{"id":13336,"date":"2012-05-24T09:32:54","date_gmt":"2012-05-24T07:32:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13336"},"modified":"2015-03-05T14:00:24","modified_gmt":"2015-03-05T13:00:24","slug":"schatzbriefe-zum-nulltarif-die-spekulation-mit-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13336","title":{"rendered":"Schatzbriefe zum Nulltarif \u2013 Die Spekulation mit der Angst"},"content":{"rendered":"<p>Das gab es noch nie. Bei der gestrigen Versteigerung von zweij&auml;hrigen Bundesschatzbriefen mit einem Kupon von 0,0% konnte die Finanzagentur ein Rekordergebnis erzielen. Gegen einen Abschlag von 0,07% kann sich der Bund nun 4,5 Milliarden Euro zinslos von privaten Investoren leihen. Marktbeobachter gehen bereits davon aus, dass in den n&auml;chsten Monaten f&uuml;r deutsche Staatsanleihen sogar Negativzinsen erzielt werden k&ouml;nnten. Was vordergr&uuml;ndig ein Grund zur Freude ist, weist jedoch auf eine tiefe Verwerfung des Finanzsystems hin. Offenbar spekulieren die Finanzinstitute auf einen Kollaps der Eurozone &ndash; anders ist die Flucht in den sicheren Hafen &bdquo;Bundesschatzbrief&ldquo; nicht zu erkl&auml;ren. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDer bei Politikern beliebte Satz  vom vermeintlich fehlenden Vertrauen der &bdquo;Finanzm&auml;rkte&ldquo; in den Staat sollte nach den j&uuml;ngsten Entwicklungen auf den M&auml;rkten f&uuml;r Staatsanleihen endg&uuml;ltig auf dem &ndash; mittlerweile &uuml;berbelegten &ndash; neoliberalen Phrasenfriedhof begraben werden. Der deutsche Staat leiht sich mittlerweile Geld, ohne dass er daf&uuml;r Zinsen zahlen muss. Bei Geldmarktpapieren mit sechsmonatiger Laufzeit (Schatzwechsel) konnte der Bund bereits vor einigen Wochen eine Negativrendite von 0,01% erzielen &ndash; die Gl&auml;ubiger geben dem Bund also de facto Geld, damit sie ihm noch mehr Geld leihen k&ouml;nnen. F&uuml;r die langfristigen zehnj&auml;hrigen Anleihen zahlt der Bund momentan 1,77% Zinsen. Das ist niedriger als die Zielinflation und entspricht somit einem negativen Realzins. Auch die heute versteigerten zweij&auml;hrigen Anleihen mit einem Kupon von 0,0% reihen sich nahtlos in den Trend ein, der an den Sekund&auml;rm&auml;rkten vorgegeben wird. <\/p><p>Zu den Fachbegriffen und Hintergr&uuml;nden siehe: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11186\">Erg&auml;nzungen und Erkl&auml;rungen zum Artikel &raquo;Der &bdquo;Schuldenschnitt&ldquo; und das Kleingedruckte&laquo;<\/a><\/p><p>Warum sollte ein Investor dem Staat Geld leihen, ohne daf&uuml;r auch nur einen einzigen Cent Zinsen zu bekommen? Die gro&szlig;en Banken haben die M&ouml;glichkeit, ihre freien Gelder zum Zinssatz von 0,25% bei der Einlagenfazilit&auml;t der EZB zu parken. Davon machen die Banken auch regen Gebrauch, momentan werden mehr als 760 Mrd. Euro bei der EZB geparkt. Aus finanzmathematischer Sicht macht es also keinen Sinn, die freien Gelder zu einem weitaus schlechteren Zinssatz in deutsche Staatsanleihen zu stecken, die per Definition immer unsicherer als die Einlagenfazilit&auml;t sind. Daher greift auch die popul&auml;re, von vielen Finanzjournalisten kolportierte, Erkl&auml;rung nicht, die Anleger suchten nach Sicherheit. Auch Privatanleger, die keinen Zugriff auf die EZB haben, k&ouml;nnten ihre Ersparnisse weitaus besser verzinst auf einem Tagesgeldkonto bei einer Sparkasse anlegen, f&uuml;r das der deutsche Staat in voller H&ouml;he die Garantie &uuml;bernimmt.<\/p><p>Wer das Mysterium der zinslosen Bundesschatzbriefe erkunden will, wird die Antwort nicht durch rationale, sondern durch irrationale Erw&auml;gungen finden. Es gibt eine K&auml;uferklientel, die sich durch den Besitz deutscher Staatsanleihen eine besondere Sicherheit verspricht. Dies sind reiche Privatpersonen und Unternehmen aus den L&auml;ndern, die auf der Angriffsliste der Spekulanten stehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland aus der Eurozone ausscheidet, ist durchaus real. Und aus heutiger Sicht besteht auch eine &ndash; wenn auch kleine &ndash; Wahrscheinlichkeit, dass in zwei Jahren, also dann, wenn der eingangs genannte Bundesschatzbrief ausl&auml;uft, auch in L&auml;ndern wie Italien, Spanien, Portugal oder Irland der Euro nicht mehr das einzige Zahlungsmittel ist. Bei einer W&auml;hrungsreform werden jedoch in der Regel s&auml;mtliche Konten in die neue W&auml;hrung umgewandelt. Der deutsche Staat wird seine Schulden jedoch immer in einer harten W&auml;hrung zur&uuml;ckzahlen, egal ob sie nun Euro oder  &ndash; was sehr unwahrscheinlich ist &ndash; D-Mark hei&szlig;en wird. S&uuml;deurop&auml;er, die ihr Geldverm&ouml;gen gegen eine m&ouml;gliche W&auml;hrungsumstellung absichern wollen, haben also gute Gr&uuml;nde, dem deutschen Staat ihr Geld zu leihen. Hierbei geht es dann nicht um Renditen und Zinsertr&auml;ge, sondern um die Bewahrung des Verm&ouml;gens.<\/p><p>Je gr&ouml;&szlig;er die Gefahr eines Euro-Austritts eines Landes oder gar eines Euro-Zusammenbruchs wird, desto mehr Fluchtkapital findet seinen Weg nach Deutschland. Wenn man sich die Target-2-Salden <a href=\"http:\/\/www.querschuesse.de\/target2-salden\/\">anschaut<\/a>, die direkte R&uuml;ckschl&uuml;sse auf die Kapitalflucht von S&uuml;d nach Nord ziehen lassen, kann einem nur angst und bange werden. Der deutsche Staat profitiert so ganz direkt von der Angst, die er selbst durch seine indoktrinierte Politik anfacht und verantwortet. <\/p><p>Die Spekulation mit der Angst kann sich dabei auch f&uuml;r Banken und Gro&szlig;anleger lohnen. Wer heute eine Anleihe ohne Verzinsung kauft und kein Kapitalfl&uuml;chtling ist, hofft in der Regel darauf, dass die Kurse dieser Papiere noch besser werden, die Rendite also noch schlechter wird. Selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnen Anleihen auf dem Sekund&auml;rmarkt auch negative Renditen haben. Dies trifft bereits heute f&uuml;r Schuldverschreibungen der Schweiz zu, deren zweij&auml;hrige Staatsanleihen an den Sekund&auml;rm&auml;rkten eine negative Rendite von 0,18% notieren. Im Fall der Schweiz kommt jedoch neben der Kapitalflucht auch noch die W&auml;hrungsspekulation als Motiv in Betracht. Wer wei&szlig; schon, wie lange die Schweiz die feste Bindung des Franken an den Euro halten kann?<\/p><p>Sollte die Eurokrise sich also versch&auml;rfen, sind auch f&uuml;r deutsche Staatsanleihen negative Renditen durchaus denkbar. Wer sich heute diese Papiere kauft, spekuliert demnach auf negative Renditen. Wenn die Anleihen, die heute eine 0%-Rendite haben, sich durch eine Panik in S&uuml;deuropa auf eine negative Rendite &bdquo;verteuern&ldquo; (bei Anleihen verlaufen Rendite und Kurs genau andersherum), hat der Anleger, der die Papiere heute erworben hat und sp&auml;ter wieder verkauft, einen Gewinn gemacht &ndash; einen Gewinn, der umso gr&ouml;&szlig;er ausf&auml;llt, desto gr&ouml;&szlig;er die Panik ist. <\/p><p>Was uns heute als &bdquo;gute Nachricht&ldquo; f&uuml;r Deutschland verkauft wird, ist bei n&auml;herer Betrachtung also alles andere als eine gute Nachricht &ndash; weder f&uuml;r Deutschland noch f&uuml;r Europa. Es wird schon wieder spekuliert und gezockt, was das Zeug h&auml;lt. Diesmal spekuliert man auf den Zusammenbruch der Eurozone und die gr&ouml;&szlig;ten Krisentreiber sind die Profiteure. Diese Spekulation k&ouml;nnte jedoch mit der Einf&uuml;hrung von Eurobonds gestoppt werden. Wenn die deutsche Regierung sich weiterhin gegen Eurobonds ausspricht, befeuert sie die Spekulation mit der Angst.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/e4135ad06b664d5ab17a382a36db68e2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gab es noch nie. Bei der gestrigen Versteigerung von zweij&auml;hrigen Bundesschatzbriefen mit einem Kupon von 0,0% konnte die Finanzagentur ein Rekordergebnis erzielen. Gegen einen Abschlag von 0,07% kann sich der Bund nun 4,5 Milliarden Euro zinslos von privaten Investoren leihen. 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