{"id":133683,"date":"2025-05-29T13:00:28","date_gmt":"2025-05-29T11:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133683"},"modified":"2025-05-28T16:53:22","modified_gmt":"2025-05-28T14:53:22","slug":"buchrezension-journalisten-und-ihre-schatten-ueber-die-naehe-von-medien-und-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133683","title":{"rendered":"Buchrezension \u201eJournalisten und ihre Schatten\u201c \u2013 \u00dcber die N\u00e4he von Medien und Macht"},"content":{"rendered":"<p>Um die sogenannte Vierte Gewalt ist es schlecht bestellt. Ihrem Selbstverst&auml;ndnis nach sollte sie die M&auml;chtigen aus Politik, Wirtschaft und Justiz kontrollieren, sie sollte detektivisch Spuren nachgehen, die auf Korruption und Amtsmissbrauch hindeuten. Stattdessen tun Leitmedien heute genau das Gegenteil: Sie verwischen Spuren und machen sich mit den M&auml;chtigen gemein. Mittlerweile merken es selbst gro&szlig;e Teile der Gesellschaft. Gestandene Journalisten wissen das schon lange, erst recht Veteranen wie <strong>Patrick Lawrence<\/strong>. Seine Erfahrungen hat er in einem <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/journalisten-und-ihre-schatten\/\">Buch<\/a> ausgebreitet, das nun im Promedia-Verlag in deutscher &Uuml;bersetzung erschienen ist. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer US-Amerikaner blickt auf eine ereignisreiche Karriere zur&uuml;ck. Er arbeitete &uuml;ber Jahrzehnte f&uuml;r nationale und internationale Bl&auml;tter, als Auslandskorrespondent, Redakteur und Kolumnist. Lawrence kennt die Branche wie kaum ein anderer, und er wei&szlig;, dass Journalisten seit jeher mit einem inneren Konflikt zu k&auml;mpfen haben: Einerseits sind sie von der Notwendigkeit getrieben, ideologisch konforme Standards zu erf&uuml;llen. Andererseits wollen sie die wahren Verh&auml;ltnisse ans Licht bringen, die in der Arbeit oftmals verschleiert werden. Letzteres nennt Lawrence in Anlehnung an den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung den Schatten des Journalisten. Genau darum geht es in seinem gleichnamigen Buch.<\/p><p>Im Kern besch&auml;ftigt er sich darin mit dieser Gespaltenheit eines jeden Journalisten, veranschaulicht dieses Ph&auml;nomen jedoch in einem Erfahrungsbericht, der mehrere Jahrzehnte des Kalten Kriegs umfasst und die Ver&auml;nderungen nach 9\/11 einschlie&szlig;t. Entlang der eigenen Erlebnisse zeichnet Lawrence als klassischer Ich-Erz&auml;hler den Verfall gro&szlig;er Medien nach, veranschaulicht, wie sie Unabh&auml;ngigkeit, Integrit&auml;t und Glaubw&uuml;rdigkeit verloren haben, beleuchtet aber auch die wenigen Augenblicke ihres Glanzes. Das ist schon deswegen lesenswert, weil er seine Ausf&uuml;hrungen in eine literarische Sprache kleidet, die sich durch Metaphorik, Anekdoten und pointierte Formulierungen auszeichnet. Das beginnt bereits mit der Beschreibung des journalistischen Schattens.<\/p><p><strong>Integrierte Pers&ouml;nlichkeit<\/strong><\/p><p>Lawrence unternimmt mehrere Erkl&auml;rungsversuche und variiert in der Formulierung, um verst&auml;ndlich zu machen, was mit dem Sprachbild gemeint ist. Mal spricht er von dem &bdquo;Teil des Selbst, der infolge verschiedener gesellschaftlicher und beruflicher Zw&auml;nge verdeckt ist&ldquo;. Mal bezeichnet er diesen Teil als solchen, &bdquo;der von Konventionen, orthodoxer Moral, akzeptablem Geschmack, den Zumutungen der Arbeitgeber und anderen Formen sozialer und beruflicher Einsch&uuml;chterung unterdr&uuml;ckt wird&ldquo;. Das Opfer dieser Kr&auml;fte sei die &bdquo;integrierte Pers&ouml;nlichkeit &ndash; das authentische, ungeteilte Selbst, das in der Lage ist, mit Gewissheit und ohne Bezugnahme auf die Zw&auml;nge der Macht oder der kollektiven Meinung zu urteilen und zu handeln&ldquo;.<\/p><p>Dieser Teil, so der Autor, wird in der journalistischen Praxis h&auml;ufig verdeckt, auch deswegen, weil Journalisten ihre berufliche Position in den Medienunternehmen sichern oder halten wollen. Daf&uuml;r zahlen sie einen hohen Preis: Ihre Urteilsf&auml;higkeit wird beeintr&auml;chtigt, sodass sich in der Folge Verfehlungen genauso h&auml;ufen wie Korruption. Lawrence erlebte dies am eigenen Leib und schildert diesen Konflikt in aller Offenheit: &bdquo;Wenn ich von meinem Schatten schreibe, meine ich den Teil von mir, den ich vor anderen verborgen hielt. Lange Zeit neigte ich dazu, ihn sogar vor mir selbst zu verbergen &ndash; wenn ich mich nicht sogar vor ihm versteckte. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt bei gro&szlig;en Zeitungen und Nachrichtenmagazinen, weil man in den Jahren, &uuml;ber die ich schreibe, dort seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.&ldquo;<\/p><p>Hohes Gehalt und komfortable Bedingungen sind jedoch nicht die einzigen Kr&auml;fte, die Journalisten dazu treiben, ihr wahres Selbst zu verstecken. Ein weiterer ist die politische Macht, insbesondere der &bdquo;Sicherheitsstaat&ldquo;. Dieser taucht in Lawrence&rsquo; Buch sehr h&auml;ufig auf, auch weil der Autor der Meinung ist, dass die meisten Mainstream-Journalisten in seinem Dienst stehen. Das hat unter anderem strukturelle Gr&uuml;nde: &bdquo;Korrespondenten der Times und der Washington Post nehmen routinem&auml;&szlig;ig Stipendien an Forschungseinrichtungen an, die von R&uuml;stungsunternehmen und Anh&auml;ngseln des nationalen Sicherheitsstaates finanziert werden, also von Einrichtungen, &uuml;ber die sie eigentlich berichten sollen.&ldquo;<\/p><p><strong>Der Einfluss von Geheimdiensten<\/strong><\/p><p>Solche S&auml;tze wirken ersch&uuml;tternd und ern&uuml;chternd zugleich. Lawrence redet nicht um den hei&szlig;en Brei herum, sondern belegt aus eigener Erfahrung, dass die klebrige N&auml;he zwischen Journalismus und Macht nicht herbeifantasiert ist. Das unterstreichen Passagen, in denen der Autor schildert, wie der britische Auslandsgeheimdienst MI6 ihn f&uuml;r eine m&ouml;gliche Mitarbeit &uuml;berpr&uuml;fte. Lawrence bestand den Test damals nicht, aber andere eben schon. Anhand dieser Schilderungen ist es nicht schwer, eins und eins zusammenzuz&auml;hlen: Viele Journalisten, vor allem die Auslandskorrespondenten, arbeiten nicht nur f&uuml;r das eigene Medienhaus, sondern gleichzeitig als Agenten und &Uuml;berbringer von Informationen, die der &bdquo;nationale Sicherheitsstaat&ldquo; gut gebrauchen kann.<\/p><p>Im Laufe der Jahre, so die Schlussfolgerung, haben die Mainstream-Medien ihre Unabh&auml;ngigkeit an ihn abgetreten, insbesondere nach 9\/11. Dieses Datum beschreibt Lawrence als einschneidend in der Geschichte des Journalismus. Seitdem habe sich die &bdquo;Macht des Auslassens&ldquo; institutionalisiert: &bdquo;Es geht nicht mehr darum, was in einer Meldung irrt&uuml;mlich fehlt. Das Weglassen von Kontexten ist heute an der Tagesordnung; niemand in den Mainstream-Medien scheint dies mehr als Fehler zu betrachten.&ldquo; Ebenso ver&auml;ndert hat sich die Sprache, der Lawrence einen &bdquo;bet&auml;ubenden Einfluss&ldquo; von Institutionen, B&uuml;rokratien und Konzernmedien attestiert. Dabei sollte sie das kreative Denken f&ouml;rdern und zu neuem, fantasievollem Handeln anregen, wie er betont.<\/p><p><strong>US-amerikanische Interventionen in anderen L&auml;ndern<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der Autor die Verfehlungen der Mainstream-Medien beleuchtet, liefert er zugleich einen kurzen Abriss der US-amerikanischen Geschichte, mit Fakten, die vielen unbekannt sein d&uuml;rften, weil sie in der Berichterstattung genauso verdeckt bleiben wie der authentische Pers&ouml;nlichkeitsanteil der Journalisten. Thematisch widmet sich Lawrence dem Ukraine-Krieg oder den Ereignissen um die angebliche Einmischung Russlands in die US-Pr&auml;sidentschaftswahl 2016. Am interessantesten sind die Ausf&uuml;hrungen jedoch dort, wo er die politischen Interventionen der Vereinigten Staaten in Portugal oder S&uuml;damerika abhandelt.<\/p><p>Obwohl der Erfahrungsbericht &uuml;ber weite Strecken wenig erbaulich klingt, werden zum Schluss positive Tendenzen benannt, die Mut machen. Lawrence sieht die Rettung in den &bdquo;unabh&auml;ngigen Medien&ldquo;. Diesen Begriff favorisiert er gegen&uuml;ber dem h&auml;ufigeren Ausdruck &bdquo;alternative Medien&ldquo;, weil er Aspekte hervorhebt, die den Journalismus erst authentisch machen: Wenn Medien unabh&auml;ngig sind von &bdquo;Unternehmenseigent&uuml;mern und Werbekunden, von politischer und institutioneller Macht, von vorherrschenden Orthodoxien&ldquo;, werden sie zu Orten der Ganzheit, wo &bdquo;Journalisten ihr integriertes Selbst zur&uuml;ckgewinnen, sich mit ihrem Schatten vereinigen k&ouml;nnen&ldquo;.<\/p><p>Dass es solche Orte gibt, bleibt in dem Buch nicht unerw&auml;hnt, ebenso wenig wie ihre Wirkung. F&uuml;r Lawrence zeigt sie sich allein darin, dass die Mainstream-Medien Krieg gegen diejenigen f&uuml;hren, die unabh&auml;ngig soliden Journalismus produzieren. &bdquo;Ihre Absicht ist klar&ldquo;, schreibt er: &bdquo;Sie wollen ihr seit Langem bestehendes, aber jetzt in Frage gestelltes Monopol &uuml;ber die akzeptierten Narrative wiederherstellen.&ldquo; Das darf ihnen nicht gelingen. Auch daf&uuml;r setzt sich Lawrence mit seinem Buch ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die sogenannte Vierte Gewalt ist es schlecht bestellt. Ihrem Selbstverst&auml;ndnis nach sollte sie die M&auml;chtigen aus Politik, Wirtschaft und Justiz kontrollieren, sie sollte detektivisch Spuren nachgehen, die auf Korruption und Amtsmissbrauch hindeuten. Stattdessen tun Leitmedien heute genau das Gegenteil: Sie verwischen Spuren und machen sich mit den M&auml;chtigen gemein. Mittlerweile merken es selbst gro&szlig;e<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133683\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":133685,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,183,208],"tags":[2218,901,2175,1919,2669,2294,2299,244],"class_list":["post-133683","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienanalyse","category-medienkritik","category-rezensionen","tag-alternative-medien","tag-geheimdienste","tag-interventionspolitik","tag-lueckenpresse","tag-leitmedien","tag-politisch-medialer-komplex","tag-sprachkritik","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/250529_Buch.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133683"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":133701,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133683\/revisions\/133701"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/133685"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}