{"id":131751,"date":"2025-04-18T13:00:49","date_gmt":"2025-04-18T11:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131751"},"modified":"2025-04-17T18:32:46","modified_gmt":"2025-04-17T16:32:46","slug":"trumps-zoll-kapriolen-china-als-adressat-lesotho-als-vehikel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131751","title":{"rendered":"Trumps Zoll-Kapriolen: China als Adressat, Lesotho als Vehikel"},"content":{"rendered":"<p>Die Behauptung von Donald Trump, die USA w&uuml;rde von Lesotho &uuml;ber den Tisch gezogen, ist l&auml;cherlich. Lesotho geh&ouml;rt mit einem Pro-Kopf-BIP von 916 US-Dollar (2023) zu den &auml;rmsten Entwicklungsl&auml;ndern der Welt, der US-Durchschnitt bringt 82.769 US-Dollar auf die Waagschale. Der Entschluss, auch wenn er entsprechend Trumps erratischem Vorgehen (mit Ausnahme von China) f&uuml;r 90 Tage auf Eis gelegt wurde, erscheint unsinnig. Was kann Lesotho, das haupts&auml;chlich Bekleidung exportiert, den USA schon anhaben? Die billigen T-Shirts und Leggings aus Weltmarktfabriken geh&ouml;ren zum Outfit des US-Amerikaners und der US-Amerikanerin. Es sind die einheimischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die mit ihrem niedrigen Lohn die US-Konsumenten subventionieren. Die US-Textilindustrie hat sich seit den 1970er-Jahren aus den Vereinigten Staaten in Billiglohnl&auml;nder verabschiedet und wird durch keinen noch so hohen Zoll zur&uuml;ckzuholen sein. Darum geht es Trump aber gar nicht. Von <strong>Andrea Komlosy<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nLesotho wird auch nicht, zumindest nicht in erster Linie, daf&uuml;r bestraft, dass seine LGTBQ-Community USAID-Gelder erhalten hat. Es ist den USA ein Dorn im Auge, weil es ein Einfallstor f&uuml;r versteckte chinesische Exporte in die USA darstellt. Lesotho geh&ouml;rt zu den wichtigsten Beg&uuml;nstigten des African Growth and Opportunity Act (AGOA), der 2000 mit einer Reihe subsaharischer Entwicklungsl&auml;nder abgeschlossen wurde; er sollte 2025 auslaufen.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] AGOA &ouml;ffnete afrikanischer Bekleidung aus den beteiligten Staaten einen quotenfreien und &ndash; nach Auslaufen des Welttextilabkommens 2004 &ndash; einen zollfreien Zutritt zum US-Markt. Lesotho geh&ouml;rt sogar zu den besonders beg&uuml;nstigten L&auml;ndern, wird ihm doch eine Ausnahme von den Ursprungsregeln gew&auml;hrt, die eine Zollbeg&uuml;nstigung nur dann vorsehen, wenn mindestens zwei Fertigungsschritte im Land get&auml;tigt wurden. In Lesotho reicht die &bdquo;one stage transformation&ldquo;. Ein Akt der Entwicklungshilfe, der gleichzeitig die ungleiche Arbeitsteilung und den ungleichen Tausch zwischen Billiglohn- und Hochlohnl&auml;ndern festschreibt. Dieser Gedanke kommt Trump freilich nicht in den Sinn.<\/p><p>Lesotho h&auml;ngt indes nicht nur am Tropf der USA, sondern auch, nachdem Lesotho seine Verbindung mit Taiwan gel&ouml;st hatte, an China. China gibt, und China nimmt. Im Rahmen der One Belt One Road Initiative (OBOR) gibt es zahlreiche Kooperationen bei Stra&szlig;en- und Industrieanlagen, Radio- und Television, technischen Projekten der Landentwicklung, beim Bau der Nationalbibliothek, des Parlamentsgeb&auml;udes, der Nahrungsmittelhilfe u.v.m. Das besondere Engagement gilt dem Textil- und Bekleidungssektor. Hier ist vorauszuschicken, dass die nachholende Entwicklung nach der &ldquo;Reform &amp; &Ouml;ffnung&ldquo; Chinas von den verl&auml;ngerten Werkb&auml;nken globaler Textil- und Bekleidungskonzerne ihren Ausgang nahm. China gelang es in der Folge, seine Position in den globalen G&uuml;terketten zu verbessern und, als die L&ouml;hne anstiegen und andere Sektoren attraktiver wurden, selbst Fertigung auszulagern und zum Organisator von textilen G&uuml;terketten zu werden. Im konkreten Fall kommt die Rohbaumwolle aus Afrika, sie wird in modernen chinesischen Textilfabriken zu Stoffen verarbeitet, die zur arbeitsintensiven Endfertigung wieder nach Afrika gebracht werden.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] So kann China aus der Lohndifferenz Wert sch&ouml;pfen. Seit die Quoten des Welttextilabkommens fielen, sprang das chinesische Investment in Lesotho an. Die Bekleidungsfabriken Lesothos sind fest in chinesischer Hand. Und sie profitieren vom zollfreien Export in die USA im Rahmen des AGOA.<\/p><p>Lesotho hat aufgrund dieser Verflechtung ein Handelsbilanzdefizit mit China; im Handelsbilanzplus mit den USA spiegelt sich die chinesische Eigent&uuml;merschaft, die die Vorprodukte aus China zu g&uuml;nstigen Konditionen in Lesotho veredelt und dann an die amerikanischen Konsumenten durchreicht. Die USA haben an diesem Deal jahrelang nichts auszusetzen gehabt, ja sie haben ihn mit AGOA sogar beg&uuml;nstigt. Dies war so lange der Fall, wie China durch die kosteng&uuml;nstige Fertigung von Konsumg&uuml;tern und Komponenten sowie den Kauf von US-Staatsanleihen aus den Exporteinnahmen f&uuml;r die USA n&uuml;tzlich war. Dass das mit einem Handelsbilanzdefizit verbunden war, st&ouml;rte nicht. Seit China im 21. Jahrhundert nicht nur im Textil- und Bekleidungssektor die Zulieferrolle &uuml;berwindet, sondern die USA auch als Technologief&uuml;hrer herausfordert, ist die Auseinandersetzung um F&uuml;hrung in der Weltwirtschaft im Gange. Trumps Zollstrategie ist der Versuch, den hegemonialen Wandel aufzuhalten.<\/p><p>Ob die Rolle als Billiglohnstandort Lesotho zum Vorteil gereicht, h&auml;ngt von der Perspektive ab. Erwerbsarbeit im Bekleidungssektor schafft Einkommen, die Arbeitsbedingungen werden vom Kosten- und Gewinndruck diktiert. Hier darf sich der Konsument und die Konsumentin nichts vormachen. In die Staatskasse flie&szlig;en Steuern. Die einheimische Textil- und Bekleidungsindustrie, die in den 1970er- und 1980er-Jahren, ebenfalls auf Basis der Kostenvorteile, Fahrt aufnahm, ist durch die chinesische Konkurrenz verdr&auml;ngt worden. Unterm Strich: Lesotho bleibt am untersten Ende der Wertsch&ouml;pfungskette. Trumps Paukenschlag, so paternalistisch und MAGA-patriotisch er auch gemeint ist, k&ouml;nnte eine Regionalisierung der Produktion bef&ouml;rdern, von der einheimische Unternehmer, der Staat und &ndash; wenn sie gen&uuml;gend Druck aufbauen &ndash; unter Umst&auml;nden auch die Arbeitskr&auml;fte profitieren.<\/p><p><em>Von Andrea Komlosy ist zum Thema erschienen: <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/arbeit-2\/\">Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert.<\/a> Promedia Verlag<\/em><\/p><p><small>Titelbild: zmotions\/shutterstock.com<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/ustr.gov\/\">ustr.gov<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2025\/04\/04\/trumps-tariffs-some-facts-and-consequences-from-various-sources\/\">thenextrecession.wordpress.com\/2025\/04\/04\/trumps-tariffs-some-facts-and-consequences-from-various-sources\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Behauptung von Donald Trump, die USA w&uuml;rde von Lesotho &uuml;ber den Tisch gezogen, ist l&auml;cherlich. Lesotho geh&ouml;rt mit einem Pro-Kopf-BIP von 916 US-Dollar (2023) zu den &auml;rmsten Entwicklungsl&auml;ndern der Welt, der US-Durchschnitt bringt 82.769 US-Dollar auf die Waagschale. 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