{"id":133039,"date":"2025-05-17T10:00:08","date_gmt":"2025-05-17T08:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133039"},"modified":"2025-05-16T18:03:28","modified_gmt":"2025-05-16T16:03:28","slug":"nachruf-auf-pepe-mujica-symbolfigur-des-kampfes-gegen-die-diktaturen-in-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133039","title":{"rendered":"Nachruf auf Pepe Mujica &#8211; Symbolfigur des Kampfes gegen die Diktaturen in Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<p>Jos&eacute; Pepe Mujica bewegte bis zuletzt die Menschen mit seinen Ansprachen, die von der Weisheit seines langen Lebens gepr&auml;gt waren. Er wollte bis zum 20. Mai, seinem 90. Geburtstag, leben, aber Uruguays ehemaliger Pr&auml;sident ging eine Woche fr&uuml;her und hinterl&auml;&szlig;t eine Legende wegen der Bescheidenheit, in der er mit seiner Frau und Mitstreiterin Luc&iacute;a Topolansky lebte und Blumen z&uuml;chtete. Und ebenso f&uuml;r seine Entscheidung, an dem Ort begraben zu werden, den er auch w&auml;hrend seiner Schritte in der Politik nie verlassen hat, als er Abgeordneter, Senator und Minister f&uuml;r Viehzucht und Kultur in der Frente-Amplio-Regierung unter Tabar&eacute; V&aacute;zquez war. Ein Nachruf von <strong>Stella Calloni<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Vom Guerillero zum Pr&auml;sidenten&rdquo; titelten mehrere Medien &uuml;ber Mujica, der 1964 den Weg des bewaffneten Kampfes w&auml;hlte und sich der Nationalen Befreiungsbewegung Tupamaros (Movimiento de Liberaci&oacute;n Nacional-Tupamaros (MLN-T) unter der Leitung eines au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Anf&uuml;hrers, Ra&uacute;l Sendic, anschloss.<\/p><p>Die Tupamaros waren international vor allem bekannt, weil eine ihrer Aktionen 1972 den Film &bdquo;&Eacute;tat de si&egrave;ge&rdquo; (deutscher Titel: &bdquo;Unsichtbarer Aufstand&rdquo;) des franz&ouml;sisch-griechischen Regisseurs Costa-Gavras inspirierte, ebenso wie der Tod des FBI-Agenten Dan Mitrione, der unter anderem Foltertechniken lehrte, die in anderen s&uuml;damerikanischen L&auml;ndern angewandt wurden. Die Aktion deckte den Staatsterrorismus auf, den die USA zur Unterst&uuml;tzung von Scheindemokratien wie der uruguayischen, die als die Schweiz Amerikas galt, betrieben. Im Polizeipr&auml;sidium von Montevideo wurde die Folter zur Routine.<\/p><p>Im Jahr 1969 wurde Mitrione als angeblicher USAID-Mann nach Uruguay geschickt, wo er im Keller seines Hauses in Montevideo Folter unterrichtete und Obdachlose f&uuml;r diese grausamen Verh&ouml;re missbrauchte. 1970 entf&uuml;hrten die Tupamaros Mitrione und verlangten, ihn gegen politische Gefangene auszutauschen. Der damalige Pr&auml;sident Jorge Pacheco Areco weigerte sich, was mit dem Tod des US-Agenten endete.<\/p><p>Es ist eine lange Geschichte, die in diesem Beispiel zusammengefasst ist und die bis in die Zeit zur&uuml;ckreicht, in der Mujica zusammen mit anderen Genossinnen und Genossen mehrmals verhaftet wurde, wobei sie spektakul&auml;re Fluchtversuche unternahmen. Von 1972 bis 1985 waren sie selbst Opfer von Entf&uuml;hrung und Folter und wurden von der Diktatur als Geiseln gehalten. Einer Diktatur, die eigentlich 1971 unter einer angeblich demokratischen Pr&auml;sidentschaft begann, 1973 als solche definiert wurde und Tausende von Opfern bei der Verfolgung von Anf&uuml;hrern und Aktivisten der Frente Amplio hinterlie&szlig;, wie General Liber Seregni und andere.<\/p><p>Als er am 1. M&auml;rz 2010 im Parlamentspalast das Amt des Pr&auml;sidenten der Republik Uruguay &uuml;bernahm, wurde er von seiner Frau Luc&iacute;a Topolansky als Pr&auml;sidentin des Senats in Anwesenheit von Staatsoberh&auml;uptern und Parteivorsitzenden aus verschiedenen L&auml;ndern vereidigt.<\/p><p>Ich hatte die Gelegenheit, zusammen mit der argentinischen Delegation in dem Hotel zu sein, in dem sich Mujica und sein Kabinett aufhielten. Zuf&auml;llig wurde ich Zeugin, wie Pr&auml;sident Tabar&eacute; V&aacute;zquez, der ihm die Pr&auml;sidentensch&auml;rpe anlegen sollte, versuchte, ihn dazu zu bewegen, eine Krawatte anzulegen, um auf die B&uuml;hne zu gehen, von der aus er seine Rede vor einer auf der Plaza Independencia wartenden Menge halten w&uuml;rde.<\/p><p>Es war eine unvergessliche Zeremonie, und danach brach ein heftiger Sturm los. Im Hotel wurde dar&uuml;ber gesprochen, wie Mujica zur Pr&auml;sidentenresidenz kommen w&uuml;rde. Aber tats&auml;chlich hatten Pepe und Luc&iacute;a beschlossen, in ihrem Haus zu bleiben, wof&uuml;r verschiedene Sicherheitsma&szlig;nahmen ge&auml;ndert wurden.<\/p><p>Als Mujica Abgeordneter war, sah ich ihn auf dem Weg zur Parlamentssitzung auf einem Motorrad. Ich sah eine Person, die einen schwarzen Helm trug und wie ein K&auml;fer aussah, was ich einem Abgeordneten der Frente Amplio erz&auml;hlte, der l&auml;chelnd antwortete: &bdquo;Dieser K&auml;fer ist unser Pepe Mujica&rdquo;.<\/p><p>Mujica und Eleuterio Fern&aacute;ndez Huidobro, beides Anf&uuml;hrer der Tupamaros, bezogen eine Position zu den Prozessen, die gegen die Milit&auml;rs der vergangenen Diktatur gefordert wurden, darunter auch einige, die an der finsteren Operation Condor beteiligt waren. Beide Anf&uuml;hrer geh&ouml;rten dem Movimiento de Participaci&oacute;n Popular innerhalb der Frente Amplio an, &uuml;ber das Mujica Pr&auml;sident werden sollte. Ihre Haltung der Auss&ouml;hnung wurde stark kritisiert, weil sie auf die ber&uuml;chtigte &bdquo;Theorie der zwei D&auml;monen&rdquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] zur&uuml;ckgef&uuml;hrt wurde und diejenigen traf, die nach Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit suchten.<\/p><p>Constanza Moreira erinnerte sich in der Zeitschrift <em>Brecha<\/em> daran, dass sie von Mujica ermutigt wurde, in die parlamentarische Politik zu gehen. &bdquo;Er versinnbildlichte eine Zeit, als die bewaffnete Rebellion in der Hitze der triumphierenden kubanischen Revolution gl&uuml;hte, und war ein Beispiel der langen Gefangenschaft und der Folter, die die uruguayische Diktatur kennzeichneten. Er wurde zu einer Ikone der Umwandlung der bewaffneten Linken innerhalb der Frente Amplio, und er wurde Pr&auml;sident und katapultierte sich zum bekanntesten politischen F&uuml;hrer Uruguays au&szlig;erhalb der Landesgrenzen. All das war sein Weg, nicht mehr und nicht weniger. Und es war sein langes, sehr langes Leben, das es ihm erm&ouml;glichte, von einer Generation zur anderen zu wechseln &ndash; immer in der Rolle des &lsquo;Alten&rsquo; &ndash; und Reden, Ideen und Gesten immer wieder anzupassen.&rdquo;<\/p><p>In Bezug auf Mujicas Regierung hebt Moreina eine Reihe wichtiger Ma&szlig;nahmen hervor, die zu Ver&auml;nderungen und Neuerungen gef&uuml;hrt haben, vor allem in der Sozialpolitik, erw&auml;hnt aber auch die Schw&auml;chen im Bereich der Menschenrechte, den Wandel in der Politik der &ouml;ffentlichen Sicherheit und die umstrittene Verbindung zu den Streitkr&auml;ften.<\/p><p>Trotz alledem gelang es Mujica, die Menschen mit seinen Ansprachen zu bewegen, die zwar manchmal kontrovers waren, aber aus der Weisheit eines gelebten Lebens entsprangen. Ich habe Luc&iacute;a Topolansky auf ihrem Bauernhof interviewt, wo sich das sehr bescheidene Haus befindet, das sie nie verlassen haben. Dieser Mujica, der die jungen Leute bewegte, ist derjenige, an den sich die Welt heute erinnert.<\/p><p>In einem Interview mit <em>Brecha<\/em> Ende 1994 sagte Mujica, er sehe nur &bdquo;zwei Wege: sich tiefgreifend zu radikalisieren oder die Prinzipien aufzugeben&rdquo;. Er stellte klar: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich von Radikalisierung spreche, meine ich nicht die Radikalisierung, die die Leute in ihren K&ouml;pfen haben, die ein Diskurs im Glockenturm ist, der erfunden wurde, um die linke Literatur zu f&uuml;llen. Sondern ich meine die Radikalisierung des Sozialen, das auf der Stra&szlig;e stattfindet, wo die Leute L&ouml;sungen fordern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Die Politiker haben es verlernt, zum Kern vorzudringen. Sie sind sehr besch&auml;ftigt mit den Informationen, die die Presse verbreitet, und manchmal bin ich erschrocken &uuml;ber ihren Mangel an Tiefgr&uuml;ndigkeit. Es gibt einen Teil des Abenteuers, der beginnt, wenn man ein gutes Buch zuklappt und nachdenkt; diese Gewohnheit des Denkens, die zur Gewohnheit des Beobachtens f&uuml;hrt. Mal sehen, ob ich es definieren kann: Sie alle sind Wirtschaftswissenschaftler oder Wirtschaftsliebhaber, aber da ist doch immer noch der Mensch. Wirtschaftlicher Fortschritt kann nicht mit menschlichem Gl&uuml;ck gleichgesetzt werden. Ich wei&szlig;, wenn ich das im Parlament sage, erscheine ich wie ein Wesen von einem anderen Planeten. Einige haben sehr schwere Jobs, andere haben die Profite, aber wir m&uuml;ssen weiter f&uuml;r eine Gesellschaft k&auml;mpfen, in der jeder arbeiten kann, nicht um Reichtum anzuh&auml;ufen und zu konsumieren, sondern um Zeit zu haben, die man f&uuml;r das aufwenden kann, was man will.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber die Autorin: <strong>Stella Calloni<\/strong> aus Argentinien ist Journalistin und Schriftstellerin. Korrespondentin der mexikanischen Tageszeitung <em>La Jornada<\/em> f&uuml;r S&uuml;damerika; u.a. Autorin des Buches &bdquo;Operaci&oacute;n Condor. Lateinamerika im Griff der Todesschwadronen&rdquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Anm.d.Red.: Als &bdquo;Theorie der zwei D&auml;monen&rdquo; wird die Auffassung bezeichnet, dass die Schwere der von staatlichen Akteuren im Rahmen des Staatsterrorismus begangenen Verbrechen den Gewalttaten der Guerilla-Organisationen gleichzusetzen ist. Siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.nodal.am\/2023\/07\/teoria-de-los-dos-demonios-un-pasado-ocultado-y-la-reparacion-a-victimas-de-la-guerrilla-por-nicolas-centurion\/\">https:\/\/www.nodal.am\/2023\/07\/teoria-de-los-dos-demonios-un-pasado-ocultado-y-la-reparacion-a-victimas-de-la-guerrilla-por-nicola&hellip;<\/a><\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>&Uuml;bersetzung: Vilma Guzm&aacute;n, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/275244\/uruguay-mujica-symbolfigur\">Amerika21<\/a>.<\/small><\/p><p><small>Titelbild: Jos&eacute; &bdquo;Pepe&rdquo; Mujica bei einer Ansprache anl&auml;sslich des 160. Jahrestages der bilateralen Beziehungen zwischen Uruguay und Deutschland im Mai 2016 in Berlin &ndash; Quelle: Shutterstock \/ D. Busquets<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67793\">Pepe Mujica &ndash; Der politische Abschied der linken Kultfigur Lateinamerikas<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76205\">Die offenen Adern Lateinamerikas &ndash; Die 50 Jahre eines literarischen Meilensteins historischer Aufkl&auml;rung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74593\">Tage wie N&auml;chte<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53998\">Venezuela &ndash; Nachtrag &uuml;ber den Menschenrechts-Bericht Michelle Bachelets, &uuml;ber Pepe Mujica und die Medien<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/1adb91636d45472eafdcf576c6f23fd4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jos&eacute; Pepe Mujica bewegte bis zuletzt die Menschen mit seinen Ansprachen, die von der Weisheit seines langen Lebens gepr&auml;gt waren. 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