{"id":1322,"date":"2006-05-26T17:15:08","date_gmt":"2006-05-26T15:15:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1322"},"modified":"2016-02-08T18:04:21","modified_gmt":"2016-02-08T17:04:21","slug":"angela-merkel-auf-dem-dgb-kongress-ehrliche-analyse-aber-stures-festhalten-an-den-alten-rezepten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1322","title":{"rendered":"Angela Merkel auf dem DGB-Kongress: Ehrliche Analyse, aber stures Festhalten an den alten Rezepten"},"content":{"rendered":"<p>Das muss man der Kanzlerin einr&auml;umen, ihre Rede auf dem DGB-Bundeskongress war ehrlicher in der Beschreibung der Realit&auml;ten in diesem Lande und zur&uuml;ckhaltender in der &bdquo;Reformrhetorik&ldquo; als die &bdquo;ex Cathedra&ldquo; -Verk&uuml;ndigungen des Bundespr&auml;sidenten. Das war schon ein mutiges Eingest&auml;ndnis von Angela Merkel, &bdquo;Menschenw&uuml;rde&ldquo; und &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; h&auml;tten &bdquo;nur noch in Teilen etwas mit unserer Realit&auml;t zu tun.&ldquo; Aus dieser Einsicht folgte aber nichts als das sture Festhalten an den alten Rezepten.<br>\nDie Rede war aber ein Musterbeispiel f&uuml;r die Unf&auml;higkeit der Regierung, ihren eingeschlagenen Kurs selbstkritisch zu hinterfragen.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Menschenw&uuml;rde&ldquo; und &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo;, &bdquo;haben diese Worte noch etwas mit unserer heutigen Realit&auml;t zu tun?&ldquo;, fragte Angela Merkel zu Beginn ihrer Rede. &bdquo;Meine ehrliche wie sicherlich auch ern&uuml;chternde Antwort lautet: Nur noch in Teilen hat das etwas mit unserer Realit&auml;t zu tun. Dazu reicht der Blick auf die Realit&auml;t, dazu reicht jede Bestandsaufnahme. Fast f&uuml;nf Millionen Arbeitslose in unserem Land, eine nicht immer gesicherte Zukunft unserer sozialen Sicherungssysteme, zu viele junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz haben, insgesamt rasante Ver&auml;nderungen unserer Rahmenbedingungen durch die Globalisierung &ndash; das ist der Befund.&ldquo;<\/p><p>Und weiter:<br>\n&bdquo;Eine nicht unbetr&auml;chtliche Zahl von Menschen erlebt die reale Umsetzung der Sozialen Marktwirtschaft so, wie sie heute ist, in der Praxis ganz anders. Die Menschen erleben auf der einen Seite solche, die Erfolg haben und denen alles an Ver&auml;nderungen nicht schnell genug gehen kann, und sie erleben auf der anderen Seite diejenigen, die Angst und Sorge haben, einfach auf der Strecke zu bleiben. Die Menschen erleben Spaltungstendenzen zwischen Ost und West, zwischen Menschen ohne Arbeit und Menschen mit Arbeit, zwischen &Auml;lteren und Jungen.<br>\nIch sage ganz eindeutig: Damit d&uuml;rfen wir uns nicht abfinden.&ldquo;<\/p><p>Endlich wenigstens mal eine ehrliche Bestandsaufnahme aus verantwortlichem Munde, denkt man sich und hofft auf selbstkritische Einsichten:<br>\nLeider Fehlanzeige, es folgt die bekannte alte Litanei: &bdquo;Wir brauchen Ver&auml;nderungen&ldquo;, &bdquo;wir m&uuml;ssen die Dinge auf den Pr&uuml;fstand stellen.&ldquo;<br>\nUnd dann: &bdquo;Wer sich nicht den richtigen Fragen stellt, wird zum Schluss selbst infrage gestellt.&ldquo; Warum richtet Angela Merkel diese Frage nicht an sich selbst, sondern nur an die Adresse der Gewerkschaften? Da gab es zu Recht Pfiffe.<\/p><p>Warum stellt die Kanzlerin nicht die Frage, welcher politische Kurs dazu gef&uuml;hrt hat, dass die &bdquo;Menschenw&uuml;rde&ldquo; und die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; &bdquo;nur noch in Teilen etwas mit der Realit&auml;t&ldquo; zu tun haben.<\/p><p>Haben wir nicht seit Jahren &bdquo;unsere Haushalte saniert&ldquo; (Merkel)? Hat nicht Hans Eichel gespart und gespart und musste Jahr f&uuml;r Jahr neue Schulden machen?<br>\nHei&szlig;t es nicht seit zwanzig Jahren &bdquo;Es f&uuml;hrt kein Weg an Strukturreformen vorbei&ldquo; (Merkel)? Was haben denn die Strukturreformen von Lambsdorff bis Schr&ouml;der gebracht?<br>\nWird nicht sp&auml;testens seit der Agenda 2010 behauptet: &bdquo;Der Transfer der alten Sozialstaatlichkeit (sei) so nicht m&ouml;glich.&ldquo; (Merkel) Hat denn der bisherige Abbau der Sozialstaatlichkeit, das Kurieren an Symptomen, wie die unendlichen Arbeitsmarktreformen, die eine Gesundheitsreform nach der anderen, die unz&auml;hligen Rentenreformen nicht eher dazu gef&uuml;hrt, dass sich die von Merkel anfangs beklagte Realit&auml;t eingestellt hat?<\/p><p>Merkel fordert weitere &bdquo;Strukturreformen auf dem Arbeitsmarkt&ldquo;, ein &bdquo;Mehr an Flexibilit&auml;t&ldquo;, mehr &bdquo;Gestaltungsm&ouml;glichkeiten&ldquo; bei den Tarifvertr&auml;gen. Die deutsche Mitbestimmung m&uuml;sse den &bdquo;europ&auml;ischen Regelungen Rechnung&ldquo; tragen. &bdquo;Lohnzusatzkosten&ldquo; m&uuml;ssten gesenkt werden. Sie pl&auml;diert f&uuml;r einen (differenzierten) &bdquo;Kombilohn&ldquo; &ndash; eben die &uuml;bliche Erh&ouml;hung der Dosis der angebotsorientierten Glaubenss&auml;tze ihrer sch&ouml;nen &bdquo;neuen Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. <\/p><p>Haben die bisherigen &bdquo;Flexibilisierungen&ldquo;, die l&auml;ngst praktizierten &bdquo;Gestaltungsm&ouml;glichkeiten&ldquo;, die jahrelange Senkungen des gesamten Lohnaufwandes nicht gerade dazu gef&uuml;hrt, dass die Menschenw&uuml;rde und die Soziale Marktwirtschaft in der Realit&auml;t &bdquo;nur noch in Teilen&ldquo; anzutreffen sind?<\/p><p>Wenn Angela Merkel ihre auf dem Gewerkschaftskongress ge&auml;u&szlig;erte Sorge um die Menschenw&uuml;rde wirklich ernst nehmen w&uuml;rde, dann h&auml;tte sie jedenfalls der DGB-Forderung nach einem Mindestlohn von 7,50 Euro nicht so eine br&uuml;ske Absage erteilen d&uuml;rfen. Auf die erregte Frage des mit einem m&auml;&szlig;igen Ergebnis best&auml;tigten DGB-Vorsitzenden, Michael Sommer, warum gerade nur in Deutschland der Mindestlohn Arbeitspl&auml;tze kostete, in Dutzenden von anderen L&auml;ndern aber nicht, blieb Merkel eine Antwort schuldig. <\/p><p>Die Rede der Kanzlerin war, wie gesagt, ein Eingest&auml;ndnis, dass der bisherige Kurs der Politik die Soziale Marktwirtschaft und damit die Menschenw&uuml;rde zunehmend in Frage gestellt hat. Sie ist aber gleichzeitig ein Musterbeispiel, daf&uuml;r, dass die Gro&szlig;e Koalition unf&auml;hig ist, daraus irgendeine selbstkritische Konsequenz zu ziehen, und ein weiterer Beweis daf&uuml;r, dass der Kanzlerin nichts anderes einf&auml;llt, als diesen Kurs beizubehalten, ja sogar noch h&auml;rter auf diesen Kurs einzuschwenken.<\/p><p>Mal sehen, wie eine ehrliche Analyse der Bundesregierung in Sachen Menschenw&uuml;rde und Soziale Marktwirtschaft auf dem n&auml;chsten DGB-Kongress in vier Jahren aussehen wird. Statt &bdquo;nur noch in Teilen&ldquo;, haben &bdquo;diese Worte&ldquo; wie Menschenw&uuml;rde und Soziale Marktwirtschaft dann nach aller Voraussicht &uuml;berhaupt nichts mehr mit der Realit&auml;t zu tun.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das muss man der Kanzlerin einr&auml;umen, ihre Rede auf dem DGB-Bundeskongress war ehrlicher in der Beschreibung der Realit&auml;ten in diesem Lande und zur&uuml;ckhaltender in der &bdquo;Reformrhetorik&ldquo; als die &bdquo;ex Cathedra&ldquo; -Verk&uuml;ndigungen des Bundespr&auml;sidenten. Das war schon ein mutiges Eingest&auml;ndnis von Angela Merkel, &bdquo;Menschenw&uuml;rde&ldquo; und &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; h&auml;tten &bdquo;nur noch in Teilen etwas mit unserer Realit&auml;t<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1322\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,109,132],"tags":[517,315,317,312,528],"class_list":["post-1322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-gewerkschaften","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-dgb","tag-merkel-angela","tag-mindestlohn","tag-reformpolitik","tag-soziale-marktwirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1322"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30999,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1322\/revisions\/30999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}