{"id":132657,"date":"2025-05-09T09:00:33","date_gmt":"2025-05-09T07:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132657"},"modified":"2025-05-09T09:23:11","modified_gmt":"2025-05-09T07:23:11","slug":"warum-ich-am-9-mai-zur-parade-zum-tag-des-sieges-nach-moskau-fahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132657","title":{"rendered":"Warum ich am 9. Mai zur Parade zum Tag des Sieges nach Moskau fahre"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen anfangen, die Br&uuml;cken wiederaufzubauen, die andere sich so sehr bem&uuml;ht haben, zu zerst&ouml;ren.&ldquo; Der italienisch-britische Autor und Journalist <strong>Thomas Fazi<\/strong> beschreibt in diesem eindringlichen Beitrag, warum er sich auf den Weg nach Moskau gemacht hat und warum aus seiner Sicht die Frage, ob wir die Beziehungen Europas zu Russland reparieren k&ouml;nnen, existenziell f&uuml;r unseren Kontinent ist. Ein Gastbeitrag von Thomas Fazi, aus dem Englischen &uuml;bersetzt von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIch schreibe diese Zeilen etwa 5.000 Meter &uuml;ber dem Boden, auf dem Weg von Rom nach Istanbul. Von dort aus fliege ich morgen fr&uuml;h nach Moskau, um die Parade zum 9. Mai, dem Tag des Sieges, mitzuerleben und zu dokumentieren &ndash; in diesem Jahr j&auml;hrt sich der Sieg der Sowjetunion &uuml;ber Nazideutschland zum 80. Mal &ndash;, vorausgesetzt nat&uuml;rlich, mein Flug wird nicht nach dem massiven Drohnenangriff der Ukraine auf mehrere russische Flugh&auml;fen gestrichen.<\/p><p>Ich werde zum ersten Mal in Russland sein und freue mich darauf, ein paar Sehensw&uuml;rdigkeiten zu besichtigen, Freunde zu treffen und den guten alten Wodka und saure Gurken zu genie&szlig;en. Aber das ist nat&uuml;rlich nicht der Grund, warum ich fahre. Ich habe mich entschieden, an diesem Tag in Moskau zu sein, weil es wichtig ist. Wir leben in extrem d&uuml;steren und gef&auml;hrlichen Zeiten. In den letzten dreieinhalb Jahren haben die europ&auml;ischen Regierungen systematisch die diplomatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Russland abgebaut und gleichzeitig einen Stellvertreterkrieg gegen das Land gef&uuml;hrt &ndash; auf Kosten der Ukraine. Auch wenn es viele immer noch nicht wahrhaben wollen: Europa befindet sich im Krieg &ndash; milit&auml;risch, wirtschaftlich und kulturell &ndash; mit der gr&ouml;&szlig;ten Atommacht der Welt. Vom Westen gelieferte Waffen, Geheimdienstinformationen und Finanzmittel haben zum Tod von Tausenden von russischen Soldaten beigetragen.<\/p><p>Und das ist mitnichten zum ersten Mal. Die europ&auml;ischen M&auml;chte haben wiederholt Krieg gegen Russland gef&uuml;hrt &ndash; im Krim-Krieg, im Ersten Weltkrieg und am katastrophalsten im Zweiten Weltkrieg, als Nazi-Deutschland mit der &bdquo;Operation Barbarossa&ldquo; den t&ouml;dlichsten Feldzug der Geschichte gegen die Sowjetunion startete, der Millionen russische Opfer forderte. Jetzt spielt Europa wieder einmal mit dem Feuer. Was wir erleben, ist keine Reaktion auf die russische Invasion im Jahr 2022, sondern die Fortsetzung einer jahrzehntelangen geopolitischen Offensive, die diese letztlich provoziert hat.<\/p><p>&Uuml;ber drei&szlig;ig Jahre lang haben die meisten Europ&auml;er nichts von diesem unsichtbaren Krieg mitbekommen, der sich auf ihrem Kontinent abspielt. Die Osterweiterung der NATO, die verschiedenen &bdquo;Farbenrevolutionen&ldquo; in den postsowjetischen L&auml;ndern, der vom Westen unterst&uuml;tzte Putsch in der Ukraine 2014, der anschlie&szlig;ende B&uuml;rgerkrieg im Donbass, die Wirtschaftssanktionen und die unerbittliche Medienkampagne gegen Russland &ndash; all das waren nur verschiedene Phasen eines Krieges zwischen dem Westen und Russland. Vor dreieinhalb Jahren ist er nur in eine viel offenere Phase getreten.<\/p><p>Was dies noch beunruhigender macht, ist, dass diese Kampagne nicht einmal von einem europ&auml;ischen strategischen Kalk&uuml;l angetrieben wurde. Tats&auml;chlich kann Europa von stabilen Beziehungen zum postsowjetischen Russland nur profitieren. Stattdessen wurde dieser Bruch im Interesse einer ausl&auml;ndischen Macht &ndash; der Vereinigten Staaten &ndash; herbeigef&uuml;hrt, f&uuml;r die es schon immer ein geostrategischer Imperativ war, Europa von Russland getrennt zu halten. Russland stellte nicht nur eine Herausforderung f&uuml;r die Vorherrschaft der USA im Kalten Krieg dar, sondern auch f&uuml;r die unipolare Hegemonie, die darauf folgte. Deshalb hat Washington in den Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg versucht, Russland wirtschaftlich, politisch und kulturell zu demontieren &ndash; und dabei Europa als Br&uuml;ckenkopf benutzt.<\/p><p>W&auml;hrend viele europ&auml;ische Staats- und Regierungschefs ihre Beziehungen zu Russland in den 2000er-Jahren vertieften, fehlte ihnen der politische Mut &ndash; oder die Unabh&auml;ngigkeit &ndash;, sich dem Druck Washingtons zu widersetzen. Ob aus Unwissenheit, Komplizenschaft oder Feigheit &ndash; die europ&auml;ischen Staats- und Regierungschefs tragen die kollektive Verantwortung f&uuml;r das Wiederaufflammen der Feindseligkeit, die den Kontinent einst in zwei Weltkriege f&uuml;hrte.<\/p><p>Und wie in fr&uuml;heren Episoden wurde auch diese j&uuml;ngste Eskalation von einer aggressiven Kampagne der Entmenschlichung und Russophobie begleitet. In Talkshows wurde dazu aufgerufen, russische Regierungsgeb&auml;ude zu bombardieren, an den EU-Grenzen wurden russische Autos und Telefone beschlagnahmt, russische Literatur und Kunst wurde aus europ&auml;ischen Einrichtungen entfernt, und russische Sportler mussten ohne ihre Flagge oder Hymne an Wettk&auml;mpfen teilnehmen.<\/p><p>Und die europ&auml;ischen Staats- und Regierungschefs sch&uuml;ren das Feuer immer weiter mit aufr&uuml;hrerischer Rhetorik und massiven Aufr&uuml;stungsprogrammen, die mit dem Schreckgespenst einer russischen Bedrohung gerechtfertigt werden, die es einfach nicht gibt. Sie errichten einen neuen Eisernen Vorhang &ndash; nicht nur physisch, sondern auch psychologisch und kulturell. Die feindseligen Reaktionen auf f&uuml;hrende Politiker wie den slowakischen Ministerpr&auml;sidenten Robert Fico, der es wagte, seine Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 9. Mai zu erkl&auml;ren, sprechen B&auml;nde. Es darf keinen Kontakt mit dem &bdquo;russischen Monster&ldquo; geben &ndash; das ist das neue Dogma der europ&auml;ischen &bdquo;Diplomatie&ldquo;.<\/p><p>Die Folgen dieser Politik sind verheerend. Wirtschaftlich ist der Bruch mit Russland &ndash; vor allem der Verlust an g&uuml;nstiger Energie &ndash; katastrophal. In sicherheitspolitischer Hinsicht hat der Westen Europa an den Rand einer direkten Konfrontation mit einer atomar bewaffneten Supermacht gebracht. Diese Katastrophe konnte bisher nur dank der Zur&uuml;ckhaltung der russischen F&uuml;hrung abgewendet werden, trotz wiederholter westlicher Provokationen.<\/p><p>Ebenso gravierend sind die kulturellen und &ndash; ich wage zu sagen &ndash; geistigen Folgen dieser erzwungenen Trennung. Seit Jahrhunderten findet zwischen Europa und Russland ein reicher Prozess kulturellen Austausches statt &ndash; in der Literatur, der Musik, dem Kino, der Philosophie. Die russische Kultur ist Teil des europ&auml;ischen Erbes, so wie die europ&auml;ische Kultur Teil des russischen Erbes ist.<\/p><p>Auch in politischer Hinsicht spielte die Sowjetunion eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Nachkriegseuropas. Allein die Existenz der UdSSR n&auml;hrte den Traum vom westlichen demokratischen Sozialismus und machte die westliche Sozialdemokratie &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich, indem sie die Eliten zwang, den Wohlfahrtsstaat und die Rechte der Arbeitnehmer zu akzeptieren. Als Italiener bin ich mir der engen Verbindungen zwischen der Kommunistischen Partei Italiens und der Sowjetunion besonders bewusst &ndash; Verbindungen, die das politische Leben Italiens weit &uuml;ber den Kalten Krieg hinaus beeinflusst haben.<\/p><p>Was die USA und ihre europ&auml;ischen Stellvertreter getan haben &ndash; sei es durch Handeln oder Unt&auml;tigkeit &ndash;, ist eine Trag&ouml;die von historischem Ausma&szlig;. Wie der deutsche Philosoph Hauke Ritz in seinem bemerkenswerten Buch &bdquo;Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas&ldquo; schreibt:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Diesen Freund abzulehnen und m&ouml;glicherweise f&uuml;r immer zu verlieren, indem man die Abspaltung der Ukraine von Russland plante, wie es einst das deutsche Oberkommando im Ersten Weltkrieg tat, ist vielleicht der dramatischste Fehler, den Europa in seiner gesamten Geschichte gemacht hat.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Deshalb habe ich mich entschieden, am 9. Mai in Moskau zu sein. Es ist ein kleiner, aber bewusster Akt des Trotzes gegen den Versuch, die Beziehungen zwischen Europa und Russland zu kappen. Der Zeitpunkt ist besonders symboltr&auml;chtig: Der 9. Mai erinnert an den Sieg Russlands &uuml;ber den Nationalsozialismus &ndash; eine Geschichte, die die europ&auml;ischen Staats- und Regierungschefs nun umzuschreiben oder auszul&ouml;schen versuchen.<\/p><p>Dies mag wie eine unbedeutende Geste erscheinen, aber selbst symbolische Handlungen sind wichtig. Europa befindet sich heute in einem gef&auml;hrlichen Interregnum: Die alte transatlantische Ordnung ist zusammengebrochen, aber keine neue Struktur ist bisher an ihre Stelle getreten. In diesem Vakuum klammern sich r&uuml;cksichtslose Politiker an &uuml;berholte Institutionen und wahnhafte Ideologien. Diese &Uuml;bergangszeit zwischen der sterbenden alten Welt und der noch nicht geborenen neuen Welt ist eine &auml;u&szlig;erst gef&auml;hrliche Zeit, in der verzweifelte Politiker leicht einen Kurzschluss verursachen k&ouml;nnen.<\/p><p>K&ouml;nnen die Beziehungen zu Russland repariert werden? Diese Frage ist nicht nur geopolitisch, sondern auch existenziell. Europas Identit&auml;tskrise, seine strategische Bedeutungslosigkeit und sein sozialer Zerfall sind alle auf eine tiefere Ursache zur&uuml;ckzuf&uuml;hren: Europa hat sich in den letzten 80 Jahren nicht selbst regiert. Es wurde einer externen Macht &ndash; den Vereinigten Staaten &ndash; untergeordnet und von seinen eigenen historischen und kulturellen Wurzeln abgeschnitten.<\/p><p>Der Mythos &bdquo;der Westen&ldquo; ist eine Fiktion &ndash; ein Euphemismus f&uuml;r ein informelles US-Imperium. Indem Europa die Beziehungen zu Russland abgebrochen hat, hat es auch die Beziehungen zu sich selbst abgebrochen. Wie Ritz argumentiert, kann Europa nur dann seine kulturelle und politische Souver&auml;nit&auml;t zur&uuml;ckgewinnen, wenn es sich wieder mit Russland verbindet. Nur Russland hat unter den &bdquo;europ&auml;ischen&ldquo; Nationen eine Vision der europ&auml;ischen Kultur bewahrt, die in der Tradition verwurzelt ist, im Gegensatz zu dem hohlen Postmodernismus, den die atlantische Welt exportiert.<\/p><p>Kurz gesagt, Europas &Uuml;berleben h&auml;ngt davon ab, mit den USA zu brechen und eine postatlantische Identit&auml;t zu schaffen. Das bedeutet, sich wieder mit Russland zu verbinden &ndash; nicht als politisches Zugest&auml;ndnis, sondern als zivilisatorisches Gebot. Das ist eine gewaltige Aufgabe, aber es ist der einzig gangbare Weg nach vorn. Deshalb werde ich &ndash; und viele andere Europ&auml;er &ndash; am 9. Mai in Moskau (versuchen zu) sein: um mit dem Wiederaufbau der Br&uuml;cken zu beginnen, die andere sich so sehr bem&uuml;ht haben, zu zerst&ouml;ren.<\/p><p><em>Dieser Artikel wurde zuerst im englischen Original auf Thomas Fazis <a href=\"https:\/\/www.thomasfazi.com\/p\/why-im-going-to-moscow-for-the-may\">Substack<\/a> ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Stanislaw Palamar<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a1a6de8c5c914e88acbf5383c087ac7f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen anfangen, die Br&uuml;cken wiederaufzubauen, die andere sich so sehr bem&uuml;ht haben, zu zerst&ouml;ren.&ldquo; Der italienisch-britische Autor und Journalist <strong>Thomas Fazi<\/strong> beschreibt in diesem eindringlichen Beitrag, warum er sich auf den Weg nach Moskau gemacht hat und warum aus seiner Sicht die Frage, ob wir die Beziehungen Europas zu Russland reparieren k&ouml;nnen, existenziell f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132657\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":132658,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181,212],"tags":[3041,715,3260,2102,1426,1268,259,2147,2794,1556],"class_list":["post-132657","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","category-gedenktagejahrestage","tag-cancel-culture","tag-dogmatismus","tag-feindbild","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-kalter-krieg","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-stellvertreterkrieg","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/shutterstock_2623036101.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/132657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=132657"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/132657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":132662,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/132657\/revisions\/132662"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/132658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=132657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=132657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=132657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}