{"id":13191,"date":"2012-05-10T09:31:07","date_gmt":"2012-05-10T07:31:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13191"},"modified":"2015-02-15T15:25:22","modified_gmt":"2015-02-15T14:25:22","slug":"die-zukunft-des-fiskalpakts-liegt-in-den-handen-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13191","title":{"rendered":"Die Zukunft des Fiskalpakts liegt in den H\u00e4nden der SPD"},"content":{"rendered":"<p>Angela Merkels Traum von einer Austerit&auml;tspolitik mit Ewigkeitsgarantie hat durch den Wahlerfolg Fran&ccedil;ois Hollandes erste Risse bekommen. Zwar lie&szlig;e sich der Fiskalpakt, wenn es hart auf hart kommen sollte, auch ohne die Franzosen umsetzen. Der Widerstand Hollandes hat bereits die Kritiker in anderen L&auml;ndern aufhorchen lassen. Egal, ob es der deutschen Kanzlerin gef&auml;llt oder nicht &ndash; ohne eine Erweiterung des Fiskalpakts durch Wachstumsprogramme wird ihr Traum zerplatzen wie eine Seifenblase. Eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen spielt dabei die SPD. Nun wird sich zeigen, ob sie eine echte, inhaltliche Opposition betreiben oder doch nur der ewige Juniorpartner an Muttis Rockzipfel sein will. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Das geht einfach nicht!&ldquo; &ndash; Dieser Satz, der jedem bockigen Kind alle Ehre machen w&uuml;rde, ist Angela Merkels offizielles Statement zur Frage, ob der Fiskalpakt verhandelbar ist. &bdquo;Der Fiskalpakt&ldquo;, so Merkel, &bdquo;steht nicht zur Disposition&ldquo;. Dies ist zweifelsohne eine waghalsige Aussage, wenn man bedenkt, dass Frau Merkel noch nicht einmal in Deutschland &uuml;ber eine ausreichende Mehrheit zur Verabschiedung des Fiskalpakts verf&uuml;gt. Da das Vertragswerk tief in das deutsche Grundgesetz eingreift, ist sowohl im Bundestag wie auch im Bundesrat eine Zweidrittelmehrheit notwendig. Als ratifiziert gilt der Vertrag erst dann, wenn ihn auch der Bundespr&auml;sident unterzeichnet. Der, so wollen es die politischen Spielregeln, wird jedoch noch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts abwarten m&uuml;ssen. Sowohl die Linkspartei als auch ein B&uuml;ndnis rund um die ehemalige Justizministerin D&auml;ubler-Gmelin haben bereits angek&uuml;ndigt, Karlsruhe anrufen zu wollen, wenn Bundestag und Bundesrat den Fiskalpakt absegnen. Sollten Bundestag, Bundesrat oder das Bundesverfassungsgericht das Vertragswerk ablehnen, kann Deutschland den Pakt nicht ratifizieren [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. Ob Angela Merkel dann immer noch jedwede &Auml;nderung kategorisch ausschlie&szlig;t?<\/p><p>Der Fiskalpakt ist erst dann g&uuml;ltig, wenn ihn mindestens zw&ouml;lf Eurostaaten nach den jeweils bestehenden demokratischen Abstimmungsverfahren ratifiziert haben. Insofern ist Merkels Argument, der Vertrag k&ouml;nne nicht nachverhandelt werden, weil ihn drei Staaten (Griechenland, Portugal und Slowenien) bereits ratifiziert haben, fadenscheinig. Wenn sich keine zw&ouml;lf Eurostaaten finden, die dem Vertragswerk  zustimmen, tritt es ohnehin nicht in Kraft und die bereits verabschiedeten Ratifikationen sind null und nichtig. Es sollte auch kein allzu gro&szlig;es Problem sein, wenn die Staaten, die bereits ratifiziert haben, noch einmal &uuml;ber ein neues, &uuml;berarbeitetes Vertragswerk abstimmen lie&szlig;en. So etwas kommt in den besten Familien vor und ist kein Grund zur Aufregung. Es ist dennoch eher unwahrscheinlich, dass der Fiskalpakt im Kern neu verhandelt werden wird. Wesentlich wahrscheinlicher ist es, dass er durch weitere Vertr&auml;ge erg&auml;nzt werden wird, die nicht das Sparen, sondern Wachstumsimpulse behandeln. Dies ist es auch, was sowohl Hollande, als auch die deutsche SPD zwischen den Zeilen fordern. Von einer generellen Ablehnung des Fiskalpakts ist auch vom franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten nichts (mehr) zu h&ouml;ren.<\/p><p>Fran&ccedil;ois Hollande hat jedoch ein weiteres Problem. Im Juni finden in Frankreich die f&uuml;r ihn ungemein wichtigen Parlamentswahlen statt. Nur wenn die Sozialisten auch die Mehrheit in der Assembl&eacute;e Nationale bekommen, kann er seine Politik &uuml;berhaupt  in Angriff nehmen. Sollte er jedoch bereits bei der Umsetzung seines Wahlversprechens, den Fiskalpakt nachzuverhandeln, patzen, droht den Sozialisten eine Wahlniederlage und er w&auml;re zu einer &bdquo;Kohabitation&ldquo; mit den Konservativen gezwungen. F&uuml;r Hollande muss bei den Verhandlungen zum Fiskalpakt demnach zumindest ein Punktsieg herausspringen, den die Sozialisten im Wahlkampf verwerten k&ouml;nnen. Einem Formelkompromiss nach gusto der deutschen Kanzlerin kann Hollande eigentlich nicht zustimmen. <\/p><p>Was w&uuml;rde passieren, wenn Frankreich den Fiskalpakt nicht unterzeichnet? Formal w&uuml;rde das Vertragswerk auch ohne Frankreich in Kraft treten, wenn es zw&ouml;lf Eurostaaten ratifizieren. Sowohl die Pflicht zur Umsetzung der Schuldenbremse als auch die implementierten Sanktionsmechanismen w&uuml;rden dann nur f&uuml;r die Signatarstaaten, aber nicht f&uuml;r Frankreich gelten. Frankreich w&auml;re dann in der gleichen Situation wie Gro&szlig;britannien. Frankreich h&auml;tte dann auch &ndash; zumindest pro forma &ndash; keinen Anspruch auf die Mittel des &bdquo;Eurorettungsfonds&ldquo; ESM. Nun geh&ouml;rt Frankreich aber auch nicht zu den potentiellen Kandidaten f&uuml;r Rettungsgelder und im worst case w&auml;re es zudem sehr unwahrscheinlich, dass Deutschland Frankreich ans Messer der Spekulanten liefern w&uuml;rde. Auch wenn ein solches Szenario in der Tat denkbar w&auml;re, ist es dennoch unwahrscheinlich. <\/p><p>Deutschland und Frankreich sind &ndash; trotz der vielzitierten Achse Berlin-Paris &ndash; befreundete Konkurrenten. Ein offener Bruch  w&auml;re weder im deutschen noch im franz&ouml;sischen Interesse. Deutschland wird nach den Wahlen in Frankreich sein Maximalziel, Europa seinen fiskalischen Regeln zu unterwerfen, nicht mehr erreichen k&ouml;nnen. Ohne Zugest&auml;ndnisse an Paris wird Angela Merkel k&uuml;nftig keine Europapolitik mehr betreiben k&ouml;nnen. Wie weit die Zugest&auml;ndnisse beim Fiskalpakt gehen k&ouml;nnen, wird aller Voraussicht noch am 23. Mai auf dem EU-Sondergipfel in Br&uuml;ssel entschieden. Welche Verhandlungsoptionen Merkel und Hollande haben, liegt jedoch vor allem in den H&auml;nden der deutschen SPD.<\/p><p>Angela Merkel wird nicht nach Br&uuml;ssel fahren, ohne zuvor mit der SPD &ndash; und wohl auch mit den Gr&uuml;nen &ndash; einen informellen Kompromiss ausgehandelt zu haben. Eine Kanzlerin, die zuhause noch nicht einmal &uuml;ber die Mehrheiten verf&uuml;gt, den Fiskalpakt selbst zu ratifizieren, kann auf europ&auml;ischer Ebene unm&ouml;glich eine harte Linie gegen&uuml;ber ihren Verhandlungspartnern fahren. Nun liegt es also an der SPD, der Kanzlerin den Verhandlungsspielraum vorzugeben. Sollte die SPD den R&uuml;ckenwind aus Paris sp&uuml;ren und rund ein Jahr vor den Bundestagswahlen endlich erkennen, dass sie eine Oppositionspartei ist, kann sie Angela Merkel am Nasenring durch die politische Manege f&uuml;hren. Entsprechende Forderungen kommen bereits vom <a href=\"http:\/\/www.forum-dl21.de\/meldung.php?meldung=351&amp;page=\">linken Fl&uuml;gel der Partei<\/a>. Da Merkel beim europ&auml;ischen Showdown mit Hollande auf eine eigene Mehrheit in Deutschland angewiesen ist, wird sie Kompromisse eingehen m&uuml;ssen. Sollte die SPD gar erkennen, dass der Fiskalpakt an sich eine politische und volkswirtschaftliche Torheit ist, k&ouml;nnte sie Merkel sogar allein im Regen stehen lassen. Welche &Uuml;berzeugungskraft h&auml;tte die &bdquo;Sparkanzlerin&ldquo; in Br&uuml;ssel, wenn allgemein bekannt ist, dass Deutschland den Fiskalpakt selbst nicht verabschieden kann, da Merkel daheim keine ausreichende Mehrheit hat? <\/p><p>Wenn die SPD bis zum 23. Mai &ouml;ffentlich signalisiert, dass sie den Fiskalpakt, so wie er bislang angelegt ist, nicht mittragen wird und ihn auch dann nicht mittr&auml;gt, wenn Merkel erg&auml;nzende Wachstumsprogramme verspricht, w&auml;re dies der Tod des Fiskalpakts. Ein Vertragswerk f&uuml;r die Eurozone, das die beiden Kernstaaten Deutschland und Frankreich nicht ratifzieren, wird auch die anderen Unterzeichnerstaaten davon abhalten, dies zu tun. Auch die merkel-treuen Medien haben diese Gefahr schon erkannt &ndash; anders ist das &uuml;berbordende Hyperventilieren nicht zu erkl&auml;ren. WELT-Autorin Dorothea Siems arbeitet beispielsweise schon an ihrer eigenen Dolchsto&szlig;-Legende und wirft der SPD bereits jetzt <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article106274202\/Hollande-Ruck-der-SPD-grenzt-an-Vaterlandsverrat.html\">&bdquo;Vaterlandsverrat&ldquo;<\/a> vor.<\/p><p>Frau Siems kann sich jedoch getrost wieder beruhigen. Es ist leider wenig wahrscheinlich, dass in der SPD gesamtwirtschaftliche Vernunft einkehrt und eine  Abkehr vom neoliberalen angebotsorientierten Wirtschaftsdogma stattfindet . Die SPD hat bereits der Schuldenbremse zugestimmt und ihre Kritik am Fiskalpakt war bis dato auch eher handzahm und dem Wahlkampf geschuldet. Sogar in theoretischen Schriften <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11593\">r&uuml;hmt sich<\/a> das Spitzenpersonal der SPD lieber, eine bessere &ndash; und h&auml;rtere &ndash; Sparpolitik als die Regierungskoalition betreiben zu wollen. Sollte in den n&auml;chsten Wochen keine 180&deg;-Wende in den K&ouml;pfen der Parteigranden stattfinden, ist auch in puncto Fiskalpakt Hopfen und Malz verloren. Dann bleibt nur noch die Frage, wie gro&szlig; das &bdquo;Z&uuml;ckerli&ldquo; denn ausfallen wird, mit dem sich Angela Merkel die Linientreue der Genossen erkauft. Der Begriff &bdquo;Wachstumspakt&ldquo; ist sehr dehnbar. Auch die Agenda-Politik der SPD wurde mit dem Argument verkauft, das Wachstum anzukurbeln und die Wirtschaftsliberalen  verstehen unter Wachstumspolitik &ndash; siehe etwa das &bdquo;Wachstumsbeschleunigungsgesetz &ndash; ohnehin nur Abbau des Sozialstaats, Arbeitsmarktliberalisierung und Privatisierung Durch eine Zustimmung zum Fiskalpakt w&uuml;rde die SPD jedoch ihren Genossen in Frankreich in den R&uuml;cken fallen und Angela Merkel auf europ&auml;ischer Ebene st&auml;rken. Dies w&auml;re die Eingangst&uuml;r zur Juniorpartnerschaft in eine Gro&szlig;e Koalition im n&auml;chsten Jahr. Was will die SPD? Sie muss sich jetzt entscheiden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Bevor ein Vertrag v&ouml;lkerrechtlich in Kraft treten kann, muss er durch den Souver&auml;n ratifiziert (von lateinisch ratus &sbquo;g&uuml;ltig&rsquo;, facere &sbquo;machen&rsquo;) werden. Art. 59 Grundgesetz regelt, dass dies in Deutschland durch ein Zustimmungsgesetz gehandhabt wird, das wie jedes andere Gesetz auch die jeweiligen Gesetzgebungsorgane (Bundestag, wenn n&ouml;tig Bundesrat und Bundespr&auml;sident) durchlaufen muss.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/93739f754206439b92260518d9453218\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angela Merkels Traum von einer Austerit&auml;tspolitik mit Ewigkeitsgarantie hat durch den Wahlerfolg Fran&ccedil;ois Hollandes erste Risse bekommen. 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Egal, ob es der deutschen Kanzlerin gef&auml;llt oder nicht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13191\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,156,191],"tags":[1247,1094,1326],"class_list":["post-13191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-schulden-sparen","category-spd","tag-fiskalpakt","tag-hollande-francois","tag-siems-dorothea"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13191"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13194,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13191\/revisions\/13194"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}