{"id":132364,"date":"2025-05-02T09:00:25","date_gmt":"2025-05-02T07:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132364"},"modified":"2025-05-02T09:23:26","modified_gmt":"2025-05-02T07:23:26","slug":"von-saigon-ueber-kabul-nach-kiew","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132364","title":{"rendered":"Von Saigon \u00fcber Kabul nach Kiew"},"content":{"rendered":"<p>Das Scheitern der Supermacht USA heute vor 50 Jahren in Vietnam wird r&uuml;ckblickend als der letzte Triumph des Kommunismus im 20. Jahrhundert bezeichnet. Viel eher stellt dieses Ereignis aber den Beginn einer Reihe des Scheiterns geostrategischer Entw&uuml;rfe Washingtons dar, die von Saigon 1975 &uuml;ber Kabul 2021 bis nach Kiew in der Gegenwart f&uuml;hren. Von <strong>Ramon Schack<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 30. April vor einem halben Jahrhundert nahmen nordvietnamesische Truppen Saigon ein. Die Eroberung der Hauptstadt S&uuml;dvietnams markierte das offizielle Ende des 20 Jahre langen Krieges in dem s&uuml;dostasiatischen Land. F&uuml;r die Vereinigten Staaten wurde Vietnam zum Debakel, nicht nur auf milit&auml;rischer Ebene. Das Image der Supermacht, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen ph&auml;nomenalen Aufstieg erlebt hatte, nahm erheblichen Schaden. &bdquo;Alle auf die Stra&szlig;e, rot ist der Mai! Alle auf die Stra&szlig;e, Saigon ist frei!&rdquo; riefen damals die Studenten der &uuml;bersch&auml;tzen 68er-Bewegung in Westberlin und Frankfurt am Main, von denen heute viele als saturierte Politstrategen kriegstreiberisch agieren.<\/p><p><strong>Flucht aus Saigon<\/strong><\/p><p>Die Bilder der Flucht aus Saigon machten das Ende April 1975 noch einmal deutlich. Auch nach einem halben Jahrhundert liegen die Schatten des Krieges noch immer &uuml;ber dem Land.<\/p><p>Wei&szlig;e Weihnachten im April, flankiert von tropischer Hitze &ndash; dass in der Fr&uuml;h des 29. April 1975 im US-Milit&auml;rradio in Vietnam das Lied &bdquo;White Christmas&ldquo; lief, war nicht der Tollpatschigkeit eines Radio-DJ geschuldet. Zusammen mit der Ank&uuml;ndigung, dass die Temperatur auf 105 Grad Fahrenheit (also rund 40 Grad Celsius) gestiegen sei, signalisierte der Weihnachtshit den letzten in Saigon verbliebenen US-B&uuml;rgerinnen und -B&uuml;rgern, dass die finale Phase der Flucht begonnen hatte.<\/p><p>Unentwegt kreisten US-Hubschrauber in den kommenden Stunden zwischen Saigon und US-Schiffen vor der vietnamesischen K&uuml;ste hin und her, h&auml;ufig v&ouml;llig &uuml;berladen, denn in dramatischen Aktionen hatten sich auch zahlreiche vietnamesische Zivilistinnen und Zivilisten Zugang zu den Helikoptern verschafft.<\/p><p>Kurz vor 8:00 Uhr flog am 30. April der letzte Hubschrauber von der US-Botschaft ab, und nur dreieinhalb Stunden sp&auml;ter erreichten nordvietnamesische Panzer den Pr&auml;sidentenpalast in Saigon. Das Bild, welches aber den st&auml;rksten Eindruck hinterlie&szlig;, entstand noch einmal drei Stunden sp&auml;ter. Ein Hubschrauber sollte den stellvertretenden CIA-Chef in Saigon vom Dach eines Geb&auml;udes im Zentrum der Stadt ausfliegen, doch zahlreiche weitere Menschen versuchten ebenfalls, an Bord zu gelangen &ndash; nur wenige schafften es. Das Foto wurde zum Sinnbild der US-Niederlage in Vietnam, wie 46 Jahre sp&auml;ter die Flucht der US-Truppen aus Kabul.<\/p><p><strong>Schon fr&uuml;h Kriegsverbrechen in Vietnam<\/strong><\/p><p>Zu Beginn der 1960er-Jahre entsandte Washington Tausende Milit&auml;rberater in das geteilte Land, wo der kommunistische Norden und der zunehmend in Totalitarismus abgleitende S&uuml;den in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren. Die damalige US-Vertretung propagierte die These, dass ein kommunistischer Sieg in Indochina gem&auml;&szlig; der Domino-Theorie ganz Asien nach links kippen lassen w&uuml;rde. Gemeinsam mit Flugzeugen S&uuml;dvietnams verspr&uuml;hten US-Bomber dioxinhaltige Herbizide &uuml;ber S&uuml;dvietnam und den Grenzgebieten von Laos und Kambodscha. Die Entlaubungsmittel &ndash; darunter das ber&uuml;chtigte Agent Orange &ndash; sollten den Guerillatruppen des Vietkong Deckung und Nahrung rauben und den R&uuml;ckhalt in der Landbev&ouml;lkerung treffen.<\/p><p>Die Verwendung hochgiftiger Chemikalien wurde von US-Pr&auml;sident John F. Kennedy eingeleitet, sein Nachfolger Lyndon B. Johnson intensivierte die chemische Kriegsf&uuml;hrung noch einmal. Unter Johnsons Regime traten die USA auch offen in den Krieg ein. Nach dem vorgeblichen Angriff nordvietnamesischer Torpedoboote auf US-Kriegsschiffe, was inzwischen als eine False-Flag-Operation entlarvt wurde, gab der US-Kongress dem Pr&auml;sidenten im August 1964 gr&uuml;nes Licht zum Kriegseintritt gegen Nordvietnam, obschon die offizielle Kriegserkl&auml;rung ausblieb.<\/p><p><strong>Tr&uuml;gerische milit&auml;rische St&auml;rke<\/strong><\/p><p>Die USA &uuml;berzogen Nordvietnam mit beispiellosen Luftangriffen, bei denen nach Sch&auml;tzungen bis zu sieben Millionen Tonnen Bombenmunition abgeworfen wurden &ndash; rund dreimal so viel wie im gesamten Zweiten Weltkrieg. Zugleich wurden immer mehr US-Soldaten nach Vietnam entsandt. 1968 waren es rund eine halbe Million US-Amerikaner. Trotz der erdr&uuml;ckenden milit&auml;rischen &Uuml;berlegenheit blieb der endg&uuml;ltige Erfolg aus. Doch nicht nur die Front in Vietnam br&ouml;ckelte, auch in der Heimatfront und vor allem unter der Jugend des Westens brach die Zustimmung zusammen. Den USA wurde die Medienberichterstattung zum Verh&auml;ngnis, indem brennende Kinder und sterbende GIs das Trugbild eines sauberen Krieges widerlegten &ndash; welches heute wieder von vielen Kriegsrhetorikern geteilt wird. Aus diesem Fehler haben die Strategen gelernt und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131225\">die Medienberichterstattung zuk&uuml;nftiger Kriege manipuliert<\/a>.<\/p><p>1972 ersch&uuml;tterte das Foto der neunj&auml;hrigen Kim Phuc die Welt, die bei einem Angriff mit Napalm schwere Verbrennungen erlitten hatte. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als die USA bereits im Absprung begriffen waren. Der Konflikt sollte wieder &bdquo;vietnamisiert&ldquo; werden. Auch hier sind Parallelen zur Gegenwart erkennbar &ndash; in Afghanistan, aber auch in der Ukraine.<\/p><p>Noch 1968 hatte US-Au&szlig;enminister Henry Kissinger get&ouml;nt, er weigere sich, zu glauben, &bdquo;dass eine viertklassige Macht wie Nordvietnam nicht an irgendeinem Punkt aufgeben muss&ldquo;. Er wurde eines Besseren belehrt.<\/p><p><strong>US-Flucht mit Waffenstillstand<\/strong><\/p><p>Das Abkommen wurde im Januar 1973 unterzeichnet. Die US-Armee verpflichtete sich, sich innerhalb von 60 Tagen aus Vietnam zur&uuml;ckzuziehen, w&auml;hrend gleichzeitig Nordvietnam alle US-Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zu entlassen garantierte. Kissinger und der nordvietnamesische Unterh&auml;ndler Le Duc Tho bekamen noch im selben Jahr den Friedensnobelpreis zugesprochen. Kissinger nahm ihn an, w&auml;hrend Le Duc Tho ihn ablehnte. Es sei kein Friede erreicht, so seine Begr&uuml;ndung.<\/p><p>&Ouml;fter wurde der Waffenstillstand gebrochen, w&auml;hrend der inzwischen diktatorisch regierende s&uuml;dvietnamesische Pr&auml;sident Nguyen Van Thieu sukzessive an R&uuml;ckhalt verlor. Anfang M&auml;rz 1975 begannen nordvietnamesische Truppen gemeinsam mit dem Vietcong [Anm. d. Red.: Kurzbezeichnung f&uuml;r die Nationale Front zur Befreiung Vietnams] dann die finale Offensive rund 300 Kilometer nord&ouml;stlich von Saigon. Der Vorsto&szlig; wurde zum Triumphzug, denn mit dem Fall Saigons am 30. April 1975 ging die Kapitulation S&uuml;dvietnams einher. 1976 wurde Vietnam dann offiziell unter einer kommunistischen Regierung wiedervereinigt. Hanoi wurde die Hauptstadt, Saigon in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt.<\/p><p><strong>Folgen bis heute<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die USA wurde der Vietnam-Krieg zu einer der gro&szlig;en Niederlagen in der Geschichte des Landes. &Uuml;ber 58.000 US-Soldaten starben im Einsatz. Viele der R&uuml;ckkehrer litten unter posttraumatischen Belastungsst&ouml;rungen. Das Bild USA hatte tiefe Kratzer bekommen. Die Folgen f&uuml;r Vietnam wogen schwerer. Die Zahl der Kriegsopfer auf vietnamesischer Seite wird auf 1,3 bis drei Millionen Menschen gesch&auml;tzt. Bis heute leiden Millionen an den Sp&auml;tfolgen des Krieges, darunter von Dioxin verursachte Krebserkrankungen. Noch immer kommen Kinder mit Missbildungen auf die Welt.<\/p><p><strong>Z&ouml;gerliche Verantwortung<\/strong><\/p><p>Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die USA Verantwortung f&uuml;r die Kriegssch&auml;den &uuml;bernahmen, dies aber auch nur z&ouml;gerlich. Zu Beginn dieses Jahrhunderts beteiligte sich Washington finanziell an den Versuchen, dioxinverseuchte Landstriche wiederherzustellen. Dadurch erwuchs auch ein Neubeginn der Beziehungen zwischen den USA und Vietnam. Doch der Machtwechsel in Washington macht diese wieder zunichte. China und Vietnam vertiefen inmitten des Handelskriegs mit den USA ihre Beziehungen. W&auml;hrend eines Besuchs von Pr&auml;sident Xi Jinping in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi am 14. April wurden 45 bilaterale Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet. Die Erzfeindschaft zwischen den beiden Nachbarstaaten, welche 1979 in einen offenen Krieg m&uuml;ndete, scheint sich abzuschw&auml;chen. Bereits seit einigen Jahren sind China und Vietnam unter der F&uuml;hrung ihrer jeweiligen kommunistischen Partei wirtschaftlich auf der &Uuml;berholspur. Vietnam wird sich seiner geographischen Lage bewusst und nicht mehr Spielball fremder M&auml;chte sein, wie es neulich ein vietnamesischer Diplomat formuliert hatte.<\/p><p><small>Titelbild: Zur&uuml;ckgelassenes und erobertes US-amerikanische Milit&auml;rger&auml;t im Vietnam War Remants Museum in Ho-Chi-Minh-Stadt &ndash; Quelle: Shutterstock \/ Mark Green<\/small><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/ho-chi-minh-city-vietnam-2-2482204649\"><\/a> <\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132295\">Vietnam oder Die Arroganz der Macht ins Mark getroffen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118536\">General a. D. 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