{"id":1327,"date":"2006-05-30T17:23:15","date_gmt":"2006-05-30T15:23:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1327"},"modified":"2016-02-06T12:06:13","modified_gmt":"2016-02-06T11:06:13","slug":"die-neue-hartz-debatte-ein-paar-fragen-und-anmerkungen-zur-einordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1327","title":{"rendered":"Die neue Hartz Debatte &#8211; ein paar Fragen und Anmerkungen zur Einordnung."},"content":{"rendered":"<p>Die neue Debatte um Mehrkosten und Missbr&auml;uche wird immer unverst&auml;ndlicher. Entweder die Meinungsf&uuml;hrer wissen nicht mehr, was sie tun, oder sie betreiben ein gigantisches Ablenkungsman&ouml;ver. Wenn wir jetzt &uuml;ber die Missbr&auml;uche, &uuml;ber die K&uuml;rzung der Zahlungen nach Hartz IV und andere Revisonen der gerade 1 &frac12; Jahren geltenden Gesetze diskutieren, dann vergessen wir allzu schnell, was die Hartz-Reformen eigentlich sollten und was sie schon angerichtet haben und wie eine Politik und Wissenschaft zu beurteilen ist, die eine solche Malaise zu verantworten hat.<br>\nIch mache im folgenden in Stichworten den Versuch, diese Debatte etwas einzuordnen.<br>\n<!--more--><\/p><ul>\n<li><strong>Arbeitsplatzversprechen, die von vornherein illusion&auml;r waren, weil es den Wirkungszusammenhang zwischen solchen &bdquo;Arbeitsmarktreformen&ldquo; und neuen Arbeitspl&auml;tzen nicht gibt<\/strong>\n<p>Die Hartz-Gesetze sind entwickelt und verabschiedet worden, um Arbeitspl&auml;tze zu schaffen und Kosten zu sparen. Als Peter Hartz im Sommer 2002 die Verabschiedung von Hartz I bis III verk&uuml;ndete, prognostizierte er, damit w&uuml;rden 2 Millionen neuer Arbeitspl&auml;tze geschaffen. Nichts davon. Dennoch hat man auch bei Verabschiedung von Hartz IV wieder neue Arbeitspl&auml;tze versprochen. F&uuml;r volkswirtschaftlich geschulte und ideologisch nicht gepr&auml;gte Zeitgenossen war von vornherein unklar, &uuml;ber welchen Wirkungszusammenhang durch Hartz-Reformen Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden sollen. Diese Wirkungszusammenh&auml;nge gibt es nicht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Statt die Binnenkonjunktur mit einer expansiven Politik zu st&auml;rken und damit Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, haben die herrschenden Kreise diese notwendige makro&ouml;konomische Politik v&ouml;llig vernachl&auml;ssigt und sich statt dessen auf das konzentriert, was sie Arbeitsmarktreform nennen<\/strong>\n<p>Dabei muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass es bei den gesamten Hartz-Gesetzen, vor allem auch bei Hartz IV, nur um einen Teil des Arbeitsmarktes geht: um die Verwaltung der Arbeitslosigkeit. Darauf konzentriert sich die gesamte Aufmerksamkeit der Bundesregierung &ndash; beginnend mit Kohl &uuml;ber Schr&ouml;der bis zu Merkel. Unsere Regierung hat keine Zeit und keine Kraft frei f&uuml;r das Wesentliche. Und noch schlimmer: mit ihrer Hauptbesch&auml;ftigung, den Hartz-Reformen, macht sie die Grundlagen einer besseren Makropolitik von vornherein kaputt. Hartz I, II, III, und IV haben &uuml;ber Monate und Jahre die Stimmung in unserem Land total vermiest. Mit diesen Reformen wurden Menschen verunsichert und gedem&uuml;tigt. Viele &ndash; wie etwa jene, die seit Jahren Arbeitslosenversicherungsbeitr&auml;ge zahlen, und jetzt nur noch ein Jahr Arbeitslosengeld I bekommen &ndash; sind emp&ouml;rt. Die Hartz-Gesetze haben zu einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftserwartung und der Stimmung beigetragen und damit das Gegenteil von dem ausgel&ouml;st, was unsere Volkswirtschaft und Wirtschaft braucht. Das geht so weiter. Das Ende ist nicht absehbar.<\/p><\/li>\n<li><strong>Permanentes Reformieren zerst&ouml;rt das Wirtschaftsklima<\/strong>\n<p>Schon alleine diese Beobachtung und Erw&auml;gung m&uuml;sste eine verantwortungsvolle Regierungsspitze veranlassen, jegliches weitere Reformgerede sofort einzustellen. Das Gegenteil geschieht. Schon hat die Bundeskanzlerin f&uuml;r den Herbst eine weitere &Uuml;berarbeitung der Hartz IV-Arbeitsmarktreform angek&uuml;ndigt und spricht von einer &ldquo;grundlegenden &Uuml;berholung&ldquo;. Mittelm&auml;&szlig;ige Eliten, die unser Land zugrunde richten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das Scheitern der Reformen hat keine Konsequenzen f&uuml;r die praktische Politik<\/strong>\n<p>Dass die Hartz-Reformen die prognostizierten Arbeitspl&auml;tze nicht bringen und auch Mehrkosten verursachen, ist schon seit Oktober 2004 amtlich dokumentiert. Damals, am 16. Oktober 2004, berichtete die Berliner Zeitung &uuml;ber entsprechende Untersuchungen des Bundesrechnungshofes:<\/p>\n<p>&bdquo;Hartz-Reform ist wirkungslos. Rechnungshof kritisiert mangelnde Vermittlungserfolge \/ Nur jeder 20. bekommt einen Job \/ Umbau der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit verpufft.&ldquo;<\/p>\n<p>Bis in den Sommer 2005 hinein und wieder zum Jahresende wurde vom Scheitern der Hartz-Reformen in den deutschen Medien berichtet. Typisch der Spiegel vom 23.5.2005: &bdquo;Die total verr&uuml;ckte Reform Hartz IV&ldquo;. Siehe dazu im einzelnen Kapitel II und Kapitel III in &bdquo;Machtwahn&ldquo;. Mit dem Begehren nach Neuwahlen haben Gerhard Schr&ouml;der und Franz M&uuml;ntefering das Scheitern vergessen gemacht. Der Bundespr&auml;sident hat ihnen dabei geholfen. Ich nenne das Konkursverschleppung.<br>\nJetzt macht man mit Revisionen und General&uuml;berholungen so weiter, als seien die Konzepte etwas wert, als ginge es nur um &bdquo;Neujustierung&ldquo; oder eine gr&ouml;&szlig;ere Dosis. Das Scheitern hat keine Konsequenzen f&uuml;r die praktische Politik. Diese Eliten sind offenbar so unwissend und zugleich so verunsichert, dass sie unf&auml;hig sind zu einer Re-Vision ihrer politischen Linie.<\/p><\/li>\n<li><strong>Jetzt besch&auml;ftigen sie sich mit der Missbrauchsbek&auml;mpfung statt mit einer arbeitsplatzschaffenden Makropolitik<\/strong>\n<p>Unsere Eliten sind unf&auml;hig, die richtigen Priorit&auml;ten zu setzen. Im konkreten Fall auch deshalb, weil sie vermutlich von der Sache keine Ahnung haben.<\/p><\/li>\n<li><strong>Fehlkalkulationen auf der ganzen Linie<\/strong>\n<p>Hartz IV ist konzipiert und verabschiedet und installiert worden, um Kosten zu sparen und die richtigen Anreize zu geben. So waren die Ausgaben f&uuml;r das Jahr 2005 auf 14 Milliarden &euro; konzipiert, 24,4 Milliarden wurden gebraucht. Man gab vor, die sozialen Sicherungssysteme zu stabilisieren. Statt dessen sind wegen der Subventionierung der Minijobs (1-Euro-Jobs zum Beispiel) sozialversicherungspflichtige Vertr&auml;ge verdr&auml;ngt worden. Dies alles konnte man wissen. Mehrere Experten wie Heiner Flassbeck und Peter Bofinger haben diese Substitution vorhergesagt. Solche Ratschl&auml;ge haben aber keinerlei Bedeutung f&uuml;r die herrschenden Kreise. Sie sind ideologisch fixiert und au&szlig;erhalb dieser ideologischen Linie beratungsresistent.<\/p><\/li>\n<li><strong>Inkompetente Beratung<\/strong>\n<p>Von ihresgleichen lassen sie sich gerne beraten. Noch nie waren so viele Beratungsunternehmen im politischen Spiel wie im Zusammenhang mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen. Unbeschadet dessen, wie man diese Reformen-Vorhaben betrachtet und bewertet, sie sind offenbar so miserabel konzipiert, dass die Ergebnisse hinten und vorne nicht stimmen. Es gab bei der Einf&uuml;hrung von Hartz IV reihenweise Statements, Reden und Erkl&auml;rungen der Verantwortlichen mit dem Argument, diese Reform bringe auch positive Ver&auml;nderungen &ndash; f&uuml;r die bisherigen Sozialhilfeempf&auml;nger n&auml;mlich. Sie bek&auml;men mehr Geld. &Uuml;ber die Folgen dieser positiven Ver&auml;nderungen ist man jetzt erschrocken. Weil es mehr kostet.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das Vertrauen in die Arbeitslosenversicherung ist nachhaltig besch&auml;digt<\/strong>\n<p>Es ist daran zu erinnern, dass mit Hartz IV zwei Gruppen zusammengef&uuml;gt worden sind. Die einen, die Arbeitslosgewordenen, m&uuml;ssen hinnehmen, dass sie nach einem Jahr nicht mehr in den Genuss einer Versicherung, der Arbeitslosenversicherung, kommen. Sie sind dann ALGII-Empf&auml;nger. Das Vertrauen in die Arbeitslosenversicherung, diese wichtige gesellschaftliche Einrichtung, wurde nachhaltig zerst&ouml;rt. Bisher hatten sie dieses Vertrauen, weil Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe und eine einigerma&szlig;en vern&uuml;nftige Konjunkturpolitik in den meisten F&auml;llen daf&uuml;r sorgten, dass Arbeitslosigkeit nicht notwendigerweise zum sozialen Abstieg f&uuml;hrte. &ndash; Das Vertrauen dieser Menschen wird nun mit der weiteren Debatte weiter besch&auml;digt, indem man jetzt ank&uuml;ndigt, nicht einmal die H&ouml;he dieser Zahlungen aufrechterhalten zu k&ouml;nnen und zu wollen.<\/p><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neue Debatte um Mehrkosten und Missbr&auml;uche wird immer unverst&auml;ndlicher. Entweder die Meinungsf&uuml;hrer wissen nicht mehr, was sie tun, oder sie betreiben ein gigantisches Ablenkungsman&ouml;ver. 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