{"id":132812,"date":"2025-05-12T10:00:23","date_gmt":"2025-05-12T08:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132812"},"modified":"2025-08-05T11:18:02","modified_gmt":"2025-08-05T09:18:02","slug":"den-debattenraum-so-weit-wie-moeglich-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132812","title":{"rendered":"Den Debattenraum so weit wie m\u00f6glich offen halten"},"content":{"rendered":"<p>In einer Zeit, in der der Debattenraum zunehmend schrumpft und polarisiert ist, haben Verlage eine besondere Verantwortung, f&uuml;r offene Diskursr&auml;ume einzutreten. <strong>Markus Johannes Karsten<\/strong>, Verleger des Westend Verlags, setzt mit seinem Programm genau auf diese Vielfalt. Unter dem Motto B&uuml;cher f&uuml;r die Wirklichkeit bringt er gesellschaftskritische und auch &bdquo;umstrittene&ldquo; Autoren und Inhalte in den Buchmarkt. Ein aktuelles &ndash; und vielleicht &uuml;berraschendes &ndash; Beispiel f&uuml;r diese Haltung des Westend Verlags ist die Ver&ouml;ffentlichung von Ulf Poschardts Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Shitbuergertum\/2312\">Shitb&uuml;rgertum<\/a>&ldquo;, das dadurch jetzt im regul&auml;ren Buchhandel erh&auml;ltlich ist, nachdem es von seinem urspr&uuml;nglichen Verlag fallen gelassen wurde. <strong>Maike Gosch<\/strong> sprach im Interview mit Markus Johannes Karsten &uuml;ber Cancel Culture, Debattenraum und Meinungsfreiheit.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4335\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-132812-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250513-IV-Gosch-Carsten-zu-Poschardt-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250513-IV-Gosch-Carsten-zu-Poschardt-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250513-IV-Gosch-Carsten-zu-Poschardt-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250513-IV-Gosch-Carsten-zu-Poschardt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=132812-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250513-IV-Gosch-Carsten-zu-Poschardt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250513-IV-Gosch-Carsten-zu-Poschardt-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Maike Gosch: Herr Karsten, Sie haben mit dem Westend Verlag das Buch &bdquo;Shitb&uuml;rgertum&ldquo; des prominenten Medienmanagers und Autors Ulf Poschardt ver&ouml;ffentlicht, das zuvor nur im Selbstverlag erh&auml;ltlich war, nachdem es vom urspr&uuml;nglichen Verlag des Autors als zu polemisch abgelehnt wurde. Was glauben oder wissen Sie &uuml;ber die Beweggr&uuml;nde des vorigen Verlags zu Klampen, das Buch aus dem Programm zu nehmen? Und was hat Sie selbst bewogen, dieses Buch in Ihr Programm aufzunehmen?<\/strong> <\/p><p><strong>Markus Johannes Karsten:<\/strong> &Uuml;ber die Beweggr&uuml;nde von zu Klampen kann ich relativ wenig sagen. Es war so, dass in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em> Anfang Januar ein Artikel erschien, in dem zu lesen war, dass ein Buch von Ulf Poschardt nicht wie geplant erscheinen wird. Man konnte &ndash; so meine ich, mich zu erinnern &ndash; herauslesen, dass etwas an dem Manuskript dem zu Klampen Verlag nicht gepasst hatte oder nicht so war, wie sie es sich vorgestellt hatten, und das Buch daher nicht dort erscheinen w&uuml;rde. Jetzt liegt es nat&uuml;rlich in der heutigen Zeit nicht allzu fern, anzunehmen, dass Poschardt eben Sachen geschrieben hatte, die dem Verlag nicht politisch korrekt genug erschienen.<\/p><p>Dass Ulf Poschardt nicht so ganz die DNA des Westend-Programmes trifft, das hatten wir angenommen, aber wenn der Text eines Autors, der auch Herausgeber einer bedeutenden Mediengruppe ist, nicht erscheinen soll, kann das aus meiner Sicht nicht daran liegen, dass er etwas geschrieben hat, das nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar ist, sondern dass dies andere Gr&uuml;nde hat. Und dann hatte ich oder wir einfach den Impuls, ihn anzurufen und zu sagen: &bdquo;Also, wenn die es nicht machen wollen, dann machen wir es.&ldquo;<\/p><p><strong>Diese Entscheidung trafen Sie noch, bevor sie es gelesen hatten?<\/strong><\/p><p>Ja, ohne es gelesen zu haben. Es war ja noch nicht auf dem Markt. Es war nur der Reflex, zu sagen: Das kann nicht sein, dass Poschardt hier aus dem Debattenraum ausgeschlossen werden soll, so sah es f&uuml;r mich zumindest aus. Ob es so gewesen ist, wei&szlig; ich nat&uuml;rlich nicht.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir bringen das und werfen es wieder in den Debattenraum rein.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Und wir haben ihn dann kontaktiert und gesagt: &bdquo;Wir w&uuml;rden das machen.&ldquo; Es ist ja viel von Debattenkultur, Demokratie und Meinungsfreiheit und vom &bdquo;man muss mit allen reden&ldquo; die Rede. Dann muss man eben auch mal, wenn so etwas passiert, einspringen und sagen: Wir bringen das und werfen es wieder in den Debattenraum rein. Genau so haben wir im vorliegenden Falle gehandelt.<\/p><p>Wir haben dann im Januar die Nachricht aus Berlin bekommen, dass Herr Poschardt f&uuml;r sein Buch jetzt schon eine andere L&ouml;sung gefunden h&auml;tte &ndash; aber man k&ouml;nne ja in Kontakt bleiben f&uuml;r weitere folgende Publikationen. Kurze Zeit sp&auml;ter, etwa Ende Januar, erschien das Buch dann bei Amazon. Das hei&szlig;t, es war bei Amazon erh&auml;ltlich &ndash; und nur bei Amazon &ndash; und eroberte da sofort Verkaufsrang 1, und das drei Wochen lang. Das ist relativ ungew&ouml;hnlich f&uuml;r ein politisches Sachbuch. Und ich vermute mal, dass Herr Poschardt nichts an dem Buch ge&auml;ndert hat, wie zu Klampen das wollte, und damit eben Erfolg hatte.<\/p><p>Dann kamen die Bundestagswahlen, und das Buch war immer noch sehr stark im Gespr&auml;ch. Ich hatte das Buch auch inzwischen gelesen, ihm erneut geschrieben und gesagt: &bdquo;Also, wenn das Buch so einen enormen Anklang findet, dann sollte es doch auch &uuml;ber den Buchhandel verf&uuml;gbar sein, und zwar von R&uuml;gen bis Bozen, also im gesamten deutschsprachigen Raum.&ldquo; Um nachhaltig Diskussionen und Debatten anzusto&szlig;en, ist es schon notwendig, dass ein Buch auch im station&auml;ren Buchhandel erh&auml;ltlich ist und nicht nur im Internet. Deswegen sind wir erneut auf Ulf Poschardt zugegangen und haben ihm vorgeschlagen, nun auch eine Buchhandelsausgabe zu ver&ouml;ffentlichen. Kurz danach trafen wir uns in Berlin, das war Ende M&auml;rz, und schon am 22. April lag das Buch &uuml;berall im Handel. Inzwischen seien auch andere Verlage auf Poschardt zugegangen. Er wollte das Buch aber mit uns machen &ndash; weil wir sehr fr&uuml;h schon, bevor das Buch erfolgreich war, gesagt hatten, wir w&uuml;rden es ver&ouml;ffentlichen, eben aus der Motivation heraus, den Debattenraum gro&szlig; und weit zu halten. Eine Woche nach Erscheinen ist der Titel bei der einschl&auml;gigen Bestsellerliste, die uns allen bekannt ist, auf Platz drei eingestiegen, von null auf drei, wohlgemerkt.<\/p><p><strong>Und was f&uuml;r eine Wirkung erhoffen Sie sich von dem Buch oder von seiner Ver&ouml;ffentlichung?<\/strong><\/p><p>Wir machen in der Regel keinen Abgleich: Gibt es eine bis ins Kleinste ausformulierte Programmbeschreibung des Westend-Verlages und passt ein Buch genau da rein? Wir machen nicht zwingend B&uuml;cher, die uns gefallen oder mir gefallen, das nat&uuml;rlich schon, aber das eigentlich Entscheidende ist: Gibt es ein Thema, das &ouml;ffentlich besprochen werden soll, gibt es einen Beitrag, der in den Debattenraum soll, ja, muss? Das war ja schon zum Teil geschehen, als es bei Amazon so stark bestellt wurde und gekauft wurde, was ja zeigt, dass dieses Buch auf ein gr&ouml;&szlig;eres Interesse st&ouml;&szlig;t. Und ich verspreche mir von der Ver&ouml;ffentlichung, dass &ndash; auch wenn das, was dort steht, an der einen oder anderen Stelle forciert formuliert ist &ndash; sich mit den Thesen von Herrn Poschardt auseinandergesetzt wird.<\/p><p><strong>Der Westend Verlag setzt sich ja nach eigener Aussage f&uuml;r alternative Sichtweisen und neue Perspektiven ein, die im &bdquo;Mainstream&ldquo; zu wenig Raum oder kein Forum bekommen. Sehen Sie das auch bei diesem Buch gegeben, also jenseits von der Ablehnung durch zu Klampen? Der Autor selbst hat ja objektiv eine sehr gro&szlig;e Meinungsmacht und eigentlich auch ein sehr gro&szlig;es Forum durch seine Prominenz und berufliche Position in der Medienwelt. Und man k&ouml;nnte auch argumentieren, dass seine Position oder die Thesen, die er in dem Buch vertritt, selbst wenn nicht Teil des links-gr&uuml;nen, aber doch des liberal-rechten Mainstream-Spektrums sind, also mitnichten eine marginale Position sind.<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich habe ich ihn in der vergangenen Woche noch selbst in Berlin getroffen, und auf dem Weg habe ich auch einen Beitrag von ihm in der <em>Welt<\/em> gelesen. Er kann mehr oder weniger, wenn er will, jeden Tag mit seiner Meinung reichweitenstark aufwarten und erreicht ein gewisses Publikum, und in diesen Meinungsbeitr&auml;gen schimmert nat&uuml;rlich auch immer wieder durch, was er auch in dem Buch sagt und beschreibt. Ein Buch kann unbestritten ausf&uuml;hrlicher und nuancierter sein.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Man muss erstmal ein Diktat als ein Diktat erkennen,<br>\nbevor man sich dann von diesem befreien kann.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Man muss erstmal ein Diktat als ein Diktat erkennen, bevor man sich dann von diesem befreien kann und wieder st&auml;rker dahin kommt, dass sich in einem Debattenraum, in der &Ouml;ffentlichkeit, &uuml;ber politische Sachverhalte gestritten werden darf. Die ganze Welt redet von Demokratie und davon, wie wichtig es ist, dass alle mit allen reden, man sich mit allen auseinandersetzen muss &ndash; wie k&uuml;rzlich zum Beispiel auch wieder Bodo Ramelow auf dem evangelischen Kirchentag gesagt hat &ndash;, und dann, wenn so etwas passiert wie dieses Buch, dann gilt das pl&ouml;tzlich nicht mehr, dann hei&szlig;t es: &bdquo;Ja, aber der war nicht gemeint&ldquo; oder &bdquo;Diese These war nicht gemeint&ldquo;. Das kann nicht sein, und dem Westend Verlag steht es gut an, auch Debattenbeitr&auml;ge zu publizieren, die nicht in unser klassisches Programmschema passen, das eher soziale Fragen, Medienkritik, Frieden, geopolitische und kritische Beitr&auml;ge umfasst, die aber den Debattenraum offenhalten. Autoren von uns, die sehr stark sozialpolitisch unterwegs ausgerichtet sind, wie zum Beispiel Heiner Flassbeck, Albrecht M&uuml;ller [Anm. M. G.: der Herausgeber der NachDenkSeiten] oder auch andere, machen inhaltliche Angebote und zeigen Erkl&auml;rungen f&uuml;r Fehlentwicklungen in Politik und Gesellschaft.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Schnell steht fest, was als richtig zu gelten hat,<br>\nund ab dann ist der Sack sofort zu.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wenn wir ehrlich sind, werden aber wirkliche Debatten doch gar nicht mehr gef&uuml;hrt. Schnell steht fest, was als richtig zu gelten hat, und ab dann ist der Sack sofort zu: Man will sich gar nicht mehr damit rumschlagen, zu pr&uuml;fen und zu bewerten, welche Argumente sind stichhaltig, welche weniger. Denn: Es steht ja bereits fest, was als gut und richtig zu gelten hat.<\/p><p><strong>Gab es da von Lesern oder Unterst&uuml;tzern des Westend Verlags und ihrem Umfeld negative Reaktionen im Hinblick darauf, dass viele der Positionen, die Poschardt in dem Buch &auml;u&szlig;ert, der politischen Linie oder inhaltlichen Deutung der Welt in vielen der anderen B&uuml;cher in Ihrem Programm diametral entgegenstehen?<\/strong><\/p><p>Nein. Es hat eine Zuschrift gegeben von Seiten der Medien, mit einem sehr kritischen Unterton, bei der naheliegt, dass hier eine ad-hominem-Beurteilung zugrunde liegt. Ich glaube nicht, dass das Buch gelesen wurde. Jetzt kann man nat&uuml;rlich sagen, auch wenn das Buch gelesen wurde, w&auml;re es kritisch gewesen, vielleicht. Aber diese eine Stimme, die kann ich mit einigen anderen aufwiegen, die gesagt haben: &bdquo;Oh, das ist ja klasse, dass ihr den Poschardt macht, herzlichen Gl&uuml;ckwunsch.&ldquo;<\/p><p>Und ich glaube, dass bei diesen Gl&uuml;ckw&uuml;nschen der Unterton weniger war, dass sie in allen Ver&auml;stelungen Poschardt folgen, sondern &uuml;berhaupt daf&uuml;r, die Fahne hochzuhalten und zu sagen, hier ist ein Beitrag, &uuml;ber den soll verdammt nochmal diskutiert werden.<\/p><p><strong>Wir haben ja nach Ansicht vieler Menschen inzwischen einen zunehmend gespaltenen und auch aufgeheizten Debattenraum bei politischen und vielen anderen Themen in Deutschland. Ist da das Buch in seiner versch&auml;rften Polemik nicht eher ein Teil des Problems als ein Teil der L&ouml;sung?<\/strong><\/p><p>Was hei&szlig;t versch&auml;rfte Polemik? Ich kann nur sagen, es ist ein brillant geschriebenes Buch, und dies ist vielleicht eine gute Gelegenheit, hier mal Folgendes zu sagen &ndash; ein Publizist aus M&uuml;nchen hat mich drauf aufmerksam gemacht &ndash;: Es gibt heutzutage &uuml;berhaupt ein Problem damit, erst einmal zu sagen, dass ein Buch gut geschrieben ist, dass es intellektuell sehr dicht ist. Und das ist dieses Buch. Ich kann die Inhalte in toto ablehnen, kann aber sagen, es ist einfach toll geschrieben &ndash; und Letzteres trifft hier auf alle F&auml;lle zu. Ich sehe Teile der Problematik, die im Buch beschrieben werden, &auml;hnlich. Ich w&uuml;rde es vielleicht anders angehen, aber ich sehe &uuml;berhaupt nicht den Punkt, warum das Buch Teil eines Problems sein soll und warum es intellektuell, inhaltlich, auch in der Argumentationsf&uuml;hrung, nicht ver&ouml;ffentlicht werden kann.<\/p><p><strong>Was w&uuml;rden Sie denen entgegnen, die sagen: Verlage geben mit solchen Ver&ouml;ffentlichungen rechten Tendenzen eine B&uuml;hne?<\/strong><\/p><p>Ich kann nicht nachvollziehen, was an dem Buch rechts sein soll. Ich habe diese Vorw&uuml;rfe auch so nicht wahrgenommen. Ich glaube, im Gro&szlig;en und Ganzen wird das Buch von Medienleuten so eingesch&auml;tzt, dass hier ein gewaltiger, wortm&auml;chtiger Herausgeber sehr pointiert auf gewisse Entwicklungen hinweist und damit ein Gespr&auml;ch, eine Debatte anst&ouml;&szlig;t, die gef&uuml;hrt werden soll. Wie die dann endet, ob sie so endet, wie Herr Poschardt sich das w&uuml;nscht und ob die Diskussion so endet, dass viele von den Argumenten, die er verwendet, abgeschw&auml;cht oder gar getilgt werden, das wird man sehen. Das ist ja genau der Sinn dieser Debatte, die angesto&szlig;en werden soll. Momentan scheint es so zu sein, dass Herr Poschardt vielen Menschen aus der Seele spricht. Da k&ouml;nnen wir ja als Verlag nicht einfach wegschauen.<\/p><p>Vielleicht kann ich hier eine kleine Anekdote dazu erz&auml;hlen: Wolfgang Kubicki hat vor einigen Jahren im Bundestag &ndash; das war, glaube ich, noch vor Corona &ndash; eine kurze Philippika im Bundestag gehalten, in der es um Meinungsfreiheit ging. Das war vielleicht der Beginn davon, dass auch &ouml;ffentlich viel st&auml;rker &uuml;ber die Einengung der Meinungsfreiheit gesprochen wurde, was ja in der Tendenz eine rechte oder eine dem rechten politischen Spektrum zugeschriebene Beobachtung ist. Jedenfalls hat er dort &ouml;ffentlich darauf aufmerksam gemacht, vielleicht im Bundestag zum ersten Mal, dass es hierbei zu Fehlentwicklungen oder f&uuml;r die Demokratie ung&uuml;nstigen Entwicklungen kommen kann.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wolfgang, du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir anh&ouml;ren muss,<br>\nweil wir dein Buch bei Westend machen.&ldquo;<br>\nEr erwiderte: &bdquo;Markus, es geht mir genauso. Was glaubst du, was ich mir anh&ouml;ren muss, dass mein Buch bei Westend erschienen ist.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ich hatte ihn angeschrieben und gesagt: &bdquo;Machen Sie doch ein Buch daraus.&ldquo; Und das hat er gemacht. Dann hat sich in der Tat damals einer unserer Autoren daran gesto&szlig;en, rief mich an und meinte, wieso das denn, und &uuml;berhaupt die FDP und Kubicki und so weiter. Und ich habe gesagt, Moment, in diesem Buch geht es doch um ein ganz bestimmtes Thema, und warum soll sich der Autor nicht bei Westend auch zu diesem Thema &auml;u&szlig;ern k&ouml;nnen? Einige Zeit danach war Wolfgang Kubicki mal zu Gast bei uns, und ich sagte ihm bei einem Mittagessen: &bdquo;Wolfgang, du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir anh&ouml;ren muss, weil wir dein Buch bei Westend machen.&ldquo; Er erwiderte: &bdquo;Markus, es geht mir genauso. Was glaubst du, was ich mir anh&ouml;ren muss, dass mein Buch bei Westend erschienen ist.&ldquo;<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es darf doch nicht sein, dass wir uns nur noch<br>\nin hermetisch abgeschirmten Bereichen bewegen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Zeigt dieser Hergang nicht, wie es sein sollte? Es darf doch nicht sein, dass wir uns nur noch in hermetisch abgeschirmten Bereichen bewegen. Ich glaube, von so etwas leben die politisch-demokratischen Prozesse, in denen wir uns befinden. Und diese Prozesse d&uuml;rfen nicht erlahmen, und es geh&ouml;rt auch immer wieder ein gewisser Mut dazu, diese Prozesse am Leben zu halten. Ich finde, auch in diesem Fall steht es dem Westend Verlag gut an, hier mitzumischen.<\/p><p><strong>Von vielen Beobachtern wird heute immer h&auml;ufiger von einer Verengung des Debattenraums gesprochen, wir haben es hier ja auch schon angesprochen. Sehen Sie diese Entwicklung auch? Und falls ja, warum glauben Sie, ist der Raum f&uuml;r alternative oder kritische Stimmen im &ouml;ffentlichen Diskurs geschrumpft, und welche Rolle spielen Verlage hierbei?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, es gibt diese Tendenz &ndash; das klingt &uuml;brigens auch bei Poschardt an, ich kann mich sozusagen auf ihn beziehen &ndash;, die man so beschreiben kann: Es gibt Gute, und die sind nur gut, und B&ouml;se, die sind nur b&ouml;se. Poschardt bezeichnet das als manich&auml;isch [Anm. M. G.: Eine weltanschauliche Schwarz-Wei&szlig;-Sicht ohne Graut&ouml;ne]. Ich finde, das ist eine richtige Beobachtung und betrifft m&ouml;glicherweise auch beide Seiten der Debatte. Und es gibt tats&auml;chlich Diskurshoheiten, die besagen, dass man bestimmte Begriffe und politische Umst&auml;nde auf eine bestimmte Weise zu beschreiben hat, oder sie sind falsch. Und auch hier, glaube ich, leistet das Buch von Poschardt einen Beitrag dazu, zu versuchen, sich diesen Panzer nicht &uuml;berst&uuml;lpen zu lassen. Die NachDenkSeiten probieren das ja auch &ndash; auf anderen Gebieten &ndash; permanent. Es gibt viele Buchverlage, insbesondere die politischen Sachbuchverlage, die immer wieder gute B&uuml;cher bringen und sich bem&uuml;hen, eine politische Diskussion anzusto&szlig;en und politische Sachverhalte differenziert zu diskutieren. Und alle Verlage t&auml;ten eben gut daran, sich nicht an diesem Gut-B&ouml;se-Schema zu orientieren.<\/p><p><strong>Inwiefern beobachten Sie auch eine publizistische Selbstzensur bei Verlagen? Also, das bewusste Meiden bestimmter Themen, Begriffe oder Autoren aus Angst vor &ouml;ffentlicher Emp&ouml;rung oder Cancel-Kampagnen?<\/strong><\/p><p>Ich glaube schon, dass es in den Medien &ndash; ob es jetzt Buchverlage, Magazine, Zeitschriften, Online-Medien sind &ndash; in der Tendenz eine, vielleicht auch unbeabsichtigte, aber schlussendlich doch reale Ann&auml;herung an einen regierungskonformen Meinungskorridor gibt, dem man sich anschmiegt. Es gibt aber immer wieder, &uuml;berraschenderweise auch in &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien, sehr gute Beitr&auml;ge, was allerdings nichts daran &auml;ndert, dass dieser Meinungskorridor besteht. Und die Frage ist: Wird dieser Korridor enger, f&uuml;llt er sich links und rechts mit noch mehr Beton oder bleibt er flexibel? Interessanterweise ist dieser enge und vorgegebene Meinungskorridor aber bei ganz vielen Menschen, die mitunter keinen &uuml;berm&auml;&szlig;igen Medienkonsum betreiben, gar nicht wirkm&auml;chtig. Und gewisse Auseinandersetzungen, die in den Medien bis zum Exzess gef&uuml;hrt werden, kommen bei ihnen &uuml;berhaupt nicht an &ndash; ja, ich m&ouml;chte sogar sagen, werden dort gar nicht wahrgenommen, weil sie einfach ganz weit weg von deren Lebensrealit&auml;t sind.<\/p><p><strong>Erleben Sie selbst als Verlag oder Verleger auch Druck &ndash; etwa von Medien, Buchhandel oder &ouml;ffentlichen Institutionen &ndash;, wenn sie bestimmte Gegenperspektiven anbieten?<\/strong><\/p><p>Auch, wenn wir nicht direkt kritisch angesprochen werden, nehmen wir nat&uuml;rlich wahr, wie durch bestimmte manipulative Methoden versucht wird, Einfluss zu nehmen. Albrecht M&uuml;ller hat ja in seinem Buch &bdquo;Glaube wenig &ndash; Hinterfrage alles &ndash; Denke selbst&ldquo; sehr ausf&uuml;hrlich beschrieben, welche Methoden es gibt. Aber da wir das Buch gelesen haben und uns zu Herzen nehmen, durchschauen wir das Vorgehen.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das Buch gelesen haben muss man nicht,<br>\nes reicht das Thema oder eine Autorin, um es zu diskreditieren.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wenn man heutzutage in irgendeiner Form medial auftritt und mit gewissen Inhalten aufwartet, werden diese nat&uuml;rlich nicht immer bejubelt. Das Buch gelesen haben muss man nicht, es reicht das Thema oder eine Autorin, um es zu diskreditieren. Und die Frage ist, was dann passiert: Ist es einfach Kritik, mit der man sich auseinandersetzt, oder wird ein Ausschluss versucht, also bedeutet das zum Beispiel &bdquo;Mit euch arbeite ich nicht mehr zusammen&ldquo; oder so etwas. Uns erreichen auch, relativ selten, aus meiner Sicht etwas scheinheilige Fragen zu diesem oder jenem Autor oder Thema.<\/p><p>Im Kern sind wir sozialpolitisch geleitet und haben im Gegensatz zu vielen anderen Medienleuten auch tats&auml;chlich regelm&auml;&szlig;igen und intensiven Kontakt zu Menschen, denen es nicht gut, besser gesagt sogar sehr schlecht geht in dieser Gesellschaft: ob aus dem migrantischen Milieu, dem klassischen Arbeitermilieu, Arbeitslose oder sonst wie abgeh&auml;ngte Menschen. Und weil wir da sehr nah dran sind und viele dieser Menschen tats&auml;chlich intensiv unterst&uuml;tzen und sie auch an unterschiedlichen Stellen in unsere Verlagsarbeit einbeziehen, wissen wir, wovon wir sprechen. Wir wissen, was es bedeutet, ganz unten zu sein, weil wir uns sehr eng mit diesen Menschen austauschen, ihnen beistehen und nicht nur &uuml;ber sie sprechen. Das bietet kaum Wohlf&uuml;hlbenefit, wie man ihn auf einer Demo gegen oder f&uuml;r irgendwas einstreicht, sondern kostet Zeit, Nerven, Geld. Aber weder spielt das eine Rolle, noch w&uuml;sste ich eine Alternative dazu, als an dem Ort, an dem man sich gerade befindet, andere so zu unterst&uuml;tzen, dass sie einigerma&szlig;en menschenw&uuml;rdig leben k&ouml;nnen. Alles andere ist Sich-wichtig-Nehmen.<\/p><p><strong>Gab es auf B&uuml;cher des Westend Verlags irgendwelche Reaktionen, sei es auf der Buchmesse, sei es bei Veranstaltungen, wo Lesereisen oder &Auml;hnliches verhindert werden oder wo Ihnen vielleicht Kollegen aus anderen Verlagen entweder sagen &bdquo;Das finde ich unm&ouml;glich, was ihr macht&ldquo; oder unter der Hand sagen &bdquo;Ich finde das eigentlich spannend, aber bei uns ginge das nicht&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Bei den Autoren und Autorinnen, bei denen friedenspolitische oder geopolitisch-kritische Thematiken vorherrschen, kann das schon mal vorkommen.<\/p><p>Wir bekommen vor Ort sehr viel Zuspruch. Zum Beispiel werden wir als Verlag oft an den B&uuml;chertischen, mit denen wir bei den Lesungen vor Ort sind, mit so einem Lob &uuml;bersch&uuml;ttet, dass es mir schon fast unangenehm ist, weil wir ja im Prinzip nichts anderes machen, als den Gedanken der Autorinnen und Autoren einen Raum zu geben. Wir heimsen sozusagen Lob f&uuml;r den Mut und die Arbeit ein, den eigentlich die Autorinnen und Autoren bekommen sollten. Aber ich verstehe es schon, der Verlag als Mittler, als Medium spielt da auch eine Rolle.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es gibt sehr wache politische K&ouml;pfe, aber sie werden bis aufs Messer bek&auml;mpft.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wir bekommen allerdings auch die Schwierigkeiten mit. Und es ist in der Tat so, dass Menschen, die sich f&uuml;r Frieden und Verst&auml;ndigung und Miteinanderreden einsetzen, unverst&auml;ndlicherweise (oder vielleicht auch verst&auml;ndlicherweise) sehr stark attackiert werden &ndash; gerade von Leuten, die sich eigentlich damit br&uuml;sten, irgendwie &bdquo;kritisch&ldquo; zu sein. Und wenn Sie mich fragen, hat die politische Linke bei den vergangenen gro&szlig;en politischen Problemen absolut versagt: Sie hat bei Corona versagt und sie versagt aktuell bei friedenspolitischen Fragen. Es gibt sehr wache politische K&ouml;pfe, aber sie werden bis aufs Messer bek&auml;mpft. Und es macht schon traurig, aber auch w&uuml;tend, zu sehen, wie &ndash; gerade journalistisch &ndash; Menschen von Schein-Linken attackiert werden, obwohl sie sich doch eigentlich f&uuml;r etwas sehr Gutes und Menschliches einsetzen, nur um die Meinungsf&uuml;hrerschaft zu behalten. Aber es ist eigentlich nur eine behauptete Meinungsf&uuml;hrerschaft. Man muss, das d&uuml;rfte eindeutig sein, strikt unterscheiden zwischen der Meinung der gro&szlig;en Medienorgane und dem, was die Menschen drau&szlig;en tats&auml;chlich bewegt und was sie tats&auml;chlich denken.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch!<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: &copy; privat<\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a18980bbf48b4b01b9849d543b7f358e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Zeit, in der der Debattenraum zunehmend schrumpft und polarisiert ist, haben Verlage eine besondere Verantwortung, f&uuml;r offene Diskursr&auml;ume einzutreten. <strong>Markus Johannes Karsten<\/strong>, Verleger des Westend Verlags, setzt mit seinem Programm genau auf diese Vielfalt. 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