{"id":13265,"date":"2012-05-16T16:43:38","date_gmt":"2012-05-16T14:43:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13265"},"modified":"2019-07-05T11:12:49","modified_gmt":"2019-07-05T09:12:49","slug":"neuwahlen-in-griechenland-bestrafung-kontra-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13265","title":{"rendered":"Neuwahlen in Griechenland \u2013 Bestrafung kontra Vernunft?"},"content":{"rendered":"<p>In Griechenland wird es Neuwahlen geben, und zwar am 17. Juni. Die Griechen m&uuml;ssen damit zum zweiten Mal innerhalb von f&uuml;nf Wochen eine ebenso schwierige wie folgenreiche Entscheidung treffen.  Die Neuwahlen sind der einzige verfassungsgem&auml;&szlig;e Ausweg, nachdem gestern Staatspr&auml;sident Karolos Papoulias f&uuml;r seine Idee einer &bdquo;Regierung von Pers&ouml;nlichkeiten&ldquo; von begrenzter Dauer (bis 2014) nicht die n&ouml;tige Unterst&uuml;tzung der im Parlament vertretenen Parteien finden konnte. Bis zu den Neuwahlen wird der Staatspr&auml;sident eine rein &bdquo;gesch&auml;ftsf&uuml;hrende&ldquo; Regierung unter dem Vorsitzenden des Obersten Verwaltungsgerichts, Panayotis Pikrammenos bilden (dessen Name rein zuf&auml;llig &bdquo;der Verbitterte&ldquo; bedeutet). Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNach einer Umfrage (Kapa Research), die nach der Wahl vom 6. Mai gemacht wurde, wird die Idee eines zweiten Urnengangs nur von knapp 23 Prozent der Bev&ouml;lkerung gutgehei&szlig;en; 72 Prozent sprachen sich demgegen&uuml;ber f&uuml;r eine Regierungskoalition aus, bei deren Bildung alle Parteien Kompromisse machen sollten. <\/p><p>Die Idee von Papoulias (inspiriert und unterst&uuml;tzt von Fotis Kouvelis, dem Parteichef der linkssozialdemokratischen DIMAR) war eine Totgeburt, weil sie voraussetzte, dass die Regierung &bdquo;integerer&ldquo; (nicht von einer Partei abh&auml;ngiger) Personen von einer breiten parlamentarischen Koalition getragen oder mindestens geduldet wird. Daf&uuml;r aber waren weder die linkssozialistische Syriza noch die rechtspopulistische Partei der Unabh&auml;ngigen Griechen zu gewinnen. Beide wollten sich nicht durch eine Zusammenarbeit mit den Parteien kontaminieren, die sie im Wahlkampf als &bdquo;Memorandums-Parteien&ldquo; bek&auml;mpft hatten. Mit dieser Strategie waren beide Parteien erfolgreich (siehe den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13227\">ersten Teil meiner Analyse vom 14. Mai<\/a>); und beide erhoffen sich in einer zweiten Wahl weitere Zugewinne auf Kosten der Pasok bzw. der ND. <\/p><p>Das gilt insbesondere f&uuml;r die Syriza und ihren Vorsitzenden Alexis Tsipras. Fast alle Kommentare in den griechischen Medien unterstellen, dass Tsipras in den acht-t&auml;gigen Verhandlungen &uuml;ber eine Regierungsbildung von Anfang an nur ein &bdquo;Vorwahlspiel&ldquo; betrieben hat. Zumal die ersten Umfragen nach dem 6. Mai der Syriza weiter steigende W&auml;hlerzahlen in Aussicht stellen. Das war auch der Tenor der Tsipras-Schelte seitens der anderen Parteien &ndash; als w&uuml;rde nicht alle Parteien ihre Entscheidungen im Hinblick auf potentielle Wahlerfolge treffen. Mit derselben Berechtigung kann man speziell der Pasok und der DIMAR einen &bdquo;Opportunismus der Wahlvermeidung&ldquo; vorwerfen, weil beide bef&uuml;rchten, bei der zweiten Wahl weitere Stimmen an die Syriza zu verlieren.<\/p><p>F&uuml;r ein Urteil &uuml;ber die Strategie der Syriza sind zwei andere Fragen wichtig: <\/p><ol>\n<li>Mit welchem konkreten Programm tritt die Partei ein zweites Mal vor die griechischen W&auml;hler?<\/li>\n<li>Wie wahrscheinlich ist es, dass die Wahlen vom 10. Juni ein Resultat erbringen, das eine Regierungsbildung nach Vorstellung der Syriza erm&ouml;glicht.<\/li>\n<\/ol><p>Ehe man auf diese Fragen eingehen kann, sollte man sich klarmachen, was f&uuml;r eine Partei die Syriza ist und wie es um ihre B&uuml;ndnis- und damit ihre politische Handlungsf&auml;higkeit bestellt ist. Die &bdquo;Koalition der radikalen Linken&ldquo; (Synaspismos tis Rizospastikis Aristeras) ist ein B&uuml;ndnis von Gruppen, die eher einem Konglomerat als einem organisch gewachsenen Zusammenschluss gleicht. Diese Koalition hat sich erstmals zu den Wahlen von 2004 zusammengefunden. Initiator und Kern des Wahlverbundes war die Linkspartei Synaspismos (abgek&uuml;rzt Syn, eigentlich: &bdquo;Koalition der Linken, der Bewegungen und der &Ouml;kologie&ldquo;), die 1992 von Aktivisten der sogenannten Inlands-Kommunisten gegr&uuml;ndet wurde (diese KKE Esoterikou wiederum versammelte die reformerischen oder euro-kommunistischen Kr&auml;fte, die sich schon in den 1970er-Jahren von der orthodoxen KKE getrennt hatten).<\/p><p>Der Synaspismos, der seit 1996 im Parlament repr&auml;sentiert war, erweiterte sich zur Syriza, indem weitere linke Gruppen und Sekten der Wahlkoalition beitragen, darunter Trotzkisten, Ex-Maoisten, linke &Ouml;kologen, Dissidenten der KKE und eine linksnationalistische Abspaltung der Pasok namens DIKKI um den ehemaligen Pasok-Minister Tsovolas (Eine Liste der derzeit zw&ouml;lf &bdquo;Segmente&ldquo; der Koalition kann man <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SYRIZA\">unter &bdquo;Syriza&ldquo; bei Wikipedia finden<\/a>). Das Besondere an der Syriza ist aber nicht nur diese organisatorische Cluster-Struktur. Es kommt hinzu, dass sich dieses Konglomorat nie zu einer normalen Partei verdichtet hat. Es hat also nicht jener Prozess stattgefunden, der zum Beispiel in Deutschland aus einer Ansammlung von Ex-Maoisten, &Ouml;kofreaks ausgen&uuml;chterten Stra&szlig;enk&auml;mpfern und entt&auml;uschten Sozialdemokraten die Partei der Gr&uuml;nen gemacht hat. Und an dessen Ende die &uuml;bersichtliche und &ndash; mehr oder weniger &ndash; fruchtbare Strukturierung in Fundis und Realos stand. Bezeichnend f&uuml;r den organisatorischen Aggregatzustand der Syriza ist die Tatsache, dass alle Einzelgruppen sich immer noch autonom artikulieren und &ndash; mehr noch &ndash; bei Wahlen als Gruppen um die Listenpl&auml;tze konkurrieren. Das geht so weit, dass sie ihre Mitglieder dazu aufrufen, auf der Syriza-Wahlliste bevorzugt den &bdquo;eigenen&ldquo; Kandidaten anzukreuzen, was nach griechischem Wahlrecht (noch) m&ouml;glich ist.<\/p><p>Eine so komplexe Koalition &ndash; die deutlich heterogener ist als etwa die von der Linkspartei absorbierten westdeutschen Splittergruppen &ndash;  ist ein labiles Gebilde. Das hat in der Vergangenheit bewirkt, dass die Syriza programmatisch oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Bestandteil ausdr&uuml;ckte, und dass ihre Parlamentsfraktion nicht immer handlungsf&auml;hig war. Das lag h&auml;ufig an pers&ouml;nlichen Rivalit&auml;ten, vor allem aber an dem Prinzip, dass die einzelnen Gruppen stets auf angemessene Repr&auml;sentation achteten, die sich etwa auch in der Fraktion widerspiegelte. Deshalb war die Syriza auch nie in der Lage, die Frage einer &bdquo;Machtbeteiligung&ldquo; rational zu diskutieren. Wenn die Fraktion jemals die Beteiligung an einer Koalition ins Auge gefasst h&auml;tte, w&auml;re sie &ndash; wie die Partei &ndash; in ihre Bestandteile zerfallen. <\/p><p>Einen folgenreichen Konflikt zwischen &bdquo;radikaler&ldquo; Partei und &bdquo;moderater&ldquo; Fraktion hat die Syriza ohnehin schon hinter sich: Im Juni 2010 trat der Fraktionsvorsitzende Fotis Kouvelis (der ebenfalls aus der Inlands-KP stammte) mit drei anderen Abgeordneten aus der Syriza aus und gr&uuml;ndete die Dimar (&bdquo;Demokratische Linke&ldquo;), eine linkssozialdemokratische Partei, die jetzt bei den Wahlen mit 6,1 Prozent Stimmen 19 Parlamentssitze erobert hat. Zwei Jahre davor war der &bdquo;Reformer&ldquo; Kouvelis bei der Wahl zum Parteivorsitzenden Alexis Tsipras unterlegen, was teilweise die anhaltende pers&ouml;nliche Animosit&auml;t zwischen den beiden Parteif&uuml;hrern erkl&auml;rt.<\/p><p>Eine solche Koalition aus sehr eigenwilligen und zum Teil dogmatischen Fraktionen kann gegen&uuml;ber den W&auml;hlern nur dann &uuml;berzeugend auftreten, wenn sie die inneren Differenzen und Widerspr&uuml;che durch eine zentrale Parole &uuml;berdeckt, die den kleinsten gemeinsamen Nenner ausdr&uuml;ckt. Diese integrierende Parole war im Syriza-Wahlkampf die Botschaft: K&uuml;ndigen wir das Memorandum, bestrafen wir die Parteien, die zu Handlangern der Troika geworden sind. Eine Parole dieses Typs hat den Nachteil, dass sie zu einfach ist, als dass sie als Arbeitsbasis f&uuml;r realpolitische Entscheidungen &ndash; und erst recht f&uuml;r Koalitionen &ndash; geeignet w&auml;re. Nun kann man sagen: Mit simplifizierenden oder bewusst t&auml;uschenden Parolen operieren nun mal alle Parteien in einem auf Wahlen beruhenden parlamentarischen System. Aber im Fall der Syriza kommt erschwerend hinzu, dass dieses Parteiengebilde unter dem Druck realpolitischer Entscheidungszw&auml;nge auseinanderbrechen k&ouml;nnte. <\/p><p>Mit Sicherheit hat diese Gefahr bei der Entscheidung der Syriza-F&uuml;hrung, auf jeden Fall Neuwahlen anzustreben, eine Rolle gespielt &ndash; neben der Erwartung eines noch besseren Abschneidens am 17. Juni. Aber damit ist das Problem nur aufgeschoben. Und es wird sich, wenn die Linkssozialisten wie erhofft st&auml;rkste Partei, sogar versch&auml;rft stellen. Denn dann ist das schicksalhafte Rendezvous mit der Realit&auml;t nicht mehr zu vermeiden. Damit komme ich auf die eingangs formulierten Fragen zur&uuml;ck:<\/p><ol>\n<li>Mit welchem konkreten Programm tritt die Syriza ein zweites Mal vor die griechischen W&auml;hler?<\/li>\n<li>Wie wahrscheinlich ist es, dass die Wahlen vom 10. Juni ein Resultat erbringen, das eine Regierungsbildung nach Vorstellung der Syriza erm&ouml;glicht?<\/li>\n<\/ol><p>Zun&auml;chst ganz n&uuml;chtern: Mit ihrer Strategie f&uuml;r die Wahlen vom 6. Mai hat die Syriza &ndash; trotz der Verdreifachung ihres Stimmenanteils &ndash; 16 Prozent der W&auml;hler und knapp unter 10 Prozent der Wahlb&uuml;rger &uuml;berzeugt (wenn man die Wahlabstinenz und die ung&uuml;ltigen Stimmen ber&uuml;cksichtigt). Das Hauptmerkmal dieser Wahl war die Erosion der Systemparteien und die Fragmentierung der parlamentarischen Landschaft. Die Syriza ist also keineswegs schon zu dem neuen Machtpol geworden, um den sich eine &bdquo;neue Mehrheit&ldquo; gruppieren k&ouml;nnte. Zu diesem Machtpol k&ouml;nnte sie sich aber entwickeln, wenn sie am 17. Juni zur st&auml;rksten Partei wird (und damit auch die 50 Bonus-Sitze kassiert, die am 6. Mai der ND zugefallen sind). Die letzten Umfragen deuten darauf hin, das sie das schaffen kann. Fragt sich nur, mit welchem Programm.<\/p><p>Hier nun kommt die Frage aller Fragen ins Bild: Euro oder Drachme? Wie inzwischen ganz Europa wei&szlig;, wollen vier von f&uuml;nf Griechen unbedingt in der Eurozone bleiben. Dieser Befund muss in zwei Punkten pr&auml;zisiert werden: Erstens lautete die Frage genauer: Soll die Regierung, &bdquo;alles Notwendige tun, um im Euro zu bleiben&ldquo;? Diese Frage bejahten 78,1 Prozent, mit Nein weniger als 13 Prozent (noch weniger als vor den Wahlen). Zweitens haben von den Syriza-W&auml;hlern auch rund 80 Prozent mit Ja geantwortet; bei den Umfragen Anfang des Jahres waren es noch zwischen 55 und 60 Prozent. Das zeigt: Die neu gewonnenen Syriza-W&auml;hler sind ganz &uuml;berwiegend entschiedene Gegner der R&uuml;ckkehr zur Drachme. <\/p><p>Es ist dies ein &bdquo;W&auml;hlerauftrag&ldquo;, den die Syriza nicht missachten kann. Will sie im n&auml;chsten Wahlkampf noch mehr Stimmen gewinnen, wird sie um zwei Dinge nicht herumkommen. Sie wird erstens noch eindeutiger f&uuml;r den Euro optieren und diese Option auch innerparteilich durchsetzen m&uuml;ssen. Nach wie vor gibt es in der Syriza laute Stimmen f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zur Drachme, und eine ihrer gr&ouml;&szlig;eren Segmente, die linksnationalistische DIKKI, tritt f&uuml;r dieses Ziel ganz offen ein. Im Gegensatz dazu sind fast alle Fach&ouml;konomen der Syriza ganz entschiedene Euro-Anh&auml;nger, die den R&uuml;ckmarsch zur Drachme als direkten Weg in die Katastrophe ansehen.<\/p><p>Zum zweiten aber wird sie ernsthaft dar&uuml;ber nachdenken m&uuml;ssen, was es hei&szlig;t, &bdquo;alles Notwendige&ldquo; zu tun, um in der Eurozone zu bleiben. Um diese Frage hat sich die Syriza im letzten Wahlkampf schlicht gedr&uuml;ckt, indem sie die Drohung mit dem Euro-Ausschluss als reinen &bdquo;Bluff&ldquo; der Br&uuml;sseler Kommission und der EU-Gro&szlig;m&auml;chte, vorweg Deutschland, darstellte. Die Argumentation lautete: Wenn wir uns den Sparpl&auml;nen verweigern, werden die in Br&uuml;ssel und Berlin uns dennoch nicht Bankrott gehen lassen, weil sie sonst das Auseinanderbrechen der gesamten Eurozone riskieren w&uuml;rden. Im Grunde sitzen wir am l&auml;ngeren Hebel. Man muss nur den Mut haben, ihn zu bet&auml;tigen.<\/p><p>Das scheint mir ein tollk&uuml;hnes Kalk&uuml;l zu sein. Wie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13245\">Jens Berger dargestellt hat<\/a>, gibt es zwar nach wie vor wichtige &ndash; und rein rational sogar durchschlagende &ndash; Gr&uuml;nde, einen Ausschluss Griechenlands nicht zu riskieren. Andererseits ist nicht zu &uuml;bersehen, dass sich die Einsch&auml;tzung wichtiger politischer Kr&auml;fte seit einiger Zeit deutlich verschoben hat. Und dass die &bdquo;Firewall&ldquo;, die seit Herbst letzten Jahres so emsig hochgezogen wurde, vor allem Spanien und Italien vor den Auswirkungen eines griechischen Staatsbankrotts sch&uuml;tzen soll. Man kann sehr wohl der Meinung sein, dass diese Firewall letzten Endes zumindest Spanien nicht voll gegen einen Griechenland-fallout abschotten kann. Aber man kann und darf sich auf keinen Fall sicher sein, zumindest nicht als griechischer B&uuml;rger.<\/p><p>Bei diesem Dilemma gilt meines Erachtens nach wie vor, was ich im Februar geschrieben habe: &bdquo;Der Bluff hat es an sich, dass sich erst nach dem Ausspielen der Optionen zeigt, ob er einer war oder nicht. Aber bei diesem Spiel gibt es ein klares Ungleichgewicht: Die Griechen k&ouml;nnen es sich nicht leisten, auf einen Bluff zu spekulieren, weil f&uuml;r sie zu viel auf dem Spiel steht &ndash; im Extremfall die R&uuml;ckkehr zur Drachme mit allen katastrophalen Folgen.&ldquo; Deshalb sollte keine verantwortliche Kraft in Griechenland darauf wetten, dass man gegen&uuml;ber denen, die man als &bdquo;Erpresser-Fraktion&ldquo; der Eurozone bezeichnen k&ouml;nnte, am l&auml;ngeren Hebel sitzt. Der Kommentator Nick Malkoutzis (Kathimerini vom 9. Mai) hat es so ausgedr&uuml;ckt: &bdquo;Die Syriza behauptet, dass die Zur&uuml;ckweisung der Bedingungen (des Memorandums) und der einseitige Zahlungsstopp nicht zum Austritt Griechenlands aus der Eurozone f&uuml;hrt, weil das f&uuml;r die anderen Mitgliedsstaaten zu teuer kommen w&uuml;rde. Das ist so, als w&uuml;rde man mit einem Schrottauto in eine Einbahnstra&szlig;e einbiegen, ohne sich darum zu scheren, dass man mit einem entgegenkommenden Humwee zusammenknallen k&ouml;nnte, weil es f&uuml;r dessen Besitzer kostspieliger w&auml;re, sein Fahrzeug zu reparieren.&ldquo;<\/p><p>In der prek&auml;ren Situation, in der sich Griechenland befindet, ist es mehr als berechtigt, auf eine Ver&auml;nderung der Bailout-Konditionen dringen, die dem Land inzwischen f&uuml;nf Jahre &ouml;konomischer Rezession beschert haben. Das gilt zumal angesichts der allerneusten Zahlen: Im ersten Quartal 2012 ist die griechische Wirtschaft um 6,2 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahr geschrumpft, was die Bef&uuml;rchtung verst&auml;rkt, dass das BIP des Jahres 2012 noch st&auml;rker im Minus sein wird als die prognostizierten 5 Prozent. Aber man wird eine Neuverhandlung &uuml;ber diese Frage nicht mit einem erpresserischen Kalk&uuml;l erzwingen k&ouml;nnen, wie es der Strategie von Tsipras zugrunde liegt. Auff&auml;llig ist allerdings, das die Syriza ihre &bdquo;Drohungen&ldquo; gegen&uuml;ber den griechischen W&auml;hlern weitaus auftrumpfender formuliert hat als in ihren Erkl&auml;rungen gegen&uuml;ber den internationalen Medien. Und Athener Beobachter weisen darauf hin, dass der Begriff &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; in dem Brief, den Tsipras nach den Wahlen an Baroso und andere EU-Instanzen geschrieben hat, nicht mehr auftaucht. <\/p><p>Wenn die Syriza noch mehr W&auml;hler gewinnen will, wird sie die vollmundige Ank&uuml;ndigung revidieren m&uuml;ssen, wonach eine von ihr dominierte Regierung das Memorandum und das Schuldenschnitt-Programm einfach zerrei&szlig;en und einseitig beschlie&szlig;en werde, die griechischen Schulden f&uuml;r mindestens drei Jahre nicht zu bedienen. Eine substantielle Ver&auml;nderung oder auch nur Milderung des erstickenden Sparprogramms ist nur in Verhandlungen zu erreichen. Die Voraussetzungen daf&uuml;r kann man nur optimieren, wenn man an die Solidarit&auml;t der europ&auml;ischen Partner appelliert und in diesem Sinne auch die europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit zu beeinflussen versucht. <\/p><p>Aber Solidarit&auml;t l&auml;sst sich nicht erpressen, und gro&szlig;e Spr&uuml;che im Stil des letzten Wahlkampfs helfen ganz bestimmt nicht weiter. Das haben die &ouml;konomischen Experten der Syriza l&auml;ngst verstanden, die schon vor dem 6. Mai in allen Interviews Begriffe wie &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; und &bdquo;einseitiges Schuldenmoratorium&ldquo; zur&uuml;ckgewiesen und stattdessen &bdquo;Neuverhandlungen&ldquo; mit der Troika und der EU verlangt haben. Nach dem 6. Mai haben sie diese &bdquo;Korrektur&ldquo; der Tsipras-Slogans noch deutlicher ausgedr&uuml;ckt (insb. die Wirtschaftsprofessoren Giorgos Stathakis und Iannis Dragasakis). <\/p><p>Die &Ouml;konomen der Partei wissen im &uuml;brigen auch, dass die W&auml;hler sich fragen werden, wo das Geld f&uuml;r die laufenden Staatsausgaben (und die Rentenkassen) herkommen soll, wenn die n&auml;chsten Tranchen aus den Kassen des ESFS und des IWF ausbleiben. Auf diese Frage bekamen die W&auml;hler seit dem 6. Mai aus den Reihen der Syriza eine Anzahl verst&ouml;render Antworten zu h&ouml;ren. Ein Syriza-Abgeordneter verwies darauf, dass ja die griechischen Banken noch &uuml;ber 165 Milliarden Euro an privaten Einlagen verf&uuml;gen. Was erstens falsch ist, weil diese Gelder nur virtuell existieren, aber von den &ndash; gegen&uuml;ber EZB und anderen Gl&auml;ubigern &ndash; verschuldeten Banken nicht ausgezahlt werden k&ouml;nnten. Und was zweitens dazu beigetragen hat, dass immer mehr Griechen ihre Euros von der Bank holen und unter der Matratze verstauen. Und der alte Held der Linken, Manolis Glezos (der auf der Syriza-Liste ins Parlament gelangte) regte zur Auff&uuml;llung der Staatskasse einen &bdquo;freiwilligen&ldquo; Monatsbeitrag von 100 Euro an, den alle Bezieher von Jahreseinkommen &uuml;ber 20 000 Euro abf&uuml;hren sollten. <\/p><p>Das sind dilettantische Konzepte, die auf die eine oder andere Weise nur den Fehler nach&auml;ffen, den die Pasok im Wahlkampf von 2009 gemacht hat, als sie verk&uuml;ndete: &bdquo;Das Geld ist da&ldquo;. Der griechische Staat ist n&auml;mlich l&auml;ngst bankrott, und jeder Politiker hat dies als Realit&auml;t zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn er Regierungsverantwortung &uuml;bernehmen will, muss er sagen, mit welcher Strategie er diese Realit&auml;t kurzfristig bew&auml;ltigen und langfristig ver&auml;ndern will.<\/p><p>Eine Anpassung der Wahlparolen an die Realit&auml;t w&uuml;rde die Glaubw&uuml;rdigkeit der Syriza auch im Hinblick auf die zweite Frage erh&ouml;hen: wie die angestrebte linke Regierung &ndash; unter Ausschluss der Memorandum-Parteien &ndash; zustande kommen k&ouml;nnte. Denn auch wenn die Syriza st&auml;rkste Partei w&uuml;rde &ndash; sagen wir mit 25 Prozent der Stimmen &ndash; k&ouml;nnte sie mit den 50-Bonus-Sitzen nicht allein regieren. Da die KKE als Koalitionspartner nicht in Frage kommt (die von mir vor den Wahlen dargestellten Gr&uuml;nde gelten noch uneingeschr&auml;nkt), bleibt als linker Partner nur die DIMAR. Die aber dringt auf Neu-Verhandlungen &uuml;ber das Moratorium und lehnt einseitige &bdquo;K&uuml;ndigungen&ldquo; ab. <\/p><p>Allerdings ist kaum damit zu rechnen, dass Syriza und DIMAR zusammen eine Mehrheit der Parlamentssitze erobern k&ouml;nnen, zumal die Umfragen zeigen, dass die Syriza in der kommenden Wahl vor allem auf Kosten der DIMAR (und der Pasok) zulegen k&ouml;nnte. Als dritter Koalitionspartner w&uuml;rde theoretisch die rechtspopulistische Partei der &bdquo;Unabh&auml;ngigen Griechen&ldquo; (AE) zur Verf&uuml;gung stehen, der Tsipras schon vor dem 6. Mai &ndash; zum Entsetzen vieler Syriza-Mitglieder &ndash; deutliche Avancen gemacht hat. Aber eine solche Koalition kann man getrost ausschlie&szlig;en. Sie wird von der DIMAR entschieden abgelehnt und k&ouml;nnte nicht einmal den eigenen Anh&auml;nger als &bdquo;linke Koalition&ldquo; verkauft werden, weil die AE ein extrem neoliberales Wirtschaftsprogramm vertritt und in der Au&szlig;enpolitik wie in der Migranten-Frage nachgerade rechtsextreme Positionen vertritt.<\/p><p>Bei alledem ist noch l&auml;ngst nicht ausgemacht, dass die Syriza in vier Wochen st&auml;rkste Partei wird. Voraussetzung daf&uuml;r ist erst einmal, dass sie die Wechselw&auml;hler halten kann, die ihr am 6. Mai von der Pasok und von der ND zugestr&ouml;mt sind (Wahlforscher beziffern deren Anteil auf 50 Prozent der neuen Syriza-W&auml;hler). Die aber sind mit Sicherheit entschiedene Euro-Bef&uuml;rworter und werden vor der n&auml;chsten Wahl wissen wollen, mit welcher Strategie Tsipras und seine Genossen dieses Ziel erreichen wollen. Die Antwort darauf ist der junge Parteichef bei den letzten Wahlen schuldig geblieben. Das ist sogar verst&auml;ndlich, weil man in einer Wahl, in der die Konkurrenten sich auf gut populistische Manier um bittere Wahrheiten gedr&uuml;ckt haben, nicht als einziger auf das Gef&auml;ngnis der Realit&auml;t verweisen kann, aus dem auch die anderen keinen bequemen Ausweg wissen. Aber in der n&auml;chsten Wahl wird das nicht ausreichen. <\/p><p>Viele griechische Kommentatoren setzen jetzt auf die Erwartung: Nachdem die B&uuml;rger am 6. Mai ihre Wut in einer &bdquo;Bestrafungswahl&ldquo; abgelassen haben, werden sie am 17. Juni eine &bdquo;Vernunftwahl&ldquo; treffen und sich &bdquo;konstruktive&ldquo; Gedanken um die Zukunft machen. Auch wenn an diesem schlichten Argument einiges (aber keineswegs alles) richtig ist, beantwortet es noch nicht die Frage, welche Partei der zukunftsbesorgte griechische B&uuml;rger w&auml;hlen soll. Aber f&uuml;r die Syriza gilt auf jeden Fall: eine ma&szlig;gebliche Rolle wird sie nach dem 17. Juni nur spielen &ndash; ob als erster oder als zweiter Wahlsieger &ndash; wenn sie sich als die politische Kraft darstellt, die in neuen Verhandlungen &uuml;ber das unhaltbare griechische Sparprogramm, die ver&auml;nderten Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse auf europ&auml;ischer Ebene am geschicktesten und &uuml;berzeugendsten auszunutzen wei&szlig;. Aber das wird sie  nur k&ouml;nnen, wenn sie Vertrauen der Griechen wie der Europ&auml;er zu erwerben wei&szlig;. Beides aber kann sie nicht mit dem falschen Selbstbewusstein, das sie in den ersten Wahlen demonstriert hat, als weder Tsipras noch sonst jemand glaubte, dass ihre Partei jemals die st&auml;rkste Kraft in Griechenland werden k&ouml;nnte. Sondern nur mit glaubw&uuml;rdigen Forderungen, die an die Solidarit&auml;t der Europ&auml;er appelliert, ohne von der Realit&auml;t zu abstrahieren. <\/p><p>Die Mainstream-Medien haben Tsipras vorgeworfen, dass er sich nach den ersten Wahlen nicht in &bdquo;die Verantwortung&ldquo; einbinden lie&szlig;, die er selbst als &bdquo;Komplizenschaft&ldquo; empfand. Damit hat man ihm die ungew&ouml;hnliche Haltung vorgeworfen, dass er sich an die Zusagen gehalten hat, die er vor den Wahlen gegeben hatte. Diese Haltung ist so sympathisch wie demokratisch. Aber die zweiten Wahlen geben ihm und seiner Partei die Chance, den griechischen W&auml;hlern endlich ein konkretes, realit&auml;tsbezogenes Konzept vorzutragen. Und ihnen zugleich klarzumachen, dass sich dieses Programm wom&ouml;glich nur in Form von Kompromissen &ndash; mit anderen politischen Kr&auml;ften in Griechenland wie im Bereich der EU -, also unvollst&auml;ndig durchsetzen l&auml;sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Griechenland wird es Neuwahlen geben, und zwar am 17. Juni. Die Griechen m&uuml;ssen damit zum zweiten Mal innerhalb von f&uuml;nf Wochen eine ebenso schwierige wie folgenreiche Entscheidung treffen. 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