{"id":13275,"date":"2012-05-18T09:11:11","date_gmt":"2012-05-18T07:11:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13275"},"modified":"2015-02-15T17:05:09","modified_gmt":"2015-02-15T16:05:09","slug":"der-karlspreis-als-orden-wider-den-tierischen-ernst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13275","title":{"rendered":"Der Karlspreis als Orden wider den tierischen Ernst"},"content":{"rendered":"<p>Im Kr&ouml;nungssaal Karls des Gro&szlig;en in Aachen feierten gestern 850 Ehreng&auml;ste Wolfgang Sch&auml;uble f&uuml;r seine &bdquo;Verdienste um die W&auml;hrungsunion und die europ&auml;ische Einigung&ldquo;. Einen Preistr&auml;ger, der gerade die Axt an die Eurozone und gegen eine weitere Integration Europas anlegt. Mit Sch&auml;uble wurde jemand gefeiert, der dabei ist, das Gegenteil zu tun, als das, wof&uuml;r er geehrt wird. Diese Preisverleihung kann man mit sarkastischem Humor nur noch mit der Auszeichnung mit dem Aachener Karnevalsorden wider den tierischen Ernst gleichsetzen. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nBei Preisverleihungen preisen sich meistens die Preisverleiher durch den Gepriesenen selbst. Das gilt in besonderem Ma&szlig;e f&uuml;r den Internationaler Karlspreis der Stadt Aachen. Da sind in der Reihe der Preistr&auml;ger nahezu alle (meist Repr&auml;sentanten des Konservatismus) vertreten, die zu ihrer Zeit eine besondere Prominenz erlangt hatten &ndash; von Adenauer, &uuml;ber K&ouml;nig Juan Carlos, Helmut Kohl, Roman Herzog, Johannes Paul II., Angela Merkel, Jean-Claude Trichet bis zum gestern Gepriesenen Wolfgang Sch&auml;uble. <\/p><p>Nun scheinen die Aachener in den letzten Jahren keine besonders gl&uuml;ckliche Hand bei der Auswahl von Preistr&auml;gern gehabt zu haben, mit denen sie sich h&auml;tten schm&uuml;cken k&ouml;nnen.<br>\nBeim anderen &uuml;berregional bekannten Orden, den die Aachener verleihen, n&auml;mlich beim &bdquo;Orden wider den tierischen Ernst&ldquo;, haben sie in den letzten Jahren richtig Pech gehabt. Da wurde 2010 der damalige Ministerpr&auml;sident J&uuml;rgen R&uuml;ttgers zum Ordensritter geschlagen, der wenige Monate danach sein Amt als Regierungschef von Nordrhein-Westfalen verlor und der danach von seiner eigenen Partei mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wurde. Geradezu zur Posse geriet diese Auszeichnung im Jahre 2011, als der ausgew&auml;hlte Ritter, Karl-Theodor zu Guttenberg, den Orden gar nicht mehr selbst in Empfang nehmen wollte, weil es ihm, der kurz vorher an einer Plagiatsaff&auml;re vom Amt des Verteidigungsministers zur&uuml;cktreten musste, dann doch zu peinlich war, sich &ouml;ffentlich feiern zu lassen.<\/p><p>Mindestens genauso peinlich m&uuml;sste dem Direktorium der Karlspreisgesellschaft die schon vor l&auml;ngerer Zeit getroffene Auswahl f&uuml;r den diesj&auml;hrigen Preistr&auml;ger sein. Es wird sogar berichtet, dass &uuml;ber eine Absage der Preisverleihung <a href=\"http:\/\/www1.wdr.de\/themen\/kultur\/karlspreis106.html?utm_campaign=Tagesschau+via+@freuter&amp;utm_source=twitterfeed&amp;utm_medium=twitter\">nachgedacht wurde<\/a>. Doch die Eitelkeit setzte sich offenbar gegen die Ehrlichkeit durch. <\/p><p>Wolfgang Sch&auml;uble wurde u.a. geehrt f&uuml;r seine Rolle als &bdquo;Ideengeber und wichtiger Akteur&hellip;und in Anerkennung seiner bedeutenden Beitr&auml;ge zur Stabilisierung der W&auml;hrungsunion und zur Vertiefung des (europ&auml;ischen, WL) Einigungsprozesses&ldquo;. Damit sank der Karlspreis auf das Niveau des Ordens wider den tierischen Ernst. Dass die W&uuml;rdigung auf die &bdquo;bedeutenden Verdienste f&uuml;r die &Uuml;berwindung der Teilung (Deutschlands, WL) und die St&auml;rkung Europas&ldquo; verk&uuml;rzt wurde, konnte &uuml;ber diese Peinlichkeit nicht hinweg retten. <\/p><p>Da feierte also die selbsternannte oder die dazu gez&auml;hlte Elite aus Politik, Kirche und Lebewelt im Kr&ouml;nungssaal Karls des Gro&szlig;en einen Preistr&auml;ger f&uuml;r seine Verdienste um die W&auml;hrungsunion und die europ&auml;ische Einigung, der gerade die Axt gegen die Eurozone und gegen eine weitere Integration Europas schwingt. Wenn auch nur irgendjemand in der Festversammlung die Widmung auf der goldenen Verdienstmedaille ernst genommen und die sch&ouml;nen Worte an den Taten Sch&auml;ubles gemessen h&auml;tte, dann h&auml;tte er in Hohngel&auml;chter ausbrechen m&uuml;ssen. Selten h&auml;tte ich es mir so sehr gew&uuml;nscht, dass jemand auf die dunklen Schatten hinter dem sch&ouml;nen Schein gezeigt h&auml;tte und &ndash; als der Orden umgeh&auml;ngt wurde &ndash; in den Saal gerufen h&auml;tte: &bdquo;Ihr seid Heuchler&ldquo;.  <\/p><p>Ich will der Person Wolfgang Sch&auml;uble nicht zu nahe treten, er kann am wenigsten daf&uuml;r, dass die Auswahl auf ihn gefallen ist. Aber wie kann eine Versammlung h&ouml;chster Repr&auml;sentanten von Staat und Gesellschaft jemanden feiern, der gerade dabei ist, das Gegenteil zu tun, als das, wof&uuml;r er geehrt wird: <\/p><ul>\n<li>Da redet Sch&auml;uble in seiner Dankesrede &bdquo;Wir m&uuml;ssen jetzt eine politische Union schaffen&ldquo; und setzt in seiner praktischen Politik auf den Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone und die Spaltung Europas zwischen den zentralen Staaten und der Peripherie.<\/li>\n<li>Da l&auml;sst sich der Preistr&auml;ger, ohne schamrot zu werden, vom Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker als &bdquo;europ&auml;ischen Patrioten&ldquo; loben, obwohl er vor kurzem bei offenem Mikrofon seinem portugiesischen Kollegen eingestanden hat, dass <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12266\">man mit Griechenland &bdquo;harsch&ldquo; umgehen m&uuml;sse<\/a>, um die deutsche &ouml;ffentliche Meinung <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/finance\/comment\/ambroseevans_pritchard\/9077586\/Germanys-Carthaginian-terms-for-Greece.html\">zu befriedigen<\/a>. Im Festsaal greift Sch&auml;uble aber zum Pathos der europ&auml;ischen &bdquo;Br&uuml;derlichkeit&ldquo; und drau&szlig;en im Lande bedient er nationalen Populismus und sch&uuml;rt deutschen Chauvinismus, der anderswo in Europa Deutschenfeindlichkeit provozieren muss. Ein &bdquo;Europ&auml;isches Friedenswerk&ldquo;, das der Finanzminister reklamierte, sieht jedenfalls anders aus.<\/li>\n<li>Da sprach Sch&auml;uble in Aachen davon, dass der &bdquo;Schl&uuml;ssel f&uuml;r unsere Zukunft in Europa&ldquo; l&auml;ge und verordnet gleichzeitig &uuml;ber Br&uuml;ssel Europa eine Austerit&auml;tspolitik, die die Europ&auml;er in die dunkelste Vergangenheit der Weltwirtschaftskrise zu Anfang des letzten Jahrhunderts zu f&uuml;hren droht.<\/li>\n<li>Mit umgeh&auml;ngter Medaille spricht Sch&auml;uble zwar &uuml;ber Verteilungskonflikte zwischen den Industrie- und den Schwellenl&auml;ndern, &uuml;ber die Verteilungskonflikte innerhalb Europas und auch innerhalb der europ&auml;ischen Staaten verliert er aber kein Wort.<\/li>\n<li>Mehrfach bem&uuml;hte der Preistr&auml;ger den Begriff der &bdquo;demokratischen  Legitimation&ldquo; europ&auml;ischer Entscheidungen, doch wenn die europ&auml;ischen Demokraten wie j&uuml;ngst in Frankreich und in Griechenland gegen das Diktat der &bdquo;Troika&ldquo; aus EU-Kommission, EZB und IWF abstimmen, dann wird &ndash; wie gegen das W&auml;hlervotum der Griechen &ndash; der Ausschluss aus der Eurozone angedroht. Oder: Sch&auml;uble erteilt der Forderung des neu gew&auml;hlten franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten nach einer Neuverhandlung oder einer &Auml;nderung des Fiskalpaktes eine <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/topNews\/idDEBEE84D04620120514\">br&uuml;ske Absage<\/a>. &bdquo;Die Mitgliedsstaaten m&uuml;ssen zur ihren vertraglichen Verpflichtungen stehen&ldquo;, sagte er in Aachen. Es ist ihm v&ouml;llig egal, ob die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler oder die gew&auml;hlten Parlamente die Vertr&auml;ge &bdquo;demokratisch legitimieren&ldquo;.<\/li>\n<li>Man d&uuml;rfe Europa nicht &bdquo;kleinm&uuml;tig auf Finanzfragen reduzieren&ldquo;, lenkte Sch&auml;uble ab und sprach lieber &uuml;ber einen direkt gew&auml;hlten Europ&auml;ischen Pr&auml;sidenten, &uuml;ber ein Initiativrecht des Europ&auml;ischen Parlaments und eine Zweite Kammer der europ&auml;ischen Regierungen &bdquo;mit proportionaler Repr&auml;sentanz&ldquo;. Damit schob Sch&auml;uble seine konkrete Politik in und f&uuml;r Europa beiseite und beschwor lieber &bdquo;Frieden&ldquo; und &bdquo;Freiheit&ldquo;.<\/li>\n<\/ul><p>Friede, Freude, Eierkuchen sagt man, wenn jemand Probleme verdr&auml;ngen und eine sch&ouml;ne, heile Welt vorgaukeln will. Bei der Verleihung des Aachener Karlspreis wurde einmal mehr eine Friede-Freude-Eierkuchen-Fassade aufgebaut, die die gegenw&auml;rtige Europapolitik f&uuml;r die Mehrheit der Menschen in Europa so unglaubw&uuml;rdig macht, weil hinter dieser Fassade Europa auf den Stand von vor 1914 zur&uuml;ckgeworfen wird und ein 60-j&auml;hriges Einigungswerk durch ein ideologisch borniertes Spardiktat kaputt gemacht hat, eine br&uuml;ningscher Sparkurs, der schon einmal in eine Weltwirtschaftskrise und letztlich in eine europ&auml;ische Katastrophe gef&uuml;hrt hat.<\/p><p>P.S.: Interessant war die Laudatio f&uuml;r Sch&auml;uble durch seinen Parteifreund und luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker, der langj&auml;hriger Vorsitzender der Euro-Gruppe ist.<\/p><p>Sch&auml;uble und das Publikum h&auml;tten, wenn Sie Ohren gehabt h&auml;tten, um zu h&ouml;ren, eigentlich merken m&uuml;ssen, wie Juncker mit schmeichelnden Worten dem Preistr&auml;ger und der deutschen Regierung die Leviten las. <\/p><p>So sprach er etwa dar&uuml;ber, dass F&uuml;hren in Europa nicht gleichzusetzen sei mit &bdquo;Befehl und Diktat&ldquo;. F&uuml;hrung k&ouml;nne man nur f&uuml;r sich beanspruchen, wenn man gemeinsam f&uuml;hren wolle.<br>\nMan f&uuml;hre nicht f&uuml;r sich selbst, sondern f&uuml;r andere. Es k&ouml;nne nicht der f&uuml;hren, der andere nicht &uuml;berzeugen k&ouml;nne.<br>\nKann man eigentlich die Politik der Bundesregierung gegen&uuml;ber seinen europ&auml;ischen Partnern sch&auml;rfer kritisieren?<\/p><p>Wer Europa mit fixen Ideen regieren wolle, sagte Juncker, der werde &bdquo;die anderen fix und fertig machen&ldquo;. Kann man die Folgen der fixen Idee einer eindimensionalen Sparpolitik gegen&uuml;ber den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten im Rahmen einer solchen Feierlichkeit drastischer beschreiben? <\/p><p>Man m&uuml;sse dem Nationalstaat &bdquo;die giftigen Spitzen brechen&ldquo;, forderte Juncker. Kann man die chauvinistische Stimmung in Deutschland, die von der derzeitigen Bundesregierung und auch von Sch&auml;uble etwa gegen&uuml;ber den Griechen und anderen Staaten gesch&uuml;rt wird, offener angreifen?<\/p><p>Ironisch merkte Juncker an, dass Angela Merkel Francois Hollande auch schon vor dessen Wahl h&auml;tte kennenlernen k&ouml;nnen.<\/p><p>Das Publikum applaudierte beiden, Juncker und Sch&auml;uble, und &ndash; soweit ich die Kommentare verfolgen konnte &ndash; sind auch die Medien &uuml;ber beide des Lobes voll. Na ja, man feierte gestern schlie&szlig;lich &bdquo;Himmelfahrt&ldquo;. &bdquo;N&auml;her mein Gott zu Dir&ldquo;, dieses Musikst&uuml;ck spielte auch das Orchester f&uuml;r die versammelten G&auml;ste der Ersten Klasse im Ballsaal beim Untergang der Titanic? Die in Aachen versammelten Ehreng&auml;ste und die applaudierenden Medien, werden wohl die Katastrophe, die sich au&szlig;erhalb des Aachener Kr&ouml;nungssaals in Europa abspielt wohl gleichfalls erst wahrnehmen, wenn ihnen selbst das Wasser am Halse steht. <\/p><p>Wie spottete doch Heinrich Heine so herrlich:<\/p><p><em>Zu Aachen, im alten Dome, liegt<br>\nCarolus Magnus begraben.<br>\n(Man muss ihn nicht verwechseln mit Karl<br>\nMayer, der lebt in Schwaben.)<br>\nIch m&ouml;chte nicht tot und begraben sein<br>\nAls Kaiser zu Aachen im Dome;&hellip;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kr&ouml;nungssaal Karls des Gro&szlig;en in Aachen feierten gestern 850 Ehreng&auml;ste Wolfgang Sch&auml;uble f&uuml;r seine &bdquo;Verdienste um die W&auml;hrungsunion und die europ&auml;ische Einigung&ldquo;. Einen Preistr&auml;ger, der gerade die Axt an die Eurozone und gegen eine weitere Integration Europas anlegt. 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