{"id":133946,"date":"2025-06-03T10:00:39","date_gmt":"2025-06-03T08:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133946"},"modified":"2026-01-27T11:52:59","modified_gmt":"2026-01-27T10:52:59","slug":"ulrike-guerot-es-geht-nicht-um-logik-es-geht-um-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133946","title":{"rendered":"Ulrike Gu\u00e9rot: \u201eEs geht nicht um Logik, es geht um Propaganda\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wenn wir glauben, wir denken frei und bilden uns eigenst&auml;ndig eine Meinung, dann stimmt das eben nicht. Wir sind l&auml;ngst in dem, was Noam Chomsky <em>manufactured consent<\/em> genannt hat, den <em>fabrizierten Konsens<\/em>: die Medien und Zeitungen lenken unser Denken subtil dahin, wohin es soll.&ldquo; Das sagt <strong>Ulrike Gu&eacute;rot<\/strong> im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em>. Im Gespr&auml;ch zu ihrem neuen Buch &bdquo;ZeitenWenden: Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart&ldquo; geht die Politikwissenschaftlerin auf den Krieg in der Ukraine ein, prangert die Verengung des Meinungskorridors an und sagt, dass wir eine &bdquo;Entkernung der Demokratie&ldquo; erleben. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5457\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-133946-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250603-Guerot-ZeitenWenden-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250603-Guerot-ZeitenWenden-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250603-Guerot-ZeitenWenden-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250603-Guerot-ZeitenWenden-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=133946-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250603-Guerot-ZeitenWenden-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250603-Guerot-ZeitenWenden-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Marcus Kl&ouml;ckner: &bdquo;Adieu, Vernunft!&ldquo; &ndash; so lautet die &Uuml;berschrift eines Kapitels in Ihrem neuen Buch. Gerade wollen deutsche Politiker massiv aufr&uuml;sten. Au&szlig;enminister Johann Wadephul sprach von f&uuml;nf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt f&uuml;r die Verteidigung. Was hat das noch mit Vernunft zu tun?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich nichts! Allerdings geht es im ersten Kapitel meines neuen Buches weniger um Verteidigungsausgaben, sondern grunds&auml;tzlich um die epistemischen Verdrehungen unserer Zeit: warum wir unser Denken verlieren, warum wir nicht mehr erkenntnisf&auml;hig sind, warum wir die haptische Dimension verlieren, das Internet uns den Kopf buchst&auml;blich verquirlt wie mit einem Schneebesen, warum und wie der Wissenschaftsapparat entkernt wurde und uns in einem Szientismus hat landen lassen, der der Gesellschaft nicht mehr guttut. <em>Follow the Science<\/em> als gesellschaftliches Credo ist de facto paratotalit&auml;r, weil wissenschaftliche Ergebnisse immer der Falsifikation unterliegen und nie eine endg&uuml;ltige Wahrheit bieten.<\/p><p>&bdquo;<strong>Wenn die Logik des 21. Jahrhunderts hei&szlig;t, dass wir uns totr&uuml;sten, dass wir Frieden mit immer mehr Waffen schaffen wollen, dann ist das nicht die Zukunft, die ich mir vorstelle&ldquo;, <a href=\"https:\/\/x.com\/Dominik_Kettner\/status\/1924216200600424742\">sagte<\/a> gerade Heribert Prantl bei &bdquo;Miosga&ldquo;. Was ist das f&uuml;r eine &bdquo;Logik&ldquo;, die Prantl hier kritisiert?<\/strong><\/p><p>Nun, es geht ja nicht um &bdquo;Logik&ldquo;, sondern um Propaganda. Das wollte Heribert Prantl wohl durch die Blume sagen. Waffen, die produziert wurden, werden immer benutzt. Immer mehr Waffen werden also zu immer mehr oder l&auml;ngerem Krieg f&uuml;hren. In den 1970er-Jahren unter Willy Brandt und Egon Bahr wussten wir das in Europa noch, weswegen Brandt zusammen mit Olaf Palme und Bruno Kreisky eine Entspannungspolitik und eine europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur <em>mit<\/em>, nicht <em>gegen<\/em> Russland konzipiert hatten. 1925 hat der V&ouml;lkerbund in einem Bericht festgestellt, dass der Erste Weltkrieg, der ab etwa 1916 milit&auml;risch schon entschieden und &bdquo;nur&ldquo; noch ein Abnutzungskrieg war, letztlich zwei weitere Jahre gedauert hat, weil die R&uuml;stungsindustrie das bef&ouml;rdert hat.<\/p><p><strong>Und heute ist doch auch der Ukraine-Krieg &hellip;<\/strong><\/p><p>&hellip; milit&auml;risch l&auml;ngst entschieden, und zwar schon seit Monaten. Von einem &bdquo;Siegfrieden&ldquo; der Ukraine, wie Friedrich Merz und Emmanuel Macron das bei ihrer ersten Begegnung ist Paris nannten, kann keine Rede sein, abgesehen davon, dass das eher ein Vokabular des 20. Jahrhunderts ist. Trotzdem geht das Sterben an der Front weiter, denn auch heute geht es bestenfalls um die B&ouml;rsenlogik von Rheinmetall: Am Geb&auml;ude der Firmenzentrale von Rheinmetall &ndash; und &uuml;brigens auch am Konrad-Adenauer-Haus in Berlin &ndash; h&auml;ngen die Fahnen der Ukraine und Israels, jeweils mit der Bildunterschrift <em>#stand with Ukraine\/Israel<\/em>. Bei Rheinmetall kann man das ja noch nachvollziehen, wenn man es auch moralisch verurteilt, aber bei der Parteizentrale der CDU w&uuml;rde man sich ein <em>#stand for Peace<\/em> w&uuml;nschen.<\/p><p><strong>Wie blicken Sie auf das Verhalten der CDU?<\/strong><\/p><p>Hier ist nicht ausreichend Platz, um angemessen differenziert zu diskutieren, dass die Bundesregierung unter der F&uuml;hrung der CDU durch die Waffenlieferungen letztlich in dem einen Fall ein Regime in der Ukraine st&uuml;tzt, das unter der Kuratel von Protofaschisten und Bandera-Anh&auml;ngern steht; und im anderen Fall eine israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu, gegen den ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorliegt und die unter der Kuratel von zionistischen Ultras steht, gegen die die eigene Bev&ouml;lkerung wochenlang im Herbst 2023 demonstriert hat. Beides ist de facto nicht kompatibel mit dem Grundgesetz, das nicht nur eine Friedenspflicht aus Artikel 125 und 126 GG kennt, sondern auch das Verbot von Waffenlieferungen in Kriegsgebiete. Es ist besch&auml;mend, dass &uuml;ber diesen Verfassungsbruch von Regierung und Regierungspartei &ouml;ffentlich nicht ausreichend reflektiert wird. Das thematisiere ich im letzten Kapitel meines Buches.<\/p><p><strong>Sie wissen selbst, wie mit jenen umgegangen wurde, die die vorherrschende Erz&auml;hlung zum Krieg in der Ukraine hinterfragt haben. Allein der Begriff &bdquo;Stellvertreterkrieg&ldquo; war und ist immer noch in weiten Teilen der deutschen Medien ein Tabu. Aktuell finden sich <a href=\"https:\/\/x.com\/FabioDeMasi\/status\/1924719718469947534\">folgende<\/a> bemerkenswerte Zeilen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/05\/19\/world\/europe\/russia-finland-border.html\">in einem Artikel der <em>New York Times<\/em><\/a>: &bdquo;Aus Moskaus Sicht m&uuml;ssen die Russen ihre Verteidigung verst&auml;rken, um sich vor der NATO-Erweiterung zu sch&uuml;tzen, die schon immer ein wunder Punkt war. Die baltischen Staaten waren die ersten Mitglieder der ehemaligen Sowjetunion, die der NATO beitraten, wodurch weite Teile der russischen Grenze an die der NATO stie&szlig;en. Die Aussicht, dass die Ukraine, eine noch gr&ouml;&szlig;ere ehemalige Sowjetrepublik, diesem Beispiel folgen k&ouml;nnte, war f&uuml;r Moskau so bedrohlich, dass sie zu einem der Gr&uuml;nde f&uuml;r den verheerendsten Landkrieg seit Generationen wurde.&ldquo; W&uuml;rden Sie diese Zeilen bitte im Hinblick auf die &bdquo;Wahrheit&ldquo; zum Ukraine-Krieg in der deutschen Medienlandschaft kommentieren?<\/strong><\/p><p>Nun, da gibt es nicht viel zu kommentieren, au&szlig;er dass die <em>NYT<\/em> den deutschen Leitmedien voraus ist. Immerhin ver&ouml;ffentlichte diese Zeitung inzwischen mehrere <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/interactive\/2025\/03\/29\/world\/europe\/us-ukraine-military-war-wiesbaden.html\">Artikel<\/a> &uuml;ber die Mitverantwortung des Westens an dem russisch-ukrainischen Krieg, zum Beispiel durch die NATO-Osterweiterung, und bestreitet nicht mehr, dass es ein amerikanischer Stellvertreterkrieg ist. Wenn das schon amerikanische Zeitungen tun, dann muss man sich doch fragen, warum europ&auml;ische Leitmedien es nicht auch eingestehen oder so formulieren k&ouml;nnen. Wobei die <em>NYT<\/em> die amerikanische Einmischung in den Krieg auch noch glorifiziert, statt sie zu kritisieren. Darauf haben ja die <em>NDS<\/em> in einem sehr guten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131092\">Beitrag von Sabiene Jahn<\/a> vom 2. April dankenswerterweise hingewiesen.<\/p><p>Kurz: Wir leben in einem Zustand kompletter kognitiver Dissonanz, und das ist ein gro&szlig;es Problem. Denn der sogenannte &bdquo;Wertewesten&ldquo; wird seine Bev&ouml;lkerungen bald damit konfrontieren m&uuml;ssen, dass man ihnen M&auml;rchen mit Blick auf die Genese dieses Krieges erz&auml;hlt hat, der heute noch mantraartig als &bdquo;v&ouml;lkerrechtswidriger russischer Angriffskrieg&ldquo; geframed wird, wo doch eigentlich, w&auml;ren alle n&uuml;chtern und bei Verstand, l&auml;ngst klar ist, dass die Kriegsschuldfrage neu aufgerollt werden m&uuml;sste &ndash; und sicher auch wird. Das d&uuml;rfte ein unsch&ouml;ner Moment f&uuml;r den &bdquo;Westen&ldquo; und seine Gesellschaften werden.<\/p><p>&bdquo;<strong>Willkommen in der Realit&auml;t. Die Vernunft ist zerst&ouml;rt, die Gesellschaften sind zersetzt.&ldquo; Auch diese Zeilen stammen aus Ihrem Buch. Was bedeutet es f&uuml;r eine Demokratie, f&uuml;r eine Gesellschaft, aber auch f&uuml;r den Journalismus, wenn Medien und Politik &uuml;ber Jahre eine falsche, ja: propagandistisch kontaminierte Pseudorealit&auml;t aufrechterhalten und der &Ouml;ffentlichkeit als &bdquo;Wahrheit&ldquo; verkaufen? Wir haben das bei Corona erlebt, aber eben auch jetzt, was den Krieg in der Ukraine angeht. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Das ganze irritierende Zeitgeschehen, das zunehmend zeigt, dass (auch) westliche, europ&auml;ische Staaten, die das nie von sich selbst annehmen w&uuml;rden, problematischen Narrativen unterliegen, mit denen ganze Gesellschaften in die Gef&uuml;gigkeit oder gar Kontrolle gelenkt werden, fand mit Corona seinen ersten, wirklich f&uuml;r viele sichtbaren Auswuchs.<\/p><p>Es gab ja schon zuvor sogenannte <em>false flag operations <\/em>[Operationen\/Missionen unter falscher Flagge, Anm. d. Red.],<em> <\/em>die medial durchgestochen wurden, etwa die <em>weapons of mass destruction<\/em> [Massenvernichtungswaffen, Anm. d. Red.] im zweiten Irak-Krieg, die dann nie gefunden wurden; oder die sogenannte <em>Brutkastenl&uuml;ge<\/em> im ersten Irak-Krieg. Auch die &bdquo;faule-Griechen&ldquo;-Erz&auml;hlung w&auml;hrend der Bankenkrise war letztlich eine Legende, waren doch im Wesentlichen die deutschen Landesbanken die Treiber oder Ausl&ouml;ser der Bankenkrise, nicht die Griechen.<\/p><p>Kurz: Wir sind in &ndash; meines Erachtens immer st&auml;rker &ndash; gelenkten &Ouml;ffentlichkeiten. Aber es ist schwer, das zu benennen und zu verstehen, denn in der Selbstwahrnehmung sind wir ja in Europa und besonders in der Bundesrepublik Deutschland gewohnt, die <em>Guten<\/em> zu sein: demokratische Staaten mit freier Presse, Meinungs&auml;u&szlig;erung und Wissenschaftsfreiheit. Repressionen gegen Journalisten, Einengung von Meinungskorridoren etc. &ndash; das gibt es aus unserer Sicht nur in den Staaten der Achse des B&ouml;sen, also Russland, China, Iran oder der T&uuml;rkei. Vielen f&auml;llt es schwer, auch nur ansatzweise zu denken, dass es auch hier anders sein k&ouml;nnte. Diese moralische &Uuml;berlegenheit f&auml;llt uns jetzt auf die F&uuml;&szlig;e, denn die meisten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bemerken gar nicht, wie sehr sie bei <em>ARD<\/em> und <em>ZDF<\/em> zwar in der ersten Reihe sitzen, aber de facto ge-<em>brainwashed <\/em>werden &ndash; und zwar in fast allen ihren politischen Einstellungen. Zum Beispiel haben vor ein paar Tagen Zehntausende in Rotterdam f&uuml;r Gaza protestiert. Alle Demonstranten waren in Rot gekleidet, sodass es von oben aussah, als vers&auml;nke ganz Rotterdam in einem Blutbad. In den deutschen Leitmedien waren diese Bilder nicht zu sehen. Nicht-Berichten bzw. Verschweigen ist die gro&szlig;e Schwester der L&uuml;ge.<\/p><p>Bei aufgekl&auml;rter, neutraler oder investigativer Berichterstattung der jeweiligen Vorgeschichten und einer Kontextualisierung der Konflikte in der Ukraine und in Gaza w&auml;re die derzeitige <em>Koste-es-was-es-wolle<\/em>-Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine und Israel meines Erachtens politisch gar nicht m&ouml;glich. Denn dann m&uuml;sste man unter anderem die Ereignisse auf dem Maidan 2014 in neuem Licht betrachten. Oder man m&uuml;sste konzedieren, dass Verteidigung etwas anderes ist als Vergeltung. Von anderen Themen wollen wir erst gar nicht reden. Es gibt heute eine umfassende historische oder medienwissenschaftliche Forschung &uuml;ber neuro-psychologische Kriegsf&uuml;hrung, also die gezielte Lenkung von &ouml;ffentlichen Meinungen, die sich mittels KI, Algorithmen und Sozialen Medien gerade in den letzten Jahren perfektioniert hat. Wenn wir glauben, wir denken frei und bilden uns eigenst&auml;ndig eine Meinung, dann stimmt das eben nicht. Wir sind l&auml;ngst in dem, was Noam Chomsky <em>manufactured consent<\/em> genannt hat, den <em>fabrizierten Konsens<\/em>: Die Medien und Zeitungen lenken unser Denken subtil und unbewusst dahin, wohin es soll. Meinungen, die nicht sein sollen oder keine Wirkung entfalten sollen, werden schon fr&uuml;h aussortiert &ndash; und wenn sie dann doch mal auftauchen, werden sie verlacht oder wahlweise als <em>Querdenken<\/em>, <em>rechts<\/em> oder <em>Antisemitismus<\/em> abgestempelt. Davor wiederum hat dann inzwischen jeder Angst. Also auferlegt man sich Denkverbote, weil man <em>dazu<\/em> ja nicht geh&ouml;ren will. Der Historiker Jonas T&ouml;gel von der Universit&auml;t Regensburg hat dazu ausf&uuml;hrlich geforscht. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108713\">Seine B&uuml;cher geh&ouml;rten eigentlich in alle Haushalte und Schulen<\/a>.<\/p><p><strong>Was passiert, wenn auf falsche Pr&auml;missen gesetzt wird, wei&szlig; doch im Prinzip jeder. Die sich anschlie&szlig;enden Entscheidungen werden logischerweise mindestens genauso falsch sein. Wenn die Pr&auml;misse lautet, &sbquo;Russland will uns angreifen&lsquo;, dann ist Aufr&uuml;stung logisch. Ist die Pr&auml;misse aber falsch, wird zunehmend die gesamte Politik von einem Bruch mit der Realit&auml;t angeleitet. Und wir haben bei Corona gesehen, was passiert, wenn Politik, Medien und weite Teile der Gesellschaft die Scheinrealit&auml;t als real betrachten. Sehen Sie eine M&ouml;glichkeit, wie dieser Teufelskreis durchbrochen werden kann?<\/strong><\/p><p>Es geht gar nicht mehr oder nicht mehr nur um falsche Pr&auml;missen, das w&auml;re ja fast noch einfach. Es geht, wie ich vor allem im ersten Kapitel meines Buches ausf&uuml;hre, darum, dass uns die epistemischen, also erkenntnistheoretischen Voraussetzungen wegbrechen, die Realit&auml;t zu erfassen. Das Internet, so sagen Neurologen, ver&auml;ndert die Lesegewohnheiten und mithin die Denkstrukturen. Wissen wird beim <em>Wischen<\/em> nicht mehr ganzheitlich erfasst, sondern man (ver-)bohrt sich Hyperlink um Hyperlink immer mehr in Details. Das r&auml;umliche Denken geht verloren, Haptik und Gef&uuml;hle dazu, mit denen man Verstandeswissen &uuml;berpr&uuml;ft. Es findet keine Kontextualisierung mehr statt. Man kann vieles <em>verstehen<\/em>, aber hat oft nichts <em>begriffen<\/em>. Das Internet, so sagt zum Beispiel die franz&ouml;sische klinische Psychologin Adriane Bilheran, ist ein Instrument gezielter Infantilisierung und f&uuml;hrt strukturell zum Verlust von Orientierung. Die meisten Leute schauen heute auf ihr Handy, wenn man sie fragt, in welcher Stra&szlig;e sie sind. Kaum jemand also kann sich noch eigenst&auml;ndig <em>verorten<\/em>. Eine solche Gesellschaft kann wie eine Schafherde &uuml;berall hingef&uuml;hrt werden, da geht es nicht mehr um falsche Pr&auml;missen. Ganz davon abgesehen, dass praktisch niemand mehr liest, das Video ist das neue Buch. Aber was man h&ouml;rt, hat man sich eben nicht <em>erlesen<\/em>, es ist nicht zum Eigenen geworden.<\/p><p><strong>Nun haben wir noch gar nicht &uuml;ber den Titel Ihres Buches gesprochen: &bdquo;ZeitenWenden&ldquo;. Damit greifen Sie jenen Begriff auf, der in Deutschland der Politik zur Legitimierung der Aufr&uuml;stung dient. Wie ist der Begriff in Ihrem Buch angelegt?<\/strong><\/p><p>&bdquo;ZeitenWenden&ldquo;, ja, den Titel habe ich gew&auml;hlt, weil der Begriff Zeitenwende meines Erachtens geradezu inflation&auml;r benutzt wurde in den letzten Monaten, &auml;hnlich wie damals <em>alternativlos<\/em>. An der Zeitenwende sind jetzt wahlweise Putin oder Trump schuld.<\/p><p>Im ersten Kapitel stelle ich daher &Uuml;berlegungen an, was eine Zeitenwende eigentlich ist, n&auml;mlich eine Zeit, in der Atlanten oder Karten neu gemacht werden. Denn darum geht es ja im Kern, egal, ob Wladimir Putin auf Teile der Ukraine Anspruch erhebt oder Donald Trump sagt, Kanada und Gr&ouml;nland m&uuml;ssten amerikanisch werden: Es geht buchst&auml;blich um die Neuvermessung der Welt. Die Z&auml;sur, also die Zeitenwende, die wir gerade durchlaufen, ist die Abwendung von der Pax Americana hin zu einer multipolaren Welt. Aber anstatt das als solches zu benennen und zu diskutieren &ndash; und m&ouml;glichst noch zu fragen, welchen Platz Europa denn in der multipolaren Welt einnehmen soll &ndash; zeigt man mit dem Finger auf Putin und Trump, verharrt in Besitzst&auml;nden und will die alte Ordnung verteidigen.<\/p><p>In meinem Buch versuche ich darum, die paradigmatischen Verschiebungen, die wir gerade erleben, neu zu beleuchten. Zum Beispiel bestreite ich, dass es derzeit &ndash; wie allgemein kolportiert &ndash; darum geht, dass Europa jetzt von den USA gleichsam allein gelassen wird und darum selbst seine Verteidigung ausbauen und m&ouml;glichst noch allein in den Krieg gegen Russland ziehen soll. Sondern ich skizziere das, was ich einen <em>transatlantischen B&uuml;rgerkrieg<\/em> nenne: Ein Teil der USA bek&auml;mpft Trump, zieht &uuml;ber den Atlantik hinweg mit transatlantischen Eliten in Europa an einem Strang, w&auml;hrend die sogenannten Populisten in Europa Trump feiern. Es geht hier meines Erachtens um ein Schisma zwischen Liberalismus und Populismus, was ein neues, gesellschaftspolitisches Paradigma, keine geostrategische Frage ist.<\/p><p>Ich spreche von einem Moment der <em>stasis<\/em> (griechisch), einem Moment der gesellschaftlichen Stockung. Zwei Teile einer Gesellschaft &ndash; in den USA ebenso wie in Europa &ndash; sind gestockt, verr&uuml;hren sich also gleichsam nicht mehr, so wie ranzige Milch im Kaffee ausflockt. Daraus ergibt sich das, was man gemeinhin <em>lawfare<\/em> nennt, also die Fortf&uuml;hrung der Politik mit juristischen Mitteln: Marine Le Pen darf nicht bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen antreten, ein rum&auml;nischer Pr&auml;sidentschaftskandidat wird ausgewechselt, die AfD soll verboten werden usw. Diese Erosion oder die Aushebelung des <em>Politischen<\/em> an sich nenne ich Zeitenwende, also eigentlich die Entkernung der Demokratie mit (vermeintlich) demokratischen Mitteln.<\/p><p><strong>Was kann der einzelne B&uuml;rger tun, um sich der Politik entgegenzustellen?<\/strong><\/p><p>Zu verstehen, was ist, zu versuchen, eine pr&auml;zise Analyse der Vorg&auml;nge der Zeit zu haben, ist immer schon die halbe Miete. <em>Sagen, was ist<\/em>, ist laut Hannah Arendt der politische Akt per se. Wenn wir schon einmal dahin k&auml;men, n&auml;mlich dass viele B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich dessen gewahr w&uuml;rden und mithin die Propaganda entlarvten, die uns umgibt, besonders mit Hinblick auf die Ukraine und Israel, dann w&auml;ren wir dem, was grundgesetzliches Gebot der Bundesrepublik ist &ndash; n&auml;mlich einer Friedenspflicht &ndash; schon ein bisschen n&auml;her. Wie sagte Willy Brandt: Ohne Frieden ist alles nichts! Wir werden eine gute, demokratische und sozial gerechte Zukunft in der Bundesrepublik und f&uuml;r ganz Europa nicht gestalten k&ouml;nnen, wenn wir den russisch-ukrainischen Krieg nicht bald vom Kontinent bekommen. Diese Friedensarbeit muss unbedingt mit Blick auf die j&uuml;ngeren Generationen intensiviert werden, die der Kriegspropaganda, auch und insbesondere in den Schulen, besonders unterliegen. Es ist auff&auml;llig, dass die ohnehin schon schw&auml;chelnde Friedensbewegung eher von den &Uuml;-60-J&auml;hrigen getragen wird, &bdquo;Unter-30&ldquo; findet sich kaum.<\/p><p>Konkret muss an den Schulen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beutelsbacher_Konsens\">Beutelsbacher Konsens<\/a> aus den 1970er-Jahren wieder zur Anwendung kommen, der ein &Uuml;berw&auml;ltigungsverbot enth&auml;lt: <em>&bdquo;Gem&auml;&szlig; dem &Uuml;berw&auml;ltigungsverbot (auch: Indoktrinationsverbot) d&uuml;rfen Lehrkr&auml;fte Sch&uuml;lern nicht ihre Meinung aufzwingen, sondern sollen Sch&uuml;ler in die Lage versetzen, sich mit Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung bilden zu k&ouml;nnen. Dies ist der Zielsetzung der politischen Bildung geschuldet, die Sch&uuml;ler zu m&uuml;ndigen B&uuml;rgern heranzubilden.&ldquo; <\/em>Davon sind wir inzwischen meilenweit entfernt, ganz egal, ob es dabei um Soldaten in der Schule oder fr&uuml;hkindliche Sexualisierung geht. Alle Eltern, alle Sch&uuml;ler, alle Lehrer, alle Gewerkschaften k&ouml;nnten auf diesen verbrieften Rechtsbestand hinweisen und hier als B&uuml;rger aktiv werden, das w&auml;ren schon viele!<\/p><p><strong>Sie haben zum Schluss des Buches eine &bdquo;Kleine Hausordnung f&uuml;r die Republik&ldquo; aufgestellt. Dort hei&szlig;t es zum Beispiel unter Punkt 1: &bdquo;Jeder besteht darauf, B&uuml;rger dieser Republik zu sein, nicht Mensch in diesem Lande.&ldquo; Das ist ein bemerkenswerter Gedanke. W&uuml;rden Sie ihn bitte erl&auml;utern?<\/strong><\/p><p>Da gibt es doch eigentlich gar nicht so viel zu erl&auml;utern, oder? Das Gegensatzpaar zum Menschen ist das Tier. Wir sind aber eben nicht, wie Angela Merkel das immer sagte, die <em>Menschen<\/em> in diesem Lande, sondern die <em>B&uuml;rger<\/em> dieses Landes, und als solche hat eine Kanzlerin uns zu adressieren. Der Verfall der politischen Kultur der Bundesrepublik hat meines Erachtens damals begonnen. Anders formuliert: <em>Mensch-sein<\/em> ist eine vorpolitische Kategorie. B&uuml;rger jedoch bezeichnet die Beziehung zum Staat, genauer: zur Republik, zur <em>res publica<\/em>, also dem allgemeinen Wohl. Wir alle sind als B&uuml;rger gehalten, an diesem Gemeinwohl mitzuwirken. Hannah Arendt weist zu Recht darauf hin, dass die Republik das inter-esse, also das <em>Zwischen-Sein<\/em> der B&uuml;rger in einem Gemeinwesen organisiert, denn niemand lebt allein.<\/p><p>Auch Immanuel Kant sprach bekanntlich vom <em>m&uuml;ndigen B&uuml;rger,<\/em> nicht vom m&uuml;ndigen Menschen. Ohne m&uuml;ndigen B&uuml;rger kann keine Demokratie funktionieren. Wenn wir uns auf vorpolitische Kategorien reduzieren lassen, dann wird es schwierig.<\/p><p><strong>Was k&ouml;nnen die B&uuml;rger noch tun?<\/strong><\/p><p>Nun, fast w&uuml;rde ich &ndash; ein bisschen schalkhaft &ndash; antworten wollen: Mein Buch lesen? Ich w&uuml;nsche mir wirklich eine gro&szlig;e, breite, ehrliche, offene, strittige, heftige Diskussion &uuml;ber die Ideen, Theorien und Thesen meines Buches. Ich b&uuml;rste vieles in dem Buch gegen den Strich, spreche mich vehement gegen die Brandmauer aus, ohne jedoch die AfD zu hofieren. Die kleine Hausordnung f&uuml;r die Republik ist eigentlich genau das: die Bitte, dass wir aufh&ouml;ren mit kindischem oder kleinkariertem Geschw&auml;tz, mit Getue und <em>lawfare<\/em>, mit Cancel Culture, Denunziantentum, gegenseitigem Schlechtreden und Ausgrenzen; sondern dass wir wieder fair und ehrlich &uuml;ber Sachargumente streiten, wie m&uuml;ndige B&uuml;rger eben, die wehrhaft sind, die kein Correctiv oder Fakten-Checker brauchen, um sich ihre freie Meinung zu bilden, und die ihre politischen Geschicke in die Hand nehmen, statt sie der KI zu &uuml;berlassen.<\/p><p>Eigentlich ist mein Buch eine Ode an die Republik, eine Volte gegen die derzeitigen libert&auml;ren Versuchungen und &ndash; im letzten Kapitel &ndash; vor allem der Versuch, &uuml;ber eine v&ouml;llige Neuausrichtung von Europa jenseits der EU nachzudenken.<\/p><p><em>Lesetipp<\/em><br>\n<em>Ulrike Gu&eacute;rot: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/zeitenwenden.html\">ZeitenWenden: Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart<\/a>. Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag, gebundene Ausgabe, 224 Seiten, ISBN 978-3864894855, 24 Euro<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Carmela Negrete Navarro<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wenn wir glauben, wir denken frei und bilden uns eigenst&auml;ndig eine Meinung, dann stimmt das eben nicht. Wir sind l&auml;ngst in dem, was Noam Chomsky <em>manufactured consent<\/em> genannt hat, den <em>fabrizierten Konsens<\/em>: die Medien und Zeitungen lenken unser Denken subtil dahin, wohin es soll.&ldquo; Das sagt <strong>Ulrike Gu&eacute;rot<\/strong> im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em>. Im Gespr&auml;ch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133946\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":122798,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,209,11],"tags":[3041,1269,3058,2013,418,3204,3329,1919,3276,919,1554,1367,906,2794,2377,3321],"class_list":["post-133946","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-strategien-der-meinungsmache","tag-cancel-culture","tag-chomsky-noam","tag-diffamierung","tag-entspannungspolitik","tag-grundgesetz","tag-guerot-ulrike","tag-lawfare","tag-lueckenpresse","tag-multipolare-welt","tag-nyt","tag-orwell-2-0","tag-ruestungsausgaben","tag-ruestungsindustrie","tag-stellvertreterkrieg","tag-waffenlieferungen","tag-zeitenwende"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Interview_Guerot.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133946","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133946"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133946\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":133967,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133946\/revisions\/133967"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/122798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133946"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133946"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133946"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}