{"id":13207,"date":"2012-05-11T11:43:59","date_gmt":"2012-05-11T09:43:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13207"},"modified":"2015-02-15T15:32:05","modified_gmt":"2015-02-15T14:32:05","slug":"irrungen-wirrungen-vermogensabgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13207","title":{"rendered":"Irrungen, Wirrungen, Verm\u00f6gensabgabe"},"content":{"rendered":"<p>Die Vorstellung, die Verm&ouml;genden wesentlich st&auml;rker als bisher zur Finanzierung der Folgekosten der Finanzkrise heranzuziehen, ist &ndash; vollkommen zu Recht &ndash; popul&auml;r. Neben einer einmaligen Verm&ouml;gensabgabe geh&ouml;rt auch eine Verm&ouml;genssteuer zu den Instrumenten, mit denen man die Staatsfinanzierung auf solidere Beine stellen k&ouml;nnte. Nicht nur bei den Detailfragen ist hier jedoch Vorsicht geboten. Eine Fokussierung auf die Geldverm&ouml;gen, wie sie beispielsweise in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden vom Publizisten Harald Schumann <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/schuldenkrise-die-eurozone-braucht-eine-vermoegensabgabe\/6581954.html\">vorgenommen wird<\/a> ist nicht sinnvoll und auch nicht umsetzbar, verst&ouml;&szlig;t sie doch gegen das Grundgesetz. Die Diskussion rund um die Besteuerung von Verm&ouml;gen k&ouml;nnte wesentlich konstruktiver verlaufen, wenn man popul&auml;re Denkfehler vermeidet. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHarald Schumanns Vorschlag zur L&ouml;sung der Eurokrise mag auf den ersten Blick sehr verlockend sein. In seinem Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/schuldenkrise-die-eurozone-braucht-eine-vermoegensabgabe\/6581954.html\">Die Eurozone braucht eine Verm&ouml;gensabgabe<\/a>&ldquo; schreibt der Tagesspiegel-Autor folgendes:<\/p><blockquote><p><em>Wie kann die &Uuml;berschuldung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden, ohne die Wirtschaft zu ruinieren? Die Antwort ist naheliegend, aber noch immer ein politisches Tabu. Wo es &bdquo;zu viele&ldquo; Schulden gibt, da gibt es zwangsl&auml;ufig auch &bdquo;zu viel&ldquo; Verm&ouml;gen. Denn das eine ist immer der Spiegel des anderen. Wenn also Schulden getilgt werden sollen, ohne dass damit die Nachfrage auf breiter Front einbricht, dann kann dies nur &uuml;ber eine Abgabe auf die Geldverm&ouml;gen geschehen, die in hohem Ma&szlig;e bei einem kleinen Teil der Bev&ouml;lkerung konzentriert sind. [&hellip;] Allein drei Millionen von 500 Millionen Europ&auml;ern verf&uuml;gen &uuml;ber mehr als eine Million Dollar liquide Geldanlagen. Zusammen besitzen sie gut zehn Billionen, mehr als doppelt so viel wie die Schulden der f&uuml;nf Krisenstaaten zusammen.. W&uuml;rde man diese Verm&ouml;gen, die zu mindestens vier F&uuml;nfteln B&uuml;rgern aus der Euro-Zone geh&ouml;ren und ohnehin nur Nachfrage nach Finanzanlagen erzeugen, mit einer zweiprozentigen j&auml;hrlichen Abgabe belegen, lie&szlig;e sich damit der von Deutschlands Wirtschaftsweisen vorgeschlagene gemeinsame Schuldentilgungsfonds der Euro-Zone planbar und auf lange Frist abtragen.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Gut gebr&uuml;llt L&ouml;we! Leider fehlt diesem Vorschlag jedoch die Substanz. Um Schumanns Denkfehler zu erkennen, sollte man sich zun&auml;chst vor Augen halten, was Geldverm&ouml;gen eigentlich sind. Die &bdquo;zehn Billionen Dollar&ldquo; der europ&auml;ischen Million&auml;re sind beispielsweise kein Geldverm&ouml;gen[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], da die Summe den Immobilienbesitz beinhaltet.<br>\nDas Geldverm&ouml;gen ist nur ein Teil des Gesamtverm&ouml;gens. Beispielsweise tauchen weder das geerbte, noch das selbst finanzierte und abbezahlte Haus im Geldverm&ouml;gen auf. Auch andere G&uuml;ter, die einen, mal mehr, mal weniger klar definierten Tauschwert haben, tauchen im Geldverm&ouml;gen nicht auf; weder Unternehmensanteile noch Goldbarren, Edelsteine, Gem&auml;lde oder M&uuml;nzsammlungen. So kann es durchaus sein, dass einige der wohlhabendsten B&uuml;rger dieses Landes &uuml;berhaupt kein nennenswertes Geldverm&ouml;gen haben, das f&uuml;r eine Abgabe oder eine Steuer herangezogen werden k&ouml;nnte.<\/p><p>Wenn Harald Schumann eine Verm&ouml;gensabgabe auf das Geldverm&ouml;gen erheben will, konzentriert er sich dabei nur auf einen Teil der Verm&ouml;genswerte. Wer Anleihen besitzt, muss Schumanns Abgabe zahlen, wer stattdessen beispielsweise Mietsh&auml;user besitzt, kommt ungeschoren davon. Wer Teilhaber einer Aktiengesellschaft ist, muss zahlen, wer Teilhaber einer GmbH oder KG ist, bleibt au&szlig;en vor. Damit greift Schumann &ndash; wahrscheinlich ohne es zu wissen &ndash; die &uuml;berwunden geglaubte Aufteilung in &bdquo;schaffendes&ldquo; und &bdquo;raffendes&ldquo; Kapital auf. Eine solche Aufteilung ist jedoch heutzutage nicht zweckdienlich, vor allem dann nicht, wenn es um die Besteuerung von Verm&ouml;gen geht.<\/p><p>Wer einen Verm&ouml;gensberater hat, der seinen Titel nicht in einem Schnelllehrgang bei Maschmeyers AWD hinterhergeworfen bekommen hat, kann die angedachte Verm&ouml;gensabgabe auf Geldverm&ouml;gen spielend leicht umgehen. Man gr&uuml;nde einfach zusammen mit seiner Frau oder einem beliebigen Strohmann eine KG, die das eigene Geldverm&ouml;gen verwaltet und schon z&auml;hlt das eigene Verm&ouml;gen nicht mehr zum abgabepflichtigen Geldverm&ouml;gen. Wem das zu banal sein sollte, der findet in Luxemburg, Liechtenstein, Singapur oder der Schweiz ganz sicher ohne Probleme vorgefertigte L&ouml;sungen, mit denen er sein Geldverm&ouml;gen in andere Verm&ouml;gensformen umwandeln kann.<\/p><p>Eine Verm&ouml;gensabgabe, die nur die Geldverm&ouml;gen als Besteuerungsbasis vorsieht, ist somit vor allem eines &ndash; ungerecht. Es ist nicht logisch zu verstehen, warum man eine Verm&ouml;gensform besteuern sollte, w&auml;hrend man andere Verm&ouml;gensformen au&szlig;en vor l&auml;sst. Aus diesem Grund w&uuml;rde eine solche Abgabe auch sofort vom Bundesverfassungsgericht kassiert. 1995 erkl&auml;rten die Verfassungsrichter die alte Form der deutschen Verm&ouml;genssteuer f&uuml;r <a href=\"http:\/\/lexetius.com\/2001\/8\/224\">verfassungswidrig<\/a>, da sie Immobilienverm&ouml;gen bei der Besteuerung besser stellte als andere Verm&ouml;gensformen. Schumanns Verm&ouml;gensabgabe stellt Immobilien-, Grund- und Firmenanteilsverm&ouml;gen nicht nur besser, sondern schlie&szlig;t diese Verm&ouml;gensformen sogar komplett von der Erhebung aus. Es lohnt sich nicht, &uuml;ber eine Form der Verm&ouml;gensabgabe zu diskutieren, die derart offensichtlich mit dem Grundgesetz kollidiert.<\/p><p>Sowohl eine einmalige Verm&ouml;gensabgabe als auch eine dauerhafte Verm&ouml;genssteuer sind sehr sinnvolle Instrumente, um die Staatsfinanzen auf eine solidere und vor allem gerechtere Basis zu heben. Dann muss die Berechnungsgrundlage jedoch ebenfalls solide und gerecht sein und vor allem alle Verm&ouml;gensformen beinhalten. Im Zivilrecht gibt es beispielsweise den &bdquo;Offenbarungseid&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>], der selbstverst&auml;ndlich nicht nur die Geldverm&ouml;gen erfasst. Die Basis einer Verm&ouml;gensabgabe\/-steuer sollte sich daher am &bdquo;Offenbarungseid&ldquo; orientieren. Nat&uuml;rlich gibt es auch bei der Umsetzung Detailfragen, die diskutiert werden m&uuml;ssen. Wie ist beispielsweise eine Privatperson zu besteuern, deren gesamtes Verm&ouml;gen ein selbstgef&uuml;hrter Betrieb ist, der zur Zeit der Abgabenbemessung keine &Uuml;bersch&uuml;sse erwirtschaftet hat? Es kann nicht im Sinne der Allgemeinheit sein, wenn die Verm&ouml;gensbesteuerung zu einem kontraproduktiven Zwangsverkauf von Verm&ouml;genswerten f&uuml;hrt. Man sollte jedoch das Fell nicht verteilen, bevor der B&auml;r erlegt ist. Zun&auml;chst einmal sollte es darum gehen, den politischen Willen f&uuml;r eine solide und gerechte Besteuerung von Verm&ouml;gen zu schaffen. <\/p><p>Geistige Schnellsch&uuml;sse wie eine Geldverm&ouml;gensabgabe sind da jedoch kontraproduktiv, diskreditieren sie doch das wichtige politische Ziel einer Verm&ouml;gensbesteuerung ohne Not. Vielleicht will Schumann eigentlich auch etwas ganz anderes. Die Argumentationsf&uuml;hrung f&uuml;r seine Geldverm&ouml;gensabgabe klingt eher so, als pl&auml;diere er f&uuml;r einen teilweisen Schuldenerlass f&uuml;r die Eurostaaten. Wenn er dies meint, sollte er es jedoch auch genau so schreiben. Alles andere dient nicht der Aufkl&auml;rung, sondern nur der weiteren Verwirrung.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Schumanns Quelle ist der World Wealth <a href=\"http:\/\/www.de.capgemini.com\/insights\/publikationen\/world-wealth-report-2011\/\">Report von Cap Gemini<\/a>, dessen Methodik sich nicht an der volkswirtschaftlichen Definition von Verm&ouml;genswerten orientiert, sondern Verm&ouml;gensberatern einen &Uuml;berblick &uuml;ber besonders verm&ouml;gende Kunden verschaffen soll. Aus der Methodik wird ferner nicht klar, ob es sich bei den Angaben um Brutto- oder Nettoverm&ouml;gen handelt, ob die Schulden also abgezogen worden oder nicht.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] juristischer Ausdruck: &bdquo;Eidesstattliche Versicherung der Vollst&auml;ndigkeit und Richtigkeit der im Verm&ouml;gensverzeichnis gemachten Angaben&ldquo;<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/9185dfd4a6de41528514474da9094b7b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorstellung, die Verm&ouml;genden wesentlich st&auml;rker als bisher zur Finanzierung der Folgekosten der Finanzkrise heranzuziehen, ist &ndash; vollkommen zu Recht &ndash; popul&auml;r. Neben einer einmaligen Verm&ouml;gensabgabe geh&ouml;rt auch eine Verm&ouml;genssteuer zu den Instrumenten, mit denen man die Staatsfinanzierung auf solidere Beine stellen k&ouml;nnte. Nicht nur bei den Detailfragen ist hier jedoch Vorsicht geboten. Eine Fokussierung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13207\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,137],"tags":[472,239,520],"class_list":["post-13207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-steuern-und-abgaben","tag-schumann-harald","tag-tagesspiegel","tag-vermoegensteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13207"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13210,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13207\/revisions\/13210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}