{"id":132,"date":"2004-02-25T11:17:24","date_gmt":"2004-02-25T10:17:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=132"},"modified":"2016-04-02T12:26:07","modified_gmt":"2016-04-02T10:26:07","slug":"innovationspolitik-vom-nachbarn-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132","title":{"rendered":"Innovationspolitik: Vom Nachbarn lernen"},"content":{"rendered":"<p>Gerhard Bosch: Innovationspolitik: Vom Nachbarn lernen. In: WSI Mitteilungen, 2\/2004<br>\n<!--more--><br>\nKein Zweifel: In einer globalisierten Wirtschaft wird man den Sozialstaat nur erhalten k&ouml;nnen, wenn man innovativ ist, also neue Produkte entwickelt und durch effiziente Produktionsverfahren auch bei hohen L&ouml;hnen wettbewerbsf&auml;hig bleibt.Wie das zu machen ist, haben uns Schweden und Finnland vorgef&uuml;hrt. Als sich ihre Wohlfahrtsstaaten in einer tiefen Krise befanden, haben sie mehr als alle anderen L&auml;nder in Forschung und Bildung investiert. Diese Investitionen waren keine tempor&auml;ren Sonderprogramme, sondern langfristig angelegt. Voraussetzung daf&uuml;r war, dass die Investitionskraft des Staates nicht durch wiederholte Steuersenkungsprogramme ausgeh&ouml;hlt wurde. Zwar ging es nicht ohne schmerzliche Einschnitte in die Sozialsysteme. Die Lasten wurden aber gleichm&auml;&szlig;ig verteilt. Schnelle Resultate dieser solchen Politik waren nicht zu erwarten. Innovationen brauchen Zeit und gesch&uuml;tzte R&auml;ume, in denen sich neue Ideen entwickeln k&ouml;nnen. Wissenschaftler wurden durch gro&szlig;z&uuml;gige F&ouml;rderung vom t&auml;glichen Kampf ums Kleingeld entlastet und konnten sich der Forschung und Entwicklung widmen. Die Chancen, dass wissenschaftliche Ergebnisse im eigenen Land und nicht woanders genutzt wurden, verbesserten sich durch das ausreichende Angebot an qualifizierten Arbeitskr&auml;ften.<\/p><p>Heute ernten Schweden und Finnland die Fr&uuml;chte ihrer Investitionen aus den 80er und 90er Jahren. Das Wirtschaftswachstum hat zugelegt, die Arbeitslosigkeit ist zur&uuml;ckgegangen. Bei fast allen Indikatoren, die heute beim Benchmarking von L&auml;ndern verwendet werden, liegen diese L&auml;nder an der Spitze, angefangen von den PISAErgebnissen bis hin zur Verbreitung moderner Kommunikationstechnologien. Selbst Unternehmensberater wie Roland Berger preisen den Erfolg dieser L&auml;nder. Was nicht in ihr Weltbild passt &ndash; und das sind wesentliche Erfolgsfaktoren &ndash; wird allerdings verschwiegen: ausgeglichene Einkommensverteilung, hohe Steuerbelastung, wenig Armut, effiziente Hochschulen ohne Studiengeb&uuml;hren, exzellente Bildung und Ausbildung nicht nur f&uuml;r wenige, sondern f&uuml;r alle, und keine gesellschaftliche Polarisierung und Ausgrenzung im Zuge der Umstrukturierung, sondern Integration und Beteiligung aller gesellschaftlichen Kr&auml;fte, darunter auch der Gewerkschaften.<\/p><p>Nat&uuml;rlich wird man Schweden und Finnland in Deutschland nicht eins zu eins kopieren k&ouml;nnen. So sind die skandinavischen Steuerquoten bei uns nicht durchsetzbar. Man kann aber erkennen, was nachhaltige Innovationsstrategien von symbolischer Politik unterscheidet. Erstens muss man die Aufwendungen f&uuml;r Wissenschaft und Bildung deutlich und dauerhaft erh&ouml;hen. Zweitens muss sowohl die Spitze als auch die Breite gef&ouml;rdert werden, damit man die Produktion im Lande halten kann. Drittens geht es nicht nur um technische sondern auch um soziale Innovationen. Forschung und Bildung gedeihen nur in einem innovativen Umfeld, wozu zum Beispiel ein effektiver &ouml;ffentlicher Dienst, sozialpartnerschaftliche Beziehungen und moderne Formen der Arbeitsorganisation geh&ouml;ren. Viertens ist der Sozialstaat, der Sicherheit im Wandel gew&auml;hrt, keine Barriere, sondern eine Ressource, da er Unsicherheit mindert und damit Widerst&auml;nde gegen den Wandel abbaut. F&uuml;nftens muss man sich f&uuml;r den Wandel Zeit nehmen und ihn sorgf&auml;ltig planen. Sechstens muss man die Betroffenen beteiligen und sicherstellen, dass die Gewinner nicht alles nehmen. <\/p><p>Zugegeben, Innovationsprozesse verlaufen nicht so gradlinig und kontinuierlich, wie das in dieser etwas globalen R&uuml;ckschau auf Schweden und Finnland vielleicht angeklungen ist. Die Bereitschaft zum Konflikt, zum Tabubruch und auch eine gewisse R&uuml;cksichtslosigkeit gegen&uuml;ber Verweigerern geh&ouml;ren dazu. Innovatoren m&uuml;ssen vorpreschen. Sie d&uuml;rfen sich aber nicht zu weit vom Hauptfeld entfernen. Sonst stehen sie ohne Truppen da, die sie f&uuml;r die Umsetzung k&uuml;hner Ideen brauchen.<\/p><p>Die Deutschen waren immer f&uuml;r ihre Sorgfalt bekannt. Sie brauchten manchmal etwas l&auml;nger bei der Umsetzung neuer Ideen. Daf&uuml;r waren sie aber gr&uuml;ndlicher und mussten weniger als andere nachbessern. Solche Tugenden gelten heute nichts mehr. Stattdessen sind wir Weltmeister beim un&uuml;berlegten Vorpreschen geworden. Wenn jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird, kann man sich an die gestern angek&uuml;ndigten Reformen nicht mehr erinnern. Es wird auch nicht mehr nachgefragt, was aus den Ank&uuml;ndigungen geworden ist. Erinnert sich noch jemand an das gro&szlig;e Versprechen &bdquo;Schulen ans Netz&ldquo;? Oder: Was hat eigentlich der Pisa- Schock bewirkt? Das gr&ouml;&szlig;te Innovationshemmnis ist die Standortdiskussion. Die tiefe Ver&auml;chtlichkeit, mit der die selbsternannten Eliten &ndash; mit festem Blick auf ihre pers&ouml;nlichen Interessen &ndash; &uuml;ber unser Sozialsystem reden, zerst&ouml;rt Zuversicht und Motivation im Land und unser Ansehen im Ausland.<\/p><p>Ich pl&auml;diere nicht f&uuml;r weniger Innovationen, sondern f&uuml;r weniger Innovationsgerede und f&uuml;r eine langfristige Orientierung. Wenn man in einer Wissensgesellschaft die Zukunftschancen einer Gesellschaft am besten am Zustand ihrer Hochschulen und Schulen ablesen kann, dann ist es um uns schlecht bestellt. Hier entstehen die Arbeitspl&auml;tze von morgen. Ausgaben f&uuml;r diese Bereiche sind nicht Kosten sondern Vorauswirtschaft. Die sozial unausgewogenen K&uuml;rzungen der Agenda 2010 machten nur Sinn, wenn hierdurch Mittel f&uuml;r Zukunftsinvestitionen und zwar nicht nur f&uuml;r &bdquo;Eliten&ldquo; freigeschaufelt w&uuml;rden. Mit der Agenda 2010 hat sich allerdings im Denken der Politik die Illusion verbreitet, man k&ouml;nne ohne Investitionen das Innovationstempo erh&ouml;hen. Die Folgen des Sparens an der falschen Stelle werden f&uuml;r uns alle bitter sein.<\/p><p>Gerhard Bosch, Prof. Dr., Gelsenkirchen, Vize-Pr&auml;sident des Instituts Arbeit und Technik, Wissenschaftszentrum NRW; Professor f&uuml;r Soziologie an der Universit&auml;t Duisburg-Essen. e-mail: bosch@iatge.de <\/p><p><em>&copy; WSI Mitteilungen<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Bosch: Innovationspolitik: Vom Nachbarn lernen. 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