{"id":1332,"date":"2006-06-03T17:46:35","date_gmt":"2006-06-03T15:46:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1332"},"modified":"2016-02-06T11:24:45","modified_gmt":"2016-02-06T10:24:45","slug":"albert-schweitzer-und-die-nachdenkseiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1332","title":{"rendered":"Albert Schweitzer und die NachDenkSeiten"},"content":{"rendered":"<p>Vor zwei Tagen erhielt ich eine Mail, die ich unseren Lesern zur Kenntnis geben m&ouml;chte. Der Autor analysiert u.a. die Hintergr&uuml;nde unseres NachDenk-Versuchs und verweist auf einen einschl&auml;gigen Text von Albert Schweitzer. Beide Texte finden Sie im Folgenden. Danke an den Absender und zugleich an alle anderen, die uns mailen. Bitte haben Sie Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass wir in vielen F&auml;llen nicht antworten k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Hier zun&auml;chst die Mail und dann der Text von Albert Schweitzer:<\/strong><\/p><blockquote><p>Beim Lesen meiner Lekt&uuml;re, die da lautet &ldquo;Wie wir &uuml;berleben k&ouml;nnen&rdquo; von Albert Schweitzer, fiel mir eine Passage ins Auge, die mich erschreckenderweise an unsere Situation erinnert, in der man eine Wahrheit vorgibt, die angeblich die einzige ist, um dann von Papageipapageien weiterverwertet zu werden.<\/p>\n<p>Schweitzer beginnt damit, da&szlig; wir heute (damit meint er nat&uuml;rlich seine Zeitepoche) verlehrt haben selbst zu denken, quasi den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet haben. Stattdessen nehmen wir vorgefertigte Wahrheiten in uns auf, nicht der Wahrheit darin erkennend, nur hinnehmend. Schlie&szlig;lich m&uuml;sse es ja stimmen, wenn soviele dies als Wahrheit ansehen.<\/p>\n<p>Dann beschreibt er, und da erinnerte ich mich an Sie und Ihr Buch &ldquo;Machtwahn&rdquo;, wie man irgendwann beginnt am eigenen Denken zu zweifeln, weil man ringsherum ganz andere, vorgefertigte Denkmuster &ldquo;erh&auml;lt&rdquo;. Es tritt ein Skeptizismus gegen&uuml;ber dem eigenen Denken ein, aber auch gegen denjenigen, der ganz different dem Geist der Zeit entgegentritt und anders denkt. Auch Bl&uuml;m kommt mir in den Sinn, wie er gegen Beckmann, BILD und &Ouml;ffentlichkeit ank&auml;mpfen mu&szlig;, wie man ihn zum Politsenioren von Vorgestern abstempeln will. Welcher Mensch beginnt nicht an sich zu zweifeln, wenn die welt um ihn herum so tut, als w&auml;re man auf dem Holzweg?<\/p>\n<p>Wissenschaftswahrheit: Schweitzer glaubte, nicht ganz zu unrecht, da&szlig; die Wissenschaft dem Menschen das Denken abgenommen hat. Was die Wissenschaft uns vermittelt, mu&szlig; schlie&szlig;lich wahr sein.<br>\nPers&ouml;nlich will ich festhalten: Wissenschaft hat ihre Berechtigung, wenn sie objektiv daherkommt, nicht pars pro toto auftritt und sich damit in den Dienst der Menschen stellt. Aber Schweitzer darf man zustimmen, wenn man sieht, wie einige Ihrer &Ouml;konomenkollegen, lieber Herr M&uuml;ller, daherkommen. Siehe Hans-Werner Sinn, siehe Raffelh&uuml;schen: Sie kommen im wissenschaftlichen Deckm&auml;ntelchen in unsere Wohnzimmer und verk&uuml;nden eine wissenschaftliche Wahrheit. Warum, so die Masse, sollte man das anzweifeln?<\/p>\n<p>Und zum Ende der schweitzerischen Ausf&uuml;hrungen kommt die Erkenntnis, da&szlig; man &ndash; hat man die Schleusen dem Skeptizismus gegen&uuml;ber dem eigenen Denken erstmal ge&ouml;ffnet &ndash; dies nicht mehr eind&auml;mmen kann. Vielleicht, um auf die aktuelle Situation zu deuten, ist es diese Feststellung, warum unsere Eliten schlichtweg keinen Mut mehr haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Sie k&ouml;nnen es einfach nicht, weil man ihnen t&auml;glich eine vorgefertigte Meinung pr&auml;sentierte.<\/p>\n<p>Man kann dem Volk nicht die Schuld geben, nicht Denken zu wollen, zumindest in der &ouml;konomischen Frage. Oft wirkt es mystisch, was sich um Finanzen und Wirtschaft rankt, Durchblick ist schwer zu erzielen. Doch, und hier mu&szlig; Kritik am Zeitgeist des Nicht-Denkens erlaubt sein, bem&uuml;ht man sich auch nicht, da&szlig; was einen so neoliberal vorgesetzt wird, mit gesunden Menschenverstand zu durchdenken. Und dies mu&szlig; Anliegen der NachDenkSeiten sein: Nur wer Mut hat, sich seine eigenen Gedanken zu machen, der ist f&auml;hig der differenten Auseinandersetzung und kann vorgefertigte Meinungen &ndash; die noch dazu zum Schaden dessen erdacht wurden, der sie aufnehmen soll &ndash; von sich weisen.<br>\nGesunder Menschenverstand: Wieviele der neoliberalen &ldquo;Wahrheiten&rdquo; sind mit diesem zu zertreten? Durch ausgefeilte Logik zeichnen sich die &ldquo;Wahrheiten&rdquo; dieser Herrschaften ja nicht aus.<\/p>\n<p>Es ist in der Politik, im Zeitgeist &uuml;berhaupt, ein Hauch von Unethik zu sp&uuml;ren. Man schlie&szlig;t Menschen aus der Gesellschaft aus, weil sie keine Arbeit finden k&ouml;nnen. Nicht nur finanziell, sondern eben &ndash; und dies oft viel schlimmer -, weil man als Mensch keinen Wert mehr darstellt. Kurz, weil man nicht mehr zum Humankapital taugt, sondern Ballastexistenz geworden ist. Andere sprechen gar von Parasiten und erregen damit kaum Aufruhr, sondern geh&ouml;ren weiterhin zur High-Society deutschen Neoliberalismus. Man stellt Bev&ouml;lkerungsschichten kollektiv in den Stand des S&uuml;ndebocks: Arbeitslose, kinderlose Frauen, Ausl&auml;nder muslimischen Ursprungs, Ostdeutsche &ndash; auch hier keine ethisch-subjektive Auseinandersetzung, sondern eine unethische Art, ungeliebte Bev&ouml;lkerungskreise zu diffamieren.<br>\nWarum ist dies so? &ndash; Schweitzer w&uuml;rde darauf antworten: &ldquo;Ethisch zu sein, hei&szlig;t denkend zu sein!&rdquo;<\/p>\n<p>In einer angeh&auml;ngten Word-Datei habe ich mir erlaubt, Ihnen die Passagen Schweitzers zukommen zu lassen. M&ouml;glicherweise kennen Sie den Text aber bereits. Ich wollte Ihnen diesen nur mitteilen, weil er mich beim Lesen an den heute herrschenden Zeitgeist erinnerte und an das aufkl&auml;rerische Engagement, da&szlig; Sie an den Tag legen, lieber Herr M&uuml;ller. Vielleicht ein philosophisches Fundament, um die Bem&uuml;hungen, Menschen zum Selbstdenken anzuleiten, zu w&uuml;rdigen. Ein ethisches Fundament zwar &ndash; denn Schweitzer war eben vorallem Ethiker -, doch daran d&uuml;rfen wir nicht vorbeigehen: Das moderne Gemeinwesen hat ethisch zu sein, in erster Instanz. Ein ethisches Gemeinwesen ist das Absolut, da&szlig; wir uns setzen m&uuml;ssen. Was n&uuml;tzt alle Wirtschaftlichkeit einer Gesellschaft, wenn darin Menschen heilbarer Krankheit sterben, andere Hunger leiden m&uuml;ssen? &Uuml;ber unser ethisches Gewissen erkennen wir Mi&szlig;st&auml;nde und k&ouml;nnen sie dann realpolitisch umsetzen, sofern wir bereit sind denkend und damit ethisch zu sein.<\/p>\n<p>Viele Gr&uuml;&szlig;e,<br>\nR. J. De L.<\/p><\/blockquote><p><strong>Anlage: Passage aus Albert Schweitzers &bdquo;Wie wir &uuml;berleben k&ouml;nnen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Bei der heutigen Mi&szlig;achtung des Denkens ist aber noch Mi&szlig;trauen gegen es mit im Spiel. Die organisierten staatlichen, sozialen und religi&ouml;sen Gemeinschaften unserer Zeit sind darauf aus, den Einzelnen dahin zu bringen, da&szlig; er seine &Uuml;berzeugungen nicht aus eigenem Denken gewinnt, sondern sich diejenigen zu eigen macht, die sie f&uuml;r ihn bereit halten. Ein Mensch, der eigenes Denken hat und danmit geistig ein Freier ist, ist ihnen etwas Unbequemes und Unheimliches. Er bietet nicht gen&uuml;gende Gew&auml;hr, da&szlig; er in der Organisation in der gew&uuml;nschten Weise aufgeht. Alle K&ouml;rperschaften suchen heute ihre St&auml;rke nicht so sehr in der geistigen Wertigkeit der Ideen, die sie vertreten, und in der der Menschen, die ihnen angeh&ouml;ren, als in der Erscheinung einer h&ouml;chstm&ouml;glichen Einheitlichkeit und Geschlossenheit. In dieser glauben sie die st&auml;rkste Widerstands- und Sto&szlig;kraft zu besitzen.<\/p><p>[&hellip;]<\/p><p>Sein ganzes Leben hindurch ist der heutige Mensch also der Einwirkung von Einfl&uuml;ssen ausgesetzt, die ihm das Vertrauen in das eigene Denken nehmen wollen. Der Geist der geistigen Unselbst&auml;ndigkeit, dem er sich ergeben soll, ist in allem, was er h&ouml;rt und liest; er ist in den Menschen, mit denen er zusammenkommt; er ist in den Parteien und Vereinen, die ihn mit Beschlag belegt haben; er ist in den Verh&auml;ltnissen, in denen er lebt. Von allen Seiten und auf die mannigfachste Weise wird auf ihn eingewirkt, da&szlig; er die Wahrheiten und &Uuml;berzeugungen, deren er zum Leben bedarf, von den Genossenschaften, die Rechte auf ihn haben, entgegennehme. Der Geist der Zeit l&auml;&szlig;t ihn nicht zu sicher selber kommen. Wie durch die Lichtreklame, die in den Stra&szlig;en der Gro&szlig;stadt aufflammen, eine Gesellschaft, die kapitalkr&auml;ftig genug ist, um sich durchzusetzen, auf Schritt und Tritt Zwang auf ihn aus&uuml;bt, da&szlig; er sich f&uuml;r ihre Schuhwichse oder ihre Suppenw&uuml;rfel entscheide, so werden ihm fort und fort &Uuml;berzeugungen aufgedr&auml;ngt.<br>\nDurch den Geist der Zeit wird der heutuge Mensch also zum Skeptizismus in bezug auf das eigene Denken angehalten, damit er f&uuml;r autoritative Wahrheit empf&auml;nglich werde. Dieser stetigen Beeinflussung kann er nicht den erforderlichen Widerstand leisten, weil er ein &uuml;berbesch&auml;ftigtes, ungesammeltes, zerstreutes Wesen ist. &Uuml;berdies wirkt die vielfache materielle Unfreiheit, die sein Los ist, in der Art auf seine Mentalit&auml;t ein, da&szlig; er zuletzt auch den Anspruch auf eigene Gedanken nicht mehr aufrechterhalten zu k&ouml;nnen glaubt.<br>\nHerabgesetzt wird sein geistiges Selbstvertrauen auch durch den Druck, den das ungeheure, t&auml;glich sich vermehrende Wissen auf ihn aus&uuml;bt. Er ist nicht mehr imstande, sich alle bekannt werdende Erkenntnis als etwas Begriffenes anzueignen, sondern mu&szlig; sie als etwas Unverstandenes f&uuml;r richtig halten. Durch dieses Verhalten zur Wissenschaftswahrheit kommt er in Versuchung, sich in den Gedanken hineinzufinden, da&szlig; seine Urteilskraft auch in Sachen des Denkens nicht ausreiche.<\/p><p>[&hellip;]<\/p><p>Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterkl&auml;rung. Wo die &Uuml;berzeugung aufh&ouml;rt, da&szlig; die Menschen die Wahrheit durch ihr Denken erkennen k&ouml;nnen, beginnt der Skeptizismus. Diejenigen, die daran arbeiten, unsere Zeit in dieser Art skeptisch zu machen, tun dies in der Erwartung, da&szlig; die Menschen durch Verzicht auf selbsterkannte Wahrheit zur Annahme dessen, was ihnen autoritativ und durch Propaganda als Wahrheit aufgedr&auml;ngt werden soll, gelangen werden.<br>\nDie Rechnung ist falsch. Wer der Flut des Skeptizismus die Schleusen &ouml;ffnet, da&szlig; sie sich &uuml;ber das Land ergie&szlig;e, darf nicht erwarten, sie nachher eind&auml;mmen zu k&ouml;nnen. Nur ein kleiner Teil derer, die sich entmutigen lassen, in eigenem Denken Wahrheit erreichen zu wollen, findet Ersatz daf&uuml;r in &uuml;bernommener Wahrheit. Die Masse selbst bleibt skeptisch. Sie verliert den Sinn f&uuml;r Wahrheit und das Bed&uuml;rfnis nach ihr und findet sich darein, in Gedankenlosigkeit dahinzuleben und zwischen Meinungen hin- und hergetrieben zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Tagen erhielt ich eine Mail, die ich unseren Lesern zur Kenntnis geben m&ouml;chte. Der Autor analysiert u.a. die Hintergr&uuml;nde unseres NachDenk-Versuchs und verweist auf einen einschl&auml;gigen Text von Albert Schweitzer. Beide Texte finden Sie im Folgenden. Danke an den Absender und zugleich an alle anderen, die uns mailen. Bitte haben Sie Verst&auml;ndnis daf&uuml;r,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1332\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,161],"tags":[243],"class_list":["post-1332","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-wertedebatte","tag-in-eigener-sache"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1332","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1332"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1332\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30971,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1332\/revisions\/30971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1332"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1332"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1332"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}