{"id":132200,"date":"2025-04-29T09:00:20","date_gmt":"2025-04-29T07:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132200"},"modified":"2026-04-21T16:04:27","modified_gmt":"2026-04-21T14:04:27","slug":"eine-historische-pflicht-interview-mit-russlands-botschafter-netschajew-zum-80-jahrestag-des-sieges-ueber-nazi-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132200","title":{"rendered":"\u201eEine historische Pflicht\u201c \u2013 Interview mit Russlands Botschafter Netschajew zum 80. Jahrestag des Sieges \u00fcber Nazi-Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Am 9. Mai j&auml;hrt sich zum 80. Mal der Sieg der Alliierten, allen voran der Sowjetunion, &uuml;ber Nazideutschland und damit das Ende des Krieges in Europa. Aus diesem Anlass betont Russlands Botschafter in Deutschland, <strong>Sergej J. Netschajew<\/strong>, im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em> die historische Pflicht der Erinnerung an 27 Millionen sowjetische Opfer des Nationalsozialismus. Er kritisiert die &bdquo;Hysterie&ldquo; vor einem angeblichen russischen Angriff und die Ablehnung russischer Teilnahme an den Gedenkfeiern in Deutschland. Stattdessen l&auml;dt er Deutsche zur gemeinsamen Erinnerung ein. Wir sprachen mit ihm nach dem medial viel beachteten Besuch des Botschafters auf den Seelower H&ouml;hen. Dabei ging es vor allem um die historische Bedeutung des Tages, bei dem auch die aktuelle Situation eine Rolle spielt. Das Gespr&auml;ch mit Russlands Botschafter Sergej J. Netschajew hat <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> gef&uuml;hrt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Eacute;va P&eacute;li: Vor nunmehr 80 Jahren besiegte die sowjetische Armee gemeinsam mit ihren Alliierten den deutschen Faschismus. Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Sieg &uuml;ber den Faschismus am 9. Mai 1945 heute in Russland, f&uuml;r die Gesellschaft, aber auch in politischer Hinsicht?<\/strong><\/p><p><strong>Sergej J. Netschajew<\/strong>: Der Tag des Sieges ist einem jeden russischen B&uuml;rger heilig. Keine sowjetische Familie blieb vom Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg verschont. 27 Millionen Sowjetb&uuml;rger sind gefallen, der Gro&szlig;teil von ihnen waren friedliche Zivilisten. Die Nazis haben von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, einen Vernichtungskrieg gegen die UdSSR f&uuml;hren zu wollen, der unter anderem in der Leningrader Blockade seinen Ausdruck fand. Die F&uuml;hrung Hitlerdeutschlands stellte die Aufgabe, diese Stadt und die gesamte Stadtbev&ouml;lkerung zu vernichten. W&auml;hrend der Leningrader Blockade sind mehr als eine Million Zivilisten durch Hunger, K&auml;lte und Bombenangriffe gestorben. Russland wird sich weiterhin konsequent daf&uuml;r einsetzen, dass die Verbrechen des Dritten Reiches und seiner Handlanger auf dem Territorium der UdSSR als Genozid an den V&ouml;lkern der Sowjetunion anerkannt werden. Wir rechnen darauf, dass die neue Bundesregierung und der neue Bundestag den Mut finden, einen entsprechenden Beschluss zu fassen.<\/p><p><strong>Wie wird Russland, als Nation und als Gesellschaft, und wie werden die russischen Menschen diesen 80. Jahrestag des Sieges &uuml;ber das Deutsche Reich begehen? Welche Aktivit&auml;ten plant die russische Botschaft in Deutschland aus diesem Anlass?<\/strong><\/p><p>An diesem Tag wird an Familienangeh&ouml;rige erinnert, die an den Kampfhandlungen teilgenommen, im sowjetischen Hinterland gearbeitet haben oder den Krieg als Kinder erleben mussten. Viele Russen werden sich an der Aktion &bdquo;Unsterbliches Regiment&ldquo; beteiligen, die auch in gro&szlig;en deutschen St&auml;dten, einschlie&szlig;lich Berlins, abgehalten werden soll. Wir danken unseren Landsleuten f&uuml;r diese Initiativen und den Beh&ouml;rden hierzulande f&uuml;r die Zustimmung zur Durchf&uuml;hrung dieser Aktionen.<\/p><p>Auf dem Territorium der Bundesrepublik gibt es mehr als viertausend Grabst&auml;tten, in denen &uuml;ber 700.000 Sowjetsoldaten ihre letzte Ruhest&auml;tte gefunden haben. Zusammen mit den anderen russischen Auslandsvertretungen setzt die Botschaft ein umfassendes Veranstaltungsprogramm zum 80. Jahrestag des Sieges um. Es geht insgesamt um ca. dreihundert Veranstaltungen. Dabei handelt es sich unter anderem um Gedenkstunden, Begegnungen, Ausstellungen, Konzerte, Filmvorf&uuml;hrungen und andere kulturelle, humanit&auml;re sowie Bildungs- und Informationsveranstaltungen. Traditionsgem&auml;&szlig; wollen wir zusammen mit den Veteranen, Landsleuten und Vertretern deutscher Vereine die zentralen sowjetischen Soldatengr&auml;ber und Erinnerungsst&auml;tten besuchen und dort Blumen und Kr&auml;nze niederlegen. Auch werden wir uns an &bdquo;Gedenk-Subbotniks&ldquo; beteiligen, einer Aktion, bei der Angeh&ouml;rige der russischen Auslandsvertretungen, Sch&uuml;ler der Schule bei der Russischen Botschaft und freiwillige Helfer sowjetische Soldatengr&auml;ber in Ordnung bringen. Wir danken den deutschen Gemeinden und Kommunen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge f&uuml;r den respektvollen Umgang mit den sowjetischen Soldatengr&auml;bern.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250428-botschafter.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250428-botschafter.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Foto: Russlands Botschafter S. Netschajew bei der Gedenkfeier in Seelow am 16. April 2025<\/small><\/p><p><strong>Laut der <em>Berliner Zeitung<\/em> empfiehlt das Ausw&auml;rtige Amt, russische und belarussische Vertreter von Gedenkveranstaltungen auszuschlie&szlig;en &ndash; notfalls per Hausrecht. Das deutsche AA warnt in seinem Schreiben vor &bdquo;Propaganda, Desinformation und geschichtsrevisionistischer Verf&auml;lschung&ldquo;. Wie reagieren Sie darauf?<\/strong><\/p><p>Die Empfehlungen des Ausw&auml;rtigen Amtes an die Landes- und Kommunalbeh&ouml;rden, von der Einladung offizieller russischer und belarussischer Vertreter zu Veranstaltungen anl&auml;sslich des 80. Jahrestages der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus abzusehen, sind &auml;u&szlig;erst bedauerlich. Dabei brauchen wir keine besondere Einladung, um an &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen Orten das Andenken an die sowjetischen Befreier und die Opfer des Nazismus zu ehren und den Tag des Sieges feierlich zu begehen. Wir hoffen, dass alle geplanten Veranstaltungen, einschlie&szlig;lich der Gedenkm&auml;rsche des &bdquo;Unsterblichen Regiments&ldquo;, w&uuml;rdevoll durchgef&uuml;hrt werden.<\/p><p><strong>Am 16. April waren Sie an den Seelower H&ouml;hen im Oderbruch, dar&uuml;ber wird jetzt &uuml;berall berichtet, am Ort der letzten gro&szlig;en Schlacht der Roten Armee. Was haben Sie dort erlebt?<\/strong><\/p><p>Es war in der Tat eine einmalige und in jeder Hinsicht denkw&uuml;rdige Veranstaltung. Die Anwesenheit von etwa 800 Menschen, wie Journalisten berichteten, unterstreicht die Bedeutung des Gedenkens an die gefallenen sowjetischen Soldaten. Die gewaltige Schlacht um Berlin h&auml;ngt mit einem tragischen Opfergang unz&auml;hliger Rotarmisten zusammen.<\/p><p>Die beeindruckende Gedenkst&auml;tte mit den Kriegsgr&auml;bern, in denen sch&auml;tzungsweise 30.000 sowjetische Soldaten ihre letzte Ruhe fanden, ist ein wichtiger Ort der Erinnerung. Besonders hervorzuheben ist die wertvolle Arbeit unserer Abteilung f&uuml;r Gedenkarbeit, die in den vergangenen Monaten 100 weitere Namen unbekannter Gefallener identifizieren konnte. Die Kolleginnen und Kollegen in Seelow haben diese Informationen dankenswerterweise aufgenommen und drei zus&auml;tzliche Ehrentafeln mit diesen Namen angefertigt, die wir gestern enth&uuml;llen durften.<\/p><p>Die Atmosph&auml;re w&auml;hrend der Veranstaltung war sehr freundlich und von Respekt gepr&auml;gt. Anzeichen von Entfremdung oder Ablehnung waren in keiner Weise erkennbar. Ich bin den Kolleginnen und Kollegen der Stadt Seelow im Oderbruch und der breiten &Ouml;ffentlichkeit sehr dankbar f&uuml;r die Verbundenheit mit der Erinnerungskultur und die freundschaftlichen Gef&uuml;hle, die mir entgegengebracht wurden. Diese bewegende Veranstaltung wird mir lange in guter Erinnerung bleiben.<\/p><p><strong>In welcher Form gedenken die getrennten V&ouml;lker der Sowjetunion gemeinsam des Sieges &uuml;ber den Faschismus? Welche Rolle spielt der gemeinsame Kampf f&uuml;r Russland?<\/strong><\/p><p>Der Sieg im Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg und die Opfer, die daf&uuml;r gebracht werden mussten, machten und machen weiterhin unser gemeinsames Gut beziehungsweise die gemeinsame Erinnerung aller V&ouml;lker der UdSSR aus. Russland hat weder die heldenhaften Leistungen der Sowjetsoldaten noch die Tr&auml;nen ihrer M&uuml;tter nach Nationalit&auml;ten geteilt und will das auch nicht tun. Der Sieg war nur durch die gemeinsamen Anstrengungen m&ouml;glich.<\/p><p>Zu den offiziellen Feierlichkeiten anl&auml;sslich des Siegestages in Moskau kommen in diesem Jahr fast alle Staatschefs der Gemeinschaft Unabh&auml;ngiger Staaten, der BRICS-L&auml;nder, Staats- und Regierungschefs einiger europ&auml;ischer L&auml;nder sowie andere hohe internationale Besucher zusammen. Die G&auml;steliste wird immer l&auml;nger.<\/p><p>Auch wir werden in Deutschland zusammen mit Kollegen aus den diplomatischen Vertretungen der GUS-L&auml;nder Gedenkveranstaltungen stattfinden lassen und sie zu unseren Aktionen einladen. Die zentrale Gedenkstunde wird nach guter Tradition am 9. Mai im Berliner Treptower Park am Sowjetischen Befreierdenkmal stattfinden. Dazu laden wir russische Landsleute und alle deutschen B&uuml;rger ein, denen diese Erinnerung nicht gleichg&uuml;ltig ist.<\/p><p><strong>Gibt es irgendwelche Kontakte zu Ukrainern?<\/strong><\/p><p>Wissen Sie, die Ukrainer haben einen bedeutenden Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus geleistet &ndash; ebenso wie Angeh&ouml;rige anderer Republiken der damaligen Sowjetunion. In den Kriegsgr&auml;bern in Deutschland ruhen Menschen aus allen ehemaligen Sowjetrepubliken Seite an Seite. F&uuml;r uns gibt es da keine Unterscheidung nach Nationalit&auml;t &ndash; ob Ukrainer, Belarussen, Kasachen oder andere, sie alle waren Opfer dieses Krieges.<\/p><p>Ukrainische Mitb&uuml;rger, die sich derzeit in Deutschland aufhalten und mit uns gemeinsam gedenken m&ouml;chten, sind jederzeit herzlich willkommen. Wir schlie&szlig;en niemanden aus.<\/p><p>Obwohl wir keine Kontakte zur ukrainischen Botschaft oder anderen ukrainischen Stellen pflegen, gilt unser Gedenken allen gefallenen Soldaten der damaligen Sowjetunion, unabh&auml;ngig von ihrer Nationalit&auml;t.<\/p><p><strong>Wie wird dabei heute der damalige gemeinsame Kampf mit den Alliierten, mit Gro&szlig;britannien, den USA und Frankreich, gesehen, auch angesichts der aktuellen Entwicklung?<\/strong><\/p><p>Wir sind davon &uuml;berzeugt, dass die Erinnerung an die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges nicht davon abh&auml;ngen sollte, was jeweils aktuell politisch geschieht. Das gilt voll und ganz auch f&uuml;r den Beitrag der Alliierten zur Zerschlagung des Nazismus. Wir w&uuml;rden uns freuen, auch Vertreter dieser L&auml;nder zu den geplanten Gedenkveranstaltungen zu begr&uuml;&szlig;en, einschlie&szlig;lich der f&uuml;r den 25. April in Torgau angesetzten Gedenkstunde, die sich dem 80. Jahrestag des &bdquo;Handschlags an der Elbe&ldquo; widmen wird, als sich die sowjetischen und die amerikanischen Truppen dort getroffen haben.<\/p><p><strong>Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass europ&auml;ische Politiker am 9. Mai zu einer alternativen 80-Jahr-Feier in Kiew erwartet werden?<\/strong><\/p><p>Diese Tatsache deutet unweigerlich auf eine Politisierung dieses historischen Gedenktages hin. Ob dies im Sinne einer angemessenen W&uuml;rdigung der Toten geschieht, mag unterschiedlich bewertet werden. Auff&auml;llig ist, dass es europ&auml;ischen Politikern offenbar freisteht, solche Veranstaltungen in Kiew zu besuchen, w&auml;hrend Reisen nach Moskau untersagt werden. Diese Diskrepanz erscheint in der Tat merkw&uuml;rdig und wirft Fragen auf, etwa wie man den Tag des Sieges &uuml;ber den Nazismus in den St&auml;dten begehen kann, wo Stra&szlig;en den Namen von Bandera und anderen nationalsozialistischen Helfershelfern tragen, wo Denkm&auml;ler f&uuml;r sowjetische Helden, die die Ukraine befreit haben, zerst&ouml;rt werden. Eine befremdliche Situation f&uuml;r mich.<\/p><p><strong>In Deutschland wird zunehmend politisch und medial die Erinnerung daran verdr&auml;ngt, dass die Sowjetunion die Hauptlast im Kampf gegen das Deutsche Reich trug und den entscheidenden Anteil am Sieg &uuml;ber den Faschismus hatte. Welche Erkl&auml;rung haben Sie daf&uuml;r, und wie gehen Sie damit um?<\/strong><\/p><p>In der Tat m&uuml;ssen wir es mit einer Verdrehung beziehungsweise Vertuschung von grundlegenden Fakten zu tun haben. Vor allem gilt es f&uuml;r den entscheidenden Beitrag der Roten Armee zur Niederschlagung des Nazismus und f&uuml;r die immensen Opfer, die das Sowjetvolk f&uuml;r den Sieg erbringen musste. Die Frage nach der deutschen Verantwortung wird in den letzten Jahren &uuml;berwiegend in Bezug auf die Verbrechen des Holocaust gestellt. Die erschreckenden Grausamkeiten, die das Dritte Reich und seine Handlanger auf dem Territorium der Sowjetunion w&auml;hrend des Vernichtungskrieges, einschlie&szlig;lich der Leningrader Blockade, begangen haben, w&uuml;rden einige Vertreter aus der deutschen Politik von sich aus lieber nicht ansprechen.<\/p><p>Wir erleben aktuell, wie versucht wird, die sowjetischen Kriegsopfer nach Nationalit&auml;ten einzuteilen. Die Genesis des Zweiten Weltkrieges wird durch die Unterstellung einer vermeintlich &bdquo;gleichen Verantwortung der totalit&auml;ren Regime&ldquo; ersetzt, und die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Nachkriegszeit geht mit den Verweisen auf das angebliche Abl&ouml;sen der einen Diktatur durch die andere einher. Die Vers&ouml;hnung der Nachkriegszeit zwischen den Menschen in unseren L&auml;ndern, die Dankbarkeit gegen&uuml;ber den Sowjetmenschen, die den Hass gegen den einstigen Feind abgelegt haben und dem deutschen Volk die Hand zur Freundschaft reichten sowie Hilfe bei dem Wiederaufbau anboten, l&auml;sst man nun dem Vergessen anheimfallen.<\/p><p>Es ist schlichtweg unm&ouml;glich, &uuml;ber den Umbau von Museumsausstellungen hinwegzusehen, bei dem im Geiste der aktuellen politischen Gegebenheiten ein &bdquo;Umdenken&ldquo; hinsichtlich der heldenhaften Leistungen des Sowjetvolkes stattfindet. Die deutsche Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, ein weiteres Symbol der deutsch-russischen Auss&ouml;hnung, hat k&uuml;rzlich beschlossen, die Mitgliedschaft Russlands und Belarus&lsquo; in ihrem Kuratorium auszusetzen.<\/p><p>Die Versuche, die Geschichte umzuschreiben, das Verdr&auml;ngen der Realit&auml;ten, die die Grundlage f&uuml;r die Nachkriegsordnung bildeten, die r&uuml;ckwirkende Verdrehung von historischen Ereignissen und von deren Kausalit&auml;t in einem f&uuml;r die Russen so sensiblen Bereich wie dem des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges tragen nicht zur Normalisierung der Beziehungen zwischen unseren Staaten und Gesellschaften bei.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den aktuellen politischen Diskussionen zwischen Russland und Deutschland?<\/strong><\/p><p>Der politische Dialog zwischen unseren L&auml;ndern findet de facto nicht statt, die meisten einzigartigen Formate f&uuml;r die vielf&auml;ltigen deutsch-russischen Kooperationen wurden auf Betreiben der deutschen Seite auf Eis gelegt. Das war nicht unsere Entscheidung. Doch leider ist es so, wie es ist.<\/p><p>In den eher seltenen Gespr&auml;chen in verschiedenen Stellen versuchen wir, unsere Positionen zu vermitteln. Unter anderem bringen wir die Hoffnung zum Ausdruck, dass im Jahr des 80. Jahrestages der Befreiung Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus die Beh&ouml;rden vor Ort sich nicht den Menschen in den Weg stellen werden, die der Sowjetsoldaten gedenken wollen, und die Praxis der beleidigenden Verbote aus den letzten Jahren aufgeben, als das Zeigen der Symbole des Sieges und der russischen Staatsflagge bei den Gedenkveranstaltungen zum 8. und 9. Mai untersagt wurde. Wir hoffen, dass wir damit Geh&ouml;r finden, auch in den Bundesl&auml;ndern.<\/p><p><strong>Wie erleben Sie die Reaktionen in der bundesdeutschen Gesellschaft auf diesen Jahrestag?<\/strong><\/p><p>Vertreter lokaler Beh&ouml;rden und Gemeinden, insbesondere in den ostdeutschen Bundesl&auml;ndern, Vereine, einfache deutsche B&uuml;rger sind trotz alledem bereit, russische Delegationen zu gemeinsamen Feierstunden einzuladen und zusammen mit uns an den Gedenkfeiern und anderen von der Botschaft organisierten Veranstaltungen teilzunehmen. Die Erinnerung an die Heldentat der sowjetischen Befreier ist im deutschen Volk immer noch lebendig. Wir sind dankbar f&uuml;r die Bewahrung dieser Erinnerungskultur.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich die totale Verschlechterung des Verh&auml;ltnisses zwischen Deutschland und Russland seit der Rede des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin im Deutschen Bundestag vor nunmehr 24 Jahren? Das hat ja nicht mit dem Konflikt in der Ukraine angefangen.<\/strong><\/p><p>Russland war immer daran interessiert, wirklich gutnachbarliche, partnerschaftliche Beziehungen zu Deutschland zum beiderseitigen Vorteil zu gestalten, und hat daf&uuml;r alles in seiner Macht Stehende getan. Das Verh&auml;ltnis zwischen unseren L&auml;ndern war in vielerlei Hinsicht richtungsweisend f&uuml;r Europa. Gleichzeitig haben wir nat&uuml;rlich damit gerechnet, dass Berlin uns entgegenkommen und unsere grundlegenden Interessen, einschlie&szlig;lich derer im Sicherheitsbereich, ber&uuml;cksichtigen wird.<\/p><p>Auch heute sind wir bereit, mit der neuen Bundesregierung und mit allen legitimen politischen Kr&auml;ften, die das deutsche Volk vertreten, zusammenzuarbeiten. Das Abbrechen der Br&uuml;cken, die Einstellung des Dialogs, die Ausweisungen der Diplomaten, die Schlie&szlig;ung der diplomatischen Vertretungen und der Abbau der Zusammenarbeit sind nicht Teil unserer Politik. Wir werden das neue Bundeskabinett an seinen Taten messen, nicht an der Wahlkampf-Rhetorik. Wir hoffen, dass Berlin die Konsequenzen zieht und die fr&uuml;heren Fehler nicht wiederholt. Es ist f&uuml;r jeden offensichtlich, dass die Politik der &bdquo;Zeitenwende&ldquo; gegen&uuml;ber Russland gescheitert ist. Die Versuche, Russland eine strategische Niederlage auf dem Schlachtfeld zuzuf&uuml;gen, unser Land von innen zu destabilisieren und mit Sanktionen zu strangulieren, unsere Wirtschaft zu zerfetzen &ndash; all das funktioniert nicht. Russlands Interessen m&uuml;ssen ber&uuml;cksichtigt werden, besser fr&uuml;her als sp&auml;ter. Nach unserer Beobachtung gibt es in der deutschen Gesellschaft ein wachsendes Verlangen nach einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie sich vorstellen, dass die deutsche Diplomatie in der Lage ist, eine vermittelnde Rolle im Krieg in der Ukraine zu spielen?<\/strong><\/p><p>Bisher sind solche Bem&uuml;hungen &ouml;ffentlich kaum wahrnehmbar. Stattdessen dominiert in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung oft die Forderung, die Ukraine m&uuml;sse aus einer Position der St&auml;rke agieren, Russland eine strategische Niederlage erleiden, die russische Wirtschaft durch Sanktionen zerr&uuml;ttet und Langstreckenwaffen f&uuml;r Angriffe auf russisches Territorium geliefert werden.<\/p><p>Die kolportierten, teils alarmierenden Zukunftsszenarien &ndash; wie ein angeblich geplanter Krieg gegen Deutschland &ndash; entbehren jeglicher Grundlage und scheinen reine Spekulation zu sein.<\/p><p>Im Gegensatz zu den Initiativen anderer internationaler Akteure, wie den Friedensbem&uuml;hungen Chinas, Brasiliens und afrikanischer Staaten, sind Friedenspl&auml;ne oder konkrete Versuche einer friedlichen Konfliktl&ouml;sung aus Berlin bislang nicht &ouml;ffentlich geworden.<\/p><p>Bemerkenswert ist in diesem Kontext der auffallende Unterschied zur neuen US-Administration, von der Signale zu h&ouml;ren sind, die wenigstens ein Bem&uuml;hen um das Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Sicherheitsinteressen Russlands und um die Entwicklung von Friedensvorschl&auml;gen erkennen lassen, die &uuml;ber eine reine Waffenpause hinausgehen und einen dauerhaften Frieden anstreben. Solche &Auml;u&szlig;erungen sind aus Europa derzeit kaum vernehmbar.<\/p><p><strong>Wie kann man junge Menschen f&uuml;r die Geschichte des Zweiten Weltkriegs sensibilisieren und ihnen die Bedeutung von Frieden und V&ouml;lkerverst&auml;ndigung vermitteln?<\/strong><\/p><p>Zu diesem Zweck ist es vor allem erforderlich, die Fakten sorgf&auml;ltig zu behandeln und die Kausalit&auml;t des einen oder anderen Abschnitts der modernen Geschichte ehrlich darzustellen. Dann werden auch die Schlussfolgerungen daraus richtig sein.<\/p><p><strong>Ein Blick in die Gegenwart: In einer wahren Welle der Hysterie verbreiten bundesdeutsche Politiker, Medienvertreter und auch Historiker ausgerechnet 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Angst und Panik vor einem angeblich russischen Angriff in den n&auml;chsten Jahren. Nun hat der mutma&szlig;lich k&uuml;nftige Kanzler gesagt, dass die Lieferung der Taurus-Raketen der n&auml;chste Schritt f&uuml;r die Ukraine sein k&ouml;nnte, um die Krim-Br&uuml;cke anzugreifen. Wie wird das bewertet? Wo ist die rote Linie?<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte Ihre Definition f&uuml;r dieses Ph&auml;nomen nicht bestreiten. Die Angst vor einem angeblich unvermeidlichen russischen Angriff auf einen NATO-Mitgliedstaat wird von einigen Politikern und Medien auf v&ouml;llig k&uuml;nstliche Weise gesch&uuml;rt. Diese Rhetorik entbehrt jeder Grundlage. Der Pr&auml;sident der Russischen F&ouml;deration hat wiederholt &ouml;ffentlich auf die Absurdit&auml;t eines solchen Szenarios hingewiesen. Wir haben keinen Grund, in einen Krieg gegen Deutschland oder andere NATO-Mitgliedsl&auml;nder zu ziehen, mit einer Ausnahme: Sofern Russland selbst nicht angegriffen und sein Existenzrecht nicht in Frage gestellt wird. Man muss sich aber dar&uuml;ber im Klaren sein, dass wir in diesem Fall &ndash; wie schon oft in der Geschichte &ndash; f&uuml;r die Verteidigung unserer Heimat bis zum Ende gehen werden. Will etwa jemand, dass ein regionaler Konflikt zu einem dritten Weltkrieg eskaliert und in einen globalen Atomkonflikt m&uuml;ndet? Wer also &uuml;ber das Thema &bdquo;baldiger Krieg&ldquo; mit Russland leichtsinnig spekuliert, treibt ein sehr gef&auml;hrliches und unverantwortliches Spiel. Wir verurteilen diese Demagogie aufs Sch&auml;rfste. Die &Uuml;bergewinne der R&uuml;stungskonzerne sind es nicht wert, die Welt an den Rand einer Katastrophe zu bringen.<\/p><p><strong>Was k&ouml;nnen aus Ihrer Sicht die Menschen in Deutschland tun, um an den Tag der Befreiung zu erinnern und der Opfer, auch vor allem der sowjetischen, zu gedenken?<\/strong><\/p><p>Deutsche B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sind herzlich eingeladen, zu unseren Veranstaltungen zu kommen und gemeinsam mit uns der sowjetischen Befreier zu gedenken. Wir freuen uns auf jeden, der Interesse hat.<\/p><p><strong>Herr Botschafter, vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><em>Das Interview wurde am 17. April 2025 gef&uuml;hrt.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Russlands Botschafter in Deutschland, Sergej J. Netschajew<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132006\">&bdquo;Mit Sicherheitskr&auml;ften&ldquo; &ndash; Russischem Botschafter wird Rausschmiss von Gedenkveranstaltung im KZ Sachsenhausen angedroht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131347\">&bdquo;Russen-Botschafter&ldquo; &ndash; Dokument journalistischer Verwahrlosung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131489\">Die fragw&uuml;rdige Begr&uuml;ndung des Ausw&auml;rtigen Amts f&uuml;r Ausladung russischer Diplomaten vom Gedenken an den 8. Mai<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121160\">Exklusiv-Beitrag von Botschafter a. D. 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