{"id":133790,"date":"2025-05-30T14:00:40","date_gmt":"2025-05-30T12:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133790"},"modified":"2025-05-30T16:56:53","modified_gmt":"2025-05-30T14:56:53","slug":"denkfaule-politiker-knickt-die-wirtschaft-ein-muss-der-deutsche-arbeitsmuede-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133790","title":{"rendered":"Denkfaule Politiker: Knickt die Wirtschaft ein, muss der Deutsche arbeitsm\u00fcde sein"},"content":{"rendered":"<p>Armes Deutschland. Der Standort ist schlapp, der russische Gashahn zugedreht, horrende Lebenshaltungskosten, immer mehr Firmenpleiten und steigende Arbeitslosigkeit dr&uuml;cken auf die Stimmung. Wer ist Schuld an allem? Ganz klar: Die Besch&auml;ftigten, die einfach nicht die n&ouml;tige Leistungsbereitschaft zeigen. Helfen kann da nur noch mehr Arbeit, bei noch weniger Geld, denkt der Bundeskanzler und setzt verbal auf noch mehr Spaltung nach dem Motto: Work-Life-Balance ist was f&uuml;r Dr&uuml;ckeberger. &Uuml;ber eine kranke und krankmachende Debatte schreibt <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7347\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-133790-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250530_Denkfaule_Politiker_Knickt_die_Wirtschaft_ein_muss_der_Deutsche_arbeitsmuede_sein_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250530_Denkfaule_Politiker_Knickt_die_Wirtschaft_ein_muss_der_Deutsche_arbeitsmuede_sein_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250530_Denkfaule_Politiker_Knickt_die_Wirtschaft_ein_muss_der_Deutsche_arbeitsmuede_sein_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250530_Denkfaule_Politiker_Knickt_die_Wirtschaft_ein_muss_der_Deutsche_arbeitsmuede_sein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=133790-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250530_Denkfaule_Politiker_Knickt_die_Wirtschaft_ein_muss_der_Deutsche_arbeitsmuede_sein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250530_Denkfaule_Politiker_Knickt_die_Wirtschaft_ein_muss_der_Deutsche_arbeitsmuede_sein_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Bundeskanzler hat gesprochen. &bdquo;Wir m&uuml;ssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten&ldquo;, findet Friedrich Merz (CDU) und: &bdquo;Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten k&ouml;nnen.&ldquo; Gesagt hat er dies Mitte Mai beim <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/merz-kritisiert-vier-tage-woche-und-work-life-balance-wir-mussen-in-diesem-land-wieder-mehr-arbeiten-13687588.html\">CDU-Wirtschaftstag<\/a> und damit, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t, einen Nerv getroffen. Autsch! Aber der Schmerz h&ouml;rt nicht auf. Dieser Tage bohrte CDU-Generalsekret&auml;r <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/carsten-linnemann-life-life-balance-produziert-keinen-wohlstand-36ZO64SXIZAFBG2QA2V7IMDE3U.html\">Carsten Linnemann<\/a> nach: Man habe &bdquo;manchmal den Eindruck, dass es nicht mehr um Work-Life-Balance geht, sondern um Life-Life-Balance&ldquo;. Gerade f&uuml;r junge Menschen sei es wichtig, &bdquo;erstmal eine Ausbildung zu machen und einen Beruf zu erlernen. Da m&uuml;ssen wir wieder hinkommen: Sich etwas selbst zu erarbeiten.&ldquo;<\/p><p>Damit ist der Ton gesetzt: Die Deutschen sind einfach zu bequem geworden, zu selbstbezogen, ohne Sinn f&uuml;rs Gro&szlig;e und Ganze, das da lautet: Was kannst Du f&uuml;r Dein Land tun? Nicht nur zu seiner Verteidigung, auch auf dem Arbeitsmarkt. Vor allem der Nachwuchs fr&ouml;nt dem Schlendrian, also die sogenannte Generation Z der nach 1995 Geborenen. Die wollen es sich nur gutgehen lassen, haben mit Leistung nichts am Hut und setzen mit ihrer Faulheit die Zukunft der Republik aufs Spiel. Wie es der Zufall will, hat die Koalition die &bdquo;richtigen&ldquo; Rezepte schon im K&ouml;cher, sprich im Koalitionsvertrag: Steuerfreie &Uuml;berstundenzuschl&auml;ge, Anreize, um Teilzeitbesch&auml;ftigung zu &uuml;berwinden, eine Aktivrente f&uuml;r die, die &uuml;ber das gesetzliche Regelaltersgrenze hinaus weiterarbeiten, und nat&uuml;rlich die Abl&ouml;sung des Acht-Stunden-Tages durch &bdquo;eine w&ouml;chentliche H&ouml;chstarbeitszeit&ldquo;.<\/p><p>Zugleich dreht sich die Kampagnentrommel immer schneller. Umfragen werden lanciert, wonach eine <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/wirtschaft\/merz-fordert-abkehr-vom-acht-stunden-tag-deutsche-uneins-darueber-zr-93750634.html\">Mehrheit der Bev&ouml;lkerung<\/a> Lust auf Mehrarbeit hat. Die Wissenschaft liefert die passenden Befunde, etwa den, dass jene, die lange arbeiten, nicht ersch&ouml;pfter, unges&uuml;nder und gestresster sind als Teilzeitkr&auml;fte. Deshalb: &bdquo;Um unseren Wohlstand zu sichern, m&uuml;ssen wir l&auml;ngere Arbeitszeiten wieder attraktiver machen.&ldquo; Freilich darf auch der Vergleich mit den deutschen Wettbewerbern nicht fehlen. Wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt haben will, belegen die Deutschen in puncto Arbeitseifer bei j&auml;hrlich im Jahresschnitt <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/presse\/iw-nachrichten\/holger-schaefer-griechen-arbeiten-135-stunden-im-jahr-mehr-als-deutsche.html\">&bdquo;nur&ldquo; 1.036 geleisteten Stunden<\/a> den drittletzten Rang unter allen Industriestaaten. Blo&szlig; die Franzosen und Belgier seien tr&auml;ger, w&auml;hrend die Neuseel&auml;nder fast 400 Stunden mehr abrei&szlig;en w&uuml;rden. &bdquo;Umso wichtiger d&uuml;rfte es deshalb werden, die individuelle Arbeitszeit in Deutschland zu erh&ouml;hen&ldquo;, folgerten die Forscher.<\/p><p>Die Diskussion ist in ihrer Dumpfheit schwer zu ertragen und die Argumente der Akteure leicht zu entkr&auml;ften.<\/p><p><strong>Historie <\/strong><\/p><p>Geregelte Arbeitszeiten, im Speziellen der Acht-Stunden-Tag, sind eine zentrale Errungenschaft der Arbeiterbewegung. In Deutschland 1918 gesetzlich festgeschrieben, hat die Regelung der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft Grenzen gesetzt und einen verl&auml;sslichen Rahmen f&uuml;r Freizeit und Erholung von Werkt&auml;tigen abgesteckt und daf&uuml;r, sich mehr um ihre Familie k&uuml;mmern zu k&ouml;nnen. Weniger Lohnarbeit ist insofern ein Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts. Als solcher wurde sp&auml;ter dann auch die Einf&uuml;hrung der 35-Stunden-Woche in der Elektro- und Metallindustrie und anderen Branchen verstanden. Mehrarbeit forciert die ohnehin schon grassierenden Belastungs- und &Uuml;berlastungsph&auml;nomene der modernen Arbeitswelt noch und stellt aus emanzipatorischer Sicht einen gesellschaftlichen R&uuml;ckschritt dar.<\/p><p><strong>Rationalisierung <\/strong><\/p><p>Die fortschreitende Rationalisierung ersetzt sukzessive menschliche Arbeitskraft. Angesichts von Digitalisierung und dem Siegeszug der K&uuml;nstlichen Intelligenz werden absehbar Millionen mehr Industriearbeitspl&auml;tze verloren gehen. In praktisch allen Bereichen der Gesellschaft wird der Mensch Maschinen das Feld r&auml;umen m&uuml;ssen. Schon heute gibt es hierzulande wieder rund drei Millionen Arbeitslose, Tendenz steigend. Mittel- und langfristig wird man nicht umhin kommen, die begrenzte Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen. Andernfalls werden die sozialen Sicherungssysteme dem Ansturm Bed&uuml;rftiger nicht gewachsen sein und Massen in Armut und Elend landen. Sozialk&uuml;rzungen, worauf die neue Regierung setzt, werden auf Dauer keine L&ouml;sung sein. Wenn doch, stehen der BRD massive gesellschaftliche Verwerfungen ins Haus.<\/p><p><strong>Fachkr&auml;ftemangel <\/strong><\/p><p>Engp&auml;sse an Arbeitskr&auml;ften bestehen vor allem in gering verg&uuml;teten Besch&auml;ftigungsfeldern oder bei T&auml;tigkeiten mit hohen Verschlei&szlig;faktoren, etwa im Einzelhandel, bei der Pflege oder im Bildungsbereich, zum Beispiel in Kitas und Schulen. Den Betroffenen noch mehr Lasten aufzub&uuml;rden, wird die Lage versch&auml;rfen, viele endg&uuml;ltig aus dem Beruf vergraulen, w&auml;hrend noch weniger Berufseinsteiger nachr&uuml;cken. Die <a href=\"https:\/\/www.gew.de\/aktuelles\/detailseite\/kuerzer-arbeiten-trotz-fachkraeftemangel\">Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)<\/a> h&auml;lt dazu fest: &bdquo;Wenn es um eine nachhaltige Fachkr&auml;ftesicherung geht, dann spielen lebensphasen- und gesundheitsgerechte sowie insgesamt k&uuml;rzere Arbeitszeiten eine zentrale Rolle: Sie sind wesentliche Elemente, wenn nicht gar der Schl&uuml;ssel zum Erhalt der Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit, von gesunden sowie attraktiven Arbeitsbedingungen.&ldquo;<\/p><p><strong>T&auml;uschen mit Zahlen<\/strong><\/p><p>Der Verweis des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf eine Statistik der Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), um so die These von den arbeitsscheuen Deutschen zu belegen, ist irref&uuml;hrend. Die Erhebung von 2023 vermengt Daten zur Voll- und Teilzeitbesch&auml;ftigung und leitet daraus einen Pro-Kopf-Wert an geleisteten Arbeitsstunden ab. Vor zwei Jahren arbeiteten hierzulande rund 30 Prozent der Erwerbst&auml;tigen in Teilzeit, in Italien waren es rund 18 Prozent, in Polen nur sechs Prozent. &bdquo;Das ist &Auml;pfel mit Birnen vergleichen, die Statistik ist daher relativ wertlos&ldquo;, moniert die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi. Schaut man sich die Vollzeitbesch&auml;ftigten an, liegt Deutschland mit mehr als 40 Arbeitsstunden pro Woche im EU-Durchschnitt.<\/p><p>Dazu kommt: F&uuml;r 2022 hatte das IW noch <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/holger-schaefer-sind-die-deutschen-arbeitsscheu.html\">1.031 Arbeitsstunden pro Besch&auml;ftigtem<\/a> in Deutschland ermittelt, f&uuml;nf weniger als im Jahr darauf. Das deckt sich mit einer Studie des Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW). Demnach habe das Gesamtarbeitsvolumen 2023 mit 55 Milliarden Stunden <a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.899369.de\/24-16-1.pdf\">&bdquo;seinen bisherigen H&ouml;hepunkt&ldquo;<\/a> erreicht. 2005 seien es lediglich 47 Milliarden Stunden gewesen. Von Rekord zu Rekord klettert seit Jahren auch die Zahl der hiesigen Erwerbst&auml;tigen, <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2025\/01\/PD25_001_13321.html\">2024 waren es 46,1 Millionen<\/a>. Nach IW-Angaben sind knapp 77 Prozent der Bev&ouml;lkerung im Erwerbsalter berufst&auml;tig, im OECD-Durchschnitt jedoch blo&szlig; 69 Prozent. Insgesamt arbeiten in der BRD also im Verh&auml;ltnis mehr Menschen tendenziell mehr als noch vor drei Jahren. Damals war vom faulen Deutschen keine Rede &hellip;<\/p><p><strong>Die Teilzeitfalle <\/strong><\/p><p>Teilzeitarbeit, Minijobs, Leiharbeit und andere prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse suchen sich die Betroffenen in der Regel nicht aus freien St&uuml;cken aus. Vor allem f&uuml;r Frauen sind sie oft der saure Apfel, in den sie bei&szlig;en m&uuml;ssen, um Familie und Berufst&auml;tigkeit vereinbaren zu k&ouml;nnen oder als Alleinerzieherin oder Pflegende von Angeh&ouml;rigen irgendwie &uuml;ber die Runden zu kommen. H&auml;ufig sind die entsprechenden Jobs &ndash; in Einzelhandel, Gesundheitswesen oder Gastronomie &ndash; schlecht bezahlt und stressig. &bdquo;Dass &ndash; meist weibliche &ndash; Besch&auml;ftigte aufgrund von Arbeitsverdichtung in Teilzeit wechseln, sei beispielsweise in der Pflege l&auml;ngst zu beobachten, wodurch sich der Fachkr&auml;ftemangel dort vergr&ouml;&szlig;ere&ldquo;, hei&szlig;t es dazu in einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung von 2022.<\/p><p>Es war eine bewusste politische Entscheidung, ausgehend von den Hartz-Reformen unter Gerhard Schr&ouml;der (SPD), den Niedriglohnsektor in Deutschland massiv auszubauen und der allgemeinen Lohndr&uuml;ckerei Vorschub zu leisten. Nun so zu tun, als w&auml;re das Unheil vom Himmel gefallen und es damit getan, das Heer an Billig- und Kurzzeitjobbern zu mehr Arbeit zu n&ouml;tigen, ohne substanziell bei den Lohn- und Arbeitsbedingungen nachzubessern, ist dummdreist. Oder, wie es das WSI ausdr&uuml;ckt: &bdquo;Die vermeintlich einfache Gleichung &sbquo;l&auml;ngere Arbeitszeiten sorgen f&uuml;r h&ouml;here wirtschaftliche Leistung und mehr Geld in den Sozialkassen&lsquo; funktioniert so nicht.&ldquo; Vielmehr spreche die empirische Evidenz f&uuml;r flexible Arbeitszeitmodelle, &bdquo;um eine hohe, ad&auml;quate und nachhaltige Erwerbsbeteiligung in allen Gruppen sicherzustellen&ldquo;.<\/p><p><strong>Ungleichheit <\/strong><\/p><p>Eine &bdquo;hohe und nachhaltige Erwerbsbeteiligung aller Gruppen&ldquo; setzt die &Uuml;berwindung der Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung voraus. Wachsende Teile der Bev&ouml;lkerung sind aufgrund ihrer Herkunft nahezu chancenlos, ihren sozialen Status mit guter Bildung und gut honoriertem Job zu verbessern. Zugleich ist es f&uuml;r Kinder aus reichem Elternhaus ein Leichtes, sp&auml;ter auch beruflich zu re&uuml;ssieren. Und manch einer muss sich gar nicht mehr anstrengen, um zu den oberen Zehntausend zu geh&ouml;ren. M&ouml;glich machen dies Erbschaften und das quasi leistungslose Vermehren von Verm&ouml;gen an den Finanzm&auml;rkten. Angesichts dieser sozialen Unwuchten einfachen Arbeitnehmern noch mehr Arbeit aufbrummen zu wollen, zeugt von v&ouml;lliger Blindheit gegen&uuml;ber der gesellschaftlichen Wirklichkeit.<\/p><p><strong>&Uuml;berstunden <\/strong><\/p><p>Wer &uuml;ber Mehrarbeit spricht, sollte unbezahlte Arbeit nicht vergessen. Nach Zahlen des Instituts f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit wurden in Deutschland 2023 rund <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/arbeitsmarkt\/arbeit-deutschland-ueberstunden-100.html\">1,3 Milliarden &Uuml;berstunden<\/a> geleistet, aber nicht einmal die H&auml;lfte davon bezahlt. F&uuml;r 775 Millionen Stunden sahen die Besch&auml;ftigten keinen Cent. Setzt man daf&uuml;r nur den Mindestlohn an, entspricht das fast zehn Milliarden Euro, um die sie geprellt wurden. &bdquo;Wir stellen umgehend &Uuml;berstundenzuschl&auml;ge steuerfrei, die &uuml;ber die tariflich vereinbarte beziehungsweise an Tarifvertr&auml;gen orientierte Vollzeitarbeit hinausgehen&ldquo;, verspricht die Regierung. Aber kein Wort verliert sie in ihrem Koalitionsvertrag zum augenscheinlich systematischen Lohnklau.<\/p><p><strong>Produktivit&auml;t <\/strong><\/p><p>Die entscheidende Gr&ouml;&szlig;e zur Bemessung der menschlichen Arbeitskraft ist die Produktivit&auml;t. In Deutschland werden pro Kopf im Jahr gut 45.000 Euro erwirtschaftet, in Polen sind es 31.000 Euro, in Griechenland 28.000 Euro &ndash; obwohl dort pro Kopf mehr Stunden abgerissen werden. Tats&auml;chlich ist die Produktivit&auml;t hierzulande immer noch sehr hoch, weit oben im EU-Ranking, wenngleich schwach r&uuml;ckl&auml;ufig. Das liegt jedoch nicht an den Besch&auml;ftigten selbst, sondern dem Umfeld, in dem sie arbeiten, etwa auch der maroden Infrastruktur oder fehlenden Innovationen, zum Beispiel der deutschen Autobauer. Weil dem so ist, setzten diese aktuell in gro&szlig;em Stil Menschen auf die Stra&szlig;e oder schicken ihre Mitarbeiter in schlechter bezahlte Kurzarbeit. Ihnen vorzuhalten, zu wenig arbeiten zu wollen, ist der blanke Hohn.<\/p><p><strong>Weniger ist mehr<\/strong><\/p><p>Die Erfolgsformel lautet: Weniger Arbeit &ndash; mehr Leistung. Diesen Zusammenhang haben inzwischen etliche Untersuchungen nachgewiesen. Zum Beispiel lie&szlig; die Universit&auml;t M&uuml;nster im Rahmen eines bundesweiten Pilotprojekts 45 Organisationen aus verschiedenen Branchen sechs Monate lang eine Vier-Tage-Woche praktizieren. Ergebnis: <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/news\/view.php?cmdid=14337\">&bdquo;Das Wohlbefinden steigt, wenn die Arbeitszeit sinkt &ndash; bei gleichbleibender oder sogar leicht steigender Produktivit&auml;t.&ldquo;<\/a> Die Mitarbeiter berichteten von signifikanten Verbesserungen ihrer mentalen und k&ouml;rperlichen Gesundheit, weniger Stress und Burnout-Symptomen, h&ouml;herem Aktivit&auml;tslevel und besserem Schlaf.<\/p><p>Eine neuere Umfrage des gewerkschaftsnahen WSI ergab, dass sich 80 Prozent der Besch&auml;ftigten in Vollzeit eine Vier-Tage-Woche w&uuml;nschen, der Gro&szlig;teil davon jedoch nur bei gleichem Lohn. In der fraglichen <a href=\"https:\/\/www.wsi.de\/fpdf\/HBS-008610\/p_wsi_pb_79_2023.pdf\">Ver&ouml;ffentlichung<\/a> wird auf entsprechende Evaluationsstudien verwiesen. &bdquo;Aus diesen ist bekannt, dass Betriebe h&ouml;here Lohnausgaben durch eine erh&ouml;hte Produktivit&auml;t der Besch&auml;ftigten kompensieren k&ouml;nnen.&ldquo; Insofern handelt es sich &bdquo;um ein Arbeitszeitarrangement, das nicht nur betriebliche Gewinne verspricht, sondern auch individuell breit favorisiert wird&ldquo;. Ein Toyota-Werk in G&ouml;teborg machte bereits 2003 die Probe aufs Exempel und f&uuml;hrte den <a href=\"https:\/\/kontrast.at\/arbeitszeitverkuerzung-nuetzt-allen\/\">Sechs-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich<\/a> ein. Die Bilanz: Gleiche Produktivit&auml;t, gesteigerter Umsatz und zufriedenere und ges&uuml;ndere Mitarbeiter.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Praktisch alles spricht gegen eine Ausweitung der Arbeitszeiten, an erster Stelle der Mensch selbst, der dem kapitalistischen Verwertungsregime schon heute mit flagranten Symptomen k&ouml;rperlichen und mentalen Zerfalls mehr schlecht als recht gewachsen ist. Das Kalk&uuml;l, durch mehr Deregulierung des Arbeitsrechts und Verbilligung des Faktors Arbeit der deutschen Wirtschaft auf die Spr&uuml;nge zu helfen, mag mithin kurzfristige Effekte zeitigen. Auf lange Sicht geht die Sache nach hinten los, weil der Verschlei&szlig; zu gro&szlig; und die gesellschaftlichen Folgekosten (Gesundheit, Arbeitsmarkt, Soziales) &uuml;berhand nehmen werden. Angezeigt w&auml;re im Gegenteil eine seri&ouml;se Debatte &uuml;ber eine gerechtere Verteilung der im Schwinden begriffenen Erwerbsarbeit im Zeichen von Digitalisierung und Rationalisierung.<\/p><p>Wenn heutzutage junge Menschen keinen Bock haben, sich im Hamsterrad von Fremd- und Selbstausbeutung f&uuml;r eine menschen- und naturverachtende Wirtschaftsordnung zu verdingen, ist das Anlass zur Hoffnung. Vielleicht entwickelt sich daraus &uuml;ber kurz oder lang eine Kraft des Umdenkens. Einstweilen haben leider noch die Babyboomer das Sagen. &bdquo;Eine Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich steht aktuell nicht auf der gewerkschaftlichen Forderungsliste&ldquo;, lie&szlig; die Erste Vorsitzende der Industriegewerkschaft Metall (IGM), Christiane Benner, am Dienstag via <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/gewerkschaften-vier-tage-woche-spielt-kaum-noch-eine-rolle-68341d34d892283a30e815b9\"><em>Bild<\/em><\/a> verbreiten. &bdquo;Sinnvoll&ldquo; sei sie dennoch. Ach was?! Solche &bdquo;Arbeiterf&uuml;hrer&ldquo; halten sich Kahlschl&auml;ger als Bettvorleger.<\/p><p><small>Titelbild: penofoto\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/2f2e024cb2c3427eb30af87c1dba05e8\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armes Deutschland. Der Standort ist schlapp, der russische Gashahn zugedreht, horrende Lebenshaltungskosten, immer mehr Firmenpleiten und steigende Arbeitslosigkeit dr&uuml;cken auf die Stimmung. Wer ist Schuld an allem? Ganz klar: Die Besch&auml;ftigten, die einfach nicht die n&ouml;tige Leistungsbereitschaft zeigen. Helfen kann da nur noch mehr Arbeit, bei noch weniger Geld, denkt der Bundeskanzler und setzt verbal<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133790\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":133791,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,107,13,123],"tags":[1740,3434,2152,284,343,3136,783,288,487,479,3473],"class_list":["post-133790","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-arbeitsbedingungen","tag-arbeitszeitverkuerzung","tag-ueberstunden","tag-deregulierung","tag-luegen-mit-zahlen","tag-linnemann-carsten","tag-merz-friedrich","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-produktivitaet","tag-reservearmee","tag-teilzeitarbeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/shutterstock_2409151457.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133790"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":133861,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133790\/revisions\/133861"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/133791"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}