{"id":13353,"date":"2012-05-25T09:44:40","date_gmt":"2012-05-25T07:44:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13353"},"modified":"2019-07-25T11:07:38","modified_gmt":"2019-07-25T09:07:38","slug":"das-literarische-werk-dieter-wellershoffs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13353","title":{"rendered":"Das literarische Werk Dieter Wellershoffs"},"content":{"rendered":"<p>Dieter Wellershoff geh&ouml;rt zu den bedeutenden Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. In seinen Romanen, Novellen und Erz&auml;hlungen schildert er die Schattenseiten einer Gesellschaft, der trotz aller Freiheitsversprechen und Konsumangebote eine gemeinsame, verbindliche Sinnstiftung abhanden gekommen ist. F&uuml;r sein Werk hat Wellershoff zahlreiche Literaturpreise erhalten, u.a. den Heinrich-B&ouml;ll-Preis.<br>\n<strong>Joke und Petra Frerichs<\/strong> haben das literarische Werk Wellershoffs analysiert. In ihrem Buch <strong>Leben braucht keine Begr&uuml;ndung<\/strong> interpretieren sie s&auml;mtliche Romane, einige ausgew&auml;hlte Novellen und Erz&auml;hlungen sowie die Gedichte des Autors. Der folgende Textauszug ist der Einleitung zu ihrem Buch entnommen.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r Wellershoff ist Literatur kein apartes, von der Realit&auml;t losgel&ouml;stes Unterfangen. Auch nicht nur die  Umsetzung einer literaturtheoretischen Konzeption. Wellershoff entlehnt die Stoffe seines Schreibens dem Leben selbst. Seine Romane, Novellen und Erz&auml;hlungen handeln von den existentiellen Problemen der Menschen, die sich in einer komplexen, zunehmend undurchschaubaren Wirklichkeit zurechtfinden m&uuml;ssen. Einer Wirklichkeit, der die verbindlichen Weltbilder abhanden gekommen sind, und in der es keine gemeinsamen Werte mehr gibt. Dieser Realit&auml;t sind sie ausgeliefert &ndash; mehr oder weniger gut ausgestattet mit materiellen und intellektuellen Ressourcen. In dieser Welt m&uuml;ssen sie ihren Lebensweg finden; ihre Wahlen treffen; sich entscheiden; sich anpassen oder widersetzen. <\/p><p>Wellershoff schildert in seinen Romanen fast ausnahmslos Figuren, die sich in extremen Lebenslagen befinden: Verlierer, Gescheiterte, Verzweifelte, Au&szlig;enstehende und sogar Verbrecher. Er zeigt am Beispiel ihrer Lebenswege ein ganzes Spektrum an Facetten und Lebensm&ouml;glichkeiten auf; vor allem aber: wie prek&auml;r die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse sind, die wir als Normalit&auml;t bezeichnen. Gesellschaftliche und individuelle Krisen sind f&uuml;r ihn kein Extremfall, sondern der Normalfall. Denn in der sog. Normalit&auml;t sind all die Gef&auml;hrdungen und letztendlichen Katastrophen, die unser Dasein bedrohen, bereits angelegt. Ob sie zum Ausbruch kommen, ist dann eine Frage mehr oder weniger zuf&auml;lliger Ereignisse und Konstellationen. <em>Kontingenz<\/em> w&auml;re der Begriff, mit dem sich diese Grundsituation des Menschen in der modernen Gesellschaft bezeichnen l&auml;sst: Es kann so, aber auch ganz anders kommen. Der Kontingenzbegriff meint im Wellershoffschen Verst&auml;ndnis alles andere als postmoderne Beliebigkeit oder Wahlfreiheit (<em>anything goes<\/em>). F&uuml;r ihn spielt der Zufall eine herausragende Rolle: Ob wir diesen oder jenen Weg einschlagen, ist von Umst&auml;nden abh&auml;ngig, die wir wenig beeinflussen k&ouml;nnen. In welche Zeit wir hineingeborgen werden; in welchen pers&ouml;nlichen Lebensumst&auml;nden wir aufwachsen; auf welche Lebenswege wir geraten &ndash; all das ist von Zuf&auml;llen abh&auml;ngig, auf die wir keinen Einfluss haben. Kurzum: Wir sind nicht so handlungsm&auml;chtig, wie wir meinen. Schon kleinste Ver&auml;nderungen im gesellschaftlichen oder pers&ouml;nlichen Umfeld k&ouml;nnen unsere Alltagsroutinen infrage stellen; sie k&ouml;nnen Gewissheiten ersch&uuml;ttern, von denen wir angenommen haben, sie seien selbstverst&auml;ndlich.<\/p><p>Wellershoff sieht in der Literatur ein <em>Medium der Erweiterung und Vertiefung der Wahrnehmung unseres Lebens<\/em>. In immer neuen Konstellationen spielt er die fragilen Entwicklungsm&ouml;glichkeiten der Menschen in einer &uuml;berkomplexen Umwelt durch und liefert die Gr&uuml;nde f&uuml;r ihr h&auml;ufiges Scheitern. Die Handlungssituationen enthalten immer mehr Optionen als einl&ouml;sbar sind. Gerade die moderne Gesellschaft mit ihren Freiheitsversprechen und Konsumangeboten weckt ein &Uuml;berma&szlig; an Anspr&uuml;chen und W&uuml;nschen, vor denen viele in Phantasie- und Traumwelten fl&uuml;chten, weil ihnen die Mittel fehlen, ihre Sehns&uuml;chte nach einem gelungenen oder gegl&uuml;ckten Leben zu verwirklichen.  <\/p><p>Um aber zu entscheiden, was f&uuml;r das eigene Leben und Wohlbefinden taugt und was eher sch&auml;dlich ist, bedarf es Kriterien, Orientierungen, Wissen und Mittel, an denen es oft gebricht: Die Menschen treffen die falschen Entscheidungen, resignieren und geraten auf Abwege. Deshalb sind die Randst&auml;ndigen keine Ausnahmen, sondern entwachsen allesamt der Normalit&auml;t, an der sie scheitern oder zugrunde gehen. Wellershoffs Figuren sind daher Prototypen der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft, keine Exoten. <\/p><p>Der Zerrissenheit der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse entsprechen auf der subjektiven Seite Individuen, die mit ihrer Situation vielfach &uuml;berfordert sind. Viele leiden, verzweifeln und gehen zugrunde, weil sie die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse nicht durchschauen; weil das Tempo der gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen die Balance zwischen &auml;u&szlig;erer Realit&auml;t und der Identit&auml;tsstruktur der Menschen ersch&uuml;ttert. Das Resultat ist die Erfahrung von Sinn- und Wirklichkeitsverlust. Das Ergebnis sind Lebenskrisen, Zusammenbr&uuml;che, Depression: Zuweilen kommt es zu <em>Lernprozessen mit t&ouml;dlichem Ausgang<\/em> (A. Kluge).<\/p><p>Es ist auffallend, dass die Protagonisten in Wellershoffs Romanen oft daherkommen, als seien sie Monaden: sie scheinen nichts voneinander zu wissen und bem&uuml;hen sich auch nicht darum;  sie sind seltsam starr und festgelegt;  unf&auml;hig, die gesellschaftlichen Zw&auml;nge, denen sie unterliegen, zu durchschauen; miteinander zu kommunizieren und Identit&auml;t auszubilden. Von daher f&auml;llt es ihnen schwer, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten. <\/p><p>Wellershoff selbst hat davon gesprochen, dass das Lebensgef&uuml;hl heutiger Menschen von dem Bewusstsein gepr&auml;gt wird, in einer undurchschaubaren, von Zuf&auml;llen durchwirkten und von niemandem beherrschbaren, prozesshaften Welt zu leben, in der es keine f&uuml;r alle verbindliche Zentralperspektive und daraus abgeleitete normativen Verhaltensmuster mehr gibt. Seine zentralen Figuren weisen immer Bez&uuml;ge zur gesellschaftlichen Realit&auml;t auf &ndash; h&auml;ufig zu Selbsterlebtem. <\/p><p>Um zu erkl&auml;ren, wie die Wellershoffschen Protagonisten sich verhalten, ist es hilfreich, Anleihen beim franz&ouml;sischen Soziologen Pierre Bourdieu zu nehmen. In zahlreichen empirischen Studien hat dieser nachgewiesen, dass der Mensch zu einem Gro&szlig;teil wie ein Automat funktioniert (hier folgt Bourdieu G.W. Leibniz); d.h. er ist in seinem Unbewussten so beschaffen, dass er sich von eingefleischten Routinen leiten l&auml;sst: Er passt sich den jeweiligen Situationen nicht einfach an, sondern sucht sich gerade umgekehrt solche Umst&auml;nde, in denen er seine kleine Weltordnung &uuml;berschaubar abgesteckt findet. Diese wechselseitige <em>Abstimmung<\/em> von subjektiven Dispositionen und objektiven Strukturen hat Bourdieu mit dem Begriff des Habitus benannt. Der Habitus ist demnach ein untr&uuml;glicher Kompass daf&uuml;r, was ein Individuum f&uuml;r seinen Platz in der Gesellschaft h&auml;lt und wie es sich seiner gesellschaftlichen Position gem&auml;&szlig; zu orientieren und verhalten hat. Habitus als inkorporierte, <em>strukturierte Struktur<\/em> ist durch Herkunft und Erziehung erworben oder geerbt und hat die Eigenschaft, rigide und starr zu sein, zumindest solange, bis die relative &Uuml;bereinstimmung von Position und Disposition offensichtlich auseinanderbricht. <\/p><p>In diesem Sinne konstruiert auch Wellershoff seine Figuren. Sie stecken oft in einem <em>Geh&auml;use der H&ouml;rigkeit<\/em> (Weber) fest, das sie mit gro&szlig;em Beharrungsverm&ouml;gen in den Bann zieht. Ihr Lebensweg scheint unausweichlich in der Katastrophe zu enden, und h&auml;ufig erkennt man bereits recht fr&uuml;h, wie der Sog der Ereignisse sie erfasst, dem sie nicht entkommen k&ouml;nnen. Sie sind T&auml;ter und Opfer in einer Person, da sie in ihrem allt&auml;glichen Verhalten, ihren Routinen usw. die Zw&auml;nge, denen sie unterliegen, oft selbst geschaffen haben.  Und das macht es ihnen so schwer, sich sozial oder solidarisch zu verhalten, Beziehungen einzugehen, zu kommunizieren und vor allem: ihr Leben zu &auml;ndern. Stattdessen &uuml;berkommt sie immer wieder das Gef&uuml;hl, im falschen Leben zu stecken.  <\/p><p>Das ist es wohl, was viele anspricht: die Probleme, die Wellershoff abhandelt, kennt jeder aus eigener Erfahrung. Da ist das praktische Leben, der Alltag,  der Anpassung und Einsicht in das Notwendige erzwingt; da sind die Tugenden, die man durch Erziehung, Sozialisation und Gewohnheit erwirbt.  Und da ist die Welt der Gef&uuml;hle, der Liebe, der Sexualit&auml;t, f&uuml;r die in den gewohnten Alltagsabl&auml;ufen oft nicht gen&uuml;gend Raum und Zeit bleibt, so dass die Phantasien, Tr&auml;ume oder Sehns&uuml;chte als ungelebtes Leben zur&uuml;ckkehren. Wellershoff zeigt, wie sie in uns wirksam sind und beginnen, ein Eigenleben zu f&uuml;hren; wie sie als Verdr&auml;ngtes und Unbewusstes fortleben und durch unvorhersehbare Ereignisse aktualisiert werden; inwieweit sie als menschliche Regungen Realit&auml;t erlangen oder umgebogen werden und in Pathologien oder Aggressionen m&uuml;nden. In Wellershoffs Werken werden m&ouml;gliche und  widerspr&uuml;chliche Handlungsoptionen aufgezeigt und als virtuelle Lebensentw&uuml;rfe durchgespielt. Dadurch erweitert sich der Horizont unserer Wahrnehmungen und Einsichten. Allerdings h&uuml;tet er sich davor, Ratschl&auml;ge zu erteilen oder gar Ideologien zu verbreiten. Im Gegenteil: Aufgrund seiner Lebenserfahrung wei&szlig; der Autor, welche Abgr&uuml;nde und Zuf&auml;lle die Realit&auml;t bereith&auml;lt. Kaum jemals bietet er L&ouml;sungen an. Oft bleibt das Ende seiner Geschichten offen: Es ist sein spezifischer <em>Realismus<\/em>, gespeist aus den eigenen Lebenserfahrungen, seine Skepsis, &Auml;nderungen gegen&uuml;ber, seine Einsicht in die <em>erb&auml;rmliche Unbelehrbarkeit des Lebens<\/em>, die es ihm angeraten sein lassen, es dem Leser  zu &uuml;berlassen, welche Schl&uuml;sse er selbst ziehen m&ouml;chte. Gerade das macht einen weiteren Reiz aus, sich mit seinen Werken auseinanderzusetzen.  <\/p><p>Das Konstruktionsprinzip seiner Schriften verdankt sich offenbar dreierlei Motiven: der Lebenserfahrung des Autors, die ihm einen illusionsfreien Blick auf die M&ouml;glichkeiten des Menschen verschafft; der Reflexion &uuml;ber kulturelle und gesellschaftlicher Verwerfungen der Moderne, in der gemeinsame, normative <em>Hintergrund&uuml;berzeugungen<\/em> (Habermas) verloren gegangen sind; und der unaufgeregten Einsicht, dass ein Jeder sein Leben leben muss, weil dies das Gr&ouml;&szlig;te ist, was der Mensch besitzt.<\/p><p>Durch das Erscheinen der letzten drei B&auml;nde seiner Werkausgabe sind jetzt alle Texte Wellershoffs zug&auml;nglich. Es ist beeindruckend, welch umfangreiches Werk dieser Autor geschaffen hat und wie aktuell dieses nach wie vor ist. Immer wieder entdeckt man Unbekanntes und Neues und kommt zu &uuml;berraschenden Einsichten. Dieter Wellershoff ist ein Schriftsteller, der uns noch lange besch&auml;ftigen wird.<\/p><p>(aus: Joke und Petra Frerichs: Leben braucht keine Begr&uuml;ndung. Zum literarischen Werk Dieter Wellershoffs, 2012, 245 Seiten )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieter Wellershoff geh&ouml;rt zu den bedeutenden Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. In seinen Romanen, Novellen und Erz&auml;hlungen schildert er die Schattenseiten einer Gesellschaft, der trotz aller Freiheitsversprechen und Konsumangebote eine gemeinsame, verbindliche Sinnstiftung abhanden gekommen ist. F&uuml;r sein Werk hat Wellershoff zahlreiche Literaturpreise erhalten, u.a. den Heinrich-B&ouml;ll-Preis.<br \/> <strong>Joke und Petra Frerichs<\/strong> haben das literarische Werk Wellershoffs<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13353\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[161],"tags":[],"class_list":["post-13353","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wertedebatte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13353"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53656,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13353\/revisions\/53656"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}