45 Jahre sp&auml;ter meinen Vortrag ausgerechnet mit diesem Zitat er&ouml;ffne, das bedarf &ndash; leider! &ndash; keiner weiteren Erl&auml;uterung. Nach wie vor tobt im Osten Europas ein Krieg, der das Potenzial hat, sich zu einem auch atomar gef&uuml;hrten europ&auml;ischen, wenn nicht sogar zu einem dritten Weltkrieg auszuweiten. (Die sogenannte <a href=\"https:\/\/weltuntergangsuhr.com\/\">&bdquo;Weltuntergangsuhr&ldquo;<\/a> des <em>Bulletin of the Atomic Scientists<\/em> wurde im Januar dieses Jahres auf die k&uuml;rzeste jemals verbleibende Zeit von 89 Sekunden vor Mitternacht gestellt. Mit anderen Worten: <em>Weniger als anderthalb Minuten trennen uns nur noch von dem finalen Inferno!<\/em>)<\/p><p>Sp&auml;testens mit der f&uuml;r das kommende Jahr von Noch-Kanzler Scholz und den USA im Alleingang beschlossenen erneuten Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland &ndash; den &bdquo;Dark Eagle&ldquo;-Hyperschallraketen &ndash; und Marschflugk&ouml;rpern, die beide, einmal abgeschossen, praktisch nicht mehr zu eliminieren sind und innerhalb k&uuml;rzester Zeit strategische Ziele in der Tiefe Russlands einschlie&szlig;lich des Kreml und russische Atomwaffenlager pulverisieren k&ouml;nnten, macht sich unser Land zur <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118445\">Zielscheibe<\/a> russischer <em>Pr&auml;ventiv<\/em>schl&auml;ge, die durchaus auch atomar gef&uuml;hrt werden k&ouml;nnten. Und mit einer vom k&uuml;nftigen BlackRock-Kanzler Friedrich Merz wiederholt favorisierten Lieferung von Taurus-Marschflugk&ouml;rpern an die Ukraine w&uuml;rde sich unser Land zudem zur Zielscheibe russischer <em>Vergeltungs<\/em>schl&auml;ge machen. Die &bdquo;Alternative&ldquo; lautet also nicht etwa &sbquo;Pest <em>oder&lsquo;<\/em>, sondern &sbquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127914\">Pest <em>und<\/em> Cholera<\/a>&lsquo;. Mit anderen Worten: Unsere verantwortlichen Politiker, die ja geschworen haben, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, nehmen nichts weniger als &sbquo;ihr&lsquo; gesamtes Volk &ndash; &uuml;ber 84 Millionen Menschen &ndash; in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119019\">Geiselhaft<\/a>!<\/p><p>An einschl&auml;gigen aggressiven &Auml;u&szlig;erungen prominenter deutscher Politiker, Milit&auml;rs und sogenannter Experten &ndash; mittlerweile auch vieler Expert<em>innen<\/em> &ndash; herrscht zudem kein Mangel. Ja, laut Friedrich Merz <em>befinden<\/em> wir uns sogar bereits in einem Krieg mit Russland!<\/p><p>Nur dass diese Gefahr, genauso wie vor 45 Jahren, zumindest auf den ersten Blick niemanden gro&szlig; zu interessieren, gar aufzuregen scheint! Von den drei bundesweiten Friedensdemonstrationen, die in den letzten beiden Jahren in Berlin stattfanden, brachte es die gr&ouml;&szlig;te &ndash; sehr, sehr wohlwollend gerechnet &ndash; auf maximal ein F&uuml;nftel der 250.000 Menschen, die unl&auml;ngst am 8. Februar allein in M&uuml;nchen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129340\">&bdquo;Gegen rechts!&ldquo;<\/a> demonstrierten. Und die j&auml;hrlichen bunten Christopher-Street-Day-Kundgebungen bringen es &ndash; neuerdings auch mit Beteiligung ganzer Belegschaften von Unternehmen der R&uuml;stungsindustrie &ndash; spielend auf das x-Fache der &uuml;berwiegend grauen Friedensdemonstranten.<\/p><p><strong>Apathie und Schockstarre<\/strong><\/p><p>Dabei scheint es unter der Oberfl&auml;che durchaus zu brodeln. Erheblich mehr Menschen als auf den ersten Blick sichtbar wird es offenbar langsam mulmig. So &auml;u&szlig;erten im Februar letzten Jahres im Rahmen einer <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/Politik__Inland_\/article250261476\/Umfrage-61-Prozent-fuerchten-Ausweitung-des-Ukraine-Kriegs.html\">INSA-Umfrage<\/a> 61 Prozent der Bundesb&uuml;rger die Bef&uuml;rchtung, der Ukrainekrieg k&ouml;nne sich auf NATO-Gebiet ausweiten. Im <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/artikel\/ukraine-krieg-mehrheit-fuer-friedensverhandlungen-341207\">August 2024<\/a> f&uuml;rchteten 45 Prozent der Bundesb&uuml;rger gar eine Ausweitung des Ukrainekrieges auf Deutschland. Laut <a href=\"https:\/\/www.shell.de\/ueber-uns\/initiativen\/shell-jugendstudie-2024\/informationsmaterial-2024.html\">Shell-Jugendstudie 2024<\/a> &auml;u&szlig;erten 81 Prozent der jungen Deutschen Angst vor einem Krieg in Europa. Und am 11. M&auml;rz diesen Jahres wurde eine weitere <a href=\"https:\/\/jungefreiheit.de\/politik\/deutschland\/2025\/grosse-kriegsangst-bei-jungen-usa-verlieren-an-ansehen\/\">INSA-Umfrage<\/a> ver&ouml;ffentlicht, nach der eine Mehrheit der jungen Deutschen &ndash; 52 Prozent der 18- bis 29-J&auml;hrigen und 50 Prozent der 30- bis 39-J&auml;hrigen &ndash; es gar f&uuml;r &bdquo;wahrscheinlich h&auml;lt, dass Deutschland in den n&auml;chsten zehn Jahren Krieg f&uuml;hren wird&ldquo;.<\/p><p>All dies ist angesichts des medialen Dauerfeuers aus allen offiziellen Kan&auml;len durchaus bemerkenswert. Andererseits bleibt die allgemeine unterschwellige Unruhe stumm und auf der Handlungsebene v&ouml;llig folgenlos, sodass man sich fassungslos fragt, wo eigentlich der l&auml;ngst f&auml;llige Aufschrei bleibt. Kurz und noch einmal mit Horst-Eberhard Richter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Warum reagieren wir so, als handele es sich hier um ein unbeeinflussbares Naturereignis, obwohl in dieser Angelegenheit doch alles, was geschieht, in der Macht menschlicher Berechnung und Entscheidung liegt?&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu m&ouml;chte ich Ihnen im Folgenden einige Thesen vorstellen, die nat&uuml;rlich keine Ausschlie&szlig;lichkeit beanspruchen. Ich unterscheide dabei Gr&uuml;nde, die in der atomaren Situation selbst liegen, und Gr&uuml;nde, die sich aus der ver&auml;nderten geopolitischen Lage des wiedervereinigten Deutschlands seit der wahren Zeitenwende Ende der Achtziger- \/ Anfang der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts ergeben. Zum Schluss werde ich Ihnen noch ein paar Gedanken f&uuml;r eine dringendst ben&ouml;tigte breite Neue Friedensbewegung ans Herz legen.<\/p><p><strong>(I) Allgemeine Gr&uuml;nde f&uuml;r die Verdr&auml;ngung der (Atom)Kriegsgefahr<\/strong><\/p><p>Noch einmal: Warum die beklemmende Apathie, warum diese stumpfe Unbeweglichkeit unserer Bev&ouml;lkerung angesichts einer realen Bedrohung, die sich ja im Worst Case durchaus bis zu einem atomaren Krieg auswachsen k&ouml;nnte?<\/p><p><strong>Zu gro&szlig;! &ndash; Unsere Apokalypseblindheit<\/strong><\/p><p>Die Antwort l&auml;sst sich in zwei Worten zusammenfassen: <em>Zu gro&szlig;!<\/em><\/p><p>Die Bedrohung ist <em>absolut zu gro&szlig;<\/em>.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In einem totalen Atomkrieg w&uuml;rde mehr Zerst&ouml;rungskraft freigesetzt als im gesamten Zweiten Weltkrieg &ndash; und zwar jede Sekunde w&auml;hrend des langen Nachmittags, den es dauern w&uuml;rde, bis alle Raketen und Bomben gefallen w&auml;ren. Jede Sekunde ein Zweiter Weltkrieg. Und in den ersten paar Stunden w&uuml;rden mehr Menschen get&ouml;tet als in allen Kriegen der Weltgeschichte zusammen. Die &Uuml;berlebenden, wenn es denn welche g&auml;be, w&uuml;rden verzweifelt inmitten der vergifteten Ruinen einer Zivilisation leben, die Selbstmord begangen h&auml;tte.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>So der ehemalige amerikanische Pr&auml;sident Jimmy Carter 1981 in seiner <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/CSPAN_20241230_015800_Reel_America_President_Carter_Farewell_Address_-_1981\">Abschiedsrede an die Nation<\/a>.<\/p><p>Keiner hat sich schon vor vielen Jahrzehnten nicht zuletzt &uuml;ber die psychologischen Aspekte dieser Bedrohung so scharfsinnige Gedanken gemacht und diese so pr&auml;zise auf den Begriff gebracht wie der Philosoph <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnther_Anders\">G&uuml;nther Anders<\/a>. Seine klassische Formel lautet: <em>Wir k&ouml;nnen uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen und anstellen k&ouml;nnen!<\/em> Bereits vor fast 70 Jahren schrieb er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Betrauern k&ouml;nnen wir einen geliebten Toten. Vorstellen k&ouml;nnen wir uns vielleicht zehn Tote. Maximal. Umbringen k&ouml;nnen wir mit den heutigen Mitteln Hunderttausende auf einen Streich. Vor dem Gedanken der Apokalypse schlie&szlig;lich streikt die Seele! Der Gedanke bleibt nur ein Wort.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wir sind gr&ouml;&szlig;er und kleiner als wir selbst<\/strong><\/p><p>In diesem Sinne also sind wir <em>kleiner als wir selbst:<\/em> <em>Herstellen<\/em> k&ouml;nnen &sbquo;wir Menschen&lsquo; die Apokalypse, <em>vorstellen<\/em> aber k&ouml;nnen wir sie uns nicht! Unsere Vorstellungen bleiben weit hinter den Effekten zur&uuml;ck, die unsere Handlungen zeitigen k&ouml;nnen. Die Technik selbst ist uns, wie weiland Goethes &bdquo;Zauberlehrling&ldquo;, in Gestalt der menschgemachten Vernichtungsger&auml;te l&auml;ngst &uuml;ber den Kopf gewachsen. (Analoges gilt nat&uuml;rlich auch f&uuml;r die ebenfalls von &sbquo;uns Menschen&lsquo; hergestellte sogenannte K&uuml;nstliche Intelligenz!) Anders formuliert: Als Handelnde &ndash; genauer: als &sbquo;Hersteller der Zerst&ouml;rung&lsquo;, sprich: &sbquo;Destructores&lsquo; &ndash; haben wir eine fast gottgleiche Allmacht erlangt. Als Vorstellende dagegen sind wir Zwerge!<\/p><p>G&uuml;nther Anders nannte dieses Ph&auml;nomen unsere <em>Apokalypseblindheit.<\/em><\/p><p><strong>Was ich nur wei&szlig;, macht mich nicht hei&szlig;<\/strong><\/p><p>Die Bedrohung ist also zu gro&szlig;, als dass wir sie uns noch ad&auml;quat vorstellen <em>k&ouml;nnten<\/em>. Die Bedrohung ist zudem so &uuml;ber alle Ma&szlig;en entsetzlich, dass wir sie uns gar nicht mehr vorstellen <em>m&ouml;gen &ndash; <\/em>und daher am liebsten den Kopf in den Sand stecken, sprich: alles daf&uuml;r tun, um uns mit ihr nicht auseinandersetzen zu m&uuml;ssen<em>.<\/em> Die Bedrohung ist dar&uuml;ber hinaus &uuml;berall und damit &ndash; nirgends!<\/p><p>Die Folgen: Was zu gro&szlig; ist, was unser kognitives und erst recht unser emotionales Fassungsverm&ouml;gen &uuml;berschreitet und was zugleich als M&ouml;glichkeit &uuml;berall und permanent pr&auml;sent ist, das bleibt, um nochmal G&uuml;nther Anders zu zitieren, &bdquo;nur ein Wort&ldquo;. Jeder <em>wei&szlig;<\/em>, dass &sbquo;wir Menschen&lsquo; unseren Planeten nicht einmal, sondern x-mal zerst&ouml;ren k&ouml;nnen. Aber dies bleibt ein rein abstraktes Wissen und damit in unmittelbarer N&auml;he zum Nichtwissen und damit &ndash; konsequenzenlos! G&uuml;nther Anders: <em>&bdquo;Was ich <\/em><em>nur<\/em><em> wei&szlig; &ndash; macht mich nicht hei&szlig;!&ldquo;<\/em><\/p><p>Die <em>erste infernalische Regel<\/em> lautet also:<em> &bdquo;Je gr&ouml;&szlig;er die Gefahr, desto geringer unser Widerstand, desto leichter kann sie eintreten!&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Gewissenhaftigkeit ersetzt Gewissen<\/strong><\/p><p>Werfen wir nun kurz einen Blick auf die Hersteller der Zerst&ouml;rungsger&auml;te. Es sind viel mehr als wir denken, und der Prozess ihrer Herstellung bis zum m&ouml;glichen Einsatz ist typisch f&uuml;r die Produktions- und Funktionsweise einer h&ouml;chst arbeitsteilig organisierten Gesellschaft. In der Regel sind die meisten Menschen &ndash; zumindest in der Industrie, aber nicht nur dort &ndash; ja damit besch&auml;ftigt, ein angeblich unentbehrliches Teil f&uuml;r ein angeblich unentbehrliches Ger&auml;teteil f&uuml;r ein angeblich unentbehrliches Modul f&uuml;r ein angeblich unentbehrliches Produkt herzustellen, das wir am Ende gar nicht kennen &ndash; wom&ouml;glich ein Massenmordger&auml;t! &sbquo;T&auml;tig&lsquo; sind die meisten von uns also als Zahnr&auml;dchen, eingebunden in ein gigantisches Getriebe, dessen Endeffekt wir nicht &uuml;berschauen &ndash; oft gar nicht &uuml;berschauen <em>wollen<\/em>!<\/p><p>Wir handeln also gar nicht, <em>wir machen &ndash; ohne &uuml;ber unseren Tellerrand hinauszusehen, frei nach dem Motto &bdquo;Was ich nicht kann, geht mich nichts an!&ldquo; &ndash; blind f&uuml;r das Endziel einfach mit! Gewissenhaftigkeit<\/em> &ndash; sprich: die korrekte Erledigung der uns als Zahnr&auml;dchen &uuml;bertragenen Aufgaben &ndash; <em>ersetzt Gewissen<\/em>, n&auml;mlich die Auseinandersetzung mit der Frage, ob das <em>Endziel<\/em> der Maschinerie, die uns einbindet, &uuml;berhaupt ethisch verantwortbar ist.<\/p><p>Und da wir &sbquo;Zahnr&auml;dchen&lsquo; sind, gilt f&uuml;r unsere Wahrnehmung wie f&uuml;r unsere Seele die Devise: <em>&bdquo;Arbeitsteilung ist Gewissensteilung!&ldquo;<\/em> Sollte zum Schluss doch etwas schiefgelaufen sein, waren es alle und damit &ndash; keiner! G&uuml;nther Anders: <em>&bdquo;Schmutz geteilt durch tausend = sauber!&ldquo;<\/em><\/p><p>Die <em>zweite infernalische Regel<\/em> lautet demnach:<em> &bdquo;Je mehr Menschen involviert sind, desto leichter kann das Inferno eintreten.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Ausl&ouml;sen ersetzt Handeln<\/strong><\/p><p>Weiter: Nehmen wir an, ein amerikanischer Offizier startet auf Befehl &sbquo;von oben&lsquo; in einem Raketensilo in Montana eine Interkontinentalrakete Richtung Russland. Was <em>macht<\/em> er da eigentlich? Handelt es sich hierbei wirklich um eine <em>Handlung<\/em>? Oder <em>l&ouml;st<\/em> er nicht tats&auml;chlich nur noch eine l&auml;ngst vorinstallierte Maschinerie <em>aus<\/em>? Und was <em>macht <\/em>er eigentlich, wenn er etwas ausl&ouml;st? Eigentlich macht er, obwohl der Effekt seines Tuns die Vernichtung, also das <em>Nichts<\/em> sein kann, so gut wie &ndash; <em>nichts<\/em>! Ob er eine Espressomaschine einschaltet oder Tausende Kilometer entfernt Hundertausende Menschen in Leichen verwandelt, macht von der Attit&uuml;de her keinen Unterschied.<\/p><p>Schlimmer noch: Im Zeitalter hyperrealistischer Computersimulationen verschwimmt immer mehr die Grenze zwischen Schein und Sein! Kriegs<em>spiele<\/em> und echte Kriege haben sich bis zur Deckungsgleichheit einander angen&auml;hert. Die <em>Simulation<\/em> eines Raketen- oder Drohnenangriffs unterscheidet sich in <em>nichts<\/em> mehr von dessen tats&auml;chlicher <em>Durchf&uuml;hrung<\/em> und kann im einen wie im anderen Falle via Knopfdruck, gar Klick erledigt werden. Und mit zunehmendem Einsatz von K&uuml;nstlicher Intelligenz wird sich selbst das eher fr&uuml;her als sp&auml;ter erledigt haben &hellip;<\/p><p>Die <em>dritte infernalische Regel<\/em> lautet also: <em>&bdquo;Ausl&ouml;sen ersetzt Handeln.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Je gr&ouml;&szlig;er das Verbrechen, desto leichter die Durchf&uuml;hrung<\/strong><\/p><p>Und da Tat- und Leidensort Tausende Kilometer auseinander liegen &ndash; G&uuml;nther Anders hat f&uuml;r diesen Sachverhalt den Begriff <em>&bdquo;Schizotopie&ldquo;<\/em> gepr&auml;gt &ndash;, wird unser Offizier in Montana auch gar nicht direkt mit den Effekten seines &bdquo;Tuns&ldquo; konfrontiert werden. (Das Gleiche gilt selbstverst&auml;ndlich vice versa f&uuml;r seinen &sbquo;Kollegen&lsquo; bei Moskau.) Ja, er muss noch nicht mal einen einzigen Russen <em>hassen,<\/em> um Hunderttausende von ihnen zu t&ouml;ten!<\/p><p>Hunderttausende Menschen durch das Ausl&ouml;sen einer entsprechenden Maschinerie &ndash; sprich: Interkontinentalrakete &ndash; zu t&ouml;ten ist also ungleich leichter als einen einzigen Menschen &sbquo;handmade&lsquo; ins Jenseits zu bef&ouml;rdern!<\/p><p>Die <em>vierte infernalische Regel <\/em>lautet demnach:<em> &bdquo;Je gr&ouml;&szlig;er das Verbrechen, desto leichter seine Durchf&uuml;hrung!&ldquo;<\/em><\/p><p>Und daf&uuml;r brauchen wir auch gar keine &sbquo;b&ouml;sen&lsquo; Menschen mehr. Ein kommender, mit thermonuklearen Bomben gef&uuml;hrter dritter Weltkrieg w&auml;re der<em> hassloseste Krieg der Menschheitsgeschichte<\/em>! Kindlich formuliert: <em>Die Situation selbst ist so abgrundtief b&ouml;se geworden, dass f&uuml;r die Realisierung des absolut B&ouml;sen b&ouml;se Menschen gar nicht mehr n&ouml;tig sind.<\/em><\/p><p><strong>Die Dinge l&uuml;gen<\/strong><\/p><p>Und noch ein weiterer Umstand beg&uuml;nstigt die m&ouml;gliche Apokalypse: Man sieht den Dingen ihre <em>Bewandtnis<\/em> nicht mehr an. W&auml;hrend man einem altmodischen Messer noch genau <em>ansehen<\/em> kann, was es <em>anrichten<\/em> kann, sehen &bdquo;Gegenst&auml;nde&ldquo; wie die Atombombe &ndash; gesetzt der Fall, man bek&auml;me sie tats&auml;chlich zu Gesicht &ndash; tausendmal harmloser aus, als sie es tats&auml;chlich <em>sind<\/em>. Der Effekt einer Atombombe ist im Vergleich zu ihrem Aussehen unvorstellbar &ndash; <em>zu gro&szlig;!<\/em> (Analoges trifft auch f&uuml;r die ja v&ouml;llig harmlos aussehenden Atomkraftwerke zu. Was diese tats&auml;chlich <em>anzurichten<\/em> in der Lage sind, das wissen wir erst seit Tschernobyl und Fukushima.)<\/p><p>G&uuml;nther Anders hat dies auf die Formel &ndash; und das w&auml;re die <em>f&uuml;nfte infernalische Regel &ndash; &bdquo;Die Dinge l&uuml;gen!&ldquo;<\/em> gebracht und von <em>&bdquo;negativer Protzerei&ldquo;<\/em> gesprochen.<\/p><p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p><p>Es sind also zusammengefasst folgende Charakteristika der atomaren Situation, die es uns so schwer machen, wirklich zu erfassen, auf welch absch&uuml;ssiger Bahn wir uns l&auml;ngst befinden:<\/p><ol>\n<li>Die Bedrohung ist <em>zu gro&szlig;<\/em>, als dass wir sie uns noch ad&auml;quat vorstellen <em>k&ouml;nnten<\/em>.<\/li>\n<li>Sie ist <em>zu entsetzlich<\/em>, als dass wir sie uns noch vorstellen <em>m&ouml;gen<\/em>.<\/li>\n<li>Sie ist unsichtbar, <em>r&auml;umlich <\/em>also<em> nicht zu orten<\/em> und damit <em>&uuml;berall und nirgends<\/em>.<\/li>\n<li><em>Zahllose Menschen sind <\/em>&ndash; alle auf das Indirekteste &ndash; in die Herstellung der Untergangsger&auml;te <em>eingebunden<\/em>.<\/li>\n<li>Das finale Inferno kann im Ernstfall <em>auf das Leichteste realisiert<\/em> werden: Am Ende wird es ein via K&uuml;nstliche Intelligenz von einem Computer gesteuerter Computer gewesen sein!<\/li>\n<\/ol><p><em>Hier geht es weiter mit dem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131746\">zweiten Teil des Beitrags<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Krakenimages.com\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>61 Prozent der Bundesb&uuml;rger, darunter 81 Prozent der Jugendlichen, &auml;u&szlig;ern Angst vor einem Krieg in Europa. 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Warum aber bleibt diese allgemeine unterschwellige<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131741\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":131742,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,122,170],"tags":[1519,282,1120,1805,3547,3500,3542],"class_list":["post-131741","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-demoskopieumfragen","category-friedenspolitik","tag-atomwaffen","tag-buergerproteste","tag-friedensbewegung","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-leo-ensel","tag-raketenstationierung","tag-schweigespirale"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Shutterstock_2324877987.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=131741"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131741\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":131904,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131741\/revisions\/131904"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/131742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=131741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=131741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=131741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}