{"id":132074,"date":"2025-04-26T13:00:23","date_gmt":"2025-04-26T11:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132074"},"modified":"2025-04-25T15:35:05","modified_gmt":"2025-04-25T13:35:05","slug":"die-sprache-des-shitbuergertums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132074","title":{"rendered":"Die Sprache des Shitb\u00fcrgertums"},"content":{"rendered":"<p>Es ist das wohl meistdiskutierte politische Debattenbuch des noch jungen Jahres: In seinem so scharfsinnigen wie provokanten Essay <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Shitbuergertum\/2312\">Shitb&uuml;rgertum<\/a> entlarvt <strong>Ulf Poschardt<\/strong> einen neuen Sozialcharakter, der unsere Gesellschaft pr&auml;ge und l&auml;hme: den &bdquo;Shitb&uuml;rger&ldquo;. Mit einer unheilvollen Mischung aus Anma&szlig;ung und Untertanengeist inszeniere sich der Shitb&uuml;rger als moralisch &uuml;berlegener Retter der Welt &ndash; verteidige dabei jedoch vor allem seine eigenen Privilegien und Interessen, so Poschardt. Der Westend Verlag hat sich entschieden, das bislang im Selbstverlag erschienene und nur bei Amazon erh&auml;ltliche Buch nun auch in den Buchhandel zu bringen. In K&uuml;rze mehr dazu in einem Interview mit dem Verleger Markus J. Karsten. Hier vorab ein Auszug aus dem Buch.<br>\n<!--more--><br>\nDie Sprache ist nicht nur Haus des Seins, sondern die Halsschlagader unserer Kultur. Wer sie zu pr&auml;gen in der Lage ist, definiert die Kultur. Die politischen Durchsetzungsf&auml;higkeiten der Zukunft werden auch durch die Akzeptanz mutiger Eigensprachlichkeiten definiert. Trump hat das vorgemacht. &bdquo;Make America Great Again&ldquo; ist vielleicht der wirkm&auml;chtigste politische Slogan des 21.&#8197;Jahrhunderts.<\/p><p>Die Ungl&auml;ubigen halten sich an den W&ouml;rtern fest, weil sie im Windschatten der Sprache, die ihnen allm&auml;chtig erscheint, ihre eigenen Zweifel, ihre &Auml;ngste, ihre Unsicherheiten, ihre N&ouml;te, ihre unpassenden Hoffnungen in Sicherheit bringen k&ouml;nnen. Der neue autorit&auml;re Glaube an die Sprache ist stets mit der Hoffnung verbunden, dass es die Worte und nicht die Taten sind, die die Welt zu einer besseren Veranstaltung machen. Im S&auml;ubern der Sprache, im festen Willen, die Sprache als Haus des Seins zu einer aseptischen Isolierstation zu machen, wird der hoffnungslose Versuch unternommen, damit all die Schwierigkeiten beim Erfassen der Welt zu verdr&auml;ngen und es sich in unterkomplexen, aber vermeintlich moralischeren Konstruktionen von Wirklichkeit bequem zu machen. Die Sprache ist zum Schlachtfeld geworden. Sie kann sich nicht wehren. Sie liegt da wie ein zerfetzter Leib. Die W&ouml;rter werden vor einen Volksgerichtshof gezerrt und aus dem W&ouml;rterbuch vertrieben. Sprache, die noch zuckt und lebt, wird ausgenommen und von einem Wortpr&auml;parator ausgestopft. Sind die W&ouml;rter dann einmal tot und erledigt und hingerichtet und f&uuml;r den Zeitgeist zurechtgestutzt, werden sie in akademischen H&ouml;rs&auml;len zum Ideal erkl&auml;rt.<\/p><p>Die Hoffnung liegt wie immer dort, wo das keimfreie Shitb&uuml;rgertum keinerlei Nutzungsrechte hat und auch keine Umerziehungsautorit&auml;t: in den strebsamen migrantischen Subkulturen, in der Popkultur, in den westlichen freiheitsbewegten Kinofilmen und jener Literatur, die sich nicht zum Freudenm&auml;dchen des Elfenbeinturmes gemacht hat.<\/p><p>Nur eine freie Sprache ist sch&ouml;n. Die Sprache ist zweierlei: zum einen das Ergebnis einer jahrhundertelangen Evolution&nbsp;&ndash; im Austausch mit anderen Sprachen und Kulturen&nbsp;&ndash;, zum anderen eine funktionale Struktur, um den Alltag zu bew&auml;ltigen. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert eine Gesellschaft&nbsp;&ndash; auf beiden Ebenen. Deswegen sind Diktaturen so empfindlich, wenn es um die Freiheit des Ausdrucks geht. Und deswegen bl&uuml;ht Sprache nur in freien Gesellschaften.<\/p><p>Das Shitb&uuml;rgertum hat die Sprache an das G&auml;ngelband der Moral gelegt. War f&uuml;r Foucault sowie Deleuze und Guattari noch die Sprache der Aufkl&auml;rung der Despot, der in endlosen Monologen &uuml;ber alle richtete, die als unaufgekl&auml;rt oder verr&uuml;ckt galten, so ist die Sprache des Shitb&uuml;rgertums eine Schrumpfform des Aufgekl&auml;rten, reduziert auf den Affekt des Moralischen. &bdquo;Lauscht dem paranoischen Gemurmel unter dem Diskurs der Vernunft, die f&uuml;r andere, die Stummen, spricht&ldquo;, witzeln Deleuze und Guattari.<\/p><p>Die freie Sprache feiert sich selbst in der Popkultur. Es ist eine wilde, dschungelige Sprache mit scharfen Kanten und b&ouml;sen Fallen. Die offizielle Sprache des Shitb&uuml;rgertums regrediert zur moralischen Lehranstalt. Es ist eine autorit&auml;re Anma&szlig;ung der freien Wortwahl gegen&uuml;ber und eine zeitgeistliche Geb&uuml;cktheit dem vermeintlich innovativen moralisch-politischen Komplex gegen&uuml;ber. Da wollte die Gr&uuml;nen-Chefin bei Anne Will nicht patzen und sorgte mit ihrer poetischen &Uuml;bersprunghandlung f&uuml;r ein kurzes Blitzen der Freiheit. Ihr Versprecher von den &bdquo;Steuer*Innenzahlern&ldquo; drehte das Ganze ins Reich des Dadaistischen, wo es hingeh&ouml;rt.<\/p><p>Die keim- und schwingungsfreie Sprache ist das Statussymbol des Shitb&uuml;rgertums. Wurde bei den alten Calvinisten der Reichtum ausgestellt, mit prunkvollen Innenr&auml;umen der Auserw&auml;hlten, die ohne Gardinen von der Stra&szlig;e aus bewundert werden konnten als Ausweis der Auserw&auml;hltheit, ist es bei den neuen Calvinisten das &bdquo;Virtue Signalling&ldquo;: die Tugendanzeige, das angestrahlte Leuchten des Anstands durch Worte und Gesinnung.<\/p><p>Die Sprache als Haus des Seins ist besonders anf&auml;llig f&uuml;r Domestizierungen. Die &raquo;Disziplinarinstitutionen&laquo; (Foucault) haben eine &bdquo;Kontrollmaschinerie&ldquo; konstruiert, welche die menschlichen Freiheitsregungen und -sehns&uuml;chte b&auml;ndigt und z&uuml;chtigt im Sinne der Macht. Die Sprache als Herrschaftsinstrument ist dabei unerl&auml;sslich, deshalb hat das Shitb&uuml;rgertum so virtuos an deren Reinigung und Desinfizierung gearbeitet. Was mit der Sprache im 21.&#8197;Jahrhundert passiert ist, wirkt wie ein Echo jenes orwellschen Newspeaks, dieser gereinigten Sprache, die in Orwells dystopischem Roman verhindern soll, dass Menschen kritische Gedanken &uuml;berhaupt nur denken k&ouml;nnen, bevor sie sie artikulieren. In der Sprache wird der expressive und reflexive Teil des existenziellen Elans domestiziert&nbsp;&ndash; pars pro toto f&uuml;r das gesamte Leben. Die Kontrollmaschinerie funktioniert als &bdquo;Mikroskop des Verhaltens&ldquo;, wie Foucault das so treffend analysierte: &raquo;ihre feinen analytischen Unterscheidungen haben um die Menschen einen Beobachtungs-, Registrier- und Dressurapparat aufgebaut&laquo;.<\/p><p>Das Shitb&uuml;rgertum hat die Kontrollmaschinerie zu ihrem eigentlichen Werkzeug des Machterhaltes gemacht. Die Sprache ist Peitsche und Megafon des Shitb&uuml;rgertums zugleich und hat dessen eigene Schmallippigkeit ins Monstr&ouml;se &uuml;berh&ouml;ht. Am Ende verliert der Mensch, dem seine Sprache genommen wurde, seinen Verstand. Wie kein anderer Teil der Umerziehung hat die identit&auml;tspolitische Rabulistik das menschliche Geschlecht von jedweder biologischen Determination zu befreien versucht, das Grundvertrauen der Menschen in die Sprache und deren Beherrscher zu zerst&ouml;ren riskiert. Wer die Frage &bdquo;Was ist eine Frau?&ldquo; nicht mehr beantworten kann, ohne in absurde Kategorien zu schlittern, sollte als Exot gl&uuml;cklich werden. Wenn er der F&uuml;rst der Kontrollmaschinerie ist, muss diese Maschinerie zertr&uuml;mmert werden.<\/p><p><em>Lesetipp:<br>\nUlf Poschardt: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/gesellschaft\/shitbuergertum.html\">Shitb&uuml;rgertum<\/a>. Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag, gebundene Ausgabe, 176 Seiten, ISBN 978-3987913310, 22 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist das wohl meistdiskutierte politische Debattenbuch des noch jungen Jahres: In seinem so scharfsinnigen wie provokanten Essay <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Shitbuergertum\/2312\">Shitb&uuml;rgertum<\/a> entlarvt <strong>Ulf Poschardt<\/strong> einen neuen Sozialcharakter, der unsere Gesellschaft pr&auml;ge und l&auml;hme: den &bdquo;Shitb&uuml;rger&ldquo;. 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