{"id":133386,"date":"2025-05-24T13:00:31","date_gmt":"2025-05-24T11:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133386"},"modified":"2025-05-26T15:54:01","modified_gmt":"2025-05-26T13:54:01","slug":"hauke-ritz-deutschland-am-scheideweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133386","title":{"rendered":"Hauke Ritz: Deutschland am Scheideweg"},"content":{"rendered":"<p>Den USA in ihrem &bdquo;neuen Realismus&ldquo; folgen und sich gleichzeitig von deren hegemonialen Anspruch befreien: Dies betrifft auch jenes postmoderne Kulturkonzept, das auf die Bedingungen des Kalten Krieges zur&uuml;ckgeht. Gerade unsere humanistischen geistigen Traditionen, so <strong>Hauke Ritz<\/strong> in seinem Buch &bdquo;Warum der Weltfrieden von Deutschland abh&auml;ngt&ldquo;, k&ouml;nnten Br&uuml;cken sein f&uuml;r eine k&uuml;nftige Friedensordnung auf dem eurasischen Kontinent. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5323\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-133386-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250526-Deutschland-am-Scheideweg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250526-Deutschland-am-Scheideweg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250526-Deutschland-am-Scheideweg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250526-Deutschland-am-Scheideweg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=133386-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250526-Deutschland-am-Scheideweg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250526-Deutschland-am-Scheideweg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&bdquo;Warum der Weltfrieden von Deutschland abh&auml;ngt&ldquo;: Einen zugkr&auml;ftigen Titel hat der Westend Verlag diesem Band des Philosophen und Friedensforschers Hauke Ritz gegeben. Zumal man sofort widersprechen m&ouml;chte: Auch wenn Kanzler Merz sich wie ein Gernegro&szlig; auff&uuml;hrt, was h&auml;ngt denn momentan noch von Deutschland ab? Der Weltfrieden insofern, weil das Kriegsgeschrei, die Lieferung von Taurus-Raketen und anderen Waffen, die direkt auf Russland zielen, nicht nur unser Land in Gefahr bringen w&uuml;rden. Dass wir uns derzeit zumindest in einem Kalten Krieg befinden, kann niemand verneinen, der das unw&uuml;rdige politische Theater um den 80. Jahrestag der Befreiung miterlebt hat, den skandal&ouml;sen Versuch, Vertreter Russlands von den Feierlichkeiten auszuschlie&szlig;en. Die Frage ist wirklich, wie es da je wieder zu gutnachbarlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland kommen soll.<\/p><p>Hauke Ritz, 1975 in Kiel geboren, wurde 2013 an der FU Berlin in Philosophie promoviert. Seine Dissertation hatte das Thema &bdquo;Der Kampf um die Deutung der Neuzeit. Die geschichtsphilosophische Diskussion in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall&ldquo;. Zu Forschungszwecken hat er seit 2014 regelm&auml;&szlig;ige Russland-Reisen unternommen und unterrichtete an der Universit&auml;t Gie&szlig;en, der Lomonossow-Universit&auml;t Moskau, der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universit&auml;t sowie der Universit&auml;t in Belgorod. Zuletzt sei er f&uuml;r den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Moskau t&auml;tig gewesen. So die Information des Westend Verlages, wo Hauke Ritz zusammen mit Ulrike Gu&eacute;rot 2022 das viel beachtete Buch &bdquo;Endspiel Europa&ldquo; ver&ouml;ffentlicht hat und wo von Gu&eacute;rot in diesen Tagen ein neues Buch erschienen ist: &bdquo;Zeitenwenden. Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart&ldquo;, das ebenfalls bald hier besprochen werden soll.<\/p><p>Bei Ritz&lsquo; neuem Band handelt es sich um eine Sammlung von zehn Aufs&auml;tzen, die nicht erst heute geschrieben wurden, sich aber aufschlussreich mit heutigen Problemen besch&auml;ftigen. Zum Teil wurden sie &uuml;berarbeitet, auf jeden Fall aber im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen ausgew&auml;hlt. Der weltpolitische Wandel, den die USA unter Donald Trump eingeleitet haben, ist in seinen Resultaten noch nicht wirklich absehbar. Aber deutlich sichtbar ist eine Verschiebung von Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen in der Welt, welche gerade Westeuropa vor ungeahnte Herausforderungen stellt.<\/p><p><strong>Ein altes Kriegsziel deutscher Machthaber<\/strong><\/p><p>In einer Situation allgemeiner Unsicherheit setzt Hauke Ritz auf n&uuml;chterne Einsch&auml;tzungen. &bdquo;Die Abtrennung der Ukraine von Russland war ein altes Kriegsziel des Deutschen Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg, das im erzwungenen Friedensvertrag von Brest-Litowsk gewaltsam durchgesetzt wurde. Das &sbquo;Dritte Reich&lsquo; aktivierte dieses Kriegsziel erneut und weitete es noch aus, indem es neben der Aneignung der Ukraine auch noch die Vernichtung eines betr&auml;chtlichen Teils aller Russen anstrebte. Denn Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion war offen als rassenideologischer Vernichtungskrieg konzipiert.&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Und heute kommt seitens deutscher Politik schon wieder die Forderung, Russland einzud&auml;mmen. &bdquo;Wenn Russland gewinnt&ldquo; nannte Carlo Masala sein Horrorszenario. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Und der einstige NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg verstieg sich gar zu der Aussage, &bdquo;dass ein russischer Sieg schlimmer w&auml;re als eine fortgesetzte Eskalation, die zu einem realen Weltkrieg mit Milliarden von Toten f&uuml;hren kann&ldquo;. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Woher kommt diese Panik? Aus der Gehirnw&auml;sche im Kalten Krieg? Oder mehr noch aus der Angst vor dem Verlust der eigenen Position, weil man nicht in der Lage ist, den weltpolitischen Ver&auml;nderungen Rechnung zu tragen?<\/p><p><strong>Neue Wirklichkeit einer multipolaren Weltordnung <\/strong><\/p><p>Was andere Autoren bereits betonten: In der Ukraine wird ein Weltordnungskonflikt ausgefochten, in dem es dem Westen um die Eind&auml;mmung Russlands geht. Die von den USA dominierte unipolare Weltordnung wurde auf Dauer zu kostspielig. Die Au&szlig;en- und Innenpolitik unter Trump sind eine Reaktion darauf, wobei es wohl noch manche R&uuml;ckzugsgefechte geben wird, denn im Schatten des Ukrainekonflikts sind unumkehrbare Ver&auml;nderungen in der Welt vor sich gegangen, neue multipolare Machtzentren entstanden. Wie lange sich der Stellvertreterkrieg in der Ukraine auch noch hinziehen mag &ndash; man hofft ja, er ginge schnell zu Ende &ndash;, die B&uuml;ndnisse zwischen Russland, China, Iran, Indien, Nordkorea, Vietnam und immer mehr L&auml;ndern des globalen S&uuml;dens und Lateinamerikas existieren und festigen sich. Und der Dollar sei dabei, seine Rolle als Weltw&auml;hrung zu verlieren. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] <\/p><p>&bdquo;Russland hat sowohl geografisch als auch kulturell eine sehr gute Position in dieser neuen Weltordnung&ldquo;, meint Hauke Ritz. Die USA w&uuml;rden irgendwann &bdquo;mehr eine abgelegene Insel sein. Entscheidend ist aber nicht die geografische Ordnung, sondern die zivilisatorischen Inhalte, die dann ins Zentrum r&uuml;cken.&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Da sieht der Autor gerade f&uuml;r Deutschland Chancen, zu Gunsten einer Friedensordnung auf dem eurasischen Kontinent wirksam zu werden. Das aber w&uuml;rde ein Umdenken in vielerlei Hinsicht bedeuten.<\/p><p><strong>Pop- und Lifestylekultur als westliche Soft Power<\/strong><\/p><p>&bdquo;Besitzt der gegenw&auml;rtige Konflikt mit Russland eine kulturelle Dimension?&ldquo; Dieser bisher zu wenig thematisierten Frage widmet Hauke Ritz mehrere Texte. Nicht allein durch die skandal&ouml;se Ausgrenzung russischer Kultur in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit, es ist ein geistiges Kampffeld entstanden, was kulturelle Werte betrifft. Das hat gegenseitiges Unverst&auml;ndnis zur Folge und, mehr noch, eine Verh&auml;rtung von Positionen.<\/p><p>Hauke Ritz: &bdquo;Schon l&auml;ngere Zeit vor Beginn der Ukraine-Krise h&auml;uften sich die Meinungsverschiedenheiten zu kulturellen Fragen. Sowohl die Auseinandersetzung um die Punk-Band &sbquo;Pussy Riot&lsquo; als auch die Berichterstattung &uuml;ber die Rechte von Homosexuellen im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sotschi&ldquo; wurden seitens des Westens zur Anklage Russlands genutzt, angeblich fortschrittliche Werte nicht zu teilen. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] In der Folge haben sich die Positionen in Russland immer st&auml;rker zu einem Antiliberalismus verfestigt, der die politischen Konflikte in Europa spiegelt, aber ebenso auch dem Weltgef&uuml;hl weiter Teile der Bev&ouml;lkerung entspricht. Wir k&ouml;nnen das r&uuml;ckst&auml;ndig nennen, aber auch gro&szlig;e Teile der deutschen Bev&ouml;lkerung, zumal im Osten, k&ouml;nnen mit neoliberaler Identit&auml;tspolitik inzwischen auch nichts mehr anfangen.<\/p><p>&bdquo;Traditionelle Werte&ldquo; &ndash; das ist in Russland zum Kampfbegriff gegen den westlichen Liberalismus geworden. Wobei es solche verbindenden Werte einer paneurop&auml;ischen Kultur ja gab und zu Teilen immer noch gibt. Dazu z&auml;hlt Hauke Ritz die Kultur der Arbeiterbewegung mit ihren politischen Utopien und ihren sozialen Gerechtigkeitsforderungen ebenso wie die Kultur des B&uuml;rgertums mit ihrer humanistischen Bildung, ihrem Geschichtsbewusstsein und ihrer Unterscheidung zwischen &bdquo;hoher und niedriger&ldquo; Kunst.<\/p><p>Soll man es Fortschritt nennen, dass dieses Wertgef&uuml;ge in die Vergangenheit abgedr&auml;ngt worden ist? Soll man das Orientierungsvakuum in den heutigen westlichen Gesellschaften als Ausdruck von Freiheit bezeichnen, weil jeder sich aussuchen kann, was er oder sie glaubt, ja wer er oder sie gerade zu sein beliebt? Wenn einem bewusst ist, wie immens die M&ouml;glichkeiten von Manipulation und Konstruktion angeblicher Wahrheiten geworden sind, f&uuml;hrt das zur Verneinung alles Glaubw&uuml;rdigen, ja auch Verbindenden. F&uuml;r eine bessere Welt einzutreten, bringt immer weniger Menschen zusammen.<\/p><p>Hauke Ritz meint nun, dass die Etablierung jener Pop- und Lifestylekultur, die heute im Westen zu einer beinahe unhinterfragten Normalit&auml;t geworden ist, nicht allein nur aus sich selbst heraus geschah, sondern dass dies mit einem politischen Willen verbunden war. Dabei geht er besonders auch auf die Untersuchungen von Francis Stonor Saunders ein (&bdquo;Wer die Zeche zahlt&hellip; Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg&ldquo;). <\/p><p>Der &bdquo;Congress for Cultural Freedom, 1950 gegr&uuml;ndet, hatte sein zentrales B&uuml;ro zun&auml;chst in Westberlin, dann in Paris. In 35 verschiedenen L&auml;ndern gab es Niederlassungen. Heute wei&szlig; man von mindestens 170 Stiftungen, die den Transfer von Mitteln erm&ouml;glicht haben. Nachdem die geheimdienstliche Finanzierung 1966 bekannt geworden war, wurde der CCR zwar 1969 aufgel&ouml;st. Aber das informelle Netzwerk von Kulturschaffenden und Zeitschriften blieb vorhanden, und die Neue Linke begann sich mit ihrem &bdquo;Diversity&ldquo;-Projekt mit dem Neoliberalismus zu verschwistern.&rdquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] <\/p><p>Zweifellos reagierte die Pop-Kultur auf Massenbed&uuml;rfnisse. Gleichzeitig aber wurde sie zur Softpower, um &bdquo;Westeuropa f&uuml;r amerikanische Kultureinfl&uuml;sse zu &ouml;ffnen und zum anderen die Evolution der politischen Linken von den Hauptwiderspr&uuml;chen des Kapitalismus auf seine Nebenwiderspr&uuml;che umzulenken.&ldquo; [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>&bdquo;Die Verschiebung der Identit&auml;t linken Selbstverst&auml;ndnisses &hellip; weg von den Fragen des Eigentums, des Klassenkampfes und der Kritik am Imperialismus, hin zu einem postmodernen Wertesystem, das auf Menschenrechten, Minderheitenrechten, Umweltfragen und Lebensstilthemen basiert&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>], ist inzwischen so wirkm&auml;chtig geworden, dass Fragen, Zweifel, Gegenmeinungen kaum mehr laut werden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Krise des Westens: Chance f&uuml;r einen neuen Humanismus?<\/strong><\/p><p>Innen- wie au&szlig;enpolitische Konflikte haben also durchaus eine kulturelle Dimension, die man im Auge behalten sollte, wenn man auf L&ouml;sungen bedacht ist. In dem Ma&szlig;e, wie der Plan einer unipolaren Weltordnung scheitert, meint der Autor, w&uuml;rde Europa eine Wandlung bevorstehen &ndash; selbstbewusster hin zu jenen Werten, mit denen wir in den letzten 500 Jahren eine Weltkultur pr&auml;gten, und gleichzeitig zu mehr Respekt, was die Vielfalt anderer Lebensweisen betrifft.<\/p><p>Dabei sieht Hauke Ritz zwei gef&auml;hrliche Trends, die einander gegenseitig verst&auml;rken: den technologischen Trend, der zum ersten Mal in der Geschichte einen nahezu perfekten &Uuml;berwachungsstaat erm&ouml;glicht, und den Trend zu einer immer gr&ouml;&szlig;eren Verm&ouml;genskonzentration. Dagegen eine notwendige Besinnung auf die Werte humanistischer Kultur in Stellung bringen zu wollen, erscheint auf den ersten Blick vermessen. Doch geht der Autor zu Recht davon aus, dass diese Werte in vielen Menschen lebendig sind und in diesen turbulenten Zeiten Halt versprechen.<\/p><p>Sich auf verbindende Werte der europ&auml;ischen Kultur zu besinnen, Hauke Ritz ist nicht der Erste, der solcher Hoffnung Ausdruck gibt. Bei Andreas Reckwitz klang sie im Bilde eines eingehegten Liberalismus an.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Ingolfur Bl&uuml;hdorn sprach von einem &bdquo;Weg in eine andere Moderne&ldquo;. Was &bdquo;diskursive R&auml;ume &ouml;ffnen k&ouml;nne&ldquo;, in denen das Bekenntnis zu Werten, die &bdquo;in der Sp&auml;tmoderne zunehmend verabschiedet werden &ndash; Inklusion in ein gutes Leben f&uuml;r alle in &ouml;kologischen Grenzen, Ethik des Miteinander, Demokratie, Verantwortlichkeiten&ldquo; &ndash;, weiter gepflegt werden kann. Wobei er auch die Gefahr sieht, dass es sich dabei nur um Simulationstechniken handelt, &bdquo;w&auml;hrend realgesellschaftlich die entgegengesetzte Logik gezielt forciert wird&ldquo;. [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Aus seiner genauen Russland-Kenntnis heraus wei&szlig; Hauke Ritz um den hohen Stellenwert von Kunst und Kultur dort, der immer auch den Blick auf Europa einschloss. Jahrhundertelang war Russland, allen Konflikten zum Trotz, von engen kulturellen Beziehungen zu Deutschland gepr&auml;gt. Fast kommt es einem Wunder gleich, dass die Sowjetunion, die f&uuml;r den Sieg &uuml;ber den Hitlerfaschismus mit mindestens 27 Millionen Toten den h&ouml;chsten Blutzoll bezahlte, sich nicht von der deutschen Kultur abkehrte, sondern hochgebildete Kulturoffiziere, meist Germanisten, schickte, um diese zu sch&uuml;tzen. <\/p><p>Daniil Granin und Lew Kopelew k&ouml;nnen f&uuml;r viele sowjetische Schriftsteller und Intellektuelle stehen, die damals Br&uuml;cken zu jenem Land gebaut haben, gegen das sie im Krieg gek&auml;mpft hatten. Diese Br&uuml;cken sind gerade im Osten Deutschlands nicht nur vorhanden, sondern auch weiterhin begehbar. Die politisch proklamierte Russophobie st&ouml;&szlig;t dort auf Unverst&auml;ndnis, ja auf Ablehnung, weil man sich der gef&auml;hrlichen Folgen bewusst ist. Die Erfahrung in zwei Gesellschaftssystemen hat zu einer geradezu selbstverst&auml;ndlichen Widerstandskraft gef&uuml;hrt, was ideologische Manipulation betrifft.<\/p><p>&bdquo;Es ist der entscheidende Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR, dass die B&uuml;rger in der DDR wussten, dass sie politisch belogen wurden, w&auml;hrend die meisten in der (alten) Bundesrepublik Deutschland dachten und denken, das k&ouml;nne ihnen nie passieren&ldquo;, stellt Ulrike Gu&eacute;rot fest, die den Osten jetzt erst kennenlernte. &bdquo;Der deutsche Osten scheint mir heute die Herzkammer der Republik zu sein&hellip; da, wo der Sozialismus &ndash; wie schlecht auch immer er war &ndash; noch residuale Formen von Gemeinschaft und sozialer Sorge hinterlassen hat &hellip;&ldquo; [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]; und ein Kulturverst&auml;ndnis, so lie&szlig;e sich hinzuf&uuml;gen, das st&auml;rker humanistischen Traditionen verbunden ist und mit der neoliberalen Postmoderne wenig anfangen kann. <\/p><p><strong>Realit&auml;tsverweigerung f&uuml;hrt in die Sackgasse<\/strong><\/p><p>Es ist plausibel, dass Verhandlungen zwischen den USA und Russland im Gange sind, ohne dass die Ukraine und die EU mit am Tisch sitzen. Es war und ist ein Stellvertreterkrieg, das wird von Trump nicht mehr geleugnet. Die Ukraine sieht sich get&auml;uscht und ausgebootet, schlie&szlig;lich wurde seitens des Westens versprochen, dass ein Sieg ohne Gebietseinbu&szlig;en zu haben ist. Aber die werden unumg&auml;nglich sein.<\/p><p>Vom zweist&uuml;ndigen Telefonat zwischen Trump und Putin am Montag &uuml;ber eine gesicherte Verbindung erf&auml;hrt man nur wenige Details. Dass Putin die Bereitschaft unterstrich, an einem &bdquo;Memorandum&ldquo; mit der Ukraine zu arbeiten, das zu einer Friedensl&ouml;sung f&uuml;hrt und einen Waffenstillstand einschlie&szlig;t, kann Trump als Erfolg verbuchen. Aber ein Friedensvertrag ist nur durch schwierige Verhandlungen zu haben und nicht dadurch, dass Westeuropa den &bdquo;Druck&ldquo; auf Moskau erh&ouml;ht, wie Kanzler Merz wieder einmal verlautbarte. Wie derlei Realit&auml;tsverweigerung in eine Sackgasse f&uuml;hrt, kann einem in der Tat Angst machen. <\/p><p>Insofern h&auml;ngt der Weltfrieden tats&auml;chlich von Deutschland ab. Wir k&ouml;nnen uns um eine Russland einbeziehende Friedensordnung in Europa bem&uuml;hen, die mit der Charta von Paris schlie&szlig;lich schon einmal angedacht worden ist, oder uns dem Narzissmus unseres Kanzlers beugen, die Bundeswehr zu Europas &bdquo;st&auml;rkster Armee&ldquo; zu machen. [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] &ndash; mit der Aussicht, sie dann auch gen Osten einzusetzen.<\/p><p><strong>Chancen f&uuml;r Europa<\/strong><\/p><p>Wir leben mit Russland auf einem Kontinent. Sich auf Dauer voneinander abzuschotten, sich gar feindlich zu verhalten, w&auml;re von Schaden f&uuml;r beide Seiten. F&uuml;r Russland weniger, wo man sich gezwungenerma&szlig;en inzwischen st&auml;rker nach Osten und nach S&uuml;den orientierte. F&uuml;r Deutschland schon. <\/p><p>Insofern hat Hauke Ritz ein Buch geschrieben, das in die Zukunft weist. &bdquo;Der wirtschaftliche Wind in den Segeln, der Europa von Westen nach Osten zieht, kann auch zu der Kraft werden, die Europa helfen wird, sich aus dem gegenw&auml;rtigen Abw&auml;rtssog des kulturellen Nihilismus zu befreien und die Sch&auml;tze seines vergangenen intellektuellen Lebens neu zu entdecken und wiederzubeleben.&ldquo; [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>]<\/p><p>Wir haben uns in eine Ecke man&ouml;vriert, aus der wir herausfinden m&uuml;ssen. &bdquo;Europa muss die paradoxe Bewegung vollziehen, einerseits den neuen Realismus aus den USA zu &uuml;bernehmen und sich andererseits gerade aufgrund dieses Realismus von den USA zu l&ouml;sen, um zu einem eigenst&auml;ndigen Pol in der multipolaren Welt zu werden.&ldquo; [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] Nicht durch Aufr&uuml;stung, durch neue Gro&szlig;machtgel&uuml;ste, mit der wir unsere Vernichtung riskieren, sondern als Friedensmacht.<\/p><p><em>Hauke Ritz: Warum der Weltfrieden von Deutschland abh&auml;ngt. Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-386489491624, Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Tricreative project \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Hauke Ritz, S. 157<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt. C. H. Beck 2025, 119 S., br., 15 Euro.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Hauke Ritz, S. 158<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/finanzmarktwelt.de\/warum-sich-der-weltweite-trend-weg-vom-dollar-beschleunigt-348379\/\">finanzmarktwelt.de\/warum-sich-der-weltweite-trend-weg-vom-dollar-beschleunigt-348379\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Hauke Ritz, S. 185<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] ebenda, S. 15<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] ebenda, S. 113<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] ebenda, S. 79<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] ebenda, S. 39<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, &Ouml;konomie und Kultur in der Sp&auml;tmoderne. Edition Suhrkamp 2019, 306 S., br., 18 Euro.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Ingolfur Bl&uuml;hdorn: Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Edition Suhrkamp 2024, 284 S., br., 20 Euro.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Ulrike Gu&eacute;rot: Zeitenwenden. Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart. Westend Verlag 2025, 223 S., geb., 24 Euro.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/merz-plan-kann-die-bundeswehr-europas-staerkste-armee-werden-6827364da6a34a0a03285a0e\">bild.de\/politik\/inland\/merz-plan-kann-die-bundeswehr-europas-staerkste-armee-werden-6827364da6a34a0a03285a0e<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Hauke Ritz, S. 51<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] ebenda, S. 212<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den USA in ihrem &bdquo;neuen Realismus&ldquo; folgen und sich gleichzeitig von deren hegemonialen Anspruch befreien: Dies betrifft auch jenes postmoderne Kulturkonzept, das auf die Bedingungen des Kalten Krieges zur&uuml;ckgeht. Gerade unsere humanistischen geistigen Traditionen, so <strong>Hauke Ritz<\/strong> in seinem Buch &bdquo;Warum der Weltfrieden von Deutschland abh&auml;ngt&ldquo;, k&ouml;nnten Br&uuml;cken sein f&uuml;r eine k&uuml;nftige Friedensordnung auf dem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133386\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":133388,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,181,208],"tags":[3240,3260,3276,3302,259,2794,1800,260],"class_list":["post-133386","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-europapolitik","category-rezensionen","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-feindbild","tag-multipolare-welt","tag-ritz-hauke","tag-russland","tag-stellvertreterkrieg","tag-trump-donald","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/shutterstock_2551796179.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133386"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":133571,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133386\/revisions\/133571"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/133388"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}