{"id":13227,"date":"2012-05-14T15:58:08","date_gmt":"2012-05-14T13:58:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13227"},"modified":"2019-07-05T11:13:18","modified_gmt":"2019-07-05T09:13:18","slug":"wahlen-in-griechenland-klientelsystem-am-ende-koalition-der-radikalen-linken-der-wahlgewinner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13227","title":{"rendered":"Wahlen in Griechenland: Klientelsystem am Ende &#8211; Koalition der radikalen Linken der Wahlgewinner"},"content":{"rendered":"<p>Das Ergebnis der griechischen Parlamentswahlen vom 6. Mai kommt einem politischen Erdrutsch gleich. Vergleichbares hat es in der Parteienlandschaft eines europ&auml;ischen Staats nach 1945 nicht gegeben. Denn handelt es nicht lediglich um den &bdquo;Erdrutschsieg&ldquo; einer bestimmten Partei. Abgerutscht ist vielmehr ein seit 60 Jahren (mehr oder weniger) funktionierendes politisches System, das auf der Konkurrenz und dem Wechsel zwei gro&szlig;er &bdquo;Lager&ldquo; basierte, die seit 1981 durch die rechte Nea Dimokratia (ND)und die linke Pasok repr&auml;sentiert wurden. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nEin Erdrutsch planiert die alten Strukturen, baut aber nichts Neues auf. In Griechenland haben &bdquo;die W&auml;hler&ldquo; (die es als bewusst entscheidendes Kollektiv nat&uuml;rlich nie gibt) begonnen, die morschen Strukturen der alten Parteien abzurei&szlig;en. Doch eine dominierende neue Kraft hat sich nach ihrer Strafaktion gegen die beiden alten Systemparteien (noch) nicht herausgebildet. Vor allem ist noch keine neue Gesamtstruktur, keine integrierende Willensrichtung der Gesamtgesellschaft sichtbar. <\/p><p>Klar ist nur, dass das traditionelle Klientelsystem als Wurzelgrund des alten Parteinsystems am Ende ist. Und zwar aus schlichtem Geldmangel: Wenn ein Staat bankrott ist, hat er nichts mehr zu verteilen und ganze W&auml;hlergruppen sehen keinen Grund mehr, ihre alte Partei zu unterst&uuml;tzen. Das muss man im Kopf behalten, wenn man die dramatischen Wahlresultate f&uuml;r die ND und die Pasok verstehen will. An dieser Stelle brauche ich auf diesen zentralen Aspekt nicht n&auml;her einzugehen; mehr dazu habe ich in der neusten Ausgabe der Le Monde diplomatique geschrieben (nachzulesen auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13215\">NachDenkSeiten vom letzten Freitag<\/a>). Hier will ich zun&auml;chst einen genaueren Blick auf die neue Parteienlandschaft werfen.<\/p><p>Was der Erdrutsch vom 6. Mai hinterlassen hat, ist zun&auml;chst eine zerkl&uuml;ftete W&auml;hlerlandschaft, mit mehr Parteien als zuvor, von denen es sieben (statt zuvor f&uuml;nf) ins Parlament geschafft haben. Dabei haben nicht nur die schon bestehenden, aber bislang marginalisierten Parteien gewonnen, sondern auch neu gegr&uuml;ndete Abspaltungen von der Mitte, also auf Kosten der Mitterechtspartei Nea Dimokratia und der Mittelinkspartei Pasok. Dieser &bdquo;Systemblock&ldquo;, das Zentrum des alten Systems, ist nachgerade erodiert: Beide Parteien zusammen kamen am 6. Mai nur noch auf 32 Prozent der W&auml;hlerstimmen. Zum Vergleich: Bei den Wahlen vom Oktober 2009 waren es noch 77,4, 2007 noch 79,9, in den beiden Wahlen davor (2004 und 2000) jeweils rund 86 Prozent. <\/p><p>Die weitaus gr&ouml;&szlig;eren Verluste musste dabei die Pasok hinnehmen. Sie st&uuml;rzte von knapp 44 Prozent (2009) auf 13, 2 ab, konnte also nur noch 30 Prozent ihres W&auml;hlerbestands halten. Die ND erzielte 18,8 Prozent, was immerhin noch 56 Prozent ihres W&auml;hlerbestands von 2009 (33,5 Prozent) entspricht. Dass die Pasok st&auml;rker gerupft wurde, erkl&auml;rt sich einesteils daraus, dass nach dem Wahlsieg von 2009 die Fallh&ouml;he einfach gr&ouml;&szlig;er war. Wichtiger ist jedoch, dass der Wahlsieg von 2009 f&uuml;r die Pasok sich auch in anderer Hinsicht als vergiftetes Geschenk erwiesen hat: Sie stand vor einem desastr&ouml;sen Zustand der &ouml;ffentlichen Finanzen, die ihren Wahlslogan &bdquo;Geld ist da&ldquo; nachtr&auml;glich zur Farce machte &ndash; an das sie im Wahlkampf 2012 h&ouml;hnisch erinnert wurde. In der Folge war die Regierung Papandreou &ndash; und danach die Regierung Papadimos unter Beteiligung der Pasok &ndash; daf&uuml;r verantwortlich, den Griechen die bittere Medizin der Sparpolitik zu verabreichen. Deshalb bekam sie die Verbitterung ihres Wahlanhangs am st&auml;rksten zu sp&uuml;ren. <\/p><p>Weit st&auml;rker jedenfalls als die ND, die f&uuml;r das gigantische Loch, das sich ausgerechnet zu Beginn der Finanzkrise in der griechischen Staatskasse vorfand, eine viel gr&ouml;&szlig;ere Verantwortung tr&auml;gt als die Pasok-Regierungen davor. Ich zitiere dazu ausnahmsweise aus meinem (oben erw&auml;hnten) Le Monde diplomatique-Artikel: Es war die ND- Regierung von Kostas Karamanlis, die &bdquo;das j&auml;hrliche Staatsdefizit von 2004 bis 2009 von 3,5 auf 15,4 Prozent (gemessen am BIP) in die H&ouml;he getrieben und allein im Wahljahr 2009 das Haushaltsloch um weitere 10 Milliarden Euro vergr&ouml;&szlig;ert hat. Zum Beispiel durch Ausgaben f&uuml;r 40 000 neue Stellen f&uuml;r die eigene Klientel und durch die Anweisung an die Finanz&auml;mter, die betuchten Steuerpflichtigen unbehelligt zu lassen. &Uuml;ber diesen Skandal im Skandal h&ouml;rte man von der konservativ-patriotischen ND im Wahlkampf 2012 kein Wort der Selbstkritik.&ldquo; <\/p><p>Obwohl die Verluste der ND prozentual geringer waren als die der Pasok, hat das Wahlresultat der konservativen Partei und ihrem Vorsitzenden Antonis Samaras den gr&ouml;&szlig;eren Schock versetzt. Der neue Pasok-Chef Venizelos und seine Umgebung waren auf das Desaster vorbereitet, noch im M&auml;rz hatte die Partei bei Umfragen deutlich unter 10 Prozent gelegen, was sie vor allem der Unbeliebtheit von Papandreou verdankte. Man hatte zwar auf einen Stimmenanteil von &uuml;ber 15 Prozent gehofft, aber die erzielten 13 Prozent lagen innerhalb des Rahmens, wenn auch am unteren Rand der realistischen Bef&uuml;rchtungen. Anders bei der ND, die noch in der Endphase des Wahlkampfs das Ziel beschwor, die absolute Mehrheit im Parlament zu erringen, wozu mindestens 37-38 Prozent der W&auml;hlerstimmen erforderlich gewesen w&auml;ren. Das best-case-Szenario der Parteif&uuml;hrung ging (nach einem Bericht in Ta Nea vom 4. Mai) von weit &uuml;ber 30 Prozent aus; als anst&auml;ndiges Ergebnis h&auml;tte man &uuml;ber 25 Prozent gewertet, unter 25 Prozent dagegen als Entt&auml;uschung. Das tats&auml;chliche Resultat von unter 20 Prozent kam f&uuml;r die ND-F&uuml;hrung also weit unerwarteter als die 13,2 Prozent f&uuml;r die Pasok.<\/p><p>Der Optimismus der ND ist etwas r&auml;tselhaft, wenn man sich die letzten ver&ouml;ffentlichten Umfragen von den Wahlen vom 6. Mai ansieht (die ich  in meinem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13066\">Vorwahlbeitrag vom 2. Mai zitiert habe<\/a>). Nimmt man den Durchschnitt der sechs Umfragen (von verschiedenen Instituten), die vor dem 20.April gemacht wurden, kommt man f&uuml;r die ND auf 20,1, f&uuml;r die Pasok auf 15,7 Prozent. Da zu diesem Zeitpunkt der Anteil der unentschiedenen W&auml;hler noch bei 25 Prozent lag, haben die ND-Wahlanalytiker offenbar damit gerechnet, dass ein Gro&szlig;teil der zaudernden W&auml;hler am Ende doch die konservative Systempartei w&auml;hlt. Wie das Wahlresultat zeigt, hat die ND die Abdrift ihrer Stammw&auml;hler nach rechts stark untersch&auml;tzt. Das f&uuml;hrt uns zu der Frage, zu welchen Parteien die W&auml;hler der beiden Systemparteien abgewandert sind.<\/p><p>Im Fall der ND ist das leicht zu beantworten. Hauptauffangbecken unzufriedener ND-Anh&auml;nger war die erst im M&auml;rz gegr&uuml;ndete Partei der &bdquo;Unabh&auml;ngigen Hellenen&ldquo; (AE wie &bdquo;Anexartiti Hellines&ldquo;). Da diese Gruppierung in der neuen Parteienlandschaft eine Schl&uuml;sselposition einnimmt, sei sie etwas ausf&uuml;hrlicher dargestellt. Kopf und Gr&uuml;nder der AE ist der ehemalige ND-Abgeordnete Panos Kammenos, der sich schon seit einigen Jahren bei vielen (meist patriotischen, aber auch sozialen) Themen innerhalb der ND-Fraktion als Dissident profiliert hat. Als er im November 2011 gegen die Regierung Papadimos stimmte, die von der ND mitgetragen wurde, provozierte er damit den Ausschluss aus der Fraktion. Als er dann am 13. Februar 2012 auch gegen das zweite &bdquo;Rettungspaket&ldquo; der Troika (das sog. Memorandum 2) stimmte, wurde er auch aus der Partei ausgeschlossen. Daraufhin gr&uuml;ndete Kammenos (mit einem Teil der 20 ND-Parlamentarier, die ebenfalls gegen das Memo 2 gestimmt hatten), die Partei der Unabh&auml;ngigen Hellenen. Mit ihrem Slogan &bdquo;Wir sind Viele, wir sind unabh&auml;ngig, wir sind Griechen&ldquo; ist das populistische Profil dieser rechten &bdquo;Bewegungspartei&ldquo; klar ausgedr&uuml;ckt. Entsprechend patriotisch artikuliert sie ihre Opposition gegen die Sparprogramme, die sie vor allem als Diktat &bdquo;der Deutschen&ldquo; und als Instrument einer neuen &bdquo;Besatzungsmacht&ldquo; darstellt. <\/p><p>Extrem nationalistisch artikuliert sich Kammenos in au&szlig;enpolitischen Fragen (mit feindlichen bis aggressiven T&ouml;nen gegen&uuml;ber der T&uuml;rkei und dem n&ouml;rdlichen Nachbarn, der Republik Mazedonien) und vor allem zum Thema der illegalen Immigration, bei dem er rabiat fremdenfeindliche bis rassistische T&ouml;ne anschl&auml;gt. Was die Finanz- und Wirtschaftspolitik betrifft, so haben die Unabh&auml;ngigen Hellenen ein ausgepr&auml;gt neoliberales Programm, das auf drastische Steuersenkungen setzt (mit einem Spitzensatz f&uuml;r Gro&szlig;verdiener, der mit 25 Prozent noch niedriger liegt als von der ND gefordert). <\/p><p>Dieses patriotisch-fremdenfeindlich-neoliberale Programm der Kammenos-Partei konnte alle alten ND-W&auml;hler ansprechen, die Samaras und seine Partei f&uuml;r ihre Unterst&uuml;tzung der Regierung Papadimos und ihre Zustimmung zum zweiten Sparprogramm abstrafen wollten. Mit ihren Parolen gegen die &bdquo;Memorandums-Politik&ldquo; hat sich die AE auf einen Schlag als fl&auml;chendeckende Rechtspartei jenseits der ND etabliert: In ganz Griechenland konnte sie etwa ein Drittel des konservativen W&auml;hlerpotentials absch&ouml;pfen, und dabei sogar eine Kette von &bdquo;Hochburgen&ldquo; aufbauen: In den meisten Wahlbezirken des Nordens entlang der griechischen Grenze (zu Albanien, Mazedonien, Bulgarien und der T&uuml;rkei) lag die Partei um 2-5 Prozent &uuml;ber ihrem nationalen Durchschnitt, was sie vor allem ihrer Parolen gegen die &bdquo;Migrantenflut&ldquo; verdankt. <\/p><p>Eine weitaus geringere Rolle f&uuml;r die Erkl&auml;rung der ND-Verluste spielt die Abwanderung zu der Neonazi-Partei Chysi Avghi, die ihren Wahlerfolg v.a. ehemaligen W&auml;hlern der rechtsradikalen Laos verdankt. Ganz allgemein aber schw&auml;cht die Herausbildung eines differenzierten rechten Milieus jenseits der Nea Dimokratia (mit den populistischen Parteien AE und Laos und den Faschisten) die Aussichten der konservativen Stammpartei, die gewohnte Dominanz auf der griechischen Rechten in den n&auml;chsten Wahlen zur&uuml;ck zu gewinnen.<\/p><p>Die ehemaligen Pasok-W&auml;hler, die ihre alte politische Heimat verlassen haben, sind &uuml;berwiegend zu einer Partei gewandert, die sich schon immer als die linke Konkurrenz zur &bdquo;linken Volkspartei&ldquo; Pasok angeboten hat. Dagegen konnten die Gruppierungen von Pasok-Dissidenten &ndash; anders als die Kammenos-Truppe &ndash; von der Auszehrung ihrer alten Partei kaum profitieren (die Partei von Luka Katseli, der fr&uuml;heren Wirtschaftsministerin unter Papandreou, erreichte nicht einmal ein Prozent). Die gro&szlig;e Masse der entt&auml;uschten Pasok-W&auml;hler blieb entweder zu Hause oder ging mit fliegenden Fahnen zur Syriza &uuml;ber. Diese &bdquo;Koalition der radikalen Linken&ldquo; ist der eigentliche Wahlgewinner. Deshalb lohnt es sich, ihre Erfolge &ndash; und ihr politisches Profil &ndash; n&auml;her zu betrachten. <\/p><p>Die letzten Umfragen vor den Wahlen hatten der Syriza ein Resultat zwischen 8 und 11 Prozent (Durchschnitt: 9,3 Prozent) der abgegebenen Stimmen prophezeit. Damit lagen sie &ndash; anders als bei den Prognosen f&uuml;r ND und Pasok &ndash; voll daneben. Die Linkssozialisten erreichten mit 16,8 Prozent ein Resultat, mit dem sie selbst nicht gerechnet hatten und das sie, entgegen der Prognosen, zur zweitst&auml;rksten Partei hinter der ND und vor der Pasok machte. Gegen&uuml;ber ihren 4,6 Prozent bei den Wahlen von 2009 hat die Syriza damit um mehr als das Dreifache zugelegt.<\/p><p>Noch bemerkenswerter als der &bdquo;Sieg &uuml;ber die Pasok&ldquo; ist die Dominanz der Syriza in den st&auml;dtischen Ballungsgebieten. Sie wurde nicht nur st&auml;rkste Partei in Athen, Pir&auml;us, Attika, Zentrum von Thessaloniki, sie &uuml;berholte die beiden Systemparteien auch in St&auml;dten wie Patras, Chania (Kreta) und Xanthi (Thrazien), oder auf Inseln wie Kerkyra (Korfu) und Kefallonia wie auch auf den Kykladen. Zwar blieb die ND in den meisten Provinzen noch st&auml;rkste Partei, doch auch auf dem flachen Lande zog die Syriza fast &uuml;berall (bis auf Kreta) an der Pasok vorbei. <\/p><p>Der enorme W&auml;hlerzuwachs der Syriza speist sich vor allem aus zwei Quellen. Zum einen konnte sie frustrierte Pasok-W&auml;hler gewinnen, die mit der Stimme f&uuml;r die &bdquo;Anti-Memorandums&ldquo;-Partei ihre alte Partei f&uuml;r deren Sparpolitik und &bdquo;Kollaboration&ldquo; mit der Troika bestrafen wollten. Zum anderen konnte sie ehemalige KKE-W&auml;hler &uuml;berzeugen, die mit ihrer eigenen Parteif&uuml;hrung &ndash; und deren steriler Anti-Euro-Propaganda &ndash; nicht einverstanden sind und den Syriza-Vorsitzenden Alexis Tsipras als eine Figur sehen, die &uuml;berzeugender und erfolgreicher f&uuml;r ein B&uuml;ndnis der linken Memorandums-Kr&auml;fte eintritt. <\/p><p>Wie viele W&auml;hler die Syriza der KKE abspenstig machen konnte, ist schwer zu ermessen. Tsipras selbst h&auml;lt sich parteiintern zugute, dass er vor allem viele junge Linksw&auml;hler und sogar jugendliche Parteikommunisten f&uuml;r die Koalition der Linkssozialisten gewinnen konnte. Aus seiner Sicht hat sich damit ausgezahlt, dass er im Wahlkampf beharrlich auf ein &bdquo;linkes B&uuml;ndnis&ldquo; mit der KKE (und der linkssozialdemokratischen DIMAR) dr&auml;ngte, das von der kommunistischen Parteif&uuml;hrung ebenso beharrlich abgelehnt wurde. <\/p><p>Quantitativ wichtiger als die ehemaligen KKE-W&auml;hler, waren f&uuml;r den Erfolg der Syriza gleichwohl die entt&auml;uschten Pasok-Anh&auml;nger, die nicht aus dem proletarischen Milieu stammen (wie die traditionellen KKE-Anh&auml;nger) sondern eher aus der vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschicht. In vielen Wahlanalysen griechischer Medien wurde deshalb hervorgehoben, dass die Syriza es geschafft hat, die Bewegung der &bdquo;Emp&ouml;rten&ldquo; zu beerben, die im letzten Fr&uuml;hjahr in den griechischen Gro&szlig;st&auml;dten auf die Stra&szlig;e gegangen war, sich aber innerhalb weniger Wochen wieder verlaufen hatte. Diese Emp&ouml;rten sind damit aber keineswegs verschwunden, wie das Wahlergebnis gezeigt hat. Ein unerwartet gro&szlig;er Teil ihrer Stimmen gingen an die Syriza (ein kleinerer Teil an den Rechtspopulisten Kammenos und an die linkssozialdemokratische DIMAR).<\/p><p>Diese W&auml;hlerbewegungen erkl&auml;ren noch nicht die Differenz zwischen den Prognosen f&uuml;r die Syriza und ihrem tats&auml;chlichen Erfolg vom 6. Mai. Die Wahlforscher werden hier noch einiges zutage f&ouml;rdern. Als sicher kann aber jetzt schon gelten, dass Tsipras und seine Partei in den letzten zwei Wochen vor dem Urnengang mindestens zwei effektive &bdquo;Wahlhelfer&ldquo; gewonnen haben. Der eine hei&szlig;t Francois Hollande. Der Sieg des Sozialisten im ersten Wahlgang um das franz&ouml;sische Pr&auml;sidentenamt verlieh der Kampagne der Syriza einen fast physisch sp&uuml;rbaren &bdquo;zweiten Atem&ldquo;. Die Kritik von Hollande an dem auf Sparen reduzierten Krisenkonzept made in Berlin und die Aussicht auf ein Ende der &Auml;ra Merkozy waren seit dem 23. April ein hei&szlig; diskutiertes Thema, das den griechischen Wahlkampf unmittelbar beeinflusst hat &ndash; und besonders diejenigen W&auml;hler, die noch zwischen der Pasok und der Syriza schwankten. Denn auf einmal klang die zentrale Forderung von Tsipras, die &bdquo;Memorandum-Politik&ldquo; einseitig aufzuk&uuml;ndigen, nicht mehr v&ouml;llig utopisch. Unter ver&auml;nderten realpolitischen Bedingungen, die sich in Frankreich abzeichneten, schien es immerhin m&ouml;glich, das &bdquo;barbarische&ldquo; (so Tsipras) und kontraproduktive Sparprogramm der Troika neu zu verhandeln. <\/p><p>Der Faktor Hollande d&uuml;rfte der Syriza in der letzten Wahlkampfphase zwei bis drei Prozent gebracht haben. Ein zweiter Wahlhelfer hat wohl nicht ganz so viel, aber immer noch erheblich zum Wahlerfolg der Linkssozialisten beigetragen. Er hei&szlig;t Wolfgang Sch&auml;uble, dessen &Auml;u&szlig;erungen vom 4. Mai in den griechischen Medien breit dokumentiert und kommentiert wurden. Zwei Tage vor den Wahlen erkl&auml;rte Sch&auml;uble in K&ouml;ln an die Adresse der Griechen, wenn sie &bdquo;bei der Wahl am Sonntag eine Mehrheit w&auml;hlen sollten, die nicht zu den Vereinbarungen steht, werde Griechenland die Folgen zu tragen haben&ldquo;. Er warnte dabei explizit vor der Wahl von &bdquo;radikalen Parteien&ldquo;, die die griechischen Verpflichtungen nicht akzeptieren wollten (zitiert nach <a href=\"http:\/\/206.132.6.112\/article\/worldNews\/idDEBEE84308220120504\">Reuters-Meldung<\/a>)<\/p><p>Die &Auml;u&szlig;erung Sch&auml;ubles ging weit &uuml;ber eine Kommentierung der griechischen Situation aus deutscher Sicht hinaus, die zwei Tage vor den Wahlen ohnehin ein Tabu sein m&uuml;sste. In dieser unverh&uuml;llten Form konnte sie von den griechischen W&auml;hlern nur als illegitime Einmischung eines ausl&auml;ndischen Politikers empfunden werden. Als solche erlangte sie breite Publizit&auml;t in den Fernseh-Nachrichten. Bei vielen Sendern wurde sie am Samstag vor den Wahlen (an dem sich kein griechischer Politiker mehr &ouml;ffentlich &auml;u&szlig;ern darf) zum ersten Thema und zum Gegenstand bei&szlig;ender Kritik. <\/p><p>Konnten, sollten, mussten Sch&auml;uble und seine Berater diesen Effekt nicht bedenken? Man muss kein Schelm sein, um bei dieser Frage auf b&ouml;se Gedanken zu kommen. Ein intelligenter Stratege wie der deutsche Finanzminister wei&szlig; zweifellos zu kalkulieren, was er wann zu den griechischen W&auml;hlern sagen muss, um deren Emp&ouml;rung &uuml;ber &bdquo;die Deutschen&ldquo; und &bdquo;das Diktat der Troika&ldquo; weiter anzuheizen. Da sich Sch&auml;uble gerade in den letzten Wochen als gr&ouml;&szlig;ter Zweifler an der griechischen &bdquo;Euro-W&uuml;rdigkeit&ldquo; profiliert hat, dr&auml;ngt sich der Eindruck auf, dass er ganz bewusst eine W&auml;hlerstimmung verst&auml;rken wollte, die nach seinem Kalk&uuml;l den Austritt Griechenlands aus der Eurozone wahrscheinlicher macht. <\/p><p>Wie kann die Syriza das W&auml;hlervotum umsetzen, dass sie zum Schl&uuml;sselfaktor bei der Bildung einer griechischen Regierung gemacht hat? An dieser Stelle ist an das Dilemma zu erinnern, vor dem nicht nur der Wahlsieger Syriza steht, sondern die gesamte politische Klasse und vor allem die griechische Gesellschaft (siehe dazu meinen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12355\">Beitrag vom 27. Februar<\/a>).<\/p><p>Das Sparprogramm ist zu hart und hat die griechische Wirtschaft vollends abgew&uuml;rgt. Dieses kontraproduktive Programm muss revidiert im Sinne von: gemildert und\/oder gestreckt werden und ist unbedingt durch ein Wachstumsprogramm zu erg&auml;nzen (Stichwort: Marshallplan). Allerdings braucht man f&uuml;r eine Revision des Memorandums-Politik mittels Verhandlungen bereitwillige Verhandlungspartner auf Seiten der Troika und v.a. der EU. Diese Partner sind derzeit noch nicht sichtbar bzw. nicht stark genug. Andererseits droht bei einseitiger Aufk&uuml;ndigung des Memorandums durch Griechenland der Ausfall der zugesagten Kreditlinien aus dem ESFS-Fonds, damit aber in letzter Konsequenz (oder sogar noch diesen Sommer) ein unkontrollierter Staatsbankrott und das zwangsl&auml;ufige Ausscheiden aus der Eurozone.<\/p><p>Dieses unaufl&ouml;sbar scheinende Dilemma ist auch in der &ouml;ffentlichen Meinung des Landes abgebildet. <\/p><ul>\n<li>Einerseits haben die Wahlen  gezeigt, dass mindestens 70 Prozent der W&auml;hler gegen die Sparpolitik gestimmt haben (wobei unterstellt ist, dass ein Teil der 35 Prozent Nichtw&auml;hler das Memorandum ebenfalls missbilligen);<\/li>\n<li>Andererseits zeigt die erste Meinungsumfrage nach den Wahlen (dokumentiert in To Vima vom 13. Mai), dass 78 Prozent der Griechen eine Regierung will, die &bdquo;alles tut, um im Euro zu bleiben&ldquo;. Nach dieser Umfrage sind nur 13 Prozent f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zur Drachme, das sind weniger als je zuvor.<\/li>\n<\/ul><p>Wenn es also &uuml;berhaupt einen &bdquo;griechischen Gesamtw&auml;hlerwillen&ldquo; gibt, so w&uuml;nscht der eine Regierung, die unbedingt am Euro festh&auml;lt, zugleich aber das Memorandum abschafft. Eine solche Regierung wird es nicht geben. Sie ist weder nach dem Wahlresultat m&ouml;glich, noch entspricht sie der aktuellen Realit&auml;t jenseits von Griechenland (was nat&uuml;rlich noch gravierender ist). <\/p><p>Der  Kommentator Nick Malkoutzis hat das Dilemma, das die Wahlen best&auml;tigt und aufgezeigt haben, plastisch beschrieben (Kathimerini vom 9. Mai): <\/p><blockquote><p>&ldquo;Griechenland versucht einen Multiple-Choice-Test zu bestehen, bei dem die Antworten in allen K&auml;stchen falsch sind.&ldquo; Das Ergebnis der Wahlen sei derart fragmentiert, dass kein W&auml;hler damit gl&uuml;cklich sein kann: &bdquo;Wie immer er die Zahlen addiert, er bekommt nie das Ergebnis, das er sich gew&uuml;nscht hat.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Konkret: Da es eine parlamentarische Mehrheit weder f&uuml;r eine linke Koalition der Memorandums-Gegner und Euro-Freunde (Syriza, DIMAR) noch f&uuml;r eine Koalition der euro-freundlichen Memorandums-Parteien gibt (ND, Pasok), wird es eine Mehrheitsregierung nur geben, wenn eine oder beide euro-freundlichen Anti-Memorandum-Parteien sich auf einen &bdquo;historischen Kompromiss&ldquo; mit den im Wahlkampf besiegten Gegnern ND und Pasok einlassen. <\/p><p>Danach sieht es am heutigen Tag nicht aus. Zwar hat die DIMAR in den Verhandlungen mit Pr&auml;sident Papoulias eine gewisse Flexibilit&auml;t angedeutet. Aber sie will sich dem Vorwurf eines &bdquo;Verrats&ldquo; ihrer W&auml;hler nicht aussetzen, wenn nicht auch die Syriza mitmacht. Die aber scheint nicht bereit, eine Regierung der &bdquo;nationalen Rettung&ldquo; zu erm&ouml;glichen, die ihr Vorsitzender Tsipras bereits mit der Begr&uuml;ndung abgelehnt, eine solche Regierung sei keine &bdquo;Koalition&ldquo;, sondern eine Aufforderung zur &bdquo;Komplizenschaft&ldquo;. Als Hauptgrund f&uuml;r die Haltung der Syriza nennen die Athener Medien heute die Entschlossenheit der Parteif&uuml;hrung, Neuwahlen anzustreben, in der sie zur st&auml;rksten Partei werden k&ouml;nnte. <\/p><p>Eine endg&uuml;ltige Entscheidung &uuml;ber Neuwahlen ist aber noch nicht gefallen. Sie wird nach einem letzten Gespr&auml;ch erwartet, zu dem Staatspr&auml;sident Papoulias die vier Parteien seiner Wunschkoalition (ND, Pasok, DIMAR, Syriza) eingeladen hat. Deshalb werde ich meine Analyse erst morgen fortsetzen und abrunden k&ouml;nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ergebnis der griechischen Parlamentswahlen vom 6. Mai kommt einem politischen Erdrutsch gleich. Vergleichbares hat es in der Parteienlandschaft eines europ&auml;ischen Staats nach 1945 nicht gegeben. Denn handelt es nicht lediglich um den &bdquo;Erdrutschsieg&ldquo; einer bestimmten Partei. Abgerutscht ist vielmehr ein seit 60 Jahren (mehr oder weniger) funktionierendes politisches System, das auf der Konkurrenz und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13227\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,173,190],"tags":[423,717,653,1224],"class_list":["post-13227","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-griechenland","category-wahlen","tag-austeritaetspolitik","tag-nea-dimokratia","tag-pasok","tag-syriza"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13227"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53116,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13227\/revisions\/53116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}