{"id":133354,"date":"2025-05-23T15:00:04","date_gmt":"2025-05-23T13:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133354"},"modified":"2025-05-23T16:50:49","modified_gmt":"2025-05-23T14:50:49","slug":"tino-eisbrenner-in-moskau-wir-haben-keine-sekunde-fuer-den-frieden-zu-verlieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133354","title":{"rendered":"Tino Eisbrenner in Moskau: \u201eWir haben keine Sekunde f\u00fcr den Frieden zu verlieren\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der &bdquo;Friedensberichterstatter&ldquo; und Songpoet <strong>Tino Eisbrenner<\/strong> ist nun auch in Russland auf Russisch zu lesen. Sein neues Buch &bdquo;Schurawli&ldquo; stellte er in Moskau am Rande der Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Sieges &uuml;ber Nazi-Deutschland vor. Wir begleiteten ihn auf seiner Reise und sprachen mit dem Songpoeten bei einem schmackhaften Borschtsch im GUM, dem ber&uuml;hmten Einkaufszentrum der Sowjetzeit, mit Blick auf den Roten Platz. Bemerkenswert ist, dass dieses Jahr im Mai mehrere Gruppen aus Deutschland nach Moskau reisten. Viele von ihnen suchten einfach eine ungest&ouml;rte M&ouml;glichkeit, den Jahrestag gemeinsam mit Russen zu feiern &ndash; etwas, das in Deutschland heute unm&ouml;glich scheint. Das Gespr&auml;ch mit Tino Eisbrenner f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Eisbrenner, Sie haben am 7. Mai in Moskau bei der Nachrichtenagentur <em>TASS<\/em> Ihr russisches Buch &bdquo;Schurawli&ldquo;, auf Deutsch &bdquo;Kraniche&ldquo;, vorgestellt. Wie kommt ein Deutscher dazu, in Moskau ein russisches Buch zu ver&ouml;ffentlichen?<\/strong><\/p><p><strong>Tino Eisbrenner<\/strong>: Das hat etwas mit meiner Biografie zu tun: Ich bin 1962 in der DDR geboren und sicher eine Art Prototyp eines DDR-Geborenen. Dazu geh&ouml;rt die Erfahrung, zwei Gesellschaftsordnungen kennengelernt zu haben. Schulbildung, Abitur, Armeezeit in der DDR, und dann bin ich mit meiner Band Jessica zu einem Rock-Pop-Star geworden, mit vielen und sehr gro&szlig;en Konzerten. Damit war 1990 pl&ouml;tzlich Schluss. Die Kultur der DDR war &uuml;ber Nacht unerw&uuml;nscht und sogar st&ouml;rend.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250522-Foto1-von-Eva-Peli_DSC1944.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Nat&uuml;rlich war ich auch mit der Kultur und der Politik der damaligen Sowjetunion sozialisiert worden &ndash; mit der Idee vom Sozialismus. Und all das ergab, dass ich seit 1990 eine gro&szlig;e Skepsis gegen&uuml;ber der Gesellschaftsordnung, in der ich fortan lebte, mitbringe und die Dinge immer sehr kritisch betrachte. Das hatte ich zwar vor 1990 auch schon getan, aber jetzt haben sich viele Sachen, die man mir in der Schule beigebracht hat, irgendwie bewahrheitet.<\/p><p>Ab 2010 habe ich das Gef&uuml;hl gehabt, dass man in Deutschland wieder zu einer Russophobie zur&uuml;ckkehrt, gegen die ich gerne etwas unternehmen wollte. Wobei es die Russophobie nicht innerhalb des Volkes ist, sondern innerhalb der Politik. Die Menschen in Deutschland waren eher uninteressiert, auch auf dem Gebiet der fr&uuml;heren DDR. Russland spielte keine gro&szlig;e Rolle mehr f&uuml;r den Alltag der Menschen. Alle waren unterwegs auf dem American Way of Life. Und so konnte sich politisch die Russophobie nach und nach einschleichen. Dagegen wollte ich k&uuml;nstlerisch etwas tun. Ich hatte vor 1990 oft in der Sowjetunion Konzerte gegeben, und das habe ich dann wieder begonnen. Im Jahr 2015 ging es los. Ich habe von Anfang an meine Erlebnisse auf den Reisen durch Russland, durch Wei&szlig;russland, auf der Krim, in Georgien aufgeschrieben, habe Tagebuch gef&uuml;hrt, um ein Buch dar&uuml;ber zu schreiben und meinen deutschen Freunden, meinen Sympathisanten von der russischen Seele zu erz&auml;hlen. Daraus entstand das Buch &bdquo;Das Lied vom Frieden&ldquo;.<\/p><p><strong>Sie sangen das Lied &bdquo;Schurawli&ldquo; (Kraniche) auch im Pressezentrum von <em>TASS<\/em> auf Wunsch der Moderatorin, zusammen mit dem diesj&auml;hrigen Bronzepreistr&auml;ger des Wettbewerbs &bdquo;Doroga na Jaltu&ldquo;, Emmanuel Forest aus Frankreich. Es war ein herzergreifender Moment. Was hat es mit diesem Lied auf sich?<\/strong><\/p><p>Im Jahr 2023 habe ich mich beim Festival &bdquo;Doroga na Jaltu&ldquo; (Deutsch &bdquo;Weg nach Jalta&ldquo;) beworben, bei dem internationale Teilnehmer in ihrer Sprache russische beziehungsweise sowjetische Lieder des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges singen. Da habe ich mich beworben als Deutscher, weil ich fand, gerade bei diesen Themen m&uuml;ssen Deutsche teilnehmen, um die V&ouml;lkerverst&auml;ndigung zu unterst&uuml;tzen. Wir haben damals mit der Festivalleitung zusammen &uuml;ber die Lieder beraten, die dort f&uuml;r mich in Frage k&auml;men, und wir kamen auf &bdquo;Schurawli&ldquo;, dieses wunderbare gro&szlig;e Friedenslied, was man an allen Orten der Welt singen kann und das &uuml;berall verstanden wird, weil es einfach eine friedliche, humanistische, liebende Position hat.<\/p><p>Ich erinnere mich noch an den Augenblick im Finale, als ich dieses Lied mit der wundersch&ouml;nen und wunderbaren S&auml;ngerin Zara gesungen habe. Zara sang die erste Strophe auf Russisch und ich die zweite Strophe auf Deutsch. Und als ich an den B&uuml;hnenrand ging, um meine deutsche Strophe zu singen, haben sich die 6.000 G&auml;ste in dem Saal erhoben. Da wusste ich, dass meine Absicht, die Hand zu reichen als Deutscher, damit man in Russland auch andere Stimmen h&ouml;rt als nur die der deutschen Politiker, verstanden wurde; dass diese Hand erkannt worden ist und dass die Geste mir zur&uuml;ckgegeben wurde vom Publikum. Das waren sehr ergreifende Augenblicke.<\/p><p>Die Geschichte dieser Reise 2023 habe ich in einem zweiten Buch aufgeschrieben, das in Deutschland auch erschienen ist, und nat&uuml;rlich hei&szlig;t es &bdquo;Schurawli&ldquo;. Darin berichte ich auch von den Reaktionen, die es dann in Deutschland auf den S&auml;nger Tino Eisbrenner gab. Also sowohl die offiziellen Reaktionen von Medien oder Veranstaltern als auch die vom Publikum, von Menschen, die davon erfahren haben, dass ich diese Reise gemacht habe. Es sprach sich ja sehr schnell rum: Ein deutscher S&auml;nger hat im Kreml gesungen. <\/p><p>Und da es nat&uuml;rlich auch russisches Publikum gibt in Deutschland, das bemerkt hat, dass es da einen deutschen S&auml;nger gibt, der sich gegen Russophobie engagiert, haben wir beschlossen, dieses Buch auch auf Russisch zu ver&ouml;ffentlichen. Schon das erste Buch &bdquo;Lied vom Frieden&ldquo; wurde ins Russische &uuml;bersetzt und 2019 im deutschen Nora-Verlag ver&ouml;ffentlicht. Inzwischen wurde Nora an die BEBUG verkauft und dort nach 2023 die russische Version des Buches aus dem Sortiment genommen. Da haben wir beschlossen, wir fassen beide B&uuml;cher zusammen, bringen sie ins Russische und machen sie eben zu diesem Buch; und zwar deshalb, weil darin nat&uuml;rlich f&uuml;r die russischen Leser auch etwas &uuml;ber die deutsche Seele erz&auml;hlt wird. Und vor allen Dingen wird auch &uuml;ber die Deutschen erz&auml;hlt, die nicht russophob sind und die die Freundschaft zwischen unseren V&ouml;lkern gerne pflegen m&ouml;chten.<\/p><p><strong>Wie oft sind Sie in Russland?<\/strong><\/p><p>Ich bin ein-, zweimal im Jahr in Russland, manchmal auch dreimal. Ich arbeite nat&uuml;rlich vorwiegend in Deutschland. Das gr&ouml;&szlig;te Publikum habe ich immer noch in Ostdeutschland, aber durch diese Friedensarbeit arbeite ich jetzt auch viel mehr im Westen von Deutschland, weil es auch dort viele Menschen gibt, die Angst vor der russlandfeindlichen deutschen Politik haben und sich &uuml;ber einen K&uuml;nstler, der f&uuml;r sie spricht, f&uuml;r sie singt, freuen.<\/p><p>Ich habe zusammen mit Tobias Morgenstern, der fantastisch Akkordeon spielt, ein Puschkin-Programm entwickelt. Das sehe ich auch als Antwort auf abgerissene Puschkin-Denkm&auml;ler, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in anderen L&auml;ndern. In Riga zum Beispiel, habe ich geh&ouml;rt, ist es auch passiert. Und wir haben gesagt, wir wollen Puschkin selbst zu Wort kommen lassen. Ich habe aus verschiedenen Gedichten auch Lieder gemacht, auf Deutsch nat&uuml;rlich. Mit diesem Programm haben wir mehr in Westdeutschland gespielt als in Ostdeutschland.<\/p><p><strong>Sie haben 2024 vom Botschafter Russlands in Deutschland, Sergej Netschajew, die Puschkin-Medaille bekommen &hellip;<\/strong><\/p><p>Die Puschkin-Medaille zu bekommen, das ist eine gro&szlig;e kulturelle Auszeichnung. Aber in einer Zeit wie dieser hier ist es eben auch eine gro&szlig;e kulturpolitische Auszeichnung und f&uuml;r mich eigentlich in erster Linie ein Zeichen daf&uuml;r, dass meine Bem&uuml;hungen, die Br&uuml;cke zu bauen, von der russischen Seite auch verstanden und gew&uuml;rdigt werden. Ich habe diese Medaille auch stellvertretend bekommen f&uuml;r die Menschen, die sich in Deutschland zur Wehr setzen und den friedlichen Gedanken auf die Stra&szlig;en tragen. Ich trage ihn auf die B&uuml;hnen. Es gibt sehr viel Widerstand in Deutschland gegen eine russlandfeindliche Politik. Es geht quasi auch um poetischen Widerstand. Das ist kein leichter Weg.<\/p><p>Meine k&uuml;nstlerische Arbeit hat sich seit 2022 sehr stark ver&auml;ndert, weil zum Beispiel Veranstalter, mit denen ich 30 Jahre lang gut zusammengearbeitet habe, mich nun schneiden, weil ich die Verbindungen zu Russland aufrechterhalte. Andere nehmen R&uuml;cksicht auf die offizielle Linie, weil das Geld f&uuml;r die Kultureinrichtung zum Beispiel vom Senat kommt und bef&uuml;rchtet wird, dass es versiegt. Das hat meine Arbeit nat&uuml;rlich total ver&auml;ndert. Dann gibt es aber auch die anderen Veranstalter, die mich jetzt besonders buchen, weil sie sich selber engagieren wollen, und sie tun es durch die Stimme des K&uuml;nstlers.<\/p><p>Vielleicht kommt mir zugute, dass ich kein Mensch bin, der sich schnell aus der Ruhe bringen l&auml;sst. Ich bin nicht cholerisch, ich flippe nicht aus, ich zeige keine Wut, sondern ich bin in der Lage, ruhig und balanciert zu formulieren, auch Menschen zuzuh&ouml;ren, die nicht meine Ansicht teilen. Und ich h&ouml;re anderen Leuten so lange zu, wie mir nicht Dummheit von der anderen Seite entgegenbr&uuml;llt. Wenn da Interesse ist und Intelligenz, dann diskutiere ich mit jedem bis zum Morgengauen. Und das rechnen mir, glaube ich, auch viele Leute an, die gar nicht unbedingt meiner Meinung sind, aber doch respektieren, was ich da mache. Ich habe eigentlich gar keine Wahl, weil wenn das Herz sagt, dass richtig ist, was man tut, dann tut man es und man nimmt auch die Umwege, die man gehen muss, daf&uuml;r in Kauf.<\/p><p><strong>Sie haben die zunehmende Russophobie in Deutschland benannt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Deutschland, auch in der Bev&ouml;lkerung?<\/strong><\/p><p>Es sind zwei Bewegungen. Die politische Entwicklung habe ich auch in einem Lied verarbeitet. Die Politik wird immer dreister, immer unverhohlener. Es werden Dinge formuliert, die dem Volk eigentlich nicht recht sein k&ouml;nnen. Zum Beispiel Deutschland kriegst&uuml;chtig machen zu wollen, oder dass Russland &bdquo;immer unser Feind bleiben wird&ldquo;. Oder dass wir mit Russland im Krieg seien, was die Au&szlig;enministerin Baerbock mal von sich gegeben hat. Das sind S&auml;tze, f&uuml;r die man auch in der BRD noch vor 30 Jahren des Amtes enthoben worden w&auml;re. Das ist die eine Seite. Aber diese S&auml;tze haben auch einen guten Aspekt. Diese S&auml;tze dienen dazu, dass die Bev&ouml;lkerung besser versteht, wen sie da vor sich hat, wer sie da vertritt. Und dadurch wird der Widerstand gr&ouml;&szlig;er, der aktive und der passive Widerstand. Die Menschen verstehen jetzt, dass die Politik sie in etwas treibt, wo sie nicht hingetrieben werden wollen.<\/p><p>Aber das Problem in Deutschland ist, dass die Gesellschaft seit der Corona-Zeit zigfach gespalten worden ist. Die verschiedenen Gruppen haben ein Etikett bekommen: die einen als &bdquo;Putin-Versteher&ldquo;, die anderen als &bdquo;Querdenker&ldquo;, als &bdquo;Aluhut-Tr&auml;ger&ldquo; oder als &bdquo;Corona-Leugner&ldquo;. Man ist links, man ist rechts. &Uuml;berall sind jetzt Etiketten drauf. Das f&uuml;hrt dazu, dass die Menschen nicht zu denen und nicht zu jenen geh&ouml;ren wollen und sich nicht einig werden. Die Aufgabe der Friedensbewegung im Moment ist, diese Gr&auml;ben zuzumachen und einfach sich auch dar&uuml;ber hinwegzusetzen. Ich habe am Karfreitag in Deutschland in Dresden bei einer sehr gro&szlig;en Kundgebung gesungen. Hinterher hie&szlig; es, da seien auch Rechte dabei gewesen, und deshalb wollen Leute von der Linkspartei pl&ouml;tzlich nicht mehr mit mir arbeiten. Dann stellt sich raus, die Presse hat hier gelogen und Sprecher aus dem rechten Spektrum auf unsere B&uuml;hne gedichtet, die gar nicht da waren.<\/p><p>Aber grunds&auml;tzlich argumentiere ich da auch gern mit meinem wahr gewordenen Schulstoff. Wir brauchen f&uuml;r unsere Forderung nach Friedenspolitik sogenannte Aktionseinheiten. So wie im Februar 2002, als mehr als eine halbe Million Leute in Berlin gegen Deutschlands Beteiligung an der Invasion im Irak demonstriert haben. Ich habe dort damals auch gesungen und niemand hat danach gefragt, wer sein Nebenmann ist und was der sonst so denkt! Es ging um nichts als Frieden. Das ist eine neue Aufgabe, die Kraft zu behalten und zu sagen: Wir geh&ouml;ren zusammen. Ich zitiere an der Stelle immer sehr gern Georgi Dimitroff, der gesagt hat: F&uuml;r den Frieden w&uuml;rden wir uns auch mit dem Teufel verb&uuml;nden.<\/p><p>Und auch meine B&uuml;cher in Deutschland oder jetzt in Russland sind auch ein Beitrag dazu, f&uuml;r die Menschen V&ouml;lkerverbindung erlebbar zu machen. Ich erz&auml;hle zum Beispiel, wie man &uuml;berhaupt nach Russland kommt. Vielen meiner Leser war vorher gar nicht klar, dass das geht. In diesem Jahr bin ich sogar mit einer Delegation von 40 Deutschen nach Moskau gekommen, die einfach sagten: Wir wollen am Tag des Sieges, zum 80. Jahrestag des Sieges &uuml;ber den Faschismus in Moskau sein. Vor zwei Jahren war ich hier noch der Einzige.<\/p><p><strong>Welche Bedeutung hat f&uuml;r Sie als deutscher K&uuml;nstler der 9. Mai, der 80. Jahrestag des Sieges &uuml;ber den Faschismus?<\/strong><\/p><p>Wir haben in der DDR als Kinder immer den 8. Mai gefeiert, als den &bdquo;Tag der Befreiung&ldquo;. Nicht als &bdquo;Tag des Sieges&ldquo;, nicht als &bdquo;Tag der Kapitulation&ldquo;. Der Unterschied zwischen 8. und 9. Mai kommt ja nur dadurch zustande, dass die Nachricht der Kapitulation in Moskau so sp&auml;t ankam, dass Stalin dann den 9. Mai als den Tag des Sieges erkl&auml;rt hat. Aber eigentlich hatte die deutsche Kapitulation am 8. Mai stattgefunden. Der Begriff &bdquo;Tag der Befreiung&ldquo; war also f&uuml;r mich der pr&auml;gende Begriff, die Befreiung vom Hitlerfaschismus, die Befreiung von Krieg. Mein Vater ist noch mitten im Krieg geboren, meine Mutter dann kurz vor Kriegsende, das hei&szlig;t, sie haben erlebt, was es bedeutet, als sogenannte Kriegskinder an Hunger zu leiden. Sie haben nach dem Krieg die Hilfe der sowjetischen Soldaten erlebt. Alles, was daraus entstand, war in meiner Kindheit immer positiv besetzt. Die Beziehung zu sowjetischen Soldaten ist bei mir von der Wiege an positiv besetzt, und das hat sich bis heute nicht ver&auml;ndert. <\/p><p>Der Tag des Sieges muss meiner Meinung nach immer wieder begangen werden, weil er auch zur Erinnerungskultur geh&ouml;rt. Wir erleben gerade besonders in Deutschland, dass die Erinnerungskultur kastriert werden soll. Wir hatten jetzt ein paar sehr peinliche Momente im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 9. Mai in Deutschland, sehr peinliche Momente. Damit meine ich, dass die deutsche Politik zwar noch nicht an dem Punkt ist, wo sie die Feierlichkeiten zum 8.\/9. Mai aussetzt. Aber sie ist an dem Punkt, wo die russischen Teilnehmer diskriminiert werden, wo der russische Botschafter nicht eingeladen wird, ihm unterschwellig sogar gedroht wird, wenn er doch kommt, dann w&uuml;rde ihn die Polizei wegf&uuml;hren. Dann kommt er trotzdem und man stellt ihn in die letzte Reihe. Das sind alles so peinliche und entlarvende Momente, die zeigen, wohin die deutsche Politik gerade steuert.<\/p><p><strong>Das, was wir in Deutschland erleben, wird begr&uuml;ndet mit den Ereignissen in der Ukraine. Dort sterben auch Soldaten, die auch zu &bdquo;Schurawli&ldquo; werden. Bei einer Veranstaltung in Moskau am 6. Mai hat der russische Generalmajor a. D. Juri A. Djakow gesagt, Russland f&uuml;hre keinen Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen den ukrainischen Nazismus. Wie sehen Sie das Geschehen in der Ukraine?<\/strong><\/p><p>Da muss ich ein bisschen ausholen, der Krieg in der Ukraine hat ja eine Vorgeschichte. In Deutschland muss man das immer wieder erkl&auml;ren. Oft ist zu h&ouml;ren: Putin hat ja nicht verhandelt. Und ich antworte dann immer: Putins Verhandlungsergebnis war das Minsk-2-Abkommen. Deutschland, Frankreich und Russland waren die B&uuml;rgen dieses Abkommens. Ich versuche immer wieder, zu erkl&auml;ren, was tun denn B&uuml;rgen? Der B&uuml;rge steht ein f&uuml;r das, was eigentlich im Vertrag verabredet ist, wenn die Vertragsverabredungen nicht eingehalten werden.<\/p><p>Da kam dann der erste entlarvende Moment: Russland hat diese Operationen begonnen und stand vor dem Toren Kiews. Und die Franzosen und Deutschen, statt das zu unterst&uuml;tzen, haben sogar das Gegenteil getan. Sie haben es torpediert. Ich bin der &Uuml;berzeugung, als im Fr&uuml;hjahr 2022, nach den ersten Schritten dieser russischen Operation, die unterschriftsreife Verhandlungsl&ouml;sung wiederum auf dem Tisch lag, h&auml;tten Deutschland, Frankreich oder der Westen die Pflicht gehabt, die Durchsetzung von Minsk-2 zu unterst&uuml;tzen. Aber sie haben sofort Milliarden ausgegeben, damit Minsk-2 eben von Kiew nicht eingehalten wird. Also kein Frieden im Donbass und weitere Eskalation. Das hat diesen Krieg erst zu einem Krieg au&szlig;erhalb der Donbassregion werden lassen.<\/p><p>Frau Merkel hat ja dann in deutschen Zeitungen sogar gesagt, das Minsk-2-Abkommen war eigentlich nur ein Ablenkungsman&ouml;ver, damit die Ukraine Zeit hat aufzur&uuml;sten. Das hei&szlig;t, Krieg war Absicht. Es sollte zu diesem Krieg kommen, und wie auch immer man das findet, dass Russland in diese Falle getappt ist, Fakt ist, dass Russland nicht der Verursacher dieses Krieges ist und auch Deutschland, Frankreich, der Westen einen geh&ouml;rigen Beitrag dazu geleistet haben und immer noch leisten und noch mehr leisten wollen, dass dieser Krieg weitergeht.<\/p><p>Hinzu kommt die Doppelmoral, die ich nicht akzeptieren kann, die auch meine K&uuml;nstlerseele nicht akzeptieren kann, Dinge zu verurteilen oder auf der anderen Seite zu hofieren. Die USA haben seit 1945 etwa 30 Kriege gef&uuml;hrt in der Welt, und kein Land, mit dem sie Krieg gef&uuml;hrt haben, war jemals so verkn&uuml;pft mit den USA, wie die Ukraine und Russland es miteinander sind. Nie haben Vietnam, Irak, Afghanistan oder andere zu den USA geh&ouml;rt, wie die Ukraine und Russland zusammengeh&ouml;rten, in der Sprache, der Kultur, den famili&auml;ren Bindungen, den Wirtschaftsstrukturen. Das muss man im Kopf haben, wenn man die Motivationen Russlands vollst&auml;ndig begreifen will, in der Ukraine eine Kl&auml;rung herbeizuf&uuml;hren. <\/p><p>Von Deutschland gab es obendrein niemals die gleiche Bewertung dieser &uuml;ber 30 US-amerikanischen Kriege wie zu dem ukrainisch-russischen Krieg. Niemals gab es Sanktionen gegen die USA, weil die gerade Krieg f&uuml;hren. Niemals gab es ein Bashing gegen deutsche K&uuml;nstler, die nach USA gingen, im Gegenteil, die waren immer geadelt. Niemals gab es US-amerikanische K&uuml;nstler, die nicht ins Land gelassen wurden, weil die USA Krieg f&uuml;hrt. Niemals hat man irgendwelche US-amerikanischen B&uuml;cher aus den Bibliotheken genommen. Niemals hat man Denkm&auml;ler abgebaut von US-amerikanischen B&uuml;rgern, K&uuml;nstlern, Politikern, weil die US-Amerikaner Krieg gef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Aber mit diesem einen Krieg, den Russland nach seinem Verst&auml;ndnis gerade f&uuml;r die Ukraine beziehungsweise gegen die ukrainische Politik f&uuml;hren muss, wird Russland von uns vollumfassend f&uuml;r schuldig erkl&auml;rt, rauschartig sanktioniert, und obendrein erkl&auml;rt, &bdquo;Russland wird immer unser Feind sein&ldquo;. Entlarvend! Diese Situation, die nat&uuml;rlich f&uuml;r Ukrainer, aber auch f&uuml;r Russen eine sehr schmerzhafte Situation ist, wird einerseits k&uuml;nstlich verl&auml;ngert, indem man sie finanziert und gleichzeitig daf&uuml;r benutzt, eine Moral zu vertreten, die man in anderen Kriegen niemals angewandt hat. Das ist f&uuml;r mich Doppelmoral und gerade deutscher Politik und Erinnerungskultur absolut unw&uuml;rdig.<\/p><p><strong>Was sind Ihre wichtigsten Eindr&uuml;cke aus dieser Reise nach Moskau?<\/strong><\/p><p>In erster Linie waren das<strong> <\/strong>die offenen Arme der Menschen vor Ort, die immer wieder beteuerten, dass sie das deutsche Volk von der deutschen Politik zu unterscheiden w&uuml;ssten und uns herzlich aufnahmen. Nat&uuml;rlich schauen sie mit Sorge nach Deutschland, und man sp&uuml;rt das Trauma, das ihnen gerade in den Gedenktagen wieder vor Augen ist. Jede russische Familie tr&auml;gt dieses Trauma, von Deutschen verursacht, mit sich. Und sie fragen sich angesichts deutscher Kriegsl&uuml;sternheit, ob nun alles noch einmal losgeht. Sie haben den Deutschen verziehen und sind fassungslos, dass Deutschland seinerseits keinerlei Demut und Dankbarkeit zeigen zu wollen scheint.<\/p><p>Fidel Castro hat bereits 1992 gesagt: &bdquo;Der n&auml;chste gro&szlig;e Krieg in Europa wird ein Krieg zwischen Russland und dem Faschismus sein. Nur wird die westliche Welt diesen Faschismus als Demokratie bezeichnen.&ldquo; Dieser Krieg hat begonnen. Die Russen sind dieser Aufgabe m&uuml;de, aber sie werden nicht nachgeben, schon weil es dabei auch um Millionen ihrer Landsleute und ihre Familien geht &ndash; darin sind sie unmissverst&auml;ndlich. Also sollten wir in unseren eigenen L&auml;ndern daf&uuml;r sorgen, dass die Politik das tut, wof&uuml;r sie erfunden und gew&auml;hlt wurde &ndash; die Interessen des Volkes zu respektieren und zu vertreten sowie Schaden vom eigenen Volk abzuwenden. Die V&ouml;lker haben nie Interesse an Krieg! Schon gar nicht, wenn er vor der eigenen Haust&uuml;r zu detonieren droht. <\/p><p>Und das ist es, was sich eben die Friedensbewegten auch vor Augen f&uuml;hren m&uuml;ssen, um die Aktionseinheiten f&uuml;r Frieden bilden zu k&ouml;nnen. Wenn der Krieg weiter eskaliert, weil die EU ihn lieber weiter vergr&ouml;&szlig;ert, als ihn beenden zu helfen, wird er uns Deutsche wohl zuvorderst erfassen, denn er wird sich dorthin wenden, wo die Gefahrenquellen stationiert sind und von wo geliefert und bedient wird. Die Gr&auml;ber, in denen wir dann liegen, werden keine Schilder enthalten, welcher politischen Richtung wir angeh&ouml;rten und ob wir, wenn wir links dachten, f&uuml;r die Linke, das BSW oder gar nicht stritten und ob wir bei der letzten Friedensdemo gefehlt haben, weil wir uns keine Kontaktschuld zu sonst irgendwem nachsagen lassen wollten. Keine Schilder. Nur eines wird dann klar sein, dass wir nicht viele genug waren, die M&auml;chtigen in Deutschland zu einer Friedenspolitik zu zwingen.<\/p><p><strong>Welche Botschaft bringen Sie aus Moskau zum 80. Jahrestag des Sieges mit nach Deutschland?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, diese Botschaften stecken in unserem Gespr&auml;ch schon mannigfaltig drin. Ich kann dem nur hinzuf&uuml;gen: Gott bewahre uns davor, dass wir unseren Kindern die Erinnerungskultur austreiben und die deutsch-russische Geschichte verzerren und verdrehen lassen. Dies zu verhindern, laufen wir dem Zug schon hinterher. Wer Kinder in der Abiturstufe hat, wei&szlig; das. Wir haben also keine Sekunde zu verlieren, wenn wir die Weichen noch stellen wollen.<\/p><p><small>Titelbild: &Eacute;va P&eacute;li<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132397\">&bdquo;Liebe ohne Grenzen&ldquo; &ndash; ein deutsch-russisches &bdquo;FriedensLiebeslied&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=128387\">Tino Eisbrenner: &bdquo;Wir brauchen eine &sbquo;unidad popular&lsquo;, eine Volksfront&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120748\">K&uuml;nstler als au&szlig;erparlamentarische Opposition<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64877\">Alle Br&uuml;cken zu Russland sollen abgerissen werden: Auch der kulturelle Austausch<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/9428063dbf7c4b4aa4659eee7f4bdba3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &bdquo;Friedensberichterstatter&ldquo; und Songpoet <strong>Tino Eisbrenner<\/strong> ist nun auch in Russland auf Russisch zu lesen. 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