{"id":131763,"date":"2025-04-17T12:00:19","date_gmt":"2025-04-17T10:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131763"},"modified":"2025-04-17T13:08:05","modified_gmt":"2025-04-17T11:08:05","slug":"kambodschanische-zwillinge-wer-ueber-die-brutale-pol-pot-herrschaft-1975-79-redet-darf-den-zynischen-machtpolitiker-kissinger-nicht-beschweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131763","title":{"rendered":"Kambodschanische Zwillinge: Wer \u00fcber die brutale Pol-Pot-Herrschaft (1975 \u2013 79) redet, darf den zynischen Machtpolitiker Kissinger nicht beschweigen"},"content":{"rendered":"<p>Vor f&uuml;nf Jahrzehnten, am 17. April 1975 und noch zwei Wochen vor der desastr&ouml;sen Niederlage der USA in Vietnam, marschierten im Nachbarland Kambodscha die in Schwarz und mit rotwei&szlig;en Halst&uuml;chern gekleideten Truppen der Roten Khmer unter dem Jubel der Bev&ouml;lkerung in die Hauptstadt Phnom Penh ein. Vorbei war die verhasste Milit&auml;rherrschaft unter dem damaligen Premier- und Verteidigungsminister Lon Nol, der sich 1970 mit Hilfe der CIA an die Macht geputscht und den im Ausland weilenden Staatschef Prinz Norodom Sihanouk abgesetzt hatte. Ein R&uuml;ckblick von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm April 1975 begann in Kambodscha der zweite von drei Akten einer blutigen Dekade, deren erster Akt seinen Ausgang im Fr&uuml;hjahr 1970 mit dem Putsch Lon Nols und dem kurz darauf erfolgten Einmarsch US-amerikanischer Kampftruppen und verb&uuml;ndeter s&uuml;dvietnamesischer Verb&auml;nde in das vormals neutrale K&ouml;nigreich nahm. Den letzten Akt bestritten nach knapp vierj&auml;hriger Herrschaft der Roten Khmer vietnamesische Truppenverb&auml;nde, die im Januar 1979 &ndash; je nach Perspektive &ndash; als &bdquo;Befreier&ldquo; oder &bdquo;Invasoren&ldquo; in das Nachbarland einmarschierten und dessen Regime ein Ende bereiteten.<\/p><p><strong>Schroffe Stadt-Land-Gegens&auml;tze<\/strong><\/p><p>Kambodscha war eine b&auml;uerlich-d&ouml;rfliche Gesellschaft, in der Gemeineigentum und kommunale Produktion ausgepr&auml;gter waren als feudaler Gro&szlig;grund- und individueller Landbesitz. Das Zentrum der Macht, der Stadtstaat und\/oder <em>die<\/em> Stadt, galt seit jeher als Inbegriff tribut&auml;rer Schr&ouml;pfung und bot gleichzeitig Schutz gegen&uuml;ber &auml;u&szlig;eren Feinden. W&auml;hrend der franz&ouml;sischen Kolonialzeit (Ende des 19. Jahrhunderts bis 1953) waren in den Zitadellen st&auml;dtischer Macht und Herrschaft auch vietnamesische Administratoren eingesetzt, w&auml;hrend der Handel und das Gewerbe eine Dom&auml;ne der Chinesen waren. Im Verlauf der kambodschanischen Geschichte war f&uuml;r den &uuml;berwiegenden Teil der Khmer-Bev&ouml;lkerung die Stadt nicht nur der Ort, von dem aus ihre Ausbeutung organisiert wurde, sondern auch ein von in- und ausl&auml;ndischen Eliten gepr&auml;gtes Sozialsystem. Nach dem Zweiten Weltkrieg z&auml;hlte Phnom Penh 110.000 Einwohner, davon immerhin 33 Prozent Chinesen und 26 Prozent Vietnamesen.<\/p><p>Die Formierung der Roten Khmer als ernst zu nehmende oppositionelle Kraft gelang erst gegen Ende der 1960er- und im Sog der &bdquo;Vietnamisierung des Indochinakrieges&ldquo; Anfang der 1970er-Jahre. Die Regierung unter Prinz Sihanouk hatte 1967 Bauernrevolten in Samlaut in der westlichen Provinz Battambang, traditionell die Reiskammer des Landes, blutig niederschlagen lassen, was weiteren Protest und Widerstand unter der Landbev&ouml;lkerung gegen gewaltsame Landenteignungen und drastisch erh&ouml;hte Ernteabgaben nach sich zog. Die im Sommer 1969 verk&uuml;ndete Nixon-Doktrin (benannt nach dem damaligen US-Pr&auml;sidenten Richard M. Nixon) ging angesichts wachsender Verluste US-amerikanischer Soldaten in Vietnam davon aus, verst&auml;rkt s&uuml;dvietnamesische Bodentruppen in den Krieg einzubinden.<\/p><p><strong>&bdquo;Vietnamisierung&ldquo; und Invasion<\/strong><\/p><p>&bdquo;Asiaten gegen Asiaten k&auml;mpfen zu lassen&ldquo;, lautete fortan das Motto in Washington. Demnach konzentrierten sich die USA auf den Einsatz ihrer Luftwaffe, w&auml;hrend gleichzeitig der Kriegsschauplatz neben Vietnam auf Kambodscha ausgedehnt wurde.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Sihanouk hatte sein Land bis 1970 durch geschicktes Taktieren aus dem Konflikt heraushalten k&ouml;nnen, verf&uuml;gte innerhalb der Bewegung der Blockfreien Staaten &uuml;ber Reputation und genoss deren R&uuml;ckendeckung.<\/p><p>Doch mit dem Machtantritt des willf&auml;hrigen Lon Nol &auml;nderte sich schlagartig das Bild. Mit ihm verf&uuml;gte Washington seit dem Fr&uuml;hjahr 1970 &uuml;ber eine Marionette, die den Einmarsch kombinierter US-amerikanisch-s&uuml;dvietnamesischer Truppen in Kambodscha vorbehaltlos begr&uuml;&szlig;te. F&uuml;r Nixon und seinen damaligen Nationalen Sicherheitsberater (und sp&auml;teren Au&szlig;enminister) Henry A. Kissinger waren Kambodscha und Laos keine souver&auml;nen Staaten, sondern &bdquo;Zust&auml;nde&ldquo;, die es gem&auml;&szlig; Washingtons Vorstellungen zu modellieren galt. Und das musste gl&uuml;cken, weil Nixon Kissinger laut einem damaligen Mitarbeiter im Wei&szlig;en Haus in seiner ihm eigenen Derbheit zu verstehen gegeben hatte: <em>&bdquo;Wenn das nicht klappt, kostet es dich deinen Arsch, Henry.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>&bdquo;Episches Verbrechen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Ausweitung der Aggression gegen das neutrale Kambodscha und pausenlose B-52-Fl&auml;chenbombardements zerst&ouml;rten die b&auml;uerlichen Strukturen, versch&auml;rften die Stadt-Land-Gegens&auml;tze und schufen die Grundlage f&uuml;r ein B&uuml;ndnis, das Jahre zuvor schier unvorstellbar gewesen w&auml;re. Auf einmal sahen sich Sihanouk-Royalisten in einer Allianz mit Kadern der kommunistischen Partei vereint, die Sihanouk bevorzugt als &bdquo;Rote Khmer&ldquo; bezeichnete. Gemeinsames Ziel dieses in der chinesischen Hauptstadt Beijing gegr&uuml;ndeten Zweckb&uuml;ndnisses in Gestalt der <em>K&ouml;niglichen Regierung der Nationalen Einheit zur Befreiung Kambodschas (GRUNK) <\/em>waren die Wiederherstellung der Souver&auml;nit&auml;t des Landes und ein Ende des Lon-Nol-Regimes.<\/p><p>Wie der Dokumentarfilmer und aufgrund seiner investigativen Recherchen mehrfach ausgezeichnete australische Journalist John Pilger (1939 &ndash; 2023) in der englischen Tageszeitung <em>The Guardian <\/em>(21. Februar 2009) schrieb, wurden unter Lon Nol und aufgrund anhaltender US-Luftangriffe auf das Land mehr als 600.000 Kambodschaner get&ouml;tet und zwei Millionen Menschen zu Fl&uuml;chtlingen. Allein 1973, so Pilger, wurden &uuml;ber Kambodscha mehr Bomben abgeworfen als &uuml;ber Japan w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs. Vor diesem &bdquo;epischen Verbrechen&ldquo;, so Pilger in einem sp&auml;teren Interview mit der <em>Phnom Penh Post<\/em> (27. September 2014), seien die Roten Khmer lediglich eine kleine maoistische Truppe ohne jedwede tiefgehende Verankerung in der Bev&ouml;lkerung gewesen. Erst die Fl&auml;chenbombardements der US-Luftwaffe und die Politik der verhassten Lon-Nol-Clique schufen den N&auml;hrboden f&uuml;r eine fortan exponentiell wachsende Bewegung. Deren F&uuml;hrungsspitze hatte mit Saloth Sar alias Pol Pot ein Mann erklommen, der wie zahlreiche seiner engsten Weggef&auml;hrten und sp&auml;teren Mitstreiter eine Zeitlang (von 1949 bis 1952) aufgrund eines Stipendiums in Frankreich verbracht hatte.<\/p><p>Die vormals schl&auml;frige Hauptstadt Phnom Penh war w&auml;hrend der systematischen US-amerikanischen Fl&auml;chenbombardements zu einem etwa zwei Millionen Fl&uuml;chtlinge z&auml;hlenden Moloch angeschwollen (bei einer damaligen Gesamtbev&ouml;lkerung von etwa 7,5 Millionen Einwohnern), der in der Endphase des Krieges nur dank einer von der US-Armee aufrechterhaltenen Luftbr&uuml;cke mit Nahrungsmitteln versorgt wurde. Die Masse der dorthin Geflohenen waren Bauern, die panikartig ihre D&ouml;rfer und &Auml;cker verlassen hatten, um den t&ouml;dlichen Bomben- und Napalmeins&auml;tzen zu entkommen. Sie wollten schnellstm&ouml;glich in ihre Heimat zur&uuml;ckzukehren.<\/p><p><strong>Gespanntes Verh&auml;ltnis<\/strong><\/p><p>Sihanouks Sympathie f&uuml;r die VR China (und auch f&uuml;r Nordkorea) resultierte einerseits aus der Politik Washingtons, das die Souver&auml;nit&auml;t seines Landes missachtete. Zum anderen wurde auch die Sowjetunion zum Widersacher, da dessen KPdSU-Chef Leonid Breschnew die Doktrin der &bdquo;begrenzten Souver&auml;nit&auml;t&ldquo; verfocht und zum engen Verb&uuml;ndeten Vietnams avancierte. Aber gegen&uuml;ber Vietnam bestand seit Langem ein Misstrauen, weil es bereits seit dem 17. Jahrhundert Teile Kambodschas (<em>Kampuchea Krom<\/em>, die &bdquo;Niederlande&ldquo; Kambodschas im heute s&uuml;dvietnamesischen Mekong-Delta) annektiert hatte und der Grenzverlauf zwischen beiden L&auml;ndern strittig blieb.<\/p><p>&Uuml;berhaupt war das Verh&auml;ltnis zwischen Kambodscha und dem gro&szlig;en Nachbar Vietnam viel angespannter und konflikttr&auml;chtiger, als es die damalige internationale &bdquo;Indochina&ldquo;-Solidarit&auml;tsbewegung wahrhaben wollte.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Die nach au&szlig;en hin unterstellte Einheit und Br&uuml;derlichkeit zwischen Kambodscha, Vietnam und Laos war stets ein hierarchisches Beziehungsgeflecht mit Vietnam als F&uuml;hrungsmacht, der sich Laos beugte, Kambodscha hingegen immer wieder widersetzte.<\/p><p><strong>&bdquo;Altvolk&ldquo; gegen &bdquo;Neuvolk&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wesentlich aus eigener Kraft war es dem B&uuml;ndnis von Sihanouk-Loyalisten und Roten Khmer gelungen, Lon Nol zu st&uuml;rzen. Doch welch ein Sieg angesichts der vor allem in Phnom Penh existierenden Probleme, mit denen die Regierung der nationalen Einheit j&auml;h konfrontiert wurde! Mit dem Sieg n&auml;mlich endete von einem auf den anderen Tag die logistische Versorgung der Stadt aus der Luft, sodass sich nur die Alternative stellte, die Stadtbev&ouml;lkerung zu evakuieren oder ein Massensterben in Folge von Hunger und Krankheiten in Kauf zu nehmen. Beide Optionen schlossen zwangsl&auml;ufig Tod und Entbehrungen gigantischen Ausma&szlig;es ein, weil schlicht die Mittel fehlten, um Elend und Not zu lindern. In dieser Situation ordneten die Roten Khmer die zwangsweise Evakuierung Phnom Penhs an, was zu chaotischen Verh&auml;ltnissen f&uuml;hrte und bereits Tausende das Leben kostete &ndash; gestorben an Malaria und Ersch&ouml;pfung.<\/p><p>Das politische Vertrauen, &uuml;ber das die neuen Machthaber verf&uuml;gten, wurde durch die martialische Zweiteilung der Gesellschaft in ein sogenanntes Altvolk und Neuvolk verspielt. Unter &bdquo;Altvolk&ldquo; verstanden die Roten Khmer die b&auml;uerliche Bev&ouml;lkerung als soziale Hauptst&uuml;tze ihrer Herrschaft und gleichzeitig als Kern ihres nach chinesischem Vorbild angestrebten Agrarkommunismus. In die Kategorie &bdquo;Neuvolk&ldquo; wurde denunziatorisch und in stigmatisierender Absicht hingegen die Stadtbev&ouml;lkerung gezw&auml;ngt, die sich dem rigorosen politischen Konzept der neuen Herrscher unterordnen musste.<\/p><p>Die st&auml;dtischen Schichten, darunter Hunderttausende Industriearbeiter, wurden in Kommunen reorganisiert und zur Feldarbeit gezwungen. Im Klima eines derartigen Voluntarismus waren zus&auml;tzliche scharfe soziale Konflikte programmiert. Da brachen die traditionellen Stadt-Land-Gegens&auml;tze erneut offen aus, und alte Rechnungen wurden in Form unkontrollierter Racheakte und staatlich gelenkter &bdquo;S&auml;uberungen&ldquo; beglichen. Durch das Chaos einer brutal umgesetzten Kollektivierung der Landwirtschaft kamen etwa 1,7 Millionen Menschen vor allem durch Hunger und Krankheiten um. Die Konsequenzen dieser Politik und provozierte Grenzstreitigkeiten mit Vietnam gingen zweifellos auf das Konto der Roten Khmer, deren auf Autarkie bedachtes Gesellschaftsmodell sich von dem Hanois unterschied und im Ost-West-Konflikt zur Parteinahme f&uuml;r und Unterst&uuml;tzung durch die VR China f&uuml;hrte.<\/p><p><strong>Ausl&auml;ndische Interessen<\/strong><\/p><p>China und das K&ouml;nigreich Thailand protegierten aus jeweiligem Eigeninteresse die Roten Khmer und das von ihnen repr&auml;sentierte &bdquo;Demokratische Kampuchea&ldquo;. Beijing ging es darum, seinen ideologischen Kurs gegen die Sowjetunion fortzusetzen und deren Verb&uuml;ndeten Vietnam in Schach zu halten. Bangkok war darauf erpicht, im Gegenzug f&uuml;r unbehelligte Grenz&uuml;berschreitungen und logistische Unterst&uuml;tzung der Roten Khmer mit dem Verkauf kambodschanischer Edelh&ouml;lzer und Edelsteine lukrative Gesch&auml;fte zu machen. Noch bis 1991 belieferte China das Pol-Pot-Regime mit Waffen, w&auml;hrend die Vereinten Nationen und die USA das &bdquo;Demokratische Kampuchea&ldquo; auch zw&ouml;lf Jahre nach dessen Untergang politisch-diplomatisch anerkannten und ihm den UN-Sitz in New York reservierten.<\/p><p>Bereits zwei Jahre nach ihrem Sieg (1977) waren die Roten Khmer in t&ouml;dliche Grenzstreitigkeiten mit Vietnam verstrickt &ndash; ein Verm&auml;chtnis der Geschichte. Gesch&uuml;rt wurde dieser Konflikt, um damit von internen Problemen abzulenken und den latenten Hass gegen das als hegemonial empfundene Vietnam zu instrumentalisieren. Provokation und Paranoia begleiteten ungeheuerliche Propagandatiraden, die Bef&uuml;rworter des einst antiimperialistischen Befreiungskampfes kalt erschaudern lie&szlig;. W&auml;hrend Radio Hanoi in jener Zeit wiederholt kambodschanische Soldaten und die Bev&ouml;lkerung offen zum Sturz des Pol-Pot-Regimes aufrief, seine Regierung als &bdquo;reaktion&auml;r&ldquo;, seine Politik als &bdquo;brutale und infantile b&auml;uerliche Gleichmacherei&ldquo; und seine F&uuml;hrung als &bdquo;S&ouml;ldner der chinesischen Machthaber&ldquo; anprangerte, rief Pol Pot zum Mord an Vietnamesen auf:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Jeder von uns muss 30 Vietnamesen t&ouml;ten. Bisher haben wir es geschafft. Wir brauchen nur zwei Millionen Soldaten, um 60 Millionen Vietnamesen umzubringen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Bruder Nummer eins&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wer war dieser Pol Pot? Nach eigenen Angaben im Januar 1925 in der Provinz Kompong Thom (nord&ouml;stlich von Phnom Penh gelegen) als Saloth Sar geboren, gelang es dem Jungen, nach dem Besuch der Mittelschule in der Hauptstadt Phnom Penh ein Auslandsstipendium f&uuml;r ein Studium in Frankreich zu bekommen, wo er sich zeitweilig in Elektrotechnik einschrieb. In Paris war es auch, wo Saloth Sar durch intensives Selbststudium und Kontakte zu linken Studentenzirkeln die erste Phase seiner Politisierung durchlebte. Dort bildete er mit den gleichgesinnten Kommilitonen Khieu Samphan, Ta Mok, Nuon Chea und Ieng Sary jenes geheime Parteizentrum, die <em>Angkar Pakdevoath (kurz: Angkar)<\/em>, die Revolution&auml;re Organisation, die sp&auml;ter zum Kern des terroristischen Machtapparats der Roten Khmer wurde.<\/p><p>1960 r&uuml;ckte der sich mittlerweile Pol Pot nennende Saloth Sar in die F&uuml;hrungsriege der zuvor unter verschiedenen Namen operierenden, klandestinen <em>Kambodschanischen Kommunistischen Partei (KKP) <\/em>auf und avancierte, nachdem deren F&uuml;hrungskader Tou Samouth unter nicht eindeutig gekl&auml;rten Umst&auml;nden von der Bildfl&auml;che verschwand (entweder infolge einer parteiinternen S&auml;uberung oder als Opfer des sp&auml;teren Staatschefs Lon Nol), zum Sekret&auml;r der KKP. Bis Mitte der 1960er-Jahre blieb die KKP beziehungsweise die sich auch als Khmer Rouge Guerilla bezeichnende Organisation eine innenpolitisch zu vernachl&auml;ssigende Gr&ouml;&szlig;e.<\/p><p>W&auml;hrend der Herrschaft der Roten Khmer und des von ihnen so genannten Demokratischen Kampuchea (17. April 1975 bis zum 7. Januar 1979, als vietnamesische Eliteeinheiten in Phnom Penh einmarschierten) bekleideten Pol Pot und seine Ex-Genossen aus Pariser Tagen allesamt staatliche Spitzen&auml;mter und waren teilweise miteinander verwandt. In der Hierarchie rangierte Pol Pot als Generalsekret&auml;r und Vorsitzender des Zentralkomitees der Partei, Premierminister und Oberkommandierender der Streitkr&auml;fte unangefochten als &bdquo;Bruder Nummer eins&ldquo;. Nuon Chea war der Chefideologe der Partei und &bdquo;Bruder Nummer zwei&ldquo;. Ihm folgte als &bdquo;Bruder Nummer drei&ldquo; Ieng Sary, ein Schwager Pol Pots und sein Au&szlig;enminister, der nach dem Sturz der Roten Khmer lange Zeit unbehelligt als Gesch&auml;ftsmann in Pailin im kambodschanisch-thail&auml;ndischen Grenzgebiet lebte. Ta Mok avancierte zum Generalstabschef, w&auml;hrend der an der Pariser Sorbonne promovierte &Ouml;konom Khieu Samphan, der die Blaupause f&uuml;r das Gesellschaftssystem der Roten Khmer mit einer Arbeit &uuml;ber autozentrierte Wirtschaftsstrategie entworfen hatte, Staatspr&auml;sident wurde.<\/p><p>Als am 18. Juni 1997 <em>Radio Demokratisches Kambodscha<\/em>, der Sender der Roten Khmer, in einer Sondermeldung bekannt gab, Pol Pot habe sich am selben Tag ergeben und dadurch sei &bdquo;die dunkle Wolke (seines) diktatorischen Regimes verschwunden&ldquo;, war das Schicksal der Roten Khmer besiegelt. Ausgerechnet Pol Pots Generalstabschef Ta Mok f&uuml;hrte nunmehr, wenngleich nur f&uuml;r kurze Zeit, das Kommando. Der in Anlong Veng, im letzten Hauptquartier der Roten Khmer im Norden Kambodschas, inszenierte Schauprozess gegen den obersten &bdquo;Bruder&ldquo; warf mehr Fragen auf als er beantwortete. Nach au&szlig;en hin sollte eine Selbstreinigung zelebriert, die Geschichte entsorgt, ein politischer Neubeginn mit einer gel&auml;uterten Bewegung signalisiert und der zwischenzeitlich unter Arrest gestellte Pol Pot ans Ausland ausgeliefert werden. Dazu aber kam es nicht mehr. Saloth Sar alias Pol Pot starb im April 1998 und sein Leichnam wurde sofort einge&auml;schert.<\/p><p><small>Titelbild: mark reinstein\/shutterstock.com<\/small><\/p><p><em><strong>Anmerkungen &amp; weiterf&uuml;hrende Lekt&uuml;re<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li>Walter Aschmoneit &amp; Rainer Werning (Hrsg. &ndash; 1981): <em>Kampuchea: Lesebuch zu Geschichte, Gesellschaft, Politik<\/em>. M&uuml;nster<\/li>\n<li>William Shawcross (1979): <em>Sideshow: Kissinger, Nixon, and the Destruction of Cambodia<\/em>. New York<\/li>\n<li>Bastian Bretthauer, Susanne Lenz &amp; Jutta Werdes (Hrsg.) f&uuml;r die Stiftung Asienhaus (2017): <em>Kambodscha: Ein politisches Lesebuch.<\/em> Berlin<\/li>\n<\/ul><p><em><strong>Zeittafel (zusammengestellt von Rainer Werning):<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li><em><strong>1863:<\/strong><\/em> K&ouml;nig Norodom I. gibt dem Druck der franz&ouml;sischen Expansion in Indochina nach. Kambodscha muss die franz&ouml;sische &bdquo;Schutzherrschaft&ldquo; anerkennen. 1884 &uuml;bernimmt Frankreich die vollst&auml;ndige Kontrolle &uuml;ber die Verwaltung des Landes.<\/li>\n<li><em><strong>1885 &ndash; 95:<\/strong><\/em> Partisanenkrieg unter Teilnahme breitester Volksschichten<\/li>\n<li><em><strong>1954:<\/strong><\/em> Im Genfer Abkommen wird Kambodscha staatliche Unabh&auml;ngigkeit und territoriale Integrit&auml;t zugesichert.<\/li>\n<li><em><strong>1960 &ndash; 1970:<\/strong><\/em> Regierung unter Staatspr&auml;sident Norodom Sihanouk (der zuvor als K&ouml;nig abgedankt hatte). Inmitten der politischen und milit&auml;rischen Auseinandersetzungen in Vietnam und Laos verfolgt er eine die Unabh&auml;ngigkeit des Landes bewahrende Neutralit&auml;tspolitik.<\/li>\n<li><em><strong>1970:<\/strong><\/em> Sihanouk wird w&auml;hrend eines Auslandsaufenthalts gest&uuml;rzt; die Macht &uuml;bernimmt mit Hilfe der CIA der Putsch-Marschall Lon Nol; Sihanouk und die Roten Khmer gr&uuml;nden in Beijing eine gemeinsame Widerstandsallianz (GRUNC).<\/li>\n<li><em><strong>1973:<\/strong><\/em> Massive Fl&auml;chenbombardements der US-Luftwaffe, um den Nachschub aus Nordvietnam f&uuml;r den s&uuml;dvietnamesischen Widerstand &uuml;ber den Ho-Chi-Minh-Pfad zu unterbinden.<\/li>\n<li><em><strong>17. April 1975 bis 7. Januar 1979:<\/strong><\/em> Herrschaft der Roten Khmer, die Kambodscha fortan Demokratisches Kampuchea nennen (das bis Anfang der 1990er-Jahre international anerkannt bleibt).<\/li>\n<li><em><strong>Januar 1979:<\/strong><\/em> Nach scharfen ideologischen Spannungen und milit&auml;rischen Grenzstreitigkeiten mit Kambodscha marschieren vietnamesische Eliteeinheiten in Phnom Penh ein und besetzen das Land bis 1989. Hun Sen, fr&uuml;herer Roter Khmer und einer ihrer Bataillonskommandeure, &uuml;bernimmt 1985 das Amt des Premierministers, das er bis zur &Uuml;bertragung an seinen Sohn Hun Manet bis 2023 bekleidet.<\/li>\n<li><em><strong>Februar 1979:<\/strong><\/em> Chinesische Truppen f&uuml;hren wegen der Kambodscha-Invasion einen &bdquo;Straffeldzug&ldquo; gegen Vietnam.<\/li>\n<li><em><strong>1991 &ndash; 1993:<\/strong><\/em> Nach z&auml;hen Verhandlungen zwischen s&auml;mtlichen Konfliktparteien kommt Ende Oktober 1991 der Friedensvertrag von Paris zustande, wodurch im Juli 1993 freie Wahlen unter vor&uuml;bergehender UN-Treuhandschaft erm&ouml;glicht werden.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Im Nachbarland Laos f&uuml;hrten die USA bereits seit 1964 einen &bdquo;geheimen Krieg&ldquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Indochina war ein franz&ouml;sisches Kolonialkonstrukt: 1887 hatte Frankreich seine drei Protektorate in Vietnam &ndash; Cochinchina im S&uuml;den, Annam im zentralen und Tongking im n&ouml;rdlichen Landesteil &ndash; zusammen mit Kambodscha und Laos zu einer willk&uuml;rlichen, freilich seinen Interessen dienenden Verwaltungseinheit, zur <em>Union Indochina,<\/em> gemacht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor f&uuml;nf Jahrzehnten, am 17. April 1975 und noch zwei Wochen vor der desastr&ouml;sen Niederlage der USA in Vietnam, marschierten im Nachbarland Kambodscha die in Schwarz und mit rotwei&szlig;en Halst&uuml;chern gekleideten Truppen der Roten Khmer unter dem Jubel der Bev&ouml;lkerung in die Hauptstadt Phnom Penh ein. Vorbei war die verhasste Milit&auml;rherrschaft unter dem damaligen Premier-<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131763\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":131764,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,171],"tags":[2311,379,2175,1312,1345,3225,921,3415,2490,1556,357],"class_list":["post-131763","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-befreiungsbewegungen","tag-china","tag-interventionspolitik","tag-kambodscha","tag-kissinger-henry","tag-kollektivismus","tag-kommunismus","tag-staatliche-souveraenitaet","tag-staatsterrorismus","tag-usa","tag-vietnam"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Shutterstock_1858047433.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=131763"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131763\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":131809,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131763\/revisions\/131809"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/131764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=131763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=131763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=131763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}